Was war der Ausgangspunkt für die Idee, ein Zukunftsszenario wie eine Jahrhundertflut als «Real-Fiktion» auf die Bühne zu bringen?
Obwohl internationale Krisen wie Kriege oder der Klimawandel viele junge Personen stark beschäftigen, wirkt Aussenpolitik oft komplex und weit weg vom Alltag. Dies wollten wir mit einem partizipativ-künstlerischen Format ändern und somit ein Erlebnis schaffen, in dem politische Prozesse nicht nur von aussen beobachtet, sondern aktiv erfahrbar werden. Wir wollten eine Parlamentsdebatte inszenieren, so dass junge Menschen erleben, wie spannend und gleichzeitig herausfordernd demokratische Entscheidungsfindung sein kann.
Auf der Suche nach einem künstlerischen Partner sind wir auf Proberaum Zukunft gestossen – ein Gesellschafts- und Theaterprojekt, welches fiktive Schlüsselereignisse der Zukunft als sogenanntes «Pre-Enactment» inszeniert. Daraus ist dann in enger Zusammenarbeit die erste Edition zu Klimathemen entstanden.
Das Format verbindet Theater, Politik und Partizipation. Was kann eine solche Mischform leisten, was klassische politische Debatten nicht können?
Zum einen floss ganz unterschiedliche Expertise in die Erarbeitung des Szenarios, bsp. Personen aus der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Auch das Publikum war sehr breit durchmischt. Es gab beispielsweise viele Berner:innen und Berner, die teilgenommen haben, weil sie gerne ein Theater im Ratshaus besuchen wollten oder einfach an der Kunstform interessiert waren. Andere kamen, weil sie sich schon lange mit Klimapolitik beschäftigen. Mit dabei waren auch Schulklassen, die noch nie an einer ähnlichen Debatte teilgenommen hatten und die Schüler danach berichteten, sie hätten sich «wie im Parlament gefühlt».
Zum Anderen erlaubt gerade die Fiktion des Szenarios – eine inszenierte Jahrtausendflut im Jahr 2037 – eine grosse Freiheit. Die Abende behandeln politische und gesellschaftliche Themen in absolut verdichteter Form, in 2 h müssen alle anwesenden Personen eine Entscheidung treffen, wie die Schweiz mit dieser Krise umgehen soll. Im Gegensatz zu politischen Debatten, in denen die Zuschauenden meist eine passive Rolle einnehmen (bsp. an einer Podiumsdebatte), sind die Personen im Publikum Teil des Szenarios. Alle müssen am Schluss an der Abstimmung teilnehmen und somit klar Position beziehen. Dies ermöglicht eine vertieftere Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und Verantwortung.
foraus entwickelt politische Ideen mit einem offenen Netzwerk. Welche Rolle hat foraus konkret im Projekt «Die Jahrtausendflut» gespielt?
Das Projekt ist eine Zusammenarbeit von foraus und Proberaum Zukunft, unserem künstlerischen Partner. foraus übernahm dabei eine grössere Rolle in der Identifizierung der politisch-relevanten Fragen, Ausarbeitung der Fakten für das Szenario sowie auch der Vernetzung mit Entscheidungsträger:innen und Expert:innen. Für die künstlerischen Elemente (Regie, Szenografie, Schreiben des Drehbuchs) war Proberaum Zukunft zuständig. Nach den Veranstaltungen im Berner Rathaus hat foraus dann die an den Abenden diskutierten Inhalte mithilfe einer Gruppe Parlamentarier:innen in eine Interpellation im Nationalrat überführt. Das Ziel: die offenen Fragen aus den Inszenierungen sollen in die Politik und die Verwaltung getragen werden. In jeder Phase des Projektes waren neben der Geschäftsstelle von foraus auch Dutzende Freiwillige aus unserem Netzwerk mit dabei, sowohl beim Brainstorming der ersten Ideen, wie auch dann mit aktiven Rollen (beispielsweise als Vertreter:in der «Parlamentsdienste» an den Abenden).
Verschiedene Stiftungen haben das Projekt unterstützt, war es eine reine finanzielle Unterstützung oder haben Mitarbeitende der Stiftungen mitgewirkt?
Die finanzielle Unterstützung aus der Stiftungswelt war sicher der wichtigste Teil zur Umsetzbarkeit des Projekts. Gleichzeitig fanden im Laufe der Projektumsetzung aber auch sehr spannende Erfahrungsaustausche mit und unter Stiftungen statt, die alle ganz unterschiedliche Expertise und Perspektiven mit einbrachten: Die Volkart Stiftung beispielsweise hat viel Erfahrung mit Klimaprojekten und konnte so verschiedene Learnings in dem Bereich teilen. Die Beisheim Stiftung wiederum brachte viel Erfahrung im Bereich von partizipativen Bildungsprojekten mit ein und Pro Helvetia deckte Perspektiven aus dem Kulturbereich ab. Insgesamt wurde das Projekt durch acht sehr diversen Finanzierungspartnern unterstützt und bereichert.
Warum engagiert sich ein Think Tank in einem künstlerischen Format?
Wir sind überzeugt, dass es neue Wege braucht, um Aussenpolitik und mögliche Zukunftsszenarien fassbarer zu machen. Dafür eignen sich künstlerische Formate, da sie durch das Erzählen einer Geschichte und das Schaffen eines dramatisch-packenden Moments sehr viel bewegen und vermitteln – aber auch neue Ideen und Handlungsvorschläge hervorbringen können.
Die Inszenierungen im Berner Rathaus sollten sich real anfühlen. Daher setzten wir für die Anlässe bewusst nicht einfach auf Schauspieler:innen, sondern auf Persönlichkeiten, die sich auch im echten Leben mit Fragen der internationalen Zusammenarbeit, Katastrophenschutz und dem Klima auseinandersetzen. Daraus folgte, dass nicht nur nationale Parlamentarier:innen wie Jacqueline de Quattro oder Flavia Wasserfallen eine aktive Rolle übernahmen, sondern beispielsweise auch Krisenprofi Daniel Koch, der ehemalige VBS Generalsekretär Toni Eder, die niederländische Botschafterin Kathrin Mössenlechner sowie lokale Persönlichkeiten wie der Präsident des Berner Stadtparlaments, Tom Berger oder der Präsident der Berner Gastrobetriebe, Beat Hostettler. Das führte dazu, dass sich das Format als eine Real-Fiktion gestaltete, in dem die Beteiligten nie sicher waren, wer oder was nun echt und was gespielt war.
Die Klima- und Aussenpolitik stehen im Zentrum des Szenarios. Welche politischen Debatten wollten Sie mit dem Projekt besonders anstossen?
Mit dem Szenario wollten wir für die Rolle der Schweiz in der internationalen Klimadebatte sensibilisieren. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass der Klimawandel die Schweiz stärker betreffen wird als lange angenommen und dass frühzeitige, evidenzbasierte Vorbereitung und Prävention langfristig deutlich geringere Kosten verursachen als spätere Schadensbewältigung.
Zudem wollten wir aufzeigen, wie eng klimapolitische Fragen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen verknüpft sind – etwa mit Sicherheitsfragen, Migration, wirtschaftlicher Entwicklung oder auch Fragen der Generationengerechtigkeit. Das Projekt versteht sich dabei nicht als politisches Positionspapier, sondern als ein auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhender Denk- und Diskussionsraum. Ziel war es, unterschiedliche Interessen, Sorgen, Chancen und Herausforderungen sichtbar zu machen, die die heutige Klimadebatte in der Schweiz prägen, diese in einen konstruktiven Austausch zu bringen und dadurch Hoffnung schaffen, dass gemeinsam Lösungen gefunden werden können.
Wie kommt das Format bei den unterschiedlichen Stakeholdern, insbesondere bei aktiven Politiker:innen an?
Nach der ersten Durchführung waren wir absolut überwältigt vom positiven Feedback, sowohl vom Publikum, den Medien, wie auch von den rund 70 Expert:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die teilgenommen haben. Wir hatten insgesamt 6 nationale Parlamentarier:innen, welche zum teil mehrmals teilnahmen, sowie mehrere lokale Politikgrössen dabei. Daneben waren auch 12 Parlamentarier:innen im überparteilichen Beirat dabei, der die politische Relevanz des Projektes sicherstellte.
Das Projekt wurde danach sowohl im Nationalrat, wie auch an gewissen Jahresversammlungen von Parteien oder auch im VBS diskutiert. Da die inszenierte Krise erfunden ist, bot dies den Parlamentarier:innen an den Abenden viel Freiheit, sich gemäss ihrer persönlichen Einschätzung zu positionieren. Alle Expert:innen, die beispielsweise an den Abenden die Position eines Krisenstabes eingenommen hatten, bekamen vorher von uns ein Dossier mit den wichtigsten Fakten zur Welt im Jahr 2037, die wir gemeinsam mit einem Team der ETH zusammengestellt hatten, und den politischen Gegebenheiten. Auf dieser Grundlage konnten sie frei improvisieren und ihre Meinung auch während dem Abend ändern.
Sehen Sie das Projekt als Modell für zukünftige demokratische Experimentierräume? Wenn ja: In welchen Themenfeldern wäre Real-Fiktion besonders wirksam?
Wir sind momentan dabei, das Projekt für eine Edition in Basel und in der Romandie weiterzuentwickeln und Fragestellungen aus der Debatte auch in die aktuelle Politik zu bringen. Mit «Die Jahrtausendflut» entwarfen wir ein Szenario zu Klimathemen. Das Format lässt sich aber auch auf Themen wie Migration, Wirtschafts- und Handelspolitik, Sicherheitspolitik oder dem Thema der Schweizer Neutralität anwenden.


