Sie beschäftigen sich intensiv mit gewaltfreier Kommunikation. Im Mai des laufenden Jahres haben Sie im Küefer Martis Haus in Ruggell LI eine Ausstellung zu Kommunikation und Konflikten kuratiert. Was verbindet für Sie Sprache, Kunst und gesellschaftliche Veränderung?
Der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg hat in den 1960er-Jahren die Methode der «Gewaltfreien Kommunikation» entwickelt und zwar als Gegenentwurf dazu, wie wir üblicherweise miteinander kommunizieren. Kleine Kinder haben meist noch ein sehr gutes Gespür dafür, was ihnen gut tut und was sie brauchen. Zum Leidwesen ihrer Eltern fordern sie dies auch lauthals ein, am liebsten mitten in einem Supermarkt. Irgendwann lernen Kinder aber, dass gewisse Dinge in einer Gesellschaft als gut oder schlecht bzw. als richtig oder als falsch gelten. Wenn wir Gutes tun, werden wir belohnt, und wenn wir Schlechtes tun, bestraft. Wir passen uns also daran an, was unsere Eltern, die Lehrpersonen oder Chefs von uns erwarten und verlernen immer mehr, zu spüren und auch zu kommunizieren, was wir bräuchten, um glücklich zu sein. Wir glauben, wir «müssten» gewisse Dinge im Leben tun und überlegen gar nicht mehr, was wir eigentlich tun wollen und mit welchen Menschen wir uns umgeben wollen. Vermutlich wäre es nur schon eine gesellschaftliche Revolution, die Wörter «müssen» und «sollen» aus dem Vokabular zu streichen, denn dann könnten wir ja niemandem mehr die Schuld an unserer Misere geben und müssten für das, was wir tun, die Verantwortung übernehmen.
Kleine Kinder haben meist noch ein sehr gutes Gespür dafür, was ihnen gut tut und was sie brauchen.
Laura Hilti
Kunstschaffende werden von autoritären Regimes wohl genau deshalb als Bedrohung wahrgenommen, weil sich viele von ihnen nicht an die vorgegebenen Verhaltensweisen halten: Sie tun, was sie wollen und was sie für wichtig halten und sind dabei auch noch bereit, unter sehr prekären Bedingungen oder sogar unter Lebensgefahr zu arbeiten. Bei uns finden ja viele Leute, dass Kunst «nice to have» ist, aber sobald Demokratien bröckeln, werden Kunstschaffende oft als erste verfolgt und ihre Werke werden verboten. Man sieht ja jetzt auch in den USA, dass immer mehr Bücher verboten werden, weil Sprache eben viel kann, nämlich zum Beispiel autoritäre Herrscher kritisch hinterfragen und aufzeigen, dass es andere Lebens- und Gesellschaftsentwürfe gibt.
Gewaltfreie Kommunikation zielt auf Empathie, Verständnis und Verbindung. Inwiefern kann diese Haltung helfen, gesellschaftliche Polarisierung oder Sprachlosigkeit zu überwinden?
Wenn Menschen zusammenkommen, gibt es immer Reibungen. Das ist in der Politik so, aber auch in jeder privaten Beziehung. Viele von uns haben destruktive Strategien erlernt, um mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Wenn eine andere Person beispielsweise zu spät zu einer Verabredung kommt, fressen wir den Ärger in uns hinein und explodieren, wenn es zum dritten Mal passiert. Oder aber wir machen der Person Vorwürfe wie: «Du bist schon wieder zu spät. Was glaubst du denn, wie es mir geht, wenn du mich ständig warten lässt?» Beides führt dazu, dass man sich in eine Sackgasse hineinmanövriert und die Verbindung zur anderen Person gestört wird. Absurderweise erwarten wir dann von der Person, die wir soeben kritisiert haben, dass sie sich bei uns entschuldigt. Dies passiert aber natürlich nicht oder die Entschuldigung erfolgt, ohne dass sie als solche gemeint ist. So kann eine Situation eskalieren und am Schluss geht es beiden schlecht.
Leider finden die schlimmsten Konflikte oft zwischen Menschen statt, die sich besonders gern mögen.
Laura Hilti
Was ist in diesem Fall zu tun?
Gewaltfreie Kommunikation bietet eine Alternative, um in schwierigen Situationen mit anderen Personen in Verbindung zu bleiben. Man könnte z. B. sagen: «Du bist 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit gekommen. Ich bin gerade etwas frustriert, weil mir Wertschätzung für meine Zeit wichtig ist. Könntest du mir vielleicht sagen, warum du später gekommen bist?» Wenn ich die andere Person nicht gleich in eine Ecke dränge und ihr böse Absichten unterstelle, sind die Chancen auf ein gutes Gespräch markant höher. In der Gewaltfreien Kommunikation gibt es vier Schritte, um etwas zu thematisieren, was einen stört: Zuerst beschreibe ich ohne Wertung, was passiert ist, dann sage ich der anderen Person, wie ich mich fühle und was mir gerade wichtig ist und zuletzt bitte ich sie um etwas, was sie im Hier und Jetzt für mich tun könnte, damit mein Leben schöner wird. Das heisst nicht, dass sie dies dann tun muss, aber es eröffnet Möglichkeiten für ein konstruktives Gespräch.

Ihre kuratorische Arbeit schafft Räume für Begegnung und Reflexion. Welche Rolle spielt Kunst für Sie als «kommunikativer Resonanzraum» in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen?
Im Idealfall kann man im Rahmen von Ausstellungen verschiedene Menschen zusammenbringen. Wenn man aber wirklich will, dass Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen kommen und nicht nur diejenigen der eigenen «Bubble», dann ist das viel Arbeit und funktioniert nur, wenn man Menschen mit einbezieht und sich für sie interessiert. Wir haben in der bereits erwähnten Ausstellung eine Veranstaltung mit Tibeter:innen organisiert, die in Liechtenstein wohnen. Ich habe über mehrere Monate mit verschiedenen Personen gesprochen, aber aus Angst vor Repressalien durch die chinesischen Behörden hat sich niemand getraut, sich zu äussern. Viele fürchten sich, nie mehr nach Tibet zurückkehren zu können oder, was viel schlimmer ist, dass ihre Verwandten in Tibet dafür bestraft werden, wenn sie hier etwas sagen. Ich konnte dann irgendwann ein anonymes Interview machen und wir haben als einziges denkbares Format einen Folklore-Abend organisiert mit Tanz, Buttertee und einem unpolitischen Gespräch.
Wie war das Treffen?
Obwohl ein Zusammenkommen also nur über kulturelle Aktivitäten möglich war, ist zwischen den Zeilen viel passiert. Es war sehr berührend, die gegenseitige Wertschätzung zu spüren und eine Ahnung davon zu bekommen, was es heisst, in einer Demokratie zu leben und trotzdem nichts sagen zu dürfen. Ich habe für die Ausstellung aber auch Beiträge von Stiftungen und Vereinen aus Liechtenstein zusammengestellt, die rechtes bis rechtsextremes Gedankengut vertreten oder dessen Verbreitung fördern. Dabei habe ich versucht, mit den entsprechenden Akteuren im Gespräch zu bleiben über ihre Sicht auf Meinungsfreiheit. Das war herausfordernd, aber sobald man sich mit einer Person im gleichen Raum befindet und ihr zuhört, ist es viel leichter, sie als Mensch mit Unsicherheiten, Wünschen etc. wahrzunehmen und nicht nur einfach als Feindbild.
Demokratie lebt vom Gespräch, von der Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten und Brücken zu bauen. Welche Erfahrungen machen Sie, wenn Sie kommunikative oder künstlerische Formate als Mittel demokratischer Resilienz einsetzen?
Soeben habe ich einen dreiminütigen Film realisiert, der sich darum dreht, dass ein Mann ständig seine Socken liegen lässt und die Frau sich deswegen nervt. Unordnung ist ein Thema, das in vielen Haushalten zu Konflikten führt und also eigentlich gar nicht lustig ist. Ich habe mir aber überlegt, wie man dieses Thema humorvoll umsetzen könnte und wie man dabei auch noch lernen könnte, in einem solchen Konflikt gewaltfrei zu kommunizieren. Ich glaube, dass Humor ein grosses Potenzial hat und viele Brücken bauen könnte, weil viel passiert, wenn man zusammen lachen kann und vor allem, wenn man über sich selber lachen kann. Und gerade bei der Vermittlung von schwierigen Themen stellt sich die Frage, ob man lieber einen dreiminütigen lustigen Film schaut oder ein komplexes Buch liest. Sicher wäre es ideal, wenn viele Menschen am Abend noch solche Bücher lesen würden, aber es entspricht nicht der Realität. Ich fände es deshalb wichtig, dass es – gerade auch seitens der Hochschulen und Universitäten – viel mehr kurze, verständliche, unterhaltsame und humorvolle Formate gäbe, um wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich zu machen.
Wie können Künstler:innen, Kurator:innen und Kulturinstitutionen heute dazu beitragen, demokratische Werte wie Offenheit, Empathie und Dialogfähigkeit zu fördern?
Sicher ist es wichtig, dass alle Menschen, denen demokratische Werte wichtig sind, ihre Kräfte bündeln, zusammenarbeiten und sich aus ihren jeweiligen Bubbles hinausbewegen. Dabei können künstlerische Mittel eine grosse Kraft entfalten und Menschen miteinander verbinden. Darin sind z. B. Musiker:innen besonders gut. Es gibt ein Lied von «Danger Dan» mit dem Titel «Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt», in dem er auf sehr lustige Art und Weise beschreibt, dass unter dem Deckmantel der Kunst sehr viel möglich ist und in dem er ganz klar gegen rechte Politiker und Verschwörungstheoretiker Stellung bezieht.
Sicher ist es wichtig, dass alle Menschen, denen demokratische Werte wichtig sind, ihre Kräfte bündeln, zusammenarbeiten und sich aus ihren jeweiligen Bubbles hinausbewegen.
Laura Hilti
Kunstschaffende haben – zumindest in Demokratien – die Narrenfreiheit, heikle Themen aufzugreifen. Es gibt aber auch viele andere Formate wie Bücher und Podcasts, die es ermöglichen, andere Perspektiven kennen- und verstehen zu lernen. Zwei interessante Interview-Podcasts, die sich explizit mit demokratischen Werten beschäftigen, sind «Freiheit Deluxe» von Jagoda Marinić oder «In aller Ruhe» von Carolin Emcke. Kulturinstitutionen haben über ihre physischen Räume und ihre finanziellen Mittel natürlich wiederum tolle Möglichkeiten, Menschen zusammenzubringen. Ich hoffe sehr, dass diese in Zukunft verstärkt genutzt werden.
Was braucht Demokratie Ihrer Meinung nach am dringendsten?
Ein grosses Problem ist sicher die wachsende Ungleichheit. Wenn reiche Menschen immer reicher werden und arme Menschen immer ärmer, also wenn es für Reiche Steuersenkungen gibt und gleichzeitig Sozialhilfe reduziert wird, dann schafft das viel Unzufriedenheit und es entstehen viele – durchaus berechtigte – Ängste. Wir müssen uns dann auch wirklich nicht mehr wundern, wenn demokratiefeindliche Protestparteien gewählt werden. Leider machen solche Parteien dann Menschen wie Migrant:innen für die aktuelle Situation verantwortlich, obwohl sie nichts dafür können. Im Gegenteil ist es ja so, dass gerade Migrant:innen viele der sogenannten systemrelevanten Jobs wie Krankenpflege übernehmen, ohne die unsere westlichen Gesellschaften kollabieren würden. Ich staune, wie schnell man vergessen kann, dass noch in der Generation meiner Grosseltern viele Menschen ausgewandert sind, weil sie so arm waren, und ich verstehe wirklich nicht, warum man diesen Menschen, die oft aus Verzweiflung alles zurücklassen, das Leben noch zusätzlich erschweren muss.
Wie können wir nach vorne schauen?
Es wäre doch schöner, wenn wir eine Welt hätten, in der alle eine Chance auf ein gutes Leben hätten und sich konstruktiv einbringen könnten. Für eine gerechtere Welt ist es aber notwendig, dass reiche Menschen stärker besteuert werden und dass man besonders diejenigen Menschen unterstützt, die es nicht leicht haben. Es ist toll, dass viele reiche Menschen Stiftungen gründen und einen Teil ihres Vermögens freiwillig für gute Zwecke spenden, aber Freiwilligkeit reicht einfach nicht aus. Ich möchte hier gerne auf die Bücher von Prof. Christian Neuhäuser der TU Dortmund hinweisen, der dies eindrücklich beschreibt.


