Laura Hilti in Aktion beim Workshop, gewaltfreie Kommunikation. Bild: Karin Gruber

Wie Dialog gelingt

Mit der Sensibilisierung für gewaltfreie Kommunikation will Laura Hilti den Blick für Bedürfnisse schärfen, Verbindung schaffen und Dialog ermöglichen – selbst in angespannten gesellschaftlichen Zeiten. Wir haben mit der Kuratorin darüber gesprochen, wie sich mit Kunst, kuratorischer Arbeit und mit einer empathischen Haltung Polarisierung überwinden und demokratische Resilienz stärken lässt.

Sie beschäf­ti­gen sich inten­siv mit gewalt­freier Kommu­ni­ka­tion. Im Mai des laufen­den Jahres haben Sie im Küefer Martis Haus in Ruggell LI eine Ausstel­lung zu Kommu­ni­ka­tion und Konflik­ten kura­tiert. Was verbin­det für Sie Spra­che, Kunst und gesell­schaft­li­che Veränderung?

Der US-ameri­ka­ni­sche Psycho­loge Marshall B. Rosen­berg hat in den 1960er-Jahren die Methode der «Gewalt­freien Kommu­ni­ka­tion» entwi­ckelt und zwar als Gegen­ent­wurf dazu, wie wir übli­cher­weise mitein­an­der kommu­ni­zie­ren. Kleine Kinder haben meist noch ein sehr gutes Gespür dafür, was ihnen gut tut und was sie brau­chen. Zum Leid­we­sen ihrer Eltern fordern sie dies auch laut­hals ein, am liebs­ten mitten in einem Super­markt. Irgend­wann lernen Kinder aber, dass gewisse Dinge in einer Gesell­schaft als gut oder schlecht bzw. als rich­tig oder als falsch gelten. Wenn wir Gutes tun, werden wir belohnt, und wenn wir Schlech­tes tun, bestraft. Wir passen uns also daran an, was unsere Eltern, die Lehr­per­so­nen oder Chefs von uns erwar­ten und verler­nen immer mehr, zu spüren und auch zu kommu­ni­zie­ren, was wir bräuch­ten, um glück­lich zu sein. Wir glau­ben, wir «müss­ten» gewisse Dinge im Leben tun und über­le­gen gar nicht mehr, was wir eigent­lich tun wollen und mit welchen Menschen wir uns umge­ben wollen. Vermut­lich wäre es nur schon eine gesell­schaft­li­che Revo­lu­tion, die Wörter «müssen» und «sollen» aus dem Voka­bu­lar zu strei­chen, denn dann könn­ten wir ja nieman­dem mehr die Schuld an unse­rer Misere geben und müss­ten für das, was wir tun, die Verant­wor­tung übernehmen.

Kleine Kinder haben meist noch ein sehr gutes Gespür dafür, was ihnen gut tut und was sie brau­chen.
Laura Hilti

Kunst­schaf­fende werden von auto­ri­tä­ren Regimes wohl genau deshalb als Bedro­hung wahr­ge­nom­men, weil sich viele von ihnen nicht an die vorge­ge­be­nen Verhal­tens­wei­sen halten: Sie tun, was sie wollen und was sie für wich­tig halten und sind dabei auch noch bereit, unter sehr prekä­ren Bedin­gun­gen oder sogar unter Lebens­ge­fahr zu arbei­ten. Bei uns finden ja viele Leute, dass Kunst «nice to have» ist, aber sobald Demo­kra­tien bröckeln, werden Kunst­schaf­fende oft als erste verfolgt und ihre Werke werden verbo­ten. Man sieht ja jetzt auch in den USA, dass immer mehr Bücher verbo­ten werden, weil Spra­che eben viel kann, nämlich zum Beispiel auto­ri­täre Herr­scher kritisch hinter­fra­gen und aufzei­gen, dass es andere Lebens- und Gesell­schafts­ent­würfe gibt.

Gewalt­freie Kommu­ni­ka­tion zielt auf Empa­thie, Verständ­nis und Verbin­dung. Inwie­fern kann diese Haltung helfen, gesell­schaft­li­che Pola­ri­sie­rung oder Sprach­lo­sig­keit zu überwinden?

Wenn Menschen zusam­men­kom­men, gibt es immer Reibun­gen. Das ist in der Poli­tik so, aber auch in jeder priva­ten Bezie­hung. Viele von uns haben destruk­tive Stra­te­gien erlernt, um mit Meinungs­ver­schie­den­hei­ten umzu­ge­hen. Wenn eine andere Person beispiels­weise zu spät zu einer Verab­re­dung kommt, fres­sen wir den Ärger in uns hinein und explo­die­ren, wenn es zum drit­ten Mal passiert. Oder aber wir machen der Person Vorwürfe wie: «Du bist schon wieder zu spät. Was glaubst du denn, wie es mir geht, wenn du mich stän­dig warten lässt?» Beides führt dazu, dass man sich in eine Sack­gasse hinein­ma­nö­vriert und die Verbin­dung zur ande­ren Person gestört wird. Absur­der­weise erwar­ten wir dann von der Person, die wir soeben kriti­siert haben, dass sie sich bei uns entschul­digt. Dies passiert aber natür­lich nicht oder die Entschul­di­gung erfolgt, ohne dass sie als solche gemeint ist. So kann eine Situa­tion eska­lie­ren und am Schluss geht es beiden schlecht. 

Leider finden die schlimms­ten Konflikte oft zwischen Menschen statt, die sich beson­ders gern mögen.
Laura Hilti

Was ist in diesem Fall zu tun?

Gewalt­freie Kommu­ni­ka­tion bietet eine Alter­na­tive, um in schwie­ri­gen Situa­tio­nen mit ande­ren Perso­nen in Verbin­dung zu blei­ben. Man könnte z. B. sagen: «Du bist 15 Minu­ten nach der verein­bar­ten Zeit gekom­men. Ich bin gerade etwas frus­triert, weil mir Wert­schät­zung für meine Zeit wich­tig ist. Könn­test du mir viel­leicht sagen, warum du später gekom­men bist?» Wenn ich die andere Person nicht gleich in eine Ecke dränge und ihr böse Absich­ten unter­stelle, sind die Chan­cen auf ein gutes Gespräch markant höher. In der Gewalt­freien Kommu­ni­ka­tion gibt es vier Schritte, um etwas zu thema­ti­sie­ren, was einen stört: Zuerst beschreibe ich ohne Wertung, was passiert ist, dann sage ich der ande­ren Person, wie ich mich fühle und was mir gerade wich­tig ist und zuletzt bitte ich sie um etwas, was sie im Hier und Jetzt für mich tun könnte, damit mein Leben schö­ner wird. Das heisst nicht, dass sie dies dann tun muss, aber es eröff­net Möglich­kei­ten für ein konstruk­ti­ves Gespräch.

Baustelle Demo­kra­tie – gemein­nüt­zige Stif­tun­gen stär­ken Funda­mente. Instal­la­tion zum Thema von Laura Hilti. Sie hat bei der 9. Phil­an­thro­pie-Platt­form 2025 im Septem­ber im TAK Liech­ten­stein einen Input zur gewalt­freien Kommu­ni­ka­tion gege­ben. Bild: Laura Hilti

Ihre kura­to­ri­sche Arbeit schafft Räume für Begeg­nung und Refle­xion. Welche Rolle spielt Kunst für Sie als «kommu­ni­ka­ti­ver Reso­nanz­raum» in Zeiten zuneh­men­der gesell­schaft­li­cher Spannungen?

Im Ideal­fall kann man im Rahmen von Ausstel­lun­gen verschie­dene Menschen zusam­men­brin­gen. Wenn man aber wirk­lich will, dass Menschen aus verschie­de­nen Gesell­schafts­be­rei­chen kommen und nicht nur dieje­ni­gen der eige­nen «Bubble», dann ist das viel Arbeit und funk­tio­niert nur, wenn man Menschen mit einbe­zieht und sich für sie inter­es­siert. Wir haben in der bereits erwähn­ten Ausstel­lung eine Veran­stal­tung mit Tibeter:innen orga­ni­siert, die in Liech­ten­stein wohnen. Ich habe über mehrere Monate mit verschie­de­nen Perso­nen gespro­chen, aber aus Angst vor Repres­sa­lien durch die chine­si­schen Behör­den hat sich niemand getraut, sich zu äussern. Viele fürch­ten sich, nie mehr nach Tibet zurück­keh­ren zu können oder, was viel schlim­mer ist, dass ihre Verwand­ten in Tibet dafür bestraft werden, wenn sie hier etwas sagen. Ich konnte dann irgend­wann ein anony­mes Inter­view machen und wir haben als einzi­ges denk­ba­res Format einen Folk­lore-Abend orga­ni­siert mit Tanz, Butter­tee und einem unpo­li­ti­schen Gespräch. 

Wie war das Treffen?

Obwohl ein Zusam­men­kom­men also nur über kultu­relle Akti­vi­tä­ten möglich war, ist zwischen den Zeilen viel passiert. Es war sehr berüh­rend, die gegen­sei­tige Wert­schät­zung zu spüren und eine Ahnung davon zu bekom­men, was es heisst, in einer Demo­kra­tie zu leben und trotz­dem nichts sagen zu dürfen. Ich habe für die Ausstel­lung aber auch Beiträge von Stif­tun­gen und Verei­nen aus Liech­ten­stein zusam­men­ge­stellt, die rech­tes bis rechts­extre­mes Gedan­ken­gut vertre­ten oder dessen Verbrei­tung fördern. Dabei habe ich versucht, mit den entspre­chen­den Akteu­ren im Gespräch zu blei­ben über ihre Sicht auf Meinungs­frei­heit. Das war heraus­for­dernd, aber sobald man sich mit einer Person im glei­chen Raum befin­det und ihr zuhört, ist es viel leich­ter, sie als Mensch mit Unsi­cher­hei­ten, Wünschen etc. wahr­zu­neh­men und nicht nur einfach als Feindbild.

Demo­kra­tie lebt vom Gespräch, von der Fähig­keit, Unter­schiede auszu­hal­ten und Brücken zu bauen. Welche Erfah­run­gen machen Sie, wenn Sie kommu­ni­ka­tive oder künst­le­ri­sche Formate als Mittel demo­kra­ti­scher Resi­li­enz einsetzen?

Soeben habe ich einen drei­mi­nü­ti­gen Film reali­siert, der sich darum dreht, dass ein Mann stän­dig seine Socken liegen lässt und die Frau sich deswe­gen nervt. Unord­nung ist ein Thema, das in vielen Haus­hal­ten zu Konflik­ten führt und also eigent­lich gar nicht lustig ist. Ich habe mir aber über­legt, wie man dieses Thema humor­voll umset­zen könnte und wie man dabei auch noch lernen könnte, in einem solchen Konflikt gewalt­frei zu kommu­ni­zie­ren. Ich glaube, dass Humor ein gros­ses Poten­zial hat und viele Brücken bauen könnte, weil viel passiert, wenn man zusam­men lachen kann und vor allem, wenn man über sich selber lachen kann. Und gerade bei der Vermitt­lung von schwie­ri­gen Themen stellt sich die Frage, ob man lieber einen drei­mi­nü­ti­gen lusti­gen Film schaut oder ein komple­xes Buch liest. Sicher wäre es ideal, wenn viele Menschen am Abend noch solche Bücher lesen würden, aber es entspricht nicht der Reali­tät. Ich fände es deshalb wich­tig, dass es – gerade auch seitens der Hoch­schu­len und Univer­si­tä­ten – viel mehr kurze, verständ­li­che, unter­halt­same und humor­volle Formate gäbe, um wissen­schaft­li­che Erkennt­nisse zugäng­lich zu machen.

Wie können Künstler:innen, Kurator:innen und Kultur­in­sti­tu­tio­nen heute dazu beitra­gen, demo­kra­ti­sche Werte wie Offen­heit, Empa­thie und Dialog­fä­hig­keit zu fördern?

Sicher ist es wich­tig, dass alle Menschen, denen demo­kra­ti­sche Werte wich­tig sind, ihre Kräfte bündeln, zusam­men­ar­bei­ten und sich aus ihren jewei­li­gen Bubbles hinaus­be­we­gen. Dabei können künst­le­ri­sche Mittel eine grosse Kraft entfal­ten und Menschen mitein­an­der verbin­den. Darin sind z. B. Musiker:innen beson­ders gut. Es gibt ein Lied von «Danger Dan» mit dem Titel «Das ist alles von der Kunst­frei­heit gedeckt», in dem er auf sehr lustige Art und Weise beschreibt, dass unter dem Deck­man­tel der Kunst sehr viel möglich ist und in dem er ganz klar gegen rechte Poli­ti­ker und Verschwö­rungs­theo­re­ti­ker Stel­lung bezieht. 

Sicher ist es wich­tig, dass alle Menschen, denen demo­kra­ti­sche Werte wich­tig sind, ihre Kräfte bündeln, zusam­men­ar­bei­ten und sich aus ihren jewei­li­gen Bubbles hinaus­be­we­gen.
Laura Hilti

Kunst­schaf­fende haben – zumin­dest in Demo­kra­tien – die Narren­frei­heit, heikle Themen aufzu­grei­fen. Es gibt aber auch viele andere Formate wie Bücher und Podcasts, die es ermög­li­chen, andere Perspek­ti­ven kennen- und verste­hen zu lernen. Zwei inter­es­sante Inter­view-Podcasts, die sich expli­zit mit demo­kra­ti­schen Werten beschäf­ti­gen, sind «Frei­heit Deluxe» von Jagoda Mari­nić oder «In aller Ruhe» von Caro­lin Emcke. Kultur­in­sti­tu­tio­nen haben über ihre physi­schen Räume und ihre finan­zi­el­len Mittel natür­lich wiederum tolle Möglich­kei­ten, Menschen zusam­men­zu­brin­gen. Ich hoffe sehr, dass diese in Zukunft verstärkt genutzt werden.

Was braucht Demo­kra­tie Ihrer Meinung nach am dringendsten?

Ein gros­ses Problem ist sicher die wach­sende Ungleich­heit. Wenn reiche Menschen immer reicher werden und arme Menschen immer ärmer, also wenn es für Reiche Steu­er­sen­kun­gen gibt und gleich­zei­tig Sozi­al­hilfe redu­ziert wird, dann schafft das viel Unzu­frie­den­heit und es entste­hen viele – durch­aus berech­tigte – Ängste. Wir müssen uns dann auch wirk­lich nicht mehr wundern, wenn demo­kra­tie­feind­li­che Protest­par­teien gewählt werden. Leider machen solche Parteien dann Menschen wie Migrant:innen für die aktu­elle Situa­tion verant­wort­lich, obwohl sie nichts dafür können. Im Gegen­teil ist es ja so, dass gerade Migrant:innen viele der soge­nann­ten system­re­le­van­ten Jobs wie Kran­ken­pflege über­neh­men, ohne die unsere west­li­chen Gesell­schaf­ten kolla­bie­ren würden. Ich staune, wie schnell man verges­sen kann, dass noch in der Gene­ra­tion meiner Gross­el­tern viele Menschen ausge­wan­dert sind, weil sie so arm waren, und ich verstehe wirk­lich nicht, warum man diesen Menschen, die oft aus Verzweif­lung alles zurück­las­sen, das Leben noch zusätz­lich erschwe­ren muss. 

Wie können wir nach vorne schauen?

Es wäre doch schö­ner, wenn wir eine Welt hätten, in der alle eine Chance auf ein gutes Leben hätten und sich konstruk­tiv einbrin­gen könn­ten. Für eine gerech­tere Welt ist es aber notwen­dig, dass reiche Menschen stär­ker besteu­ert werden und dass man beson­ders dieje­ni­gen Menschen unter­stützt, die es nicht leicht haben. Es ist toll, dass viele reiche Menschen Stif­tun­gen grün­den und einen Teil ihres Vermö­gens frei­wil­lig für gute Zwecke spen­den, aber Frei­wil­lig­keit reicht einfach nicht aus. Ich möchte hier gerne auf die Bücher von Prof. Chris­tian Neuhäu­ser der TU Dort­mund hinwei­sen, der dies eindrück­lich beschreibt.

-
-