Valentin Vogt, Arbeitgeberpräsident | Fotos: Daniel Winkler

«Wir verste­hen uns als natio­na­les Auffangbecken»

Potenziale aktivieren

Der Über­tritt in die Arbeits­welt ist für junge Menschen heraus­for­dernd. Gelingt er nicht, kann dies ein Leben lang­fri­stig prägen. Arbeit­ge­ber­prä­si­dent Valen­tin Vogt enga­giert sich mit Check Your Chance gegen Jugend­ar­beits­lo­sig­keit. 

Weshalb enga­gie­ren Sie sich gerade für das Thema Jugendarbeitslosigkeit?

Wir haben verschie­dene unge­nutzte Poten­ziale auf dem Schwei­zer Arbeits­markt: Die Älte­ren, die Frauen und die Jugend­li­chen. Dass wir diese nicht voll nutzen, ist schade. Es gibt einen ökono­mi­schen, aber auch einen emotio­na­len Aspekt.

Und der ist bei Jugend­li­chen besonders?

Findet eine ältere Person den Weg zurück in den Arbeits­markt nicht, ist das drama­tisch. Bei Jugend­li­chen ist es eine Kata­stro­phe. Findet er oder sie den Einstieg nicht im Alter von 20 Jahren, bleibt die Person meist das ganze Arbeits­le­ben am Rande der Existenz und kann auch keine Alters­vor­sorge aufbauen. Damit ist oft der direkte Weg in die Ergän­zungs­lei­stun­gen vorgezeichnet.

Deswe­gen enga­gie­ren Sie sich gegen die Jugendarbeitslosigkeit.

Ja, es ist wirk­lich beein­druckend, wie wenig es in vielen Fällen braucht, um einen Jugend­li­chen wieder auf den Weg der Tugend zurückzubringen.

Was Sie mit Check Your Chance machen. Wie ist die Initia­tive entstanden?

Es gab bereits zahl­rei­che lokal opera­tive Vereine und Stif­tun­gen, die sich gegen Jugend­ar­beits­lo­sig­keit enga­gier­ten. Die Credit Suisse hat 2008/09, als die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in der Schweiz das letzte Mal sehr hoch war, eine Initia­tive ins Leben geru­fen und diese Vereine und Stif­tun­gen direkt unter­stützt. Schnell zeigte sich aber; es fehlte ein Dach. Check Your Chance ist so als erster natio­na­ler Dach­ver­ein gegen Jugend­ar­beits­lo­sig­keit entstan­den. 2014 hat mich die Credit Suisse ange­fragt, ob ich das Präsi­dium über­neh­men würde. Spon­tan habe ich zuge­sagt. Der Verein Check Your Chance ist seit 2015 unab­hän­gig, wird aber immer noch finan­zi­ell von der Credit Suisse unter­stützt, was wir natür­lich sehr schätzen.

Valen­tin Vogt, Arbeit­ge­ber­prä­si­dent seit 2011

Check Your Chance bildet das Dach. Die einzel­nen Vereine wirken weiter­hin auto­nom. Können Sie ein Beispiel nennen, wie diese arbeiten?

Die Stärke sind die unter­schied­li­chen Ange­bote. Ein Beispiel: Der Verein LIFT ermög­licht Jugend­li­chen, während der letz­ten Schul­jahre an einem Nach­mit­tag in einem Betrieb zu arbei­ten. Es sind meist Jugend­li­che, die eher Schwie­rig­kei­ten hätten, eine Lehr­stelle zu finden. Das Ange­bot gibt den Lehr­be­trie­ben die Möglich­keit, die Person vor einem allfäl­li­gen Abschluss eines Lehr­ver­trags besser kennenzulernen.

Was ist dann die Aufgabe von Check Your Chance?

Wir machen alles, was für die einzel­nen Vereine nicht möglich wäre, aber für die Präven­tion der Jugend­ar­beits­lo­sig­keit und die Inte­gra­tion von arbeits­lo­sen Jugend­li­chen wich­tig ist. Zum Beispiel haben wir mit dem SECO einen Public Private Part­nership Vertrag abge­schlos­sen. Für jeden Fran­ken an priva­ten Mitteln, die wir und unsere Mitglie­der sammeln, erhal­ten wir zusätz­li­che 50 Rappen vom SECO. Als Dach­ver­ein betrei­ben wir hinge­gen keine eige­nen Betreuungsangebote.

Wie finan­ziert sich Check Your Chance?

Auf der Ebene des Dach­ver­eins sammeln wir Geld über Spen­den, Stif­tun­gen und einen jähr­li­chen Gönner­an­lass. Die verschie­de­nen ange­schlos­se­nen Vereine und Stif­tun­gen betrei­ben ihr eige­nes Fund­rai­sing. Beim Dach­ver­ein müssen wir 1,4 Stel­len finan­zie­ren. Unser Ziel ist aber klar, mehr Geld zu gene­rie­ren, das wir an die ange­schlos­se­nen Orga­ni­sa­tio­nen weiter­ge­ben können.

Wie viele Orga­ni­sa­tio­nen sind angeschlossen?

Acht. Aber wir sind kein geschlos­se­ner Verein. Weitere gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tio­nen, die sich mit unse­ren Ideen iden­ti­fi­zie­ren können und bereit sind mitzu­ar­bei­ten, sind will­kom­men und nehmen wir, nach einer entspre­chen­den Prüfung, auf.

Sie schrei­ben 2019 gab es 81 Prozent erfolg­rei­che Austritte. Wie messen Sie den Erfolg?

Wir werten es als Erfolg, wenn sich ein Absol­vent oder eine Absol­ven­tin ein Jahr nach Abschluss nicht bei der Arbeits­lo­sen­kasse gemel­det hat.

Dieses Jahr kommt mit Corona eine spezi­elle Heraus­for­de­rung auch auf die jungen Menschen zu …

… Und wir hatten zu Beginn der Krise auch Befürch­tun­gen, dass der Lehr­stel­len­markt einbre­chen könnte. Das ist nun nicht einge­trof­fen. Die Lehr­be­triebe haben dieses Jahr gleich­viele Lehr­ver­träge abge­schlos­sen wie im vergan­ge­nen Jahr.

Corona hatte keine Auswirkungen?

Doch. Während des Lock­downs war der Kontakt zwischen den Lehr­stel­len­su­chen­den und den Lehr­be­trie­ben stark einge­schränkt. Aber unter­des­sen ist wieder eini­ger­mas­sen Norma­li­tät einge­kehrt. Wir werden sehen, wie sich dies weiter­ent­wickelt. Ich bin der Ansicht, dass wir das Ende des Tunnels noch nicht erreicht haben.

Das klingt wenig optimistisch.

Als Arbeit­ge­ber­prä­si­dent habe ich
direkt und indi­rekt Einblick in viele dieser Unter­neh­men. Viele Unter­neh­men stel­len mit Sorge fest, dass die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr deut­lich tiefer sind, zum Teil 30 bis 40 Prozent, in einzel­nen Fällen sogar noch deut­lich mehr. Einen solchen Einbruch hält kein Unter­neh­men ohne eine Restruk­tu­rie­rung lange durch. Die Betriebe werden reagie­ren müssen, sonst riskie­ren sie die Existenz des gesam­ten Unter­neh­mens. Wir haben in der Vergan­gen­heit gese­hen, dass wir mit Kurz­ar­beit und der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung auch eine solche Krise durch­ste­hen können. Wir haben in der Schweiz Rahmen­be­din­gun­gen, die den Unter­neh­men erlau­ben, Mass­nah­men zu ergrei­fen, ohne dass die betrof­fe­nen Mitar­bei­ten­den in ihrer Existenz bedroht sind.

Was genau heisst das für die Jugendlichen?

Die Jugend­li­chen sind im Normal­fall die ersten, die eine Krise zu spüren bekom­men. Aber sie sind auch die ersten, die von der konjunk­tu­rel­len Erho­lung profi­tie­ren. Bei den älte­ren Arbeit­neh­men­den ist es genau umge­kehrt. Sie sind die letz­ten, die von den Folgen einer Krise betrof­fen sind. Aber sie sind es auch, die als Letzte vom Aufschwung erneut profitieren.

Wie haben Sie auf die Krise reagiert, um den Jugend­li­chen zu helfen?

Wir arbei­te­ten schon vor Corona an einem Notfall­plan. Mit dem SECO hatten wir Szena­rien bespro­chen, was zu tun wäre, wenn die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit in die Höhe schnel­len würde. Genau dieser Fall ist mit Corona einge­tre­ten. Nun erhal­ten die Mitglie­der von Check Your Chance vom SECO zusätz­li­che Mittel. Diese sind auf 18 Monate limi­tiert. Mit den zusätz­li­chen Mitteln können wir weitere 3800 Jugend­li­che unter­stüt­zen und betreuen. Der Fokus liegt zurzeit vor allem bei den Über­trit­ten von der Lehre in den Arbeits­markt. Zudem haben wir uns beim SECO dafür einge­setzt, dass Unter­neh­men, trotz Kurz­ar­beit, ihre Lehr­ab­gän­ge­rin­nen und Lehr­ab­gän­ger einstel­len dürfen und trotz­dem weiter­hin Kurz­ar­beits­ent­schä­di­gung erhal­ten. Denn grund­sätz­lich dürfen Unter­neh­men, die in Kurz­ar­beit sind, keine neuen Mitar­bei­ten­den einstel­len. Für die jungen Menschen ist es gerade jetzt wich­tig, dass sie nach ihrem Abschluss eine beruf­li­che Anschluss­lö­sung haben und nicht davon bedroht sind, arbeits­los zu werden.

«Die Jugend­li­chen sind in jeder Hinsicht unsere Zukunft.»

Valen­tin Vogt, Präsi­dent des Dach­ver­eins Check Your Chance

Unab­hän­gig von Corona: Wie gelan­gen die jungen Menschen an Ihre Angebote?

Unsere Vereine sind regio­nal veran­kert und bekannt. Es gibt zusätz­lich eine natio­nale Helpline «GO4JOB».

Wie muss ich mir dies vorstellen?

Die Helpline nimmt eine Triage vor. Ziel ist es, die Nach­fra­gen­den an die rich­ti­gen Stel­len zu verwei­sen. Das kann ein Check-Your-Chance-Verein sein, aber ebenso gut eine andere Stelle. Wich­tig ist, dass Jugend­li­che rasch und unkom­pli­ziert Hilfe erhalten.

Hat sich diese Arbeit verändert?

Sie ist anspruchs­vol­ler und die Fälle sind kompli­zier­ter geworden.

Von wie vielen jugend­li­chen Arbeits­lo­sen spre­chen wir überhaupt?

Die Arbeits­lo­sig­keit wird durch die Stati­sti­ken der RAV erfasst. Im Juli 2020 waren es 17’895 Jugend­li­che, die beim RAV gemel­det waren. Die Erwerbs­lo­sig­keit dage­gen wird über Tele­fon­in­ter­views erho­ben. Wir spre­chen bspw. hier von jenen, die noch bei den Eltern wohnen und keine Arbeit haben. Diese sind beim RAV nicht gemel­det. In norma­len Zeiten gehen wir von rund 50’000 erwerbs­lo­sen jungen Menschen aus. Aktu­ell dürf­ten es rund 70’000 sein. Diese Zahl beinhal­tet die rund 18’000 arbeits­lo­sen Jugendlichen. 

Es sind mehr junge Männer als Frauen von der Erwerbs­lo­sig­keit betrof­fen. Kennen Sie die Gründe?

Das ist eine grosse Heraus­for­de­rung. Vor dreis­sig Jahren waren die Anzahl Matu­ran­den und die sehr guten Schü­ler mehr­heit­lich männ­lich. Das hat sich stark gewan­delt. Ein Grund dürfte sein, dass die Schule stark von einem weib­li­chen Werte­mu­ster geprägt ist. Das hängt mit den Vorbil­dern zusam­men. Mehr als 80 Prozent der Lehr­kräfte in der Unter- und Mittel­stufe sind weib­lich. Hier ist eine bessere geschlecht­li­che Durch­mi­schung der Lehr­kräfte notwen­dig. Denn die männ­li­chen Jugend­li­chen funk­tio­nie­ren einfach anders. Tenden­zi­ell geht bei ihnen der schu­li­sche und beruf­li­che Entwick­lungs­knopf auch später auf.

Haben es junge Menschen spezi­ell schwer auf dem Arbeitsmarkt?

Ich glaube nicht. Die Jugend­li­chen sind uner­fah­re­ner als ältere Arbeit­neh­mende. Sie haben auch andere Ansprü­che, brin­gen aber auch andere Ideen mit, schon nur bezüg­lich
Digi­ta­li­sie­rung. Check Your Chance unter­stützt die Jugend­li­chen, damit sie ihren Weg in den Arbeits­markt finden.

Was bedeu­ten diese erwerbs­lo­sen Jugend­li­chen für unsere Gesellschaft?

Die Jugend­li­chen sind in jeder Hinsicht unsere Zukunft. Wenn wir das Poten­zial nicht ausschöp­fen, sind das verpasste Chan­cen für die Jugend­li­chen, aber auch für die Gesellschaft.

Weshalb ist das für die Gesell­schaft so wichtig?

Bald gehen die gebur­ten­star­ken Jahr­gänge in den Ruhe­stand. Jahr­gänge mit deut­lich über 100’000 Gebur­ten, und es kommen Jahr­gänge in den Arbeits­markt mit 70’000 Gebur­ten. Das heisst, unsere Gesell­schaft und Wirt­schaft braucht die jungen Leute. Über die näch­sten Jahre wird ohne zusätz­li­che Zuwan­de­rung eine Lücke von rund einer halben Million Arbeits­kräf­ten auf dem Arbeits­markt entstehen. 

Was wünschen Sie sich für Check Your Chance?

Ich wünsche mir, dass die Jugend­li­chen noch vermehr­ter den Wert der Arbeit erken­nen. Viele Jugend­li­che sehen in der Arbeit primär die Möglich­keit, Geld zu verdie­nen, um ein selbst­be­stimm­tes Leben zu führen. Aber Arbeit ist viel mehr. Arbeit gibt Struk­tur. Arbeit gibt Befrie­di­gung
und spornt an. Arbeit ermög­licht
60 Prozent der Bekannt­schaf­ten zwischen Mann und Frau. Ein Leben ohne Arbeit wäre sehr lang­wei­lig. Ich wünsche mir, dass die Jugend­li­chen das erken­nen können. Und ich wünsche allen jungen Menschen, dass sie einen tollen Einstieg ins Berufs­le­ben finden. Dazu wollen wir mit Check Your Chance beitragen.


Erfah­ren Sie mehr über Check your Chance auf stiftungschweiz.ch

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