Sabina Balmer, Gründerin des gemeinnützigen Vereins B360

B360: Fach­wis­sen aus der Schweiz für Univer­si­tä­ten in Afrika

Der gemeinnützige Verein B360 fördert den Wissenstransfer zwischen dem Norden und dem Süden. Gründerin Sabina Balmer spricht im Interview über die Freiwilligenarbeit von Expertinnen und Experten, die das Programm überhaupt ermöglichen und wie sie mit digitalen Gastfamilien auf die Covid-19-Situation reagiert haben.

The Philanthropist:  B360 fördert den Wissens­trans­fer zwischen Afrika und der Schweiz. Wie ist die Idee entstan­den?
Sabina Balmer: Nach dem Studium habe ich in Nami­bia und Burkina Faso als Lehre­rin und für ein DEZA Infra­struk­tur­pro­jekt gear­bei­tet. Das hat mich geprägt. Es war der Grund­stein für meine Idee, irgend­wann im Bildungs­be­reich eine NPO zu grün­den. Aller­dings habe ich mich dann bewusst dafür entschie­den, in die Privat­wirt­schaft einzusteigen.

Weshalb gingen Sie nicht direkt in die klas­si­sche Entwick­lungs­hilfe?
Ich wollte lernen, wie eine gewinn­ori­en­tierte Orga­ni­sa­tion funk­tio­niert. Ich war 13 Jahre in einer Gross­bank tätig. In dieser Zeit konnte ich viel Fach­wis­sen sammeln. Insbe­son­dere das Thema Corpo­rate Citi­zenship hat mich stark beschäftigt.

Und Afrika war in dieser Zeit kein Thema?
In diesen 13 Jahren war ich immer wieder im südli­chen Afrika. So konnte ich mein Netz­werk aufrecht­erhal­ten. Das gab mir die Möglich­keit heraus­zu­fin­den, wo der grösste Bedarf an Unter­stüt­zung bestand. Zwei Themen wurden immer wieder genannt: Der Mangel an Fach­kräf­ten und dass das Schul­sy­stem die Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu wenig auf die Arbeits­welt vorbereitet.

Und so entstand die Idee zu B360?
In der Schweiz haben wir viel Fach­wis­sen. Wir haben Know-How. Also habe ich mit verschie­de­nen Bildungs­ein­rich­tun­gen in Afrika gespro­chen, und schliess­lich hat sich die Nami­bian Univer­sity of Science and Tech­no­logy inter­es­siert gezeigt, mitzu­ma­chen. Heute arbei­ten wir mit vier Part­ner­uni­ver­si­tä­ten im südli­chen Afrika.

Wir wollen nicht Geld schicken sondern den Know-How-Trans­fer ermöglichen.

Sabina Balmer

Seit­her vermit­teln Sie Fach­ex­per­tin­nen und ‑exper­ten aus der Schweiz als Gast­do­zen­tin­nen und ‑dozen­ten.
2009 haben wir mit dem Südwärts-Programm ange­fan­gen. Fach­ex­per­ten lehr­ten für jeweils drei Wochen in Afrika. Da wir nicht viel Geld haben, baute das Modell von B360 von Anbe­ginn an auf Frei­wil­li­gen­ar­beit. Wir wollen nicht Geld schicken sondern den Know-How-Trans­fer ermöglichen.

Ist es schwie­rig, genü­gend Frei­wil­lige zu finden?
Es ist einfa­cher, als Geld zu finden. Wir haben fest­ge­stellt, dass es ein Bedürf­nis gibt, sich zu enga­gie­ren. Das ist grös­ser, als Geld zu spen­den. Das gilt für Menschen und Unter­neh­men. Aber uns war klar, damit dies funk­tio­niert, müssen auch die Dozie­ren­den einen Gewinn für sich sehen.

Der wäre?
Sie sammeln Erfah­run­gen. Sie profi­tie­ren vom kultu­rel­len Austausch. Viele schät­zen auch die Situa­tion, dass sie ihr eige­nes Know-How über­prü­fen müssen. Die nach­hal­tige Wirkung zeigt sich auch darin, dass viele Gast­do­zie­rende mit den Studie­ren­den im Kontakt bleiben.

Wie wählen Sie die Dozie­ren­den und die Themen aus?
Wir operie­ren mit einer Wunsch­li­ste der Part­ner­uni­ver­si­tä­ten. Sie geben uns an, in welchen Berei­chen sie Unter­stüt­zung brau­chen oder einen Austausch wünschen. Das funk­tio­niert gut.

Was bedeu­tet die Präsenz der Gast­do­zen­ten für die afri­ka­ni­schen Lehr­per­so­nen?
Unser Prin­zip ist, dass unsere Exper­tin­nen und Exper­ten aus der Privat­wirt­schaft kommen. Sie brin­gen die Praxis­sicht. Und eine inter­na­tio­nale Sicht. Im idea­len Setting ergibt sich ein Co-Unter­richt mit der Akade­mi­ke­rin oder dem Akade­mi­ker vor Ort. Das klappt nicht immer. Aber auch wenn der Experte oder die Exper­tin aus der Schweiz alleine unter­rich­tet, findet ein sinn­vol­ler Know-How-Trans­fer mit den Studie­ren­den statt.

Welche Unter­neh­men in der Schweiz machen mit? Sind das vor allem Gross­un­ter­neh­men?
Quer­beet. Am Programm machen Gross­kon­zerne wie Roche und Credit Suisse mit,  genauso wie KMU mit weni­ger als 50 Mitar­bei­ten­den. Auch viele Selbst­stän­dige enga­gie­ren sich. Was sich zeigt ist, dass die meisten Teil­neh­men­den 45 Jahre und älter sind. Offen­bar ist der «Giving back»-Gedanke ab einem gewis­sen Alter präsenter.

Sie ermög­li­chen mit dem Nord­wärts-Programm afri­ka­ni­schen Studie­ren­den Prak­tika in der Schweiz. Welche Anfor­de­run­gen stel­len sich Unter­neh­men, die mitma­chen wollen?
Vor allem braucht es eine Abtei­lung, die wirk­lich mitma­chen will. Es braucht ein bis zwei Mento­rin­nen oder Mento­ren, die gene­rell gerne mit Lernen­den arbei­ten. Und es braucht eine Arbeit, die sich für Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten eignet. Sie sollen Verant­wor­tung über­neh­men können. Und dann müssen die Firmen den Lohn zahlen können. Visa, Flug, Gast­fa­mi­lien – wir orga­ni­sie­ren alles rund­herum, damit der Aufwand für die Firmen im Rahmen bleibt. Das funk­tio­niert. Wir haben Firmen, die seit 2011 dabei sind. Aber es braucht in der Firma eine Person, die mit Herz­blut dabei ist.

Wie hat Covid-19 Ihre Arbeit verän­dert?
Mit dem Lock­down muss­ten wir Dozie­rende aus Nami­bia zurück­ho­len und notfall­mäs­sig neun Prak­ti­kan­ten und Prak­ti­kan­tin­nen zurück­flie­gen. Aber wir konn­ten sehr schnell auf digi­tal umstel­len. Bereits im Mai 2020 star­te­ten die ersten Tests. Die Dozie­ren­den konn­ten so ihr Programm virtu­ell weiter­füh­ren. Ausser­dem haben wir rund 30 afri­ka­ni­sche Dozie­rende im digi­ta­len Unter­rich­ten ausge­bil­det. Und auch unser Prak­ti­kums­pro­gramm haben wir mit den ersten vier Teil­neh­men­den digi­tal umgesetzt.

Wie funk­tio­niert ein online Prak­ti­kum?
Das wich­tig­ste ist ein gut struk­tu­rier­tes Prak­ti­kum Programm und moti­vierte Vorge­setzte und Mento­ren, so dass die Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten möglichst viel lernen und eine gute Arbeits­lei­stung erbrin­gen können. Wich­tig ist zudem, dass die Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten in Nami­bia einen genü­gend gros­sen Raum haben, den sie gemein­sam nutzen können, auch wenn sie für verschie­dene Schwei­zer Firmen arbei­ten. Damit können sie auch Team­ar­beit Erfah­rung sammeln.

Bei einem Prak­ti­kum lernt man viel über den Arbeits­all­tag auch bei der Kaffee­ma­schine oder in der Gast­fa­mi­lie.
Deswe­gen haben wir auch virtu­elle Gast­fa­mi­lien orga­ni­siert. Zwei­mal pro Woche haben sich die Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten über Zoom und Whats­app mit diesen ausge­tauscht. Dass das möglich ist hätte ich mir vor zwei Jahren nicht vorstel­len können. Aber es hat funk­tio­niert. Es entwickelte sich eine grosse Nähe. Sie haben sich über Essen, Musik oder die Land­schaft und ihren Live­style ausgetauscht

Das Ziel ist, dass es uns über Zeit nicht mehr brau­chen wird.

Sabina Balmer

Was sind Ihre lang­fri­sti­gen Ziele?
Die Nach­hal­tig­keit ist uns wich­tig. Deswe­gen haben wir das Programm Süd-Süd. Das Ziel ist, dass es uns über Zeit nicht mehr brau­chen wird. Die Privat­wirt­schaft in Nami­bia mit ihren Unter­neh­men und Fach­kräf­ten sollte den Aufbau von Fach­wis­sen und die Vorbe­rei­tung der Studie­ren­den auf die Arbeits­welt mitun­ter­stüt­zen. Gute Hoch­schul­ab­gän­ger sind auch für lokale Fimen von gros­sem Interesse.

Wie können Sie das errei­chen?
Eine Gruppe, die immer wich­ti­ger wird sind unsere Alumni. Bisher haben rund 100 Studie­rende in der Schweiz ein Prak­ti­kum absol­viert. Viele sind heute schon über 30 Jahre alt und beruf­lich erfolg­reich unter­wegs. Und sie machen beim Programm mit. Sie haben beispiels­weise einen Teil der Infra­struk­tur für die virtu­el­len Prak­tika gelie­fert. Dieses Enga­ge­ment der Alumni vor Ort entspricht genau der Philo­so­phie von B360.

Was bedeu­tet B360 über­haupt?
Es stammt aus der Privat­wirt­schaft: Busi­ness with a 360 degree view. Das heisst, nicht nur der finan­zi­elle Erfolg zählt, sondern ebenso die Umwelt, das Soziale und die Good Governance.

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