Portrait of Stephen Cornish, Director General of MSF Switzerland/OCG

MSF: «Wir brau­chen einen Weckruf»

Stephen Cornish ist seit November Direktor von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in Genf. Nach einem Jahr Pandemie fehlt ihm in den wohlhabenden Ländern noch immer die Einsicht, dass eine globale Pandemie auch eine globale Lösung braucht.

MSF Schweiz wurde vor 50 Jahren gegrün­det. Der Zewo-zerti­fi­zierte Verein finan­ziert sich zu 97 Prozent aus Spen­den von Privatpersonen.

The Philanthropist: Wie hat Corona die Arbeit von Méde­cins sans Fron­tiè­res MSF verän­dert?
Stephen Cornish: Wir haben eine Ausnah­me­si­tua­tion. Es ist eine globale Gesund­heits­krise, die nicht nur jene Länder trifft, in welchen MSF tradi­tio­nell tätig ist. Auch wohl­ha­bende Länder wie die Schweiz oder Frank­reich, die USA oder Spanien sind zum Teil hart getrof­fen. Unser Wissen und unsere Erfah­rung war auf einmal auch in diesen Ländern gefragt. So war etwa in der Schweiz unsere Erfah­rung gefragt, wie die Essens­ver­tei­lung an verletz­li­che Perso­nen in der Pande­mie­si­tua­tion aufge­gleist werden kann.

TP: Viele Länder, in denen MSF tradi­tio­nell tätig ist, sind Krisen­län­der. Wie wird die Pande­mie in diesen erlebt?
SC: Sie sind natür­lich auch hart getrof­fen. Auch sie müssen auf die Pande­mie reagie­ren. Die grosse Heraus­for­de­rung ist, die bishe­rige Orga­ni­sa­tion wie die Gesund­heits­ver­sor­gung aufrecht zu erhal­ten. Mit dem Covid-Ausbruch wurde es in vielen Regio­nen noch schwie­ri­ger, bspw. Routi­ne­imp­fun­gen durch­zu­füh­ren. Klar ist, dass die Situa­tion von Land zu Land anders ist. Wenn sie in einem Kriegs­ge­biet sind, haben sie gelernt, ums Über­le­ben zu kämp­fen. Dann ist Covid ein zusätz­li­ches Problem zu den anderen.

Gerade für den Süden hat es zu wenig Impfstoff.

Stephen Cornish, Direk­tor von Ärzte ohne Grenzen/Médecins sans Frontières

TP: Gehen diese Länder anders mit der Pande­mie um, weil sie sich in ihrem Alltag gewohnt sind, zu impro­vi­sie­ren und mit einer Krise umzu­ge­hen?
SC: Das lässt sich nicht einfach beant­wor­ten. Das ist sehr unter­schied­lich. Gewisse haben bereits eine gute Kontrolle der Ansteckun­gen. Entschei­dend ist der Umgang der Regie­run­gen mit der Pande­mie. In Ländern wie Brasi­lien oder Tansa­nia aber auch die USA, wo die Regie­run­gen die Pande­mie herun­ter­ge­spielt haben, gab es kaum Vorbe­rei­tungs­ar­bei­ten auf die Pande­mie. Hier ist die Zahl der Todes­fälle sehr hoch. Die Wirk­lich­keit aber ist vor allem, dass es ein globa­les Problem ist, das eine globale Antwort verlangt.

TP: Das heisst?
SC: Wir brau­chen Impfun­gen für alle. Wir brau­chen einen Tech­no­lo­gie­trans­fer. Wir haben eine zu kleine Produk­tion. Gerade für den Süden hat es zu wenig Impfstoff.

TP: Ist es nicht unrea­li­stisch, gerade in einer Krise zu erwar­ten, dass die wohl­ha­ben­den Natio­nen Impf­stoff abge­ben, wenn sie selbst zu wenig haben?
SC: In der Doha-Erklä­rung von 2001 hatten die Natio­nen erklärt, bei Gesund­heits­kri­sen den Patent­schutz aufzu­he­ben, um die Medi­ka­men­ten­pro­duk­tion vor Ort zu ermög­li­chen. Doch die Reali­tät sieht anders aus, obschon viele öffent­li­che Gelder die Entwick­lung der Impf­stoffe erst ermög­licht haben. Afrika produ­ziert gerade einmal ein Prozent des benö­tig­ten Impf­stof­fes selbst. Und zum Teil sind Impf­stoffe in Südafrika gar teurer als in Europa.

TP: In der Krise ist jedes Land mit sich selbst beschäf­tigt.
SC: Das ist auch nach­voll­zieh­bar. Aber wir müssen verste­hen, dass es eine globale Krise ist. Wenn wir versu­chen, diese natio­nal zu lösen, rollt immer wieder eine neue Welle mit Virus­mu­ta­tio­nen über die Welt.

TP: Ist es aktu­ell einfa­cher, gehört zu werden, weil alle im selben Boot sitzen?
SC: Wir sitzen nicht alle im selben Boot. Die einen sitzen an Bord einer Luxus­jacht, andere auf einem kaum seetüch­ti­gen Kahn. In den wohl­ha­ben­den Ländern haben wir Möglich­kei­ten wie Home­of­fice. In den Ländern, in welchen MSF aktiv ist, ist kaum ein Prozent geimpft. Wir sind seit über einem Jahr in der Pande­mie. Wir brau­chen endlich einen Weckruf.

Portrait of Stephen Cornish, Direc­tor Gene­ral of MSF Switzerland/OCG

TP: Aktu­ell gibt es vieler­orts auch zu wenig Gesund­heits­per­so­nal. Haben Sie Schwie­rig­kei­ten, Ärztin­nen und Pfle­ger für ihre Einsätze zu finden?
SC: Das global verfüg­bare Gesund­heits­per­so­nal ist limi­tiert. Es gab Schwie­rig­kei­ten, weil in Ländern, in denen wir rekru­tie­ren, das Gesund­heits­per­so­nal im Land einge­zo­gen wurde. Aber wir haben genü­gend Perso­nal, auch wenn wir viel­leicht mehr Aufwand betrei­ben müssen, um sie zu erreichen.

TP: Und auf Spen­den­seite: Ist es schwie­ri­ger, Gelder zu sammeln?
SC: Als Orga­ni­sa­tion im Gesund­heits­be­reich sind wir aktu­ell gefragt. Das hilft uns. Wir konn­ten unsere Basis vergrös­sern. Ich möchte mich auch gerade bei den Menschen in der Schweiz bedan­ken. Ihre Gross­zü­gig­keit ermög­licht erst die Einsätze von MSF, auch in der Pandemie.

Aber Covid trifft alle. Das öffnet ein Fenster für Empa­thie. Viel­leicht gelingt es, diese Empa­thie für andere Themen zu nutzen.

Stephen Cornish, Direk­tor von Ärzte ohne Grenzen/Médecins sans Frontières

TP: Dass die Spen­de­rin­nen und Spen­der aktu­ell selbst in einer Krise leben, hält sie nicht vom Spen­den ab?
SC: Im Gegen­teil. Weil die Krise alle trifft, ist es für die Menschen in der Schweiz einfa­cher, die Situa­tion der Menschen in einem der tradi­tio­nel­len Tätig­keits­ge­biete von MSF zu verste­hen und nach­zu­voll­zie­hen. Themen wie Tuber­ku­lose oder die Rechte von Vertrie­be­nen können für die Menschen in der Schweiz theo­re­tisch blei­ben, weil sie nie etwas vergleich­ba­res erlebt haben. Aber Covid trifft alle. Das öffnet ein Fenster für Empa­thie. Viel­leicht gelingt es, diese Empa­thie für andere Themen zu nutzen.

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