Katja Schönenberger, Geschäftsführerin SwissFoundations. Bild: zVg, SwissFoundations

Warum Stif­tun­gen jetzt den Mut zur Verän­de­rung brauchen

Am 3. September lädt SwissFoundations zum Stiftungssymposium in den Kursaal Bern. Das diesjährige Sektortreffen befasst sich damit, Wege aus der gesellschaftlichen Resignation aufzuzeigen und den Sektor fit für die Herausforderungen der Zukunft zu machen – mit Mut, Kooperation und neuen Denkansätzen.

Das Stif­tungs­sym­po­sium im Kursaal Bern steht vor der Tür. Wir haben mit Katja Schö­nen­ber­ger, Geschäfts­füh­re­rin von Swiss­Foun­da­ti­ons, gesprochen.

Was dürfen die Teilnehmer:innen erwar­ten – und was wünschen Sie sich persön­lich vom dies­jäh­ri­gen Branchentreffen?

Das Schwei­zer Stif­tungs­sym­po­sium MISSION POSSIBLE bietet am 3. Septem­ber im Kursaal Bern allen Inter­es­sier­ten die Chance, neue Impulse und Inspi­ra­tion für die Stif­tungs­ar­beit zu gewin­nen. Swiss­Foun­da­ti­ons hat dazu ein brei­tes Programm zusam­men­ge­stellt, mit vier­zehn verschie­de­nen Sessi­ons und viel­fäl­ti­gen Bühnen Spea­k­ern wie Hans Schöpf­lin (Schöpf­lin Stif­tung), Patri­cia Danzi (DEZA) und Michael Bruter (London School of Econo­mics and Poli­ti­cal Science).

Das Swiss­Foun­da­ti­ons Stif­tungs­sym­po­sium ist aber auch ein Ort der Begeg­nung. Als gröss­tes Sektor­tref­fen haben wir einmal pro Jahr die Möglich­keit, die verschie­de­nen Stake­hol­der an einen Ort zu brin­gen. Dies ist eine einma­lige Chance für die Stif­tun­gen neue Verbin­dun­gen zu schaf­fen und wert­volle Alli­an­zen zu schmie­den. In Anbe­tracht der gesell­schaft­li­chen Heraus­for­de­run­gen braucht es mehr syste­mi­sche Förde­rung und somit die Zusam­men­ar­beit aller Beteiligten.

Mein Wunsch wäre es deshalb, dass das Sympo­sium als Nähr­bo­den für zukünf­tige Koope­ra­tio­nen dient und unsere Platt­form seine Wirkung über den Veran­stal­tungs­tag hinaus entfal­ten kann.

Hier geht es zur Anmel­dung

Der Titel des Sympo­si­ums ist «Mission Possi­ble». Was ist für Sie persön­lich die Mission, die heute möglich – und viel­leicht sogar nötig – ist?

Das dies­jäh­rige Motto MISSION POSSIBLE soll eine Grund­hal­tung vermit­teln, mit welcher wir den gesell­schaft­li­chen Heraus­for­de­run­gen begeg­nen möch­ten. Nur so können wir als Kollek­tiv schein­bar Unmög­li­ches möglich machen. In Zeiten von Poly­kri­sen ist Resi­gna­tion keine Option. Unser Ziel ist es deshalb, dass die Teil­neh­men­den mutig und bestärkt am Abend das Sympo­sium verlas­sen und ihre Stif­tungs­tä­tig­keit entspre­chend weiter­füh­ren, reflek­tie­ren oder umge­stal­ten.
Das Poten­zial des Sektors, posi­tive gesell­schaft­li­che Verän­de­run­gen voran­zu­trei­ben, ist gross. Daher rufen wir dazu auf, sich mit der eige­nen Förder­pra­xis ausein­an­der­zu­set­zen und gemein­same Lösungs­an­sätze voran­zu­trei­ben.  
Die fünf Leit­ideen unse­rer Future-Proof-Funding Initia­tive geben dazu Orien­tie­rung: Sind wir als Stif­tung voraus­schau­end? Lern­be­reit? Denken wir parti­zi­pa­tiv und arbei­ten mit ande­ren zusam­men? Ermög­li­chen mehr als nur Finan­zie­rung?
Sieben Sympo­sium Sessi­ons sind Teil der Future-Proof-Funding Initia­tive und bieten Raum für genau solche Reflexionen. 

Im neu veröf­fent­lich­ten Stif­tungs­re­port 2025 geht hervor, dass Stif­tun­gen in der Schweiz Projekte, Orga­ni­sa­tio­nen etc. mit rund sechs Milli­ar­den Fran­ken jähr­lich fördern. Wie risi­ko­be­reit ist diese Förde­rung, wenn es um Projekte mit einer «Mission Impos­si­ble» geht?

Förder­stif­tun­gen haben genau die Möglich­keit Risi­ken einzu­ge­hen und müssen nicht wie ein Unter­neh­men im Markt bestehen oder wie die öffent­li­che Hand beispiels­weise vor einer Gemein­de­ver­samm­lung. Stif­tun­gen könn­ten diese Rolle meiner Ansicht nach öfter spie­len und reflek­tie­ren, was sie zur Demo­kra­tie-Stär­kung beitra­gen können oder welche Para­me­ter sie fest­zu­le­gen hätten, damit sie Medi­en­för­de­rung betrei­ben können – um zwei Beispiele zu nennen. 

Swiss­Foun­da­ti­ons ist Grün­dungs­mit­glied des kürz­lich lancier­ten Vereins Stif­tung­s­tand­ort Zürich. Was verspre­chen Sie sich konkret von diesem Zusam­men­schluss – und worin sehen Sie die beson­dere Stärke dieses Standorts?

Der Verein Stif­tungs­stand­ort Zürich ist ein gutes Beispiel einer erfolg­rei­chen kanto­na­len Stand­ort­in­itia­tive. Der Kanton hat als gröss­ter Stif­tungs­kan­ton und aufgrund seiner offen­si­ven Kommu­ni­ka­tion eine Vorrei­ter­rolle einge­nom­men. Mit der Grün­dung des Vereins zeigen die Betei­lig­ten und der Kanton nun ein lang­fris­ti­ges Commit­ment zur Weiter­ent­wick­lung des Zürcher Stif­tungs­stand­or­tes. Der Zusam­men­schluss von der Volks­wirt­schafts­di­rek­tion, Swiss­Foun­da­ti­ons, proFonds, dem Zentrum für Stif­tungs­recht an der Univer­si­tät Zürich und der ZKB Phil­an­thro­pie Stif­tung vereint man verschie­dene Sektor­per­spek­ti­ven. So legen wir die Grund­lage für breite, kolla­bo­ra­tive Vorha­ben im Kanton. Passend dazu findet das 1. Stif­tungs­fo­rum, orga­ni­siert vom Verein, unter dem Motto «Kolla­bo­ra­tion schafft Wirkung» am 1. Okto­ber im Lake Side statt. www.foundations.zuerich

Der neue Zürcher Verein will auch den Dialog mit Poli­tik und Verwal­tung stär­ken. Welche Rolle sollte die Phil­an­thro­pie aus Ihrer Sicht künf­tig im öffent­li­chen Diskurs einnehmen?

Phil­an­thro­pie bzw. das gemein­nüt­zige Enga­ge­ment von Stif­tun­gen – soll auch in Zukunft eine aktive Stimme im öffent­li­chen Austausch sein. Das ist wich­tig für eine gesunde Demokratie.

Gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tio­nen dürfen sich poli­tisch äussern – solange sie partei­po­li­tisch neutral blei­ben und es der Erfül­lung ihres Zwecks dient. Das ist rich­tig und wich­tig. Denn poli­ti­sches Enga­ge­ment gehört zu einer leben­di­gen Zivilgesellschaft.

Als Swiss­Foun­da­ti­ons setzen wir uns dafür ein, dass dieser Hand­lungs­spiel­raum erhal­ten bleibt. Gleich­zei­tig suchen wir den Dialog mit Poli­tik und Gesell­schaft – und sind bereit, auch selbst­kri­tisch über die Rolle und Verant­wor­tung von Stif­tun­gen zu spre­chen. Nur so kann Phil­an­thro­pie zur Lösung gesell­schaft­li­cher Heraus­for­de­run­gen beitragen.

Wenn Sie auf das nächste phil­an­thro­pi­sche Jahr­hun­dert blicken: Welche Mittel und Haltun­gen braucht es wirk­lich, um mit Phil­an­thro­pie nach­hal­tig Wirkung zu entfalten?

Nach­hal­tige Wirkung in der Phil­an­thro­pie entsteht nicht allein durch finan­zi­elle Mittel, sondern vor allem durch ein offe­nes Mind­set. Für mich bedeu­tet das: Wer etwas bewe­gen will, ist bereit, Macht zu teilen und zeigt Mut. Mut, Verant­wor­tung gemein­sam zu tragen, mutige Part­ner­schaf­ten einzu­ge­hen und auch dort zu inves­tie­ren, wo Verän­de­run­gen nicht sofort sicht­bar sind, dafür aber lang­fris­tig Systeme verän­dern können.

Wirkungs­volle Phil­an­thro­pie heisst auch, zu anti­zi­pie­ren, also Verän­de­run­gen früh zu erken­nen und darauf zu reagie­ren. Es heisst, zu lernen, also offen zu sein für die Perspek­tive von anderen.

Diese Gedan­ken haben wir in den fünf Leit­ideen der Future-Proof Funding Initia­tive fest­ge­hal­ten. Damit möch­ten wir die Stif­tun­gen zur Refle­xion einladen.

 Die Leit­ideen lauten:

  1. Wir schauen voraus.
  2. Wir wollen lernen.
  3. Wir denken partizipativ.
  4. Wir arbei­ten zusammen.
  5. Wir ermög­li­chen

Digi­ta­li­sie­rung, Koope­ra­tio­nen und Wirkungs­mes­sung gelten als zentrale Hebel der Weiter­ent­wick­lung in der Phil­an­thro­pie. Welche dieser Instru­mente halten Sie uner­läss­lich – und welche für noch zu wenig ausgeschöpft?

An erster Stelle steht für mich die Haltung, als Förder­stif­tung grösst­mög­li­che Wirkung entfal­ten zu wollen. Ausge­hend von dieser Haltung setzen sie dabei Instru­mente unter­schied­lich ausge­prägt ein — sei es die Nutzung digi­ta­ler Matching­platt­for­men wie StiftungSchweiz, das Einge­hen wirkungs­ori­en­tier­ter Koope­ra­tio­nen oder der Einsatz konkre­ter Metho­den zur Wirkungs­mes­sung. Viele Werk­zeuge und Ansätze sind bereits vorhan­den: Hand­bü­cher, Kurse, digi­tale Tools, bewährte Modelle für Förder­al­li­an­zen – es mangelt nicht an Wissen oder Beispielen.

Der entschei­dende nächste Schritt ist: ins Tun kommen. auspro­bie­ren, anpas­sen, lernen. heraus­fin­den, was zur eige­nen Stif­tung passt – und was nicht. Der Mut, sich auf diesen Prozess einzu­las­sen, ist zentral. Denn nach­hal­tige Wirkung entsteht dort, wo wir den Mut haben, nicht alles perfekt wissen zu müssen – aber bereit sind, uns gemein­sam auf den Weg zu machen.

Oder wie es so tref­fend heisst: «Good enough for now, safe enough to try.» Das wird uns weiterbringen.

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