Es ist ein Medienspektakel. Im Livefeed kann die Öffentlichkeit jede Entwicklung in Echtzeit verfolgen. Die Anteilnahme ist riesig. Politiker:innen haben sich eingeschaltet, genauso wie Expert:innen – mit unterschiedlichen Ansichten. Mit «Timmy» hat der Wal auch einen Namen erhalten. Seit er Anfang März erstmals im südlichsten Teil der Ostsee, der Wismarer Bucht, gesichtet wurde, ist der Wal mehrmals gestrandet. Verschiedentlich sind Rettungsversuche gescheitert. Palliativpflege wurde diskutiert. Seit Dienstag nun ein Transport mit dem Buckelwal in die Nordsee unterwegs.
Trotz Erfolge: Es bleibt viel zu tun
Der Fokus auf ein Tier kann dazu beitragen, für die Situation der Meeressäuger zu sensibilisieren – oder davon abzulenken. Die allgemeine Situation der Wale ist zwiespältig. Der Einsatz in der Vergangenheit für ihren nachhaltigen Bestand hat Erfolge gezeigt. Das Walfangmoratorium von 1986 war ein wichtiger Meileinstein. Die Umweltorganisation Greenpeace hat mit spektakulären Aktionen auf hoher See auch massgeblich dazu beigetragen, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren. Die Bestände der Buckelwale würden sich langsam wieder erholen, sagt Iris Menn, Meeresbiologin und Geschäftsleiterin von Greenpeace Schweiz. «Gleichzeitig sind noch immer Arten wie zum Beispiel der Blauwal stark gefährdet und Klimaveränderungen, Schiffsverkehr, Müll und Beifang setzen den Walen zu.» Der Schutz der Meere als Lebensraum für die Wale bleibt Greenpeace ein wichtiges Anliegen. Dieser Einsatz geht nach wie vor weiter. Mit ihren Schiffen engagieren sich Greenpeace bspw., um illegale Praktiken der Fischerei aufzudecken. Ebenso arbeiten sie mit Wissenschaftlicher:innen der Meere zusammen und bringen die Erkenntnisse in die Politik. «Der Schutz der Meere ist heute leider notwendiger denn je», sagt Menn.
Kommerzieller Walfang geht weiter
Auch Sigrid Lüber, Gründerin von OceanCare, sieht die Situation des Schutzes von Meeressäugern heute als widersprüchlich. «Auf der einen Seite gibt es Fortschritte, etwa durch das internationale Walfangmoratorium und Schutzabkommen. Gleichzeitig bestehen zentrale menschengemachte Bedrohungen unverändert fort oder nehmen sogar zu.» Zudem betreiben verschiedene Länder weiter kommerziellen Walfang. OceanCare hat vor Kurzem darauf hingewiesen, dass Island nach zwei Jahren Pause den Walfang wieder aufnehmen will. Ein Grossteil dieser Wale werden für den japanischen Exportmarkt gefangen. Dabei erinnert Lüber daran, dass Wale empfindsame intelligente Wesen sind. Bei einer Tötung leiden sie physisch und psychisch extrem. «Harpunierte Wale sterben oft einen langsamen und schmerzhaften Tod», sagt sie. Die Meeresschutzorganisation fordert die isländische Regierung auf, sämtliche Vorbereitungen für den kommerziellen Walfang umgehend zu stoppen und bestehende Genehmigungen zu widerrufen.
Bündel an Massnahmen notwendig
Seit über 50 Jahren engagiert sich der WWF für den Schutz der Wale. Lydia Ebersbach vom WWF Schweiz sieht Erfolge, die in dieser Zeit erreicht wurden. «Schutzgebiete in der Ostsee und im Nordostatlantik zeigen, dass politische Rahmenbedingungen Wirkung entfalten können», sagt sie. Doch es braucht weitere Schutzgebiete. «Das globale Ziel, 30 Prozent der Ozeane bis 2030 unter Schutz zu stellen, gibt uns dabei wichtigen Rückenwind», sagt sie. Auch Greenpeace weist auf den UNO-Ozeanvertrag hin, der seit dem 17. Januar 2026 in Kraft ist. «Er schafft erstmals die Voraussetzungen zu einem umfassenden Schutz der Meere, unter anderem für die Schaffung von grossflächigen Meeresschutzgebieten», sagt Iris Menn und weist darauf hin, dass bei den 88 Staaten, die den Vertrag ratifiziert haben, die Schweiz nicht dabei ist. Der Ball liege bei Bundesrat Albert Rösti. «Das Umweltdepartement hat vom Bundesrat den Auftrag erhalten, Unterlagen für die Vernehmlassung zu erarbeiten. Die entsprechende Botschaft ist seit Monaten überfällig.» Doch die Schutzgebiete sind nur ein Baustein für einen wirksamen Schutz. Es braucht einen ganzen Bündel an Massnahmen. Die Nahrungs- und Brutgebiete der Wale müssen gesichert werden. Es braucht eine nachhaltige Fischerei, der Beifang wesentlich reduziert. Menn sagt: «Rund 40 Prozent des weltweiten Fischfangs sind Beifang. Der Grossteil dieser Lebewesen geht tot über Bord. Dazu gehören neben Fischen auch Schildkröten, Haie, Wale und Delphine. Allein 300’000 Delphine und Wale ersticken pro Jahr qualvoll in Fischernetzen.»
Ganzheitlicher Schutz
Um die Situation der Wale nachhaltig zu sichern, braucht es den Schutz der Meere insgesamt. Greenpeace fordert ein globales Plastikabkommen. 75 Prozent des Abfalls im Meer besteht aus Kunststoffen. Auch der Klimawandel hat Folgen auf die Wale – und umgekehrt. Sigrid Lüber sagt, dass es einen effektiven Klimaschutz brauche, um die Folgen der globalen Erderwärmung auf die Meere einzudämmen. «Wale sind für das marine Ökosystem und für gesunde Ozeane wichtig. So düngen sie mit ihren Exkrementen etwa das Phytoplankton, das im Meer Kohlendioxid speichert und weltweit rund die Hälfte des Sauerstoffs produziert», sagt sie. «Der Schutz der Wale ist also auch für das Klima von zentraler Bedeutung.» Gleichzeitig verändere der Klimawandel Meeresströmungen, Nahrungsverfügbarkeit und Wanderrouten. «Wale geraten zunehmend in ungeeignete Gewässer», sagt Lüber. Um die Wanderrouten der Wale sichtbar zu machen, hat der WWF mit dem Projekt «Protecting Blue Corridors» jahrzehntelange Forschung in ein wirkungsvolles Instrument verwandelt. Damit lässt sich eruieren, wo Schutz am dringendsten ist. Und es zeigt: In die Forschung muss weiter investiert werden. Zudem braucht die Politik den Willen zum langfristigen Schutz dieser Arten. Die Herausforderung bleibt komplex. Nachhaltiger Schutz der Meeressäugerpopulationen geschieht auf vielen Ebenen.
Chance zur Sensibilisierung
Dass nun das Schicksal eines einzelnen Wals die Medien beherrscht und sich die Menschen emotional mit ihm verbunden fühlen überrascht nicht. Die Tiere faszinieren. «Wale berühren uns wie kaum ein anderes Tier, das sehen wir immer wieder», sagt Lydia Ebersbach. «Aber wie gerade deutlich wird, ist die Aufmerksamkeit für ein einzelnes, sichtbares Tier um ein Vielfaches grösser als das Interesse an der Art insgesamt oder an den strukturellen Ursachen ihrer Bedrohung.» Das sei menschlich verständlich. Aber es zeigt die Herausforderung, dies in langfristiges Engagement zu übersetzen. Während den WWF Schweiz vor allem Unterstützer:innen mit Fragen erreichen, würde die Organisation in Deutschland eine Zunahme der Walpatenschaften verzeichnen. Auch bei Greenpeace melden sich ihre Mitglieder und Interessierte mit Fragen zum Wal. Im traurigen Einzelschicksal des Wals und der medialen Präsenz sieht die Organisation denn auch die Chance, die Menschen für den Meeresschutz zu sensibilisieren und sich zu engagieren. Anfragen erreichen auch OceanCare. Sigrid Lüber stellt eine grundsätzlich hohe öffentliche Sensibilität für das Thema fest. Einzelfälle wie jetzt in der Ostsee würden starke emotionale Reaktionen auslösen, weil sie sichtbar und unmittelbar seien. «Gleichzeitig bleiben viele strukturelle Probleme unsichtbar, obwohl sie langfristig deutlich grössere Auswirkungen haben.» Lüber verweist darauf hin, dass in der diesjährigen norwegischen Walfangsaison bereits 45 Zwergwale getötet wurden. «Es besteht daher eine Diskrepanz zwischen der Aufmerksamkeit für Einzelschicksale und dem Bewusstsein für systemische Bedrohungen, wie etwa die Waljagden in Norwegen, Island, Japan oder auf den Farörer-Inseln», sagt sie und fügt an: «Bei Grosswalen geht man ausserdem davon aus, dass auf einen an Strand angelandeten Wal, der Verletzungen von Schiffsschrauben aufweist oder nachweislich von einem Schiff gerammt und dadurch getötet wurde, bis zu weitere 20 Tiere durch Schiffskollisionen umkommen, jedoch fernab unbemerkt und nie gesehen sterben.»
Unklare Erfolgsaussichten
Auch wenn die Emotionen und die Rettungsversuche nachvollziehbar sind, bleiben die Aussichten für den Ostseewal unklar. Das Tier ist geschwächt und mit dem Erreichen der Nordsee ist das langfristige Überleben noch nicht gesichert. Verschiedene Fachorganisationen äusserten sich kritisch zu den Rettungsaktionen.
Die internationale Walfang-Kommission fordert, von Rettungsaktionen abzusehen.


