Bild: Silas Baisch, unsplash

Zwie­späl­tige Situation

Das Einzelschicksal eines Wals in der Ostsee berührt die Menschen. Das Medieninteresse zeigt, wie stark die Meeressäuger die Menschen bewegen und es bietet die Chance, für ihre Situation insgesamt zu sensibilisieren.

Es ist ein Medi­en­spek­ta­kel. Im Live­feed kann die Öffent­lich­keit jede Entwick­lung in Echt­zeit verfol­gen. Die Anteil­nahme ist riesig. Politiker:innen haben sich einge­schal­tet, genauso wie Expert:innen – mit unter­schied­li­chen Ansich­ten. Mit «Timmy» hat der Wal auch einen Namen erhal­ten. Seit er Anfang März erst­mals im südlichs­ten Teil der Ostsee, der Wisma­rer Bucht, gesich­tet wurde, ist der Wal mehr­mals gestran­det. Verschie­dent­lich sind Rettungs­ver­su­che geschei­tert. Pallia­tiv­pflege wurde disku­tiert. Seit Diens­tag nun ein Trans­port mit dem Buckel­wal in die Nord­see unterwegs.

Trotz Erfolge: Es bleibt viel zu tun

Der Fokus auf ein Tier kann dazu beitra­gen, für die Situa­tion der Meeres­säu­ger zu sensi­bi­li­sie­ren – oder davon abzu­len­ken. Die allge­meine Situa­tion der Wale ist zwie­späl­tig. Der Einsatz in der Vergan­gen­heit für ihren nach­hal­ti­gen Bestand hat Erfolge gezeigt. Das Walfang­mo­ra­to­rium von 1986 war ein wich­ti­ger Meil­ein­stein. Die Umwelt­or­ga­ni­sa­tion Green­peace hat mit spek­ta­ku­lä­ren Aktio­nen auf hoher See auch mass­geb­lich dazu beigetra­gen, die Gesell­schaft für das Thema zu sensi­bi­li­sie­ren. Die Bestände der Buckel­wale würden sich lang­sam wieder erho­len, sagt Iris Menn, Meeres­bio­lo­gin und Geschäfts­lei­te­rin von Green­peace Schweiz. «Gleich­zei­tig sind noch immer Arten wie zum Beispiel der Blau­wal stark gefähr­det und Klima­ver­än­de­run­gen, Schiffs­ver­kehr, Müll und Beifang setzen den Walen zu.» Der Schutz der Meere als Lebens­raum für die Wale bleibt Green­peace ein wich­ti­ges Anlie­gen. Dieser Einsatz geht nach wie vor weiter. Mit ihren Schif­fen enga­gie­ren sich Green­peace bspw., um ille­gale Prak­ti­ken der Fische­rei aufzu­de­cken. Ebenso arbei­ten sie mit Wissenschaftlicher:innen der Meere zusam­men und brin­gen die Erkennt­nisse in die Poli­tik. «Der Schutz der Meere ist heute leider notwen­di­ger denn je», sagt Menn.

Kommer­zi­el­ler Walfang geht weiter

Auch Sigrid Lüber, Grün­de­rin von Ocean­Care, sieht die Situa­tion des Schut­zes von Meeres­säu­gern heute als wider­sprüch­lich. «Auf der einen Seite gibt es Fort­schritte, etwa durch das inter­na­tio­nale Walfang­mo­ra­to­rium und Schutz­ab­kom­men. Gleich­zei­tig bestehen zentrale menschen­ge­machte Bedro­hun­gen unver­än­dert fort oder nehmen sogar zu.» Zudem betrei­ben verschie­dene Länder weiter kommer­zi­el­len Walfang. Ocean­Care hat vor Kurzem darauf hinge­wie­sen, dass Island nach zwei Jahren Pause den Walfang wieder aufneh­men will. Ein Gross­teil dieser Wale werden für den japa­ni­schen Export­markt gefan­gen. Dabei erin­nert Lüber daran, dass Wale empfind­same intel­li­gente Wesen sind. Bei einer Tötung leiden sie physisch und psychisch extrem. «Harpu­nierte Wale ster­ben oft einen lang­sa­men und schmerz­haf­ten Tod», sagt sie. Die Meeres­schutz­or­ga­ni­sa­tion fordert die islän­di­sche Regie­rung auf, sämt­li­che Vorbe­rei­tun­gen für den kommer­zi­el­len Walfang umge­hend zu stop­pen und bestehende Geneh­mi­gun­gen zu widerrufen. 

Bündel an Mass­nah­men notwendig

Seit über 50 Jahren enga­giert sich der WWF für den Schutz der Wale. Lydia Ebers­bach vom WWF Schweiz sieht Erfolge, die in dieser Zeit erreicht wurden. «Schutz­ge­biete in der Ostsee und im Nord­ost­at­lan­tik zeigen, dass poli­ti­sche Rahmen­be­din­gun­gen Wirkung entfal­ten können», sagt sie. Doch es braucht weitere Schutz­ge­biete. «Das globale Ziel, 30 Prozent der Ozeane bis 2030 unter Schutz zu stel­len, gibt uns dabei wich­ti­gen Rücken­wind», sagt sie. Auch Green­peace weist auf den UNO-Ozean­ver­trag hin, der seit dem 17. Januar 2026 in Kraft ist. «Er schafft erst­mals die Voraus­set­zun­gen zu einem umfas­sen­den Schutz der Meere, unter ande­rem für die Schaf­fung von gross­flä­chi­gen Meeres­schutz­ge­bie­ten», sagt Iris Menn und weist darauf hin, dass bei den 88 Staa­ten, die den Vertrag rati­fi­ziert haben, die Schweiz nicht dabei ist. Der Ball liege bei Bundes­rat Albert Rösti. «Das Umwelt­de­par­te­ment hat vom Bundes­rat den Auftrag erhal­ten, Unter­la­gen für die Vernehm­las­sung zu erar­bei­ten. Die entspre­chende Botschaft ist seit Mona­ten über­fäl­lig.» Doch die Schutz­ge­biete sind nur ein Baustein für einen wirk­sa­men Schutz. Es braucht einen ganzen Bündel an Mass­nah­men. Die Nahrungs- und Brut­ge­biete der Wale müssen gesi­chert werden. Es braucht eine nach­hal­tige Fische­rei, der Beifang wesent­lich redu­ziert. Menn sagt: «Rund 40 Prozent des welt­wei­ten Fisch­fangs sind Beifang. Der Gross­teil dieser Lebe­we­sen geht tot über Bord. Dazu gehö­ren neben Fischen auch Schild­krö­ten, Haie, Wale und Delphine. Allein 300’000 Delphine und Wale ersti­cken pro Jahr qual­voll in Fischernetzen.» 

Ganz­heit­li­cher Schutz

Um die Situa­tion der Wale nach­hal­tig zu sichern, braucht es den Schutz der Meere insge­samt. Green­peace fordert ein globa­les Plas­tik­ab­kom­men. 75 Prozent des Abfalls im Meer besteht aus Kunst­stof­fen. Auch der Klima­wan­del hat Folgen auf die Wale – und umge­kehrt. Sigrid Lüber sagt, dass es einen effek­ti­ven Klima­schutz brau­che, um die Folgen der globa­len Erder­wär­mung auf die Meere einzu­däm­men. «Wale sind für das marine Ökosys­tem und für gesunde Ozeane wich­tig. So düngen sie mit ihren Exkre­men­ten etwa das Phyto­plank­ton, das im Meer Kohlen­di­oxid spei­chert und welt­weit rund die Hälfte des Sauer­stoffs produ­ziert», sagt sie. «Der Schutz der Wale ist also auch für das Klima von zentra­ler Bedeu­tung.» Gleich­zei­tig verän­dere der Klima­wan­del Meeres­strö­mun­gen, Nahrungs­ver­füg­bar­keit und Wander­rou­ten. «Wale gera­ten zuneh­mend in unge­eig­nete Gewäs­ser», sagt Lüber. Um die Wander­rou­ten der Wale sicht­bar zu machen, hat der WWF mit dem Projekt «Protec­ting Blue Corri­dors» jahr­zehn­te­lange Forschung in ein wirkungs­vol­les Instru­ment verwan­delt. Damit lässt sich eruie­ren, wo Schutz am drin­gends­ten ist. Und es zeigt: In die Forschung muss weiter inves­tiert werden. Zudem braucht die Poli­tik den Willen zum lang­fris­ti­gen Schutz dieser Arten. Die Heraus­for­de­rung bleibt komplex. Nach­hal­ti­ger Schutz der Meeres­säu­ger­po­pu­la­tio­nen geschieht auf vielen Ebenen.

Chance zur Sensibilisierung

Dass nun das Schick­sal eines einzel­nen Wals die Medien beherrscht und sich die Menschen emotio­nal mit ihm verbun­den fühlen über­rascht nicht. Die Tiere faszi­nie­ren. «Wale berüh­ren uns wie kaum ein ande­res Tier, das sehen wir immer wieder», sagt Lydia Ebers­bach. «Aber wie gerade deut­lich wird, ist die Aufmerk­sam­keit für ein einzel­nes, sicht­ba­res Tier um ein Viel­fa­ches grös­ser als das Inter­esse an der Art insge­samt oder an den struk­tu­rel­len Ursa­chen ihrer Bedro­hung.» Das sei mensch­lich verständ­lich. Aber es zeigt die Heraus­for­de­rung, dies in lang­fris­ti­ges Enga­ge­ment zu über­set­zen. Während den WWF Schweiz vor allem Unterstützer:innen mit Fragen errei­chen, würde die Orga­ni­sa­tion in Deutsch­land eine Zunahme der Walpa­ten­schaf­ten verzeich­nen. Auch bei Green­peace melden sich ihre Mitglie­der und Inter­es­sierte mit Fragen zum Wal. Im trau­ri­gen Einzel­schick­sal des Wals und der media­len Präsenz sieht die Orga­ni­sa­tion denn auch die Chance, die Menschen für den Meeres­schutz zu sensi­bi­li­sie­ren und sich zu enga­gie­ren. Anfra­gen errei­chen auch Ocean­Care. Sigrid Lüber stellt eine grund­sätz­lich hohe öffent­li­che Sensi­bi­li­tät für das Thema fest. Einzel­fälle wie jetzt in der Ostsee würden starke emotio­nale Reak­tio­nen auslö­sen, weil sie sicht­bar und unmit­tel­bar seien. «Gleich­zei­tig blei­ben viele struk­tu­relle Probleme unsicht­bar, obwohl sie lang­fris­tig deut­lich grös­sere Auswir­kun­gen haben.» Lüber verweist darauf hin, dass in der dies­jäh­ri­gen norwe­gi­schen Walfang­sai­son bereits 45 Zwerg­wale getö­tet wurden. «Es besteht daher eine Diskre­panz zwischen der Aufmerk­sam­keit für Einzel­schick­sale und dem Bewusst­sein für syste­mi­sche Bedro­hun­gen, wie etwa die Waljag­den in Norwe­gen, Island, Japan oder auf den Farö­rer-Inseln», sagt sie und fügt an: «Bei Gross­wa­len geht man ausser­dem davon aus, dass auf einen an Strand ange­lan­de­ten Wal, der Verlet­zun­gen von Schiffs­schrau­ben aufweist oder nach­weis­lich von einem Schiff gerammt und dadurch getö­tet wurde, bis zu weitere 20 Tiere durch Schiffs­kol­li­sio­nen umkom­men, jedoch fernab unbe­merkt und nie gese­hen sterben.»

Unklare Erfolgs­aus­sich­ten

Auch wenn die Emotio­nen und die Rettungs­ver­su­che nach­voll­zieh­bar sind, blei­ben die Aussich­ten für den Ostsee­wal unklar. Das Tier ist geschwächt und mit dem Errei­chen der Nord­see ist das lang­fris­tige Über­le­ben noch nicht gesi­chert. Verschie­dene Fach­or­ga­ni­sa­tio­nen äusser­ten sich kritisch zu den Rettungsaktionen.

Einschät­zung des deut­schen Meeres­mu­seum sStral­sund und des Insti­tuts für Terres­tri­sche und Aqua­ti­sche Wild­tier­for­schung Büsum.

British Divers Marine Life Rescue, eine der der welt­weit erfolg­reichs­ten und renom­mier­tes­ten Orga­ni­sa­tio­nen bezüg­lich Stran­dun­gen, erklärt, warum sich eine Rettung des Buckel­wals kompli­ziert gestal­tet.

Die inter­na­tio­nale Walfang-Kommis­sion fordert, von Rettungs­ak­tio­nen abzu­se­hen.