Stif­tun­gen zurück zur Scholle?

In den letzten Wochen konnte jede und jeder Einzelne erleben, wie sehr Bewegungseinschränkungen das persönliche Leben beeinflussen. Die Freizügigkeit ist nicht nur für die Wirtschaft elementar, sondern auch für den individuellen und gesellschaftlichen Austausch in Kultur, Sport oder Bildung. Für Stiftungen gilt dasselbe – auch wenn manche Behörden das gerne anders hätten.

Das Schwei­zer Stif­tungs­we­sen zeich­net sich durch eine hohe Inter­na­tio­na­li­tät aus. 20% der Stif­tun­gen können auch im Ausland tätig sein, 5% haben einen Zweck, der ausschliess­lich im Ausland umge­setzt wird. Die Inter­na­tio­na­li­tät des Stif­tungs­we­sens hat sich in den letz­ten Jahren noch­mals deut­lich verstärkt. Bei den zwischen 1980 und 1999 gegrün­de­ten Stif­tun­gen waren 4,3% rein inter­na­tio­nal ausge­rich­tet, bei den seit 2000 gegrün­de­ten Stif­tun­gen sind es dage­gen 8,8%.[1]

Die Gründe dafür sind sowohl poli­ti­scher, finan­zi­el­ler und gesell­schaft­li­cher Natur. Erstens ist die Schweiz aufgrund ihrer poli­ti­schen Neutra­li­tät ein Knoten­punkt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit. Gerade deswe­gen sind grosse supra­na­tio­nale Orga­ni­sa­tio­nen wie der Global Fund, GAVI oder Gain als Schwei­zer Stif­tun­gen gegrün­det worden. Finan­zi­ell profi­tiert das Stif­tungs­we­sen vom hohen Anteil des welt­wei­ten Privat­ver­mö­gens, dass in Schwei­zer Bank­kon­ten liegt. Wenn daraus ein phil­an­thro­pi­sches Enga­ge­ment geschaf­fen werden soll, dann liegt die Schwei­zer Stif­tung als Rechts­form nahe. Gesell­schaft­lich verfügt die Schweiz über einen sehr hohen Anteil an auslän­di­schen Einwoh­ner, die sich oftmals von der Schweiz aus für ihr Heimat­land einset­zen. Ausser­dem hören viele aktu­elle Gesell­schafts­pro­bleme wie Klima­schutz oder Migra­tion nicht an der Landes­grenze auf.

Grosse Viel­falt bei den Stif­tungs­rats­mit­glie­dern

Diese Inter­na­tio­na­li­tät spie­gelt sich auch in den Stif­tungs­rä­ten wider. Insge­samt waren Ende 2019 im Handels­re­gi­ster 69’106 Mandate und 61’736 Perso­nen als Stif­tungs­räte einge­tra­gen.[2] Die über­wie­gende Mehr­zahl der Perso­nen hält nur ein Mandat (91,7%), 6,3% halten 2 Mandate, 1,9% 3 bis 5 Mandate und gerade einmal 0,1% mehr als 5 Mandate. Im Durch­schnitt besteht ein Stif­tungs­rat aus 5,2 Perso­nen. Erst­mals wurden für den dies­jäh­ri­gen Schwei­zer Stif­tungs­re­port die Natio­na­li­tä­ten der Stif­tungs­räte ausge­wer­tet (siehe Abbil­dung).[3] 87.8% aller Stif­tungs­räte sind Schwei­zer, 12.2% haben eine andere Natio­na­li­tät. Hier domi­nie­ren die Nach­bar­län­der, insbe­son­dere Deutsch­land (26,6% aller Auslän­der), Frank­reich (18,5%) und Italien (10,7%). Darüber hinaus sind die USA (3,6%) sowie Belgien (3,4%) und die Nieder­lande (3,2%) wich­tige Herkunfts­län­der. Total sind 137 verschie­dene Natio­na­li­tä­ten vertre­ten! Die Kantone mit den meisten auslän­di­schen Stif­tungs­rä­ten sind wenig über­ra­schend die allge­mein stark inter­na­tio­nal posi­tio­nier­ten Kantone Zug (28,2%) und Genf (27,3%). Am nied­rig­sten ist der Anteil in Appen­zell Ausser­rho­den (4,1%) und in Glarus (3%).

Behörd­li­che Klein­gei­ste­rei

Neben dem Zuwachs an Inter­na­tio­na­li­tät bei den Zwecken und den betei­lig­ten Perso­nen ist aber auch ein gegen­läu­fi­ger Trend fest­zu­stel­len, der vornehm­lich aus den Amts­stu­ben der kanto­na­len Steu­er­ver­wal­tun­gen getrie­ben wird. Dort wird immer häufi­ger Wert darauf­ge­legt, dass die gemein­nüt­zige Zweck­ver­fol­gung in der Schweiz, am besten im eige­nen Kanton, statt­zu­fin­den hat. Wenn dies nicht möglich ist (z.B. weil der Kanton über keinen Regen­wald verfügt), dann wird nicht selten zur Bedin­gung gemacht, dass ein weite­rer Zweck hinzu­ge­fügt wird, der zur eige­nen Scholle passt. Solche Bedin­gun­gen bevor­mun­den die Bürger und bedeu­ten eine deut­li­che Einschrän­kung der Stif­ter­frei­heit. Ausser­dem lassen sie die Mobi­li­tät des Kapi­tals ausser Acht. Die Stif­tung wird dann einfach in einem ande­ren Kanton gegrün­det – oder gar in einem ande­ren Land. Aus Sicht der Steu­er­ver­wal­tung mag das nicht proble­ma­tisch, sondern viel­leicht sogar wünschens­wert sein. Gesell­schaft­lich aber behin­dert dieser Schol­lenzwang den Austausch von Ideen, Enga­ge­ment und Mensch­lich­keit. Deshalb weni­ger Steu­er­sub­strat zu haben, sollte jeder Schwei­zer Kanton verkraf­ten können.


[1] Reynolds-Schier, I. (2020): Geogra­phy of the Swiss Foun­da­tion Sector, Stans, in Publi­ka­tion.

[2] Weitere Infor­ma­tio­nen und Zahlen finden sich auf www.stiftungsstatistik.ch

[3] Der Schwei­zer Stif­tungs­re­port 2020 kann auf www.stiftungsreport.ch kosten­los herun­ter­ge­la­den werden.

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