Fotos: Fred Merz

Den System­wan­del möglich machen

Olivia Leland ist Gründerin und Geschäftsführerin von Co-Impact. Mit einem kollaborativen Ansatz fördert Co-Impact Organisationen im globalen Süden, die mit einem Systemwandel eine gerechtere Gesellschaft erreichen wollen. Seit der Gründung hat Co-Impact schon fast 700 Millionen Franken von Philanthrop:innen wie Melinda Gates, MacKenzie Scott und Tsitsi Masiyiwa oder Stiftungen wie The Rockefeller Foundation und Cartier Philanthropy mobilisiert.

Sie waren bei der Bill & Melinda Gates Foun­da­tion tätig und als Grün­dungs­di­rek­to­rin bei The Giving Pledge enga­giert: Weshalb haben Sie mit Co-Impact eine eigene Initia­tive lanciert?

Die Frage, die mich bewegte, war: Wie kann Phil­an­thro­pie mehr Wirkung erzie­len? Eine Frage, die viele Philanthrop:innen beschäf­tigte, mit denen ich bei The Giving Pledge zusam­men­ge­ar­bei­tet hatte. Um genau dieser Frage nach­zu­ge­hen, habe ich The Giving Pledge 2014 verlassen. 

Wie gingen Sie vor?

Die Perspek­tive der Philanthrop:innen kannte ich bereits. So legte ich den Fokus auf die Seite jener, die die Projekte umset­zen, den Wandel gestal­ten und die Gemein­schaf­ten führen. Während dreier Jahre traf ich Persön­lich­kei­ten rund um den Globus, um von ihnen zu erfah­ren, was sie sich von der Phil­an­thro­pie wünschen.

Und was antwor­te­ten sie?

Immer wieder sagten sie, dass sie sich eine Phil­an­thro­pie wünschen, die sich der rele­van­ten Probleme annimmt, mit einem Enga­ge­ment, das der Grösse der Heraus­for­de­run­gen gerecht wird. Viele der Führungs­per­sön­lich­kei­ten beschäf­ti­gen sich bereits mit diesen Fragen und über­le­gen sich, wie sie ihre Wirkung vergrös­sern können. Aller­dings zeigte sich, dass die Phil­an­thro­pie ihr Poten­zial nicht ausschöpft. So entstand die Idee für Co-Impact. Wir wollen indi­vi­du­elle und insti­tu­tio­nelle Spender:innen zusam­men­brin­gen, um die Visio­nen jener zu unter­stüt­zen, die sich schon heute für den System­wan­del einset­zen. Wir wollen die Wirkung skalie­ren, um das Leben von Millio­nen Menschen nach­hal­tig zu verbes­sern. Wir wollen nicht nur darüber spre­chen, sondern den Umfang und die Art der Finan­zie­rung sicher­stel­len, die notwen­dig ist, um etwas zu bewirken.

«In der Design­phase können sie Ideen träu­men und planen, wie der System­wan­del erreicht werden kann.»

Olivia Leland
Grün­de­rin und CEO Co-Impact

Was verste­hen Sie unter Systemwandel?

Unsere Inten­tion ist, die grund­le­gen­den Systeme, welche die Gesell­schaf­ten regeln, zu verän­dern und sie damit effek­ti­ver und gerech­ter für alle zu gestal­ten. Wir wollen einen Wandel hin zu einer gerech­te­ren Welt. Dazu enga­gie­ren wir uns mit umfang­rei­chen, flexi­blen und lang­fris­ti­gen Mitteln aus unse­rem Foun­da­tio­nal Fund. Wir unter­stüt­zen Orga­ni­sa­tio­nen, die sich um die Verbes­se­rung von Bildungs- und Gesund­heits­sys­te­men kümmern und wirt­schaft­li­che Chan­cen fördern. Ausser­dem haben wir im vergan­ge­nen Jahr einen zwei­ten Fund, den Gender Fund, lanciert. Dieser baut auf den Erfah­run­gen auf, die wir mit dem Foun­da­tio­nal Fund gemacht haben. Wir unter­stüt­zen mit ihm die Förde­rung der Geschlech­ter­gleich­stel­lung und fördern das Leader­ship von Frauen. 

Sie haben einen eige­nen Fund für Geschlech­ter­gleich­stel­lung. Wie glaub­wür­dig sind Vertreter:innen aus Indus­trie­na­tio­nen, die selbst noch Hand­lungs­be­darf bei der Gleich­stel­lung haben in diesem Thema?

Kein Land welt­weit hat die Geschlech­ter­gleich­stel­lung erreicht. Wir alle sind in diese Arbeit invol­viert. Es ist Zeit, aufzu­ste­hen, um die laufen­den und neuen Anstren­gun­gen für Gleich­stel­lung zu fördern. Noch gibt es wenig Förder­tä­tig­keit. Aber wir sehen bei unse­ren Programm­part­nern Ansätze, die funk­tio­nie­ren. Diese müssen wir fördern und die Erfolgs­ge­schich­ten erzäh­len. Ich bin über­zeugt, wenn wir diese Geschich­ten um die Wirkung teilen, wird dies mehr Menschen dazu bewe­gen, für dieses Thema zu spenden. 

Ist die Gleich­stel­lung Bedin­gung für oder Folge des Wandels?

Ein System funk­tio­niert nicht, wenn es für die Hälfte der Gesell­schaft nicht passt. Wenn wir über Geschlecht spre­chen, müssen wir auch über Ungleich­hei­ten nach­den­ken, die sich aus Rasse, Kaste, Klasse und ande­ren Fakto­ren erge­ben, welche die Diskri­mi­nie­rung verschär­fen. Geschlech­ter­gleich­stel­lung errei­chen wir nur, wenn wir uns konse­quent und durch­gän­gig auf sie konzen­trie­ren, bei jeder Initia­tive, die wir fördern. Co-Impact bekennt sich zur Förde­rung von Orga­ni­sa­tio­nen, die im globa­len Süden verwur­zelt sind. Und wir hoffen, dass gerade bei der Gleich­stel­lung auch Impulse vom globa­len Süden für den Norden kommen. Wir können viel lernen. 

Wie fördern Sie Ihre Programme?

Dazu poolen wir die Mittel der verschie­de­nen Förderer:innen welt­weit. Das ermög­licht uns, in grös­se­rem Umfang Mittel zur Verfü­gung zu stel­len für unsere Programmpartner:innen, die Orga­ni­sa­tio­nen, die den Wandel vor Ort gestal­ten. Diese arbei­ten dann kolla­bo­ra­tiv mit Regie­run­gen und ande­ren rele­van­ten Perso­nen – Aktivist:innen und Expert:innen – und Orga­ni­sa­tio­nen, die inner­halb ihres Systems die wich­tigs­ten Probleme angehen. 

Wie errei­chen Sie eine gleich­be­rech­tigte kolla­bo­ra­tive Zusam­men­ar­beit, wenn die einen viel Geld haben und die ande­ren auf Förder­mit­tel ange­wie­sen sind?

Das ist einer unse­rer zentra­len Werte: Wir stel­len die Commu­ni­tys und die Programm­part­ner ins Zentrum. Wir messen unser Handeln stetig an diesem Wert. Bei einer Unter­re­dung stel­len die Programm­part­ner die Agenda auf. Sie bestim­men das Thema des Austau­sches. Wir sind in der Rolle der Unterstützer:innen. 

Werden Förderer:innen auf ihr Geld redu­ziert oder wie können sie sich einbringen?

Wir schaf­fen das ganze Jahr über Räume, um unsere gesamte Gemein­schaft persön­lich und virtu­ell zusam­men­zu­brin­gen, so dass alle, die dies wünschen, sich einbrin­gen und Ideen mit unse­ren Programm­part­nern und ande­ren Förderer:innen und Expert:innen austau­schen, über Lösun­gen nach­den­ken und lernen können. Der wahre Wert der Part­ner­schaft ist, dass sie Teil davon sind. 

Sie stre­ben einen System­wan­del an. Werden Sie auch kriti­siert für die Rich­tung, in die Sie gehen wollen?

Es ist nicht unsere Rich­tung. Ganz bewusst fördern wir die Vision unse­rer Programm­part­ner vor Ort, die den Wandel reali­sie­ren. Und diese arbei­ten nicht alleine, sondern im Netz­werk mit Regie­run­gen und ande­ren Orga­nisationen. Es geht nicht um die Verwirk­li­chung unse­rer Vision. Das ist in der Phil­an­thro­pie beson­ders wich­tig. Die Unter­re­dung mit den Programm­part­nern ist zentral. Wir über­le­gen: Woher könnte Kritik kommen? Wie bringt man unter­schied­li­che Ansich­ten von Menschen zusam­men? Wie denken andere darüber? Das sind enorm wich­tige Fragen und ich bin froh, dass wir dies in der Phil­an­thro­pie ange­hen. Unsere Part­ner machen sich in der Design­phase viele Gedan­ken darüber.

Was geschieht in der Designphase?

Ein Gross­teil der Phil­an­thro­pie enga­giert sich immer noch in Projekt­ar­beit, die kurz­fris­tig ausge­legt ist. Sie wird nicht zu einem System­wan­del beitra­gen. In der Design­phase stel­len wir Mittel und Raum zur Verfü­gung, damit sich die Programm­part­ner vorstel­len, was möglich ist. In der Design­phase können sie sich vertieft damit befas­sen, Ideen träu­men und planen, wie der System­wan­del erreicht werden kann. Sie erar­bei­ten einen Plan und bestim­men, was sie brau­chen, um die Arbeit zu skalie­ren. Die Phase beginnt mit einem Kick­off-Work­shop. Dabei ist uns ganz wich­tig, dass diese Phase der Raum der Programm­part­ner ist. Sie bestim­men den Work­shop. Wir brin­gen Ressour­cen ein und stel­len Fragen. Aber das Reden über­neh­men die Programmpartner.

«Die Rolle der Phil­an­thro­pie ist es, Ressour­cen und Unter­stüt­zung im notwen­di­gen Umfang, im passen­den Moment und auf die rich­tige Weise zur Verfü­gung zu stellen.»

Olivia Leland
Grün­de­rin und CEO Co-Impact

Welche Rolle soll die Phil­an­thro­pie in unse­rer Gesell­schaft denn einnehmen?

Die Rolle der Phil­an­thro­pie ist es, Ressour­cen und Unter­stüt­zung im notwen­di­gen Umfang, im passen­den Moment und auf die rich­tige Weise zur Verfü­gung zu stel­len. Programm­part­ner und Gemein­schaf­ten, lokal verwur­zelte Orga­ni­sa­tio­nen, die ihr Umfeld kennen, soll dies die Reali­sie­rung ihrer Visio­nen erlau­ben und  Dank lang­fris­ti­ger Unter­stüt­zung stra­te­gi­sche Kohä­renz ermög­li­chen. Dazu müssen wir die Programm­part­ner fragen, was sie benö­ti­gen. Wir müssen mit ihnen eine Bezie­hung aufbauen. Es geht um den persön­li­chen Kontakt mit den Menschen in diesen Organisationen. 

Wie finden Sie über­haupt die Projekte?

Als wir mit Co-Impact gestar­tet sind, haben wir die Krite­rien für die Förder­mit­tel­ver­gabe defi­niert und offene Ausschrei­bun­gen lanciert. Als wir im vergan­ge­nen Jahr für den Gender Fund eine offene Ausschrei­bung durch­ge­führt haben, sind über 11’000 Bewer­bun­gen einge­gan­gen. Aber unter­stüt­zen konn­ten wir nur 30. In einem ausführ­li­chen Review-Prozess mit unab­hän­gi­gen Gutachter:innen haben wir die Initia­ti­ven ausge­sucht, die wir fördern.

Lohnt sich eine offene Ausschrei­bung bei diesem Aufwand?

Es ist sehr viel Arbeit für die Antrag­stel­len­den. Da wir unter­des­sen über ein gros­ses Netz­werk verfü­gen in jedem Land, in dem wir tätig sind, haben wir in diesem Jahr auf eine offene Ausschrei­bung verzich­tet. Mit unse­ren Part­nern vor Ort suchen wir nun gezielt nach passen­den Initia­ti­ven, Koope­ra­tio­nen und Projek­ten. Das bedeu­tet aber keine endgül­tige Abkehr von offe­nen Ausschreibungen. 

Welches sind die posi­ti­ven Aspekte einer offe­nen Ausschreibung?

Es hat gezeigt, dass es so viel mehr Initia­ti­ven gibt, die es wert sind, unter­stützt zu werden, als wir könn­ten. Es gibt lokal veran­kerte, von Frauen geführte Orga­ni­sa­tio­nen, die wirk­lich einen gros­sen Unter­schied machen. Mit zusätz­li­chen Mitteln könn­ten sie noch so viel mehr bewirken.

Birgt es Risi­ken, wenn Sie nur noch von Ihnen gezielt ausge­wählte Initia­ti­ven fördern?

Es ist wich­tig, dass unser Team auch Empfeh­lun­gen von ausser­halb erhält. So erfah­ren wir von Initia­ti­ven, die bei unse­ren Förderer:innen noch nicht auf dem Radar sind. Ansons­ten wird Phil­an­thro­pie immer diesel­ben unterstützen. 

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Projekt fördern wollen?

Wir tref­fen uns zu indi­vi­du­el­len Unter­re­dun­gen mit jeder Orga­ni­sa­tion. Wir tauschen uns aus, wie eine vertiefte Arbeit ausse­hen kann, was wir von ihnen erwar­ten und sie von uns.
Nur weil uns eine Initia­tive über­zeugt, bedeu­tet dies nicht, dass Co-Impact auch für sie die beste Förde­rin ist. In diesem Austausch wollen wir heraus­fin­den, ob die Initia­tive zu uns passt, und sie müssen ebenso heraus­fin­den, ob wir als Förde­rin zu ihnen passen. 

Wenn eine Zusam­men­ar­beit zustande kommt: Wie lange dauert sie normalerweise?

Nach der einjäh­ri­gen Design­phase unter­stüt­zen wir Initia­ti­ven für mehrere Jahre. Der normale Zeit­ho­ri­zont beträgt fünf Jahre. 

Wie hoch ist Ihre Unterstützung?

Wir sind flexi­bel und reagie­ren auf die indi­vi­du­el­len Bedürf­nisse der Part­ner. Neben der Finan­zie­rung der Design­phase beträgt unsere Unter­stüt­zung für eine Initia­tive norma­ler­weise fünf bis zehn Millio­nen Dollar. Der Förder­bei­trag kann aber in gewis­sen Fällen auch 20 bis 25 Millio­nen Dollar betragen.

Sie sind global aufgestellt?

Unsere Team­mit­glie­der arbei­ten in 9 verschie­de­nen Ländern. Das grösste Team ist in Kenia statio­niert. Unsere Förderer:innen stam­men aus 17 Ländern welt­weit. Wir sind eine globale Gruppe.

Sie selbst wohnen in der Schweiz. Welche Verbin­dun­gen gibt es zur Phil­an­thro­pie-Szene in der Schweiz?

Wir haben Philanthrop:innen und Stifter:innen aus der Schweiz
als Teil unse­rer Kolla­bo­ra­tion. Und ich würde gerne weitere kennen­ler­nen. Wir haben ein gros­ses Netz­werk an Partner:innen von Co-Impact. Der Austausch mit ihnen finde ich ausge­spro­chen span­nend. Wir können vonein­an­der lernen: Was tun andere? Wo gibt es pot­enzielle Part­ner­schaf­ten? Es bieten sich viele Möglich­kei­ten für länder­über­grei­fen­des Lernen, für ge­meinsames Suchen nach Lösun­gen und zur gegen­sei­ti­gen Unterstützung. 

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