Stefan Schöbi, Leiter Bereich Gesellschaft, Migros

Zwischen Corpo­rate und Gemeinnützigkeit

Stefan Schöbi hat in den vergangenen neun Jahren den Migros-Pionierfonds aufgebaut und ist seit Januar 2022 Leiter des neu geschaffenen Bereichs Gesellschaft. Zu diesem gehören neben dem Pionierfonds auch die nationalen Initiativen des Migros-Kulturprozent im Sozialbereich. Er spricht über die Zusammenarbeit mit Stiftungen, was funktioniert und wo er noch Potenzial erkennt.

Wie eng ist der Pionier­fonds in der Corpo­rate-Welt einge­bun­den und wie stark können die Teams im Bereich Gesell­schaft auch selbst neue Zusam­men­ar­beits­for­men nutzen?

Als Teil der Direk­tion Gesell­schaft & Kultur des Migros-Genos­sen­schafts-Bundes erfüllt der Pionier­fonds zwar einen gesell­schaft­li­chen Auftrag, ist aber dennoch eng in die Migros-Gruppe einge­bun­den. Das gilt für das ganze gesell­schaft­li­che Enga­ge­ment der Migros-Gruppe, das einen tragen­den Pfei­ler unse­rer Migros-Iden­ti­tät bildet. Zugleich ist trans­ver­sale Zusam­men­ar­beit in unse­rem Unter­neh­men eine gelebte Praxis. Das ist entschei­dend, denn Zusam­men­ar­beit über die Silos hinaus braucht Übung und sie gelingt beson­ders gut, wenn sie auf einem gemein­sa­men Verständ­nis und einer gemein­sa­men Arbeits­weise beruht. Im Kontext von New Work kommen nun zahl­rei­che tech­ni­sche Tools und Prozesse dazu, welche die Migros grup­pen­weit zur Verfü­gung stellt, von der kolla­bo­ra­ti­ven White­board-Appli­ka­tion bis zur hybri­den Video­kon­fe­renz-Platt­form. Wir haben dies­be­züg­lich in jüng­ster Zeit – bedingt durch die äusse­ren Umstände – viele Erfah­run­gen gesam­melt: so zum Beispiel auch im Durch­füh­ren von inter­ak­ti­ven Online-Work­shops, mit unse­ren Projektpartner*innen. Und wir wissen heute besser, was funk­tio­niert und was nicht. Nicht jede Situa­tion lässt sich eins zu eins in den digi­ta­len Kontext übertragen.

Sie arbei­ten oft mit dem Stif­tungs­sek­tor zusam­men – die Migros ist asso­zi­ierte Part­ne­rin von Swiss­Foun­da­ti­ons – wie hat sich diese Zusam­men­ar­beit in den vergan­ge­nen Jahren entwickelt?

Durch unse­ren Auftrag haben wir tradi­tio­nel­ler­weise eine enge Zusam­men­ar­beit mit ande­ren zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteur*innen. Viele unse­rer Projekte im Bereich Gesell­schaft werden koope­ra­tiv und nach dem Subsi­dia­ri­täts­prin­zip entwickelt und finan­ziert (vgl. Kommen­tar von Corne­lia Hürze­ler). Unsere natio­na­len sozia­len Projekte sind ausnahms­los Koope­ra­ti­ons­pro­jekte mit minde­stens einem weite­ren Part­ner aus dem Stif­tungs­sek­tor oder der Fach­hoch­schul­land­schaft. Auch der Migros-Pionier­fonds operiert in enger Abstim­mung mit dem Stiftungssektor. 

Abstim­mung und Kompa­ti­bi­li­tät sind von zentra­ler Bedeutung. 

Stefan Schöbi

Schon mehr­mals haben wir Projekte von ande­ren Finan­zie­rern über­nom­men und schweiz­weit skaliert, so zum Beispiel den Mate­ri­al­markt OFFCUT (Chri­stoph Merian Stif­tung u.a.) oder die Startup Academy (Gebert Rüf Stif­tung u.a.). So brin­gen die Part­ner nicht gleich­zei­tig, sondern nach­ein­an­der ihre Stär­ken ein. Aber auch das gemein­same Kräf­te­bün­deln kommt immer häufi­ger vor: Mit der Stif­tung Merca­tor Schweiz verbin­den uns im Moment gleich mehrere Projekte, bei denen wir gemein­sam Neuland betre­ten. Das zeigt: Abstim­mung und Kompa­ti­bi­li­tät sind von zentra­ler Bedeu­tung. Und hier gibt es im Stif­tungs- und Förder­sek­tor noch Luft nach oben.

Gibt es bezüg­lich Zusam­men­ar­beit beson­ders inno­va­tive Projekte?

Das Modell von Co-Impact ist aus meiner Sicht inter­es­sant und inspi­rie­rend. Verschie­dene Stif­tun­gen poolen hier ihre Mittel und öffnen ihr Port­fo­lio gleich­zei­tig für weitere Co-Inve­sto­ren. Die Basis hier­für ist ein gemein­sa­mer thema­ti­scher und regio­na­ler Fokus – in diesem Fall Armuts­be­kämp­fung im globa­len Süden – und geteilte Grund­sätze bei der Umset­zung, eine Art metho­di­scher Werk­zeug­ka­sten. Dieses Modell ist trans­pa­rent doku­men­tiert, deshalb lassen sich auch einfach einzelne Elemente daraus umset­zen. Die Jacobs Foun­da­tion verfolgt mit ihrer Initia­tive «Friends of Educa­tion» einen ähnli­chen Port­fo­lio-Ansatz im Bildungs­be­reich und Clima Now macht gerade dasselbe für Klima­pro­jekte in der Schweiz.

Welche Chan­cen siehst du für gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tio­nen durch neue Modelle der Zusammenarbeit?

Die genann­ten Beispiele zeigen: durch eine verstärkte Zusam­men­ar­beit wird Förde­rung ziel­ge­rich­te­ter und effi­zi­en­ter, vor allem aber wirk­sa­mer und nach­hal­ti­ger. Denn die gemein­same Bear­bei­tung eines Themas erlaubt es, über das Einzel­pro­jekt hinaus zu blicken, lang­fri­stige Perspek­ti­ven einzu­neh­men und syste­mi­sche Zusam­men­hänge wirkungs­voll anzu­ge­hen. Die Zusam­men­ar­beit stärkt also in erster Linie die Wirkung. Vor diesem Hinter­grund über­rascht es deshalb nicht, dass auch die Desti­na­täre die neue Form der Zusam­men­ar­beit unter Geld­ge­bern einfor­dern. Eine Lear­ning Jour­ney, die von Ashoka und Colla­bo­ra­tio Helve­tica orga­ni­siert und gerade abge­schlos­sen wurde, verdeut­licht eindrück­lich die zentrale Bedeu­tung verstärk­ter Zusam­men­ar­beit. Die Teil­neh­men­den, ein halbes Dutzend Förder­stif­tun­gen, sind sich darüber einig.  Der Hund liegt, wie so oft, im Detail begra­ben: bei der konkre­ten Umset­zung der Zusammenarbeit.

Gibt es Gren­zen, Mindest­an­for­de­run­gen, Prozesse, welche aus deiner Erfah­rung notwen­dig sind für das Gelin­gen eines Projek­tes oder ist für kolla­bo­ra­tive Modelle alles möglich?

Die Zusam­men­ar­beit muss vor allem Sinn machen. Nicht jedes Projekt braucht zum Erfolg zwin­gend ein kolla­bo­ra­ti­ves Modell. Das Bon mot ist schon gültig: Wer schnell sein will, geht am besten allein, wer aber weit kommen will, geht am besten zusam­men. Im Fokus für kolla­bo­ra­tive Modelle stehen in diesem Sinne Projekte, die ihre Wirkungs­weise bereits unter Beweis gestellt haben und nun nach­hal­tig veran­kert werden sollen. 

Wir können als Geld­ge­ber nur einfor­dern, was wir auch selber glaub­wür­dig vorleben. 

Stefan Schöbi

Seit Herbst 2021 unter­stüt­zen wir zusam­men mit fünf ande­ren Geld­ge­bern beispiels­weise ein Stif­tungs­kon­sor­tium für den Think­tank foraus. Damit wollen wir nicht nur die nach­hal­tige Weit­ent­wick­lung von foraus sichern, sondern auch exem­pla­risch heraus­fin­den, wie wir die Hürden für eine solche Zusam­men­ar­beit senken können. Welche Projekte sich für kolla­bo­ra­tive Modelle eignen. Was die Projekte dazu mitbrin­gen müssen, aber auch, was die Förder­part­ner mitbrin­gen soll­ten. Denn jede Stif­tung hat einen eige­nen Zweck, eigene Entschei­dungs­struk­tu­ren und eine eigene Arbeits­weise. Zusam­men­ar­beit bedeu­tet jedoch, dass man eigene durch gemein­same Stan­dards ersetzt, sei es für einen Vertrag oder ein Reporting. Und hier, so stel­len wir fest, fehlt biswei­len das Werk­zeug. Am Willen liegt es nicht.

Wie wich­tig ist es für den Erfolg eines Projek­tes, dass sie sich das Team auch bei der eige­nen Orga­ni­sa­tion an den aktu­el­len Ansprü­chen und Vorstel­lun­gen der Gesell­schaft orientiert?

Es ist eine Frage der Glaub­wür­dig­keit und der Konse­quenz. Das gilt übri­gens auch umge­kehrt: Wir können als Geld­ge­ber nur einfor­dern, was wir auch selber glaub­wür­dig vorle­ben. Was dies für die Zusam­men­ar­beit mit Projektpartner*innen bedeu­tet, haben wir mit unse­rem Ende Januar erschie­ne­nen Hand­buch «Von 0 auf 100» zu zeigen versucht. Es hält nicht nur unsere Ansprü­che an Projektpartner*innen fest, sondern doku­men­tiert gleich­zei­tig auch unsere eigene Arbeits­weise – weil wir die glei­chen Grund­sätze, die wir von ande­ren erwar­ten, auch auf uns selbst anwen­den. Seit wir das konse­quent machen, ist die Zusam­men­ar­beit einfa­cher, frucht­ba­rer und berei­chern­der gewor­den. Der auf diese Weise geteilte Werk­zeug­ka­sten macht Spass. Das lässt sich auch auf die Zusam­men­ar­beit unter Stif­tun­gen über­tra­gen: Gemein­same Haltun­gen und geteilte Arbeits­wei­sen machen sie leich­ter und wirkungs­vol­ler zugleich.

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