Thomas Hauser, Geschäftsleiter benevol Schweiz

bene­vol Schweiz: Unsere Gesell­schaft aktiv mitgestalten

Vom 5. bis zum 25. Juni läuft die Kampagne Generation F von benevol. Thomas Hauser, Geschäftsführer der Dachorganisation für Freiwilligenarbeit in der Schweiz, sagt, wen die Kampagne erreichen will und was Freiwilligenarbeit attraktiv macht.

Seit dem 1. Mai sind die Gene­ra­tion-F-Projekte online. Was ist das Ziel der Kampagne?

170 Orga­ni­sa­tio­nen betei­li­gen sich an der Aktion im Juni. Wir wollen damit ein Schau­fens­ter bieten, in welchem diese Orga­ni­sa­tio­nen zeigen können, welche Möglich­kei­ten für frei­wil­li­ges Enga­ge­ments sie bieten. Auch soll die Frei­wil­li­gen­ar­beit, die oft im Stil­len statt­fin­det, sicht­ba­rer werden.

Wie ist die Idee entstanden?

2021 haben wir die Kampa­gne erst­mals durch­ge­führt. Wir woll­ten die Viel­falt der mögli­chen frei­wil­li­gen Enga­ge­ments aufzeigen.

Und Sie rich­ten sich an poten­zi­ell Interessierte?

Grund­sätz­lich sind alle einge­la­den – die Generation‑F ist alters­los. Ange­spro­chen sind beson­ders dieje­ni­gen, die sich für ein Enga­ge­ment inter­es­sie­ren, aber noch nicht entschie­den haben, wo sie ihre Kraft einset­zen wollen. Wir wollen die Möglich­keit bieten, ein frei­wil­li­ges Enga­ge­ment unver­bind­lich auszu­pro­bie­ren. Mit Gene­ra­tion F wollen wir Hemm­schwel­len abbauen.

Haben Sie Feed­back, was die grösste Hürde ist, die jeman­den daran hindert, sich frei­wil­lig zu engagieren?

Zuerst braucht die Person die eigene Initia­tive, den eige­nen Antrieb. Zum Teil besteht die Angst, dass das frei­wil­lige Enga­ge­ment nicht zu einen passt und die Betrof­fe­nen fragen sich, ob sie sich wieder zurück­zie­hen können. Das ist die Stärke der Gene­ra­tion F. Es ist die Möglich­keit, unver­bind­lich zu testen und kennen­zu­ler­nen, was zu einem passt. Die Angst vor einer Verpflich­tung kann ein Hinder­nis sein.

Eine Gesell­schaft ohne Enga­ge­ment ist nur funk­tio­nal, grau und lieb­los. Es geht nicht ohne.

Thomas Hauser, Geschäfts­lei­ter bene­vol Schweiz

Was macht Frei­wil­li­gen­ar­beit attraktiv?

Gutes tun tut gut. Nicht nur den Empfän­gern, sondern auch demje­ni­gen, der Enga­ge­ment leis­tet. Frei­wil­lige wollen in erster Linie gemein­sam mit ande­ren etwas bewe­gen, etwas mitge­stal­ten und dabei eine gute Zeit haben und Freude empfin­den. Aner­ken­nung und Wert­schät­zung sind sehr wich­tig. Damit Projekte mit Frei­wil­li­gen reüs­sie­ren, braucht es Zuver­sicht, Über­zeu­gungs­kraft und anste­ckende Begeis­te­rungs­fä­hig­keit. Echte Leader­ship-Quali­tä­ten sind gefragt!

Was bedeu­tet dies für Orga­ni­sa­tio­nen, die mit Frei­wil­li­gen zusammenarbeiten?

Sie brau­chen ein klares Frei­wil­li­gen­ma­nage­ment. Es muss in der Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur veran­kert und nicht in einer Nische versorgt sein. Es muss über alle Stufen der Orga­ni­sa­tion gelebt werden. Für Junge ist zudem wich­tig, dass sie einen Nach­weis für ihr Enga­ge­ment erhal­ten. So können sie die erwor­be­nen Kompe­ten­zen in den ersten Arbeits­markt übertragen.

Sehen Sie Opti­mie­rungs­be­darf bei den Rahmenbedingungen?

Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment braucht Zeit und Raum. Die Bedeu­tung der akti­ven Mitge­stal­tung unse­rer Gesell­schaft durch frei­wil­li­ges Enga­ge­ment sollte stär­ker ins Bewusst­sein der Allge­mein­heit flies­sen und stär­ker in der Bildung veran­kert sein: Die Schu­len soll­ten sich stär­ker dem Mitein­an­der von Staat, Wirt­schaft und Zivil­ge­sell­schaft widmen. 

Ein beacht­li­cher Teil der poli­ti­schen Arbeit in der Schweiz ist Frei­wil­li­gen­ar­beit, resp. Miliz­ar­beit. Sollte die Schweiz nicht präde­sti­niert sein, dass die Frei­wil­li­gen­ar­beit in der Gesell­schaft veran­kert ist?

Eigent­lich sollte es eine Selbst­ver­ständ­lich­keit sein. Das Verant­wor­tungs­be­wusst­sein für den Wert unse­rer Frei­hei­ten verlangt nach Enga­ge­ment. Dennoch: in der Schweiz ist frei­wil­li­ges Enga­ge­ment auf Bundes­ebene nirgends veran­kert und wird entspre­chend nur auf regio­na­ler Ebene geför­dert – mit gros­sen Unterschieden.

Das Verant­wor­tungs­be­wusst­sein für den Wert unse­rer Frei­hei­ten verlangt nach Engagement.

Thomas Hauser

Hat sich die Bedeu­tung von Frei­wil­li­gen­ar­beit in den vergan­ge­nen Jahren verändert?

Das frei­wil­lige Enga­ge­ment ist immer in Verän­de­rung und ein Abbild unse­rer Gesell­schaft. Ein posi­ti­ver Effekt der Coro­na­krise war, dass man insbe­son­dere die infor­melle Frei­wil­li­gen­ar­beit wie Nach­bar­schafts­hilfe in der Öffent­lich­keit stark wahr­ge­nom­men und auch wert­ge­schätzt hatte. Das formelle Enga­ge­ment für Insti­tu­tio­nen ist aber weiter­hin unter Druck – es ist nicht einfa­cher gewor­den, Frei­wil­lige zu finden, die sich länger­fris­tig verpflich­ten wollen. Die Orga­ni­sa­tio­nen sind gefor­dert, sich agil an die Bedürf­nisse der Frei­wil­li­gen anzu­pas­sen und attrak­tive Einsatz­mög­lich­kei­ten zu gestalten.

Welche Bedeu­tung hat Frei­wil­li­gen­ar­beit für den gesell­schaft­li­chen Zusammenhalt?

Ich behaupte, frei­wil­li­ges Enga­ge­ment ist nicht nur wesent­lich für die Kohä­sion unse­rer Gesell­schaft, sondern gar ihr Funda­ment. Fast alles, was unsere soli­da­ri­sche Gesell­schaft auszeich­net, hat ihre Wurzeln im Enga­ge­ment. Eine Gesell­schaft ohne Enga­ge­ment ist nur funk­tio­nal, grau und lieb­los. Es geht nicht ohne.


Gene­ra­tion F

Vom 5. bis zum 25. Juni bieten 170 Orga­ni­sa­tio­nen, Vereine und Gemein­den an 277 verschie­de­nen öffent­li­chen Anläs­sen einen Einblick in frei­wil­lige Engagements. 

Die Liste der Anlässe gibt es hier.