Fotos: CC-BY-NC-ND: Armin Rist and Lukas Munz, zVg

Wissen stif­ten

Flexible Forschungsförderung

Ausbil­dung und Wissen sind die Grund­la­gen für eine aktive Mitge­stal­tung in unse­rer Gesell­schaft. Mit Geld und Auszeich­nun­gen, Netz­werk und Coaching fördern Stif­tun­gen Spit­zen­for­schung genauso wie Erst­aus­bil­dun­gen und setzen sich für die Menschen in der Schweiz und global ein.

Geld ist für die Forschung notwen­dig, aber nicht ausrei­chend», sagt Rudolf Aeber­sold, Doppel­pro­fes­sor an der ETH und der Univer­si­tät in Zürich. «Der entschei­dend­ste Faktor für erfolg­rei­che Forschung ist der Mensch, das heissst Forschende und Studie­rende», fügt der System­bio­loge an. Im vergan­ge­nen Jahr ehrte ihn die Marcel Benoist Stif­tung mit dem gleich­na­mi­gen Schwei­zer Wissen­schafts­preis. Seit 1920 vergibt sie die Auszeichnung.

Bei der Bewer­tung einer Forschungs­lei­stung steht dabei immer deren gesell­schaft­li­cher Nutzen im Vorder­grund. Der heute fest etablierte Preis wird auch «Schwei­zer Nobel­preis» genannt. Dies zu Recht: «Elf Marcel Benoist Preis­trä­ger erhiel­ten danach auch einen Nobel­preis, zuletzt der Astro­nom Profes­sor Michel Mayor im Jahr 2019», sagt Stif­tungs­se­kre­tä­rin Auré­lia Robert-Tissot.

Wirkungs­volle Instrumente

Gegrün­det wurde die Stif­tung 1920. Marcel Benoist, Sohn einer gross­bür­ger­li­chen Fami­lie aus Paris, erlag 1918 den Pocken. Der kinder­lose, viel­sei­tig inter­es­sierte Phil­an­throp lebte nach 1914 haupt­säch­lich in Lausanne und vermachte den Gross­teil seines Vermö­gens der Schwei­zer Eidge­nos­sen­schaft. Damit verpflich­tete sich diese, jähr­lich einen Wissen­schafts­preis auszu­rich­ten. Seit der Neupo­si­tio­nie­rung der Stif­tung 2018 selek­tiert ein Komi­tee, besetzt mit inter­na­tio­na­len Exper­tin­nen und Exper­ten, eine Kandi­da­tin oder einen Kandi­da­ten aus den einge­gan­ge­nen Nomi­na­tio­nen. Der abschlies­sende Entscheid über die Preis­ver­gabe liegt jedoch beim Stif­tungs­rat. In diesem sind die Schwei­zer Univer­si­tä­ten und die Eidge­nös­si­schen tech­ni­schen Hoch­schu­len sowie die fran­zö­si­sche Botschaft vertre­ten. Bundes­prä­si­dent Guy Parme­lin, Vorste­her des Eidge­nös­si­schen Depar­te­ments für Wirt­schaft, Bildung und Forschung, präsi­diert den Stif­tungs­rat. Neben der Preis­summe von 250’000 Fran­ken bedeu­tet die Auszeich­nung für die Preis­trä­ge­rin­nen und Preis­trä­ger vor allem erhöhte Sicht­bar­keit. Auré­lia Robert-Tissot sagt: «Das kann Türen öffnen für wich­tige Kontakte in Forschung, Wirt­schaft und Gesell­schaft.» Und Rudolf Aeber­sold ergänzt: «In jedem Fall sind Preise und Auszeich­nun­gen ein wirkungs­vol­les Instru­ment, um den wissen­schaft­li­chen Fort­schritt und seine gesell­schaft­li­che Bedeu­tung einer brei­te­ren Bevöl­ke­rung zugäng­lich zu machen. Diese Kommu­ni­ka­tion ist von grund­le­gen­der Bedeu­tung, weil schluss­end­lich die Bevöl­ke­rung, d. h. der Steu­er­zah­ler, die Forschung trägt.»

Grund­fi­nan­zie­rung besteht

In der Schweiz ermög­li­chen in erster Linie staat­li­che Mittel die Forschung. In der Studie «Phil­an­thro­pie für die Wissen­schaft» ermit­telte das Center for Phil­an­thropy Studies (CEPS) der Univer­si­tät Basel 2014, dass an der Univer­si­tät Basel 70 Prozent der Finan­zie­rung über staat­li­che Mittel erfolgt. Im Gegen­satz dazu erhiel­ten die John Hopkins Univer­sity in den USA oder die Oxford Univer­sity in England gar keine staat­li­chen Beiträge. Der Leiter des CEPS und Mitau­tor der Studie Profes­sor Georg von Schnur­bein hält fest, dass sich dieses Verhält­nis heute nicht grund­le­gend verän­dert hat. 

«In Europa und vor allem in Konti­nen­tal­eu­ropa geschieht die Finan­zie­rung der Univer­si­tä­ten primär über den Staat. In den USA dage­gen finan­zie­ren Spen­den die priva­ten Topuni­ver­si­tä­ten.» Entspre­chend sei das Verhält­nis zu Spen­de­rin­nen und Spen­dern ein ande­res. In den USA gebe es eine Erwar­tungs­hal­tung gegen­über wohl­ha­ben­den Bürge­rin­nen und Bürgern, insbe­son­dere ehema­li­gen Studie­ren­den. «Wer Geld hat, muss sich für die Forschung finan­zi­ell enga­gie­ren,» sagt Georg von Schnur­bein. In der Schweiz ist das anders. Eine Grund­fi­nan­zie­rung besteht. Die allge­meine Forschung ist gesi­chert. So können Stif­te­rin­nen und Stif­ter verstärkt ihre eige­nen Vorstel­lun­gen einbrin­gen. «Und die Hoch­schu­len wiederum können Spen­den gezielt sammeln, um ihre stra­te­gi­schen Ziele besser zu verfol­gen», so Georg von Schnur­bein. Dies wirkt sich für die einzel­nen Forschen­den aus: Sie erhal­ten Zugang zu verschie­de­nen Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten. Weil sich Forschen­den in der Schweiz verschie­dene Förder­stel­len wie der Schwei­ze­ri­scher Natio­nal­fonds SNF aber auch Stif­tun­gen und Spen­den anbie­ten, sieht sie Rudolf Aeber­sold gene­rell in einer bevor­zug­ten Lage. Förder­stel­len wie der SNF, würden die Förder­mit­tel trans­pa­rent und fair zugäng­lich machen. Stif­tun­gen wiederum seien geogra­fisch oder thema­tisch fokus­sier­ter, dafür oft flexi­bler in der Vergabe. «Idea­ler­weise ergän­zen sich öffent­li­che und private Förder­mit­tel», sagt er, «und das funk­tio­niert in der Schweiz recht gut.» Für ein attrak­ti­ves Forschungs­um­feld ist das Mitein­an­der wesent­lich. Dies gilt nicht nur für die Frage der Finan­zie­rung. «Gerade in den Lebens­wis­sen­schaf­ten greift die Forschung zuneh­mend auf Tech­no­lo­gien und Daten­ver­ar­bei­tungs­me­tho­den zurück, die oft nicht mehr von einer einzel­nen Forschungs­gruppe oder Insti­tu­tion getra­gen werden können», sagt Rudolf Aeber­sold. «Stif­tun­gen können dazu beitra­gen, die Attrak­ti­vi­tät von Forschungs­stand­or­ten zu erhö­hen, indem sie voraus­schau­end zur Vernet­zung und Ausbil­dung der Forschen­den oder zur Entwick­lung der Infra­struk­tur beitragen.»

Versuchs­auf­bau zur Fest-Flüs­sig-Tren­nung von Paul Berclaz an der EPFL.
Foto: Paul Berclaz, Gior­gio von Arb, zVg
Forschung zum Maois­mus: Cyril Cordoba, Univer­si­tät Lausanne, taucht in das Thema ein
Foto: Cyril Cordoba, zVg

Kompe­ten­tes Netzwerk

Das Vernet­zen und die Beglei­tung der Forschen­den sind zwei der Quali­tä­ten, welche die Arbeit der Stif­tung Synap­sis – Alzhei­mer Forschung Schweiz AFS neben ihrem finan­zi­el­len Enga­ge­ment auszeich­nen. Die Stif­tung fördert die Erfor­schung der Alzhei­mer-Krank­heit und ande­rer neuro­de­ge­ne­ra­ti­ver Krank­hei­ten an Univer­si­tä­ten und Hoch­schu­len in der Schweiz. Dazu wird jedes Jahr ein öffent­li­cher Aufruf zur Einrei­chung von Forschungs­pro­jek­ten lanciert. 

Seit 2018 lädt die Stif­tung geför­derte Forsche­rin­nen und Forscher zudem zu einer wissen­schaft­li­chen Veran­stal­tung ein, wie Heide Marie Hess erklärt. Die Verant­wort­li­che für die Forschungs­för­de­rung und Kommu­ni­ka­tion bei der Stif­tung Synap­sis erläu­tert: «Damit möch­ten wir die Vernet­zung und den Wissens­aus­tausch fördern. Immer wieder entste­hen hier neue Ideen für die Zusam­men­ar­beit zwischen Forschen­den.» Am Anlass nehmen auch die Mitglie­der des Wissen­schaft­li­chen Beira­tes teil. 

Dieser besteht aus inter­na­tio­na­len Exper­tin­nen und Exper­ten. Er ist für die Selek­tion der Forschungs­pro­jekte verant­wort­lich. Eine breit gefä­cherte Exper­tise der Mitglie­der ermög­licht eine fundierte und objek­tive Einschät­zung der einge­reich­ten Anträge. Und der Beirat kann auch bereits vor dem Verga­be­ent­scheid Unter­stüt­zung bieten. «Es kann sein, dass der Beirat eine Projekt­idee als sehr inno­va­tiv beur­teilt, aber der Antrag formell gewisse Defi­zite aufweist», sagt Heide Marie Hess. In diesem Fall erhält der Forschende ein umfas­sen­des Feed­back für eine erneute Antrag­stel­lung oder die Möglich­keit, Infor­ma­tio­nen nach­zu­rei­chen. Auch hilf­rei­che Kontakte werden vermit­telt.  Durch diese umfas­sende Förder­tä­tig­keit und den hoch­ka­rä­tig besetz­ten Beirat hat sich die Stif­tung Synap­sis als bedeu­tend­ster Forschungs­för­de­rer im Bereich der neuro­de­ge­ne­ra­ti­ven Erkran­kun­gen in der Schweiz etabliert. «Die Profes­so­ren kennen uns», sagt Heide Marie Hess. Die fünf­zig Projekt­an­träge, die 2021 bei der Stif­tung einge­reicht wurden, zeugen davon.

Klares Reporting

«Die Repu­ta­tion von Synap­sis und die Arbeit des Wissen­schaft­li­chen Beirats sind auch für die Spen­de­rin­nen und Spen­der von Bedeu­tung», sagt Barbara Rütti­mann. Sie ist zustän­dig für Insti­tu­tio­nal Fund­rai­sing und Major Donors. Mit regel­mäs­si­gem Reporting und der Möglich­keit, die Forschen­den zu tref­fen, zeigt Synap­sis trans­pa­rent, was mit den Geldern geschieht. Gerade in der Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Förder­stif­tun­gen sind dies wich­tige Argu­mente. Und wenn am Ende eines Projek­tes Gelder unge­nutzt blei­ben, verlangt die Stif­tung Synap­sis diese zurück. So kann sie garan­tie­ren, dass die Mittel im Sinn der Spen­den­den einge­setzt werden.

Barbara Rütti­mann sagt: «Wir beglei­ten die Forschen­den eng. Es ist ein Wirkungs­merk­mal unse­rer Arbeit. Es macht uns erfolg­reich.» Das Ende eines Projek­tes hat auch eine «Selbst­re­gu­lie­rung» zur Folge. «Nach Abschluss eines Projek­tes dürfen etablierte Forschende für ein Jahr keinen neuen Antrag einrei­chen», sagt Heide Marie Hess. Das verhin­dert, dass immer diesel­ben Forschungs­grup­pen den Zuspruch für Unter­stüt­zung erhal­ten. «Wir würden Gefahr laufen, immer densel­ben Forschungs­an­satz zu unter­stüt­zen, und ande­ren Grup­pen keine Chance geben», sagt sie. Das zu verhin­dern macht Sinn. Denn was Alzhei­mer letzt­end­lich auslöst, ist noch immer weit­ge­hend unbe­kannt. Neue Forschungs­an­sätze könn­ten die Entschlüs­se­lung der Entste­hungs­me­cha­nis­men voran­brin­gen. Ausser­dem fördert die Stif­tung gezielt den Forschungs­nach­wuchs. «Für Post­docs, die eine Grup­pen­lei­ter­po­si­tion oder Assi­stenz­pro­fes­sur anstre­ben, ist es nicht immer einfach, in dieser Über­gangs­phase Förder­gel­der zu erhal­ten. Diese Lücke wollen wir füllen», sagt Heide Marie Hess. «Damit beab­sich­ti­gen wir talen­tierte Nach­wuchs­kräfte für die Erfor­schung neuro­de­ge­ne­ra­ti­ver Krank­hei­ten zu gewinnen. 

Zu ihnen gehört Arseny Sokolov. Der Neuro­loge hat 2020 einen Career Deve­lo­p­ment Award von der Stif­tung Synap­sis erhal­ten. Dieser sollte ihn unter­stüt­zen bei der Entwick­lung hin zu einer Profes­sur. Bereits anfangs Juli dieses Jahres hat er dieses Ziel an der Univer­si­tät Lausanne erreicht. Gleich­zei­tig star­tet seine Studie. «Mit unse­rem Forschungs­pro­jekt unter­su­chen wir den Wert von ernst­haf­ten Video­spie­len für die Bewer­tung von kogni­ti­ven Defi­zi­ten bei Demenz», sagt er.

Im Fokus stehen die Beur­tei­lung und Reha­bi­li­ta­tion in der Früh­phase von Demen­z­er­kran­kun­gen. Invol­viert sind Klini­ken in Nizza, Bern, Lausanne und San Fran­cisco. «Noch gibt es wenig Daten zu diesen tech­no­lo­gie­ba­sier­ten Metho­den», sagt er. Es sei wunder­bar, dass sie mit ihrem Projekt diese Nische füllen könn­ten. Und er ist beein­druckt vom Ansatz der Forschungs­un­ter­stüt­zung der Stif­tung. «Der Austausch war von Beginn an sehr eng. Die Bera­tung durch den Beirat ist hervor­ra­gend», sagt er. Und die Forschung zeigt Wirkung. Die Demenz­for­schung sei zwar ein gros­ses gesell­schaft­li­ches Thema. Für die Medi­ka­men­ten­for­schung stün­den Mittel zur Verfü­gung. Aber die Reha­bi­li­ta­ti­ons­for­schung stecke noch in den Kinder­schu­hen. «Synap­sis hat die Rele­vanz und das Poten­zial in diesem Forschungs­be­reich erkannt, welcher nun auch von der WHO aktiv mit einer Exper­ten­gruppe ange­gan­gen wird, an der wir teilnehmen.» 

Unkon­ven­tio­nell flexibel

Für Arseny Sokolov war schon während des Studi­ums klar, dass ihn die Rege­ne­ra­tion des Gehirns nach einem Scha­den inter­es­siert. Die Passion für diesen Forschungs­be­reich entwickelte er in Kali­for­nien weiter. In San Fran­cisco begei­sterte ihn die enge Inter­ak­tion von Forschung und Indu­strie. Auch die Phil­an­thro­pie beein­druckte ihn. Dennoch über­zeugte ihn die Quali­tät des Forschungs­stand­or­tes Schweiz und bewog ihn zu einer Rück­kehr. «Die Schweiz braucht sich im inter­na­tio­na­len Vergleich nicht zu verstecken», so sein Urteil. «Das zeigen die Forschungs­er­geb­nisse.» Dazu trägt das Enga­ge­ment von Phil­an­thro­pen bei. «Für inno­va­tive und welt­be­we­gende Ideen ist das unab­ding­bar», sagt Arseny Sokolov. «Sie ermög­li­chen den Forschen­den, unkon­ven­tio­nelle Ansätze zu verfol­gen und eine Dyna­mik zu entwickeln, die mit konven­tio­nel­len Förder­pro­gram­men Jahr­zehnte benö­ti­gen würden.» Die Stif­tung Synap­sis versteht ihre Förder­tä­tig­keit bewusst als komple­men­tär zu den staat­li­chen Mitteln. «Wir haben leider nicht die glei­chen Forschungs­mit­tel zu verge­ben, wie ein Schwei­zer Natio­nal­fonds», sagt Heide Marie Hess. «Dafür sind wir flexi­bler in der Vergabe. Wir können auf Bedürf­nisse der Forschen­den schnell und indi­vi­du­ell einge­hen, wo es sinn­voll und gerecht­fer­tigt ist, und versu­chen dort zu fördern, wo wir Finan­zie­rungs­lücken sehen.» Wie flexi­bel und unkom­pli­ziert Stif­tun­gen einsprin­gen können, zeigt sich in der aktu­el­len Coro­na­krise. Der Verband Swiss­Foun­da­ti­ons hat zusam­men mit diver­sen Förder­stif­tun­gen den Bildungs­fonds «Foun­da­tion For Future» ins Leben geru­fen, weil der Staat für die Studie­ren­den keine einheit­li­che Unter­stüt­zungs­lö­sung erar­bei­tet hatte.

«Viele Studie­rende gerie­ten in eine finan­zi­elle Notlage, weil sie bspw. ihre Neben­jobs zur Finan­zie­rung ihres Lebens­un­ter­hal­tes verlo­ren hatten. Ihnen drohen Über­schul­dung und schlimm­sten­falls Studi­en­ab­brü­che», sagt Simon Merki, Geschäfts­füh­rer der Stif­tung EDUCA SWISS. Die Schwei­ze­ri­sche Stif­tung für Bildungs­för­de­rung und ‑finan­zie­rung verwal­tet den Bildungs­fonds. Sie setzt die Gelder ein, um Studie­rende in der Not zu unter­stüt­zen. Im Krisen­jahr 2020 hat die Stif­tung 1688 Anmel­dun­gen erhal­ten. Das sind fast so viele wie in den vier Jahren zuvor zusammen.

«Obwohl die Pande­mie nun allmäh­lich abflacht und vermehrt Studi-Jobs zurück­keh­ren, sind die wirt­schaft­li­chen Schä­den aber noch lange nicht beho­ben», hält Simon Merki fest. «Mit ‹Foun­da­tion For Future› setzen die Schwei­zer Förder­stif­tun­gen gemein­sam alles daran, die Chan­cen­ge­rech­tig­keit im Bildungs­sek­tor aufrechtzuerhalten.»

Klare Stra­te­gie

Auch wenn Stif­tun­gen wich­tige Förder­bei­träge leisten, bleibt es der Staat, der den gröss­ten Einfluss auf die Ausrich­tung der Forschung hat. Dies rela­ti­viert die Idee, dass grosse Spen­de­rin­nen oder Spen­der die Unab­hän­gig­keit der Forschung gefähr­den können. Das zeigte sich bei der Spende der UBS von 100 Millio­nen Fran­ken an die Univer­si­tät Zürich, die 2012 für Furore sorgte. Georg von Schnur­bein beur­teilt diese inhalt­lich als durch­wegs posi­tiv. «Es konn­ten sehr gute Wissen­schaft­ler nach Zürich geholt werden. Die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten in Zürich gehö­ren heute zu den besten in Konti­nen­tal­eu­ropa», sagt er. Davon profi­tie­ren die Studie­ren­den. «Für Topfor­schung braucht es heute private Dritt­mit­tel. Dennoch bleibt es im gesam­ten Ange­bot eine Ergän­zung.» Als Leiter des CEPS, das selbst mit Stif­tungs­gel­dern finan­ziert wird, kennt er die Thema­tik. Er verweist auf die klare Struk­tur am Insti­tut und auf einen weite­ren Punkt, der unab­hän­gige Forschung sichert, das Regu­la­tiv der Forschungsgemeinde.

«Wenn ich meine Forschung publi­ziere, reiche ich diese bei einem wissen­schaft­li­chen Jour­nal ein. Forschende, die nicht wissen, wer die Arbeit geschrie­ben hat, führen ein Peer Review durch.» Das garan­tiert eine unab­hän­gige Beur­tei­lung der wissen­schaft­li­chen Leistung.

Bild­col­lage «Brain­storm» von Stefan Sommer an der ETH Zürich. Der Forscher liegt im Scan­ner und studiert gleich­zei­tig sein eige­nes Gehirn. | Foto: Stefan Sommer
Quali­ta­tive soziale «Forschung am Rande» im Dorf Koffikro in der Elfen­bein­kü­ste von Nadine Arnold, Univer­si­tät Luzern.
Foto: Nadine Arnold, zVg

Glei­che Chancen

Die Jacobs Foun­da­tion fördert Forschung, die gleich­zei­tig die Bildungs­the­ma­tik zum Forschungs­ge­gen­stand hat, und unter­stützt Bildungs­pro­jekte. Dieser Fokus geht auf den Stif­ter Klaus J. Jacobs zurück. Er sah die Bildung von grund­le­gen­der Bedeu­tung für die Gesellschaft. 

«Ihm war schon immer klar, dass es die näch­ste Genera­tion ist, die den Wandel mit neuer Ener­gie voran­trei­ben wird», sagt Alex­an­dra Günt­zer, Chief Commu­ni­ca­ti­ons Offi­cer der Stif­tung. Er erach­tete Bildung als den Schlüs­sel, damit Kinder und Jugend­li­che krea­tive und produk­tive Mitglie­der der Gesell­schaft werden. «Es war ihm wich­tig, dass alle Kinder eine gute Bildung haben, egal aus welcher gesell­schaft­li­chen Schicht sie kommen und unab­hän­gig von ihrem fami­liä­ren Hinter­grund», sagt sie.

Gerade für jene, die keine Erst­aus­bil­dung haben, setzt sich die Stan­ley Thomas John­son Stif­tung mit dem Projekt «2. Chance auf eine 1. Ausbil­dung» ein. Eigent­lich passt es nicht zur Förder­tä­tig­keit der Stif­tung, die Kultur und medi­zi­ni­sche Forschung in der Schweiz und im Verei­nig­ten König­reich unter­stützt. Doch aufgrund einer Zustif­tung kann sie mit dem Projekt 50 Erwach­se­nen im Kanton Bern die Chance bieten, über eine Erst­aus­bil­dung den Weg in den ersten Arbeits­markt zu finden. 

«Diese Menschen arbei­ten oft in nieder­schwel­li­gen Jobs mit schlech­ter Bezah­lung», sagt der Geschäfts­lei­ter der Stif­tung Guido Münzel. «Es sind Jobs, die gerade in Krisen am stärk­sten gefähr­det sind.» Das Projekt versteht sich als Ergän­zung zur Unter­stüt­zung des Staa­tes. «Wir sind nur subsi­diär tätig», sagt er. Das heisst, nur wenn keine andere Finan­zie­rungs­mög­lich­keit besteht. Aller­dings muss­ten sie reali­sie­ren, dass die Kandi­da­tin­nen und Kandi­da­ten nicht nur Geld brauchen. 

Ihnen fehlt zusätz­li­che Unter­stüt­zung wie etwa ein Coaching oder eine Vorbe­rei­tung auf die Berufs­schule. Deswe­gen ist die Förder­stif­tung für dieses Projekt zur Projekt­trä­ge­rin gewor­den. «Wir woll­ten das eigent­lich nicht», sagt Guido Münzel. «Gleich­zei­tig wollen wir unsere Desti­na­täre best­mög­lich unter­stüt­zen.» Um die Aufgabe effek­tiv zu gestal­ten, hat die Stif­tung die Zusam­men­ar­beit mit bereits etablier­ten Insti­tu­tio­nen und den Behör­den des Kantons gesucht. «Es hat sich gezeigt, dass wir diesel­ben Ziele verfol­gen: Die Arbeits­kräfte in den ersten Arbeits­markt zu inte­grie­ren.» Und Guido Münzel sieht Möglich­kei­ten aufgrund des Fach­kräf­te­man­gels, beispiels­weise im Gesund­heits­be­reich. «Hier sehen wir die Chance, die Kandi­da­ten unse­res Programms in den ersten Arbeits­markt zu inte­grie­ren.» Aus 180 Bewer­bun­gen hat die Stif­tung dieses Jahr 47 Kandi­da­tin­nen und Kandi­da­ten ausge­wählt. 1,4 Millio­nen Fran­ken sind für diese budge­tiert. In den näch­sten Mona­ten gilt es für alle, für August 2022 eine Lehr­stelle zu finden. Es ist bereits die dritte Staf­fel des Projekts. Dennoch ist die Stan­ley Thomas John­son Stif­tung bestrebt, sich wieder auf die Finan­zie­rung zurück­zu­zie­hen. Guido Münzel ist über­zeugt, wenn sich das Programm bewährt, dass sich auch eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft finden lässt, die es weiter­füh­ren wird. 

«The astro­no­mer» von Nico­las Blind an der Univer­si­tät Genf zeigt den Austausch von Kompo­nen­ten eines Teleskops.
Schnee­for­scher Martin Schnee­beli, WSL, entnimmt eine Schnee­probe auf dem Meeres­eis in der Arktis.

Forschung und mehr

Ihren Fokus hat auch die Jacobs Foun­da­tion mit ihrer neuen Stra­te­gie weiter­ent­wickelt. «Wir haben als forschungs­för­dernde Stif­tung begon­nen,» sagt Nora Marke­tos. Mit den Klaus J. Jacobs Awards zeich­net die Stif­tung seit 2009 heraus­ra­gende Leistun­gen aus Forschung und Praxis in der Kinder- und Jugend­ent­wick­lung aus.

Und mit dem Jacobs Foun­da­tion Rese­arch Fellow­ship Program betreibt sie ein welt­wei­tes Stipen­di­en­pro­gramm für Forschende der Entwicklungs‑, Lern- und Lebens­be­din­gun­gen von Kindern und Jugend­li­chen. Dabei fördert sie Grund­la­gen­for­schung als auch ange­wandte Forschung. 

«Wir wollen dort Forschung finan­zie­ren, wo Wissens­lücken bestehen», sagt Laura Metz­ger, Co-Lead Lear­ning Minds. Dabei setzt die Stif­tung auf exzel­lente Forschende, die in ihrem Gebiet führend sind. Diese trei­ben mit ihrer wissen­schaft­li­chen Agenda die Fragen der Jacobs Foun­da­tion voran. «Wir defi­nie­ren in einem struk­tu­rier­ten Prozess das Ober­thema, aktu­ell Varia­bi­li­tät des Lernens, und eruie­ren, wo Wissens­be­darf besteht», sagt Laura Metzger.

Darüber hinaus haben die Jacobs Rese­arch Fellows wissen­schaft­li­che Frei­heit. Viele Erkennt­nisse konn­ten so gewon­nen werden. Doch die Jacobs Foun­da­tion wollte sich nicht auf die Unter­stüt­zung der Spit­zen­for­schung beschrän­ken. Sie entwickelte die Stra­te­gie 2030. Nora Marke­tos, Co-Lead Lear­ning Schools, sagt: «Die Forschungs­er­kennt­nisse wollen wir in evidenz­ba­sier­ten Inter­ven­tio­nen umset­zen und so zu syste­mi­schen Verän­de­run­gen beitra­gen.» Mit der neuen Stra­te­gie wird die Jacobs Foun­da­tion 500 Millio­nen Fran­ken bis 2030 in Forschung und Bildung inve­stie­ren. Dies geschieht in verschie­de­nen Ländern. Zu den Schwer­punkt­län­dern zählen die Elfen­bein­kü­ste, die Schweiz und seit Anfang des Jahres auch Ghana, wie Nora Marke­tos aufzählt. Ein Land in Südame­rika soll das Port­fo­lio ergän­zen. Vor Ort setzt die Stif­tung auf ein Netz­werk aus Part­nern und Orga­ni­sa­tio­nen, die eng zusam­men­ar­bei­ten. Stark einge­bun­den sind die Regie­run­gen. Ein weite­rer wich­ti­ger Akteur ist auch die Welt­bank, die im Bildungs­sek­tor in Entwick­lungs­län­dern aktiv ist. NGOs, Schu­len und private Unter­neh­men werden zudem in die Programme einge­bun­den. Exem­pla­risch zeigt dies das Programm TRECC, Trans­for­ming Educa­tion in Cocoa Commu­nities. Mit diesem will die Jacobs Foun­da­tion in der Elfen­bein­kü­ste quali­ta­tiv hoch­wer­tige Bildung ermög­li­chen und zum Bildungs­wan­del beitra­gen. «Im Rahmen dieses Programms hat sich klar gezeigt, dass es nur in Zusam­men­ar­beit funk­tio­niert – und nicht ohne», sagt Alex­an­dra Günt­zer. Genau in diese Rich­tung geht die neue Stra­te­gie: Ziel ist die Zusam­men­ar­beit von Regie­rung, NGOs, Stif­tun­gen, Orga­ni­sa­tio­nen vor Ort und Priva­ten sowie der Indu­strie selbst.

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