Symbolbild: Aakash Dhage, unsplash

Warum Mund­ge­sund­heit zählt

Mundkrankheiten gehören zu den häufigsten nichtübertragbaren Erkrankungen weltweit – rund 3,5 Milliarden Menschen sind betroffen. Mundgesundheit ist weit mehr als ein kosmetisches Thema: Sie ist zentral für die allgemeine Gesundheit. Unbehandelte Infekte haben teils gravierende gesundheitliche Folgen. The Philanthropist hat dazu das Engagement von verschiedenen Organisationen zusammengetragen. Mercy Ships Schweiz in Afrika, Misheel Kids Foundation in der Mongolei und die Kooperation der Suyana Foundation und Straumann Foundation in Peru setzen sich für die Mundgesundheit der Menschen ein.

Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) sagt, dass es keine Gesund­heit ohne Mund­ge­sund­heit gibt. Viele Erkran­kun­gen seien vermeid­bar. Karies, Zahn­fleisch­erkran­kun­gen oder Infek­tio­nen lies­sen sich durch einfa­che, nicht-inva­sive Mass­nah­men auf Ebene der Primär­ver­sor­gung verhin­dern oder behan­deln. Aller­dings ist die zahn­me­di­zi­ni­sche Versor­gung welt­weit ungleich – nicht zuletzt, weil die Systeme vieler­orts auf spezia­li­sierte, hoch­tech­ni­sierte und für viele Fami­lien uner­schwing­li­che Behand­lun­gen ausge­rich­tet sind.

Mit einer Reso­lu­tion zur Mund­ge­sund­heit (2021) und der Globa­len Stra­te­gie zur Mund­ge­sund­heit (2022) haben die WHO-Mitglied­staa­ten einen Kurs­wech­sel einge­lei­tet. 2023 folgte der Globale Akti­ons­plan für Mund­ge­sund­heit 2023–2030, der 100 konkrete Mass­nah­men und elf globale Ziel­vor­ga­ben defi­niert. Ziel ist es, Mund­ge­sund­heit syste­ma­tisch in die Primär­ver­sor­gung und in Programme zur univer­sel­len Gesund­heits­ver­sor­gung zu inte­grie­ren – und sie damit als festen Bestand­teil der Präven­tion nicht über­trag­ba­rer Krank­hei­ten zu verankern. 

Einsatz in Afrika

Die Notwen­dig­keit ist erkannt. Trotz­dem weisen NGO wie Mercy Ships weiter­hin auf die zahn­me­di­zi­ni­sche Versor­gung hin. «Trotz ihrer erheb­li­chen sozia­len und wirt­schaft­li­chen Auswir­kun­gen wird die Mund­ge­sund­heit in den globa­len Gesund­heits­agen­den weiter­hin vernach­läs­sigt», Sagt Mercy Ship Schweiz, «Mund­er­kran­kun­gen stehen nicht nur im Zusam­men­hang mit Zahn­schmer­zen und Infek­tio­nen, sondern auch mit Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen, Lungen­ent­zün­dung, Diabe­tes­kom­pli­ka­tio­nen und Schwan­ger­schafts­kom­pli­ka­tio­nen.» Mercy Ships ist mit ihren Hospi­tal­schif­fen seit vielen Jahren vor allem in verschie­de­nen Ländern des afri­ka­ni­schen Konti­nents aktiv, wo frei­wil­lige medi­zi­ni­sche Teams lebens­ver­än­dernde chir­ur­gi­sche Eingriffe und zahn­me­di­zi­ni­sche Behand­lun­gen durchführen. 

Stark einge­schränkte Versorgung 

In vielen Ländern südlich der Sahara ist der Zugang zur zahn­me­di­zi­ni­schen Versor­gung drama­tisch einge­schränkt. Das Verhält­nis von Zahnärzt:innen zur Bevöl­ke­rung kann 1:100’000 über­stei­gen. So haben Millio­nen Menschen keinen Zugang zu grund­le­gen­der Zahn­be­hand­lung. Deshalb ist für Mercy Ships die Zahn­me­di­zin auf dem Hospi­tal­schiff inte­gra­ler Bestand­teil einer ganz­heit­li­chen Versor­gung. «Zu den Leis­tun­gen gehö­ren Unter­su­chun­gen, Zahn­rei­ni­gun­gen, Zahn­ex­trak­tio­nen, Füllun­gen, endodon­ti­sche Behand­lun­gen und Aufklä­rung zur Mund­ge­sund­heit», erklärt die Orga­ni­sa­tion. Ihr Anspruch ist es, sicher­zu­stel­len, dass Patient:innen von einer verbes­ser­ten Mund­ge­sund­heit und Schmerz­lin­de­rung profi­tie­ren. Im Jahr 2024 konn­ten 13’829 Zahn­be­hand­lun­gen durch­ge­führt werden.

Africa Mercy. Bild: zVg Mercy Ship

Kapa­zi­täts­auf­bau durch univer­si­täre Kooperation

Aller­dings will Mercy Ships über punk­tu­elle Hilfe hinaus­ge­hen und lokale Ausbil­dungs­ka­pa­zi­tä­ten aufbauen. In Guinea koope­riert die Orga­ni­sa­tion mit der Zahn­me­di­zi­ni­schen Fakul­tät der Univer­sité Gamal Abdel Nasser de Cona­kry (UGANC), um klini­sche Ausbil­dung und Lehr­pläne zu stär­ken. Simu­la­ti­ons­trai­nings und prak­ti­sche Schu­lun­gen sollen bestehende Ausbil­dungs­lü­cken schlies­sen. Studie­rende aus mehre­ren west­afri­ka­ni­schen Ländern nehmen teil.

Den Erfolg misst Mercy Ships an struk­tu­rel­len Kenn­zah­len: «Der lang­fris­tige Erfolg wird anhand der Einschrei­bungs- und Abschluss­quo­ten der Studie­ren­den, der Anzahl der Zahn­ärzte, die ihre Fach­arzt­aus­bil­dung abschlies­sen, und der Spezia­li­sie­rungs­wege durch Part­ner wie die Moham­med VI Univer­sity of Health Scien­ces gemes­sen,» so die Orga­ni­sa­tion. 2026 sind 65 Studie­rende einge­schrie­ben, bis 2028 sollen 16 einen post­gra­dua­len Abschluss in Marokko erwer­ben – mit dem Ziel, später selbst als Dozie­rende zurück­zu­keh­ren. Auch in Sene­gal und Togo unter­stützt Mercy Ships Univer­si­tä­ten und enga­giert sich im Netz­werk der Asso­cia­tion pour l’Éducation Dentaire en Afri­que (AEDA). Gemein­sam mit der geplan­ten Hoch­schule CODECSA versteht die Orga­ni­sa­tion diese Initia­ti­ven als einheit­li­che Stra­te­gie zur Umge­stal­tung der zahn­me­di­zi­ni­schen Ausbil­dung in ganz Afrika – über den Einsatz des Hospi­tal­schiffs hinaus.

Einsatz in Zentralasien

Zahn­ge­sund­heit ist auch in der Mongo­lei kein Rand­thema, sondern eine der drän­gends­ten Gesund­heits­fra­gen für Kinder. Seit über zehn Jahren enga­giert sich die Misheel Kids Foun­da­tion für die Zahn­ge­sund­heit benach­tei­lig­ter Kinder in der Mongo­lei. Das Land erstreckt sich über eine riesige Fläche Es ist dünn besie­delt und infra­struk­tu­rell heraus­for­dernd. Rund die Hälfte der Bevöl­ke­rung lebt in der Haupt­stadt Ulaan­baa­tar, viele davon in prekä­ren soge­nann­ten Ger-Distrik­ten – infor­mel­len Wohn­ge­bie­ten. Gleich­zei­tig sind 39,3 Prozent der Bevöl­ke­rung unter 20 Jahre alt – eine sehr junge Gesell­schaft mit entspre­chend gros­sem Präventionsbedarf.

Gros­ser Handlungsbedarf

Der Hand­lungs­be­darf ist enorm: 88,6 Prozent der unter­such­ten Kinder leiden an Karies. Es ist die Folge des stei­gen­den Zucker­kon­sums kombi­niert mit einer fehlen­den Zahn­pfle­ge­tra­di­tion und dem mangeln­den Zugang zu einer bezahl­ba­ren Behand­lung. Gestar­tet wurde das Enga­ge­ment der Stif­tung unter extre­men Bedin­gun­gen mit  Dental-Treks. Unter­des­sen hat sich der Tätig­keits­be­reich weiter­ent­wi­ckelt. Neben der Akut­ver­sor­gung setzt die Stif­tung heute auf Präven­tion und Ausbil­dung loka­ler Instruktor:innen. 2024 star­tete in Bayankhon­gor ein erstes struk­tu­rier­tes Schu­lungs­pro­gramm, 2025 soll ein dauer­haf­tes Oral Health Center eröff­nen. Über 15’000 behan­delte Kinder und tausende geschulte Eltern zeigen: Nach­hal­tige Zahn­ge­sund­heit braucht mehr als Hilfe – sie braucht Struk­tu­ren. Gegrün­det wurde die Stif­tung von Gabri­ella Schmidt-Corsitto (Schweiz) gemein­sam mit mongo­li­schen Partner:innen. 

Einsatz in Lateinamerika

Auch in den Hochan­den und im perua­ni­schen Amazo­nas­ge­biet ist Zahn­ge­sund­heit oft ein Luxus. Lange Wege, fehlende Infra­struk­tur und knappe Ressour­cen erschwe­ren den Zugang zu medi­zi­ni­scher Grund­ver­sor­gung. Beson­ders Kinder in den Regio­nen Puno, Cusco und Apurí­mac leiden unter unbe­han­del­ter Karies, früh­zei­ti­gem Zahn­ver­lust und Infek­tio­nen. Seit Beginn der Akti­vi­tä­ten der Suyana Foun­da­tion in Peru wurden bereits über 150’000 Behand­lun­gen durch­ge­führt und mehr als 18’000 Schüler:innen in Mund­hy­giene geschult.

Syste­mi­scher Ansatz 

Die Suyana Foun­da­tion und die Strau­mann Group Foun­da­tion bündeln seit 2025 ihre Kräfte in einer neuen Koope­ra­tion, um präven­tive und kura­tive Zahn­me­di­zin in abge­le­gene perua­ni­sche Gemein­den zu brin­gen. Herz­stück des Projekts sind zwei moderne mobile Zahn­kli­ni­ken, die Schu­len und Dorf­ge­mein­schaf­ten direkt anfah­ren, sowie ein perma­nen­ter Behand­lungs­stuhl im Gesund­heits­zen­trum von Yana­tile (Cusco). Das Ange­bot wird durch Schu­lun­gen und Hygie­ne­pro­gramme ergänzt. Denn lang­fris­tig zielt das Projekt auf Verhal­tens­än­de­rung und lokale Kompe­tenz­ent­wick­lung. In der ersten Phase bis 2026 sind 5000 Behand­lun­gen geplant. Die Schwei­zer Handels­kam­mer in Peru spielt dabei eine zentrale Rolle: Unter der Leitung von Corinne Schirmer erwei­tert sie ihr Mandat über die Wirt­schaft hinaus, indem sie Stif­tun­gen und Vereine in Alli­an­zen einbin­det. «Wir sind eine der ersten Handels­kam­mern, die auch soziale Orga­ni­sa­tio­nen einlädt, Koope­ra­tio­nen zu schaf­fen, weil Unter­neh­men soziale und nach­hal­tige Programme brau­chen», erklärt Schirmer.

Impres­sio­nen aus dem gemein­sa­men Projekt der Suyana Foun­da­tion und der Strau­mann Group Foun­da­tion Bilder: zVg, Suyana Foundation

Mund­ge­sund­heit ein inte­gra­ler Bestand­teil der Primärversorgung

Die Initiator:innen aller Projekte, ob in Afrika, der Mongo­lei oder in Peru, eint das Ziel, diese Lücken zu schlies­sen – nicht nur punk­tu­ell, sondern syste­misch. Mercy Ships Schweiz arbei­tet auf Hospi­tal­schif­fen in West­afrika, bildet lokale Zahnärzt:innen aus und stärkt Univer­si­tä­ten. Die Misheel Kids Foun­da­tion setzt in der Mongo­lei auf Präven­tion, Schu­lun­gen und den Aufbau dauer­haf­ter Struk­tu­ren. In Peru brin­gen die Suyana Foun­da­tion und die Strau­mann Foun­da­tion mobile Zahn­kli­ni­ken in abge­le­gene Gemein­den und schu­len Kinder und Fami­lien in Mund­hy­giene. Alle formu­lie­ren den Anspruch, dass Mund­ge­sund­heit ein inte­gra­ler Bestand­teil der Primär­ver­sor­gung werden muss. «Eltern werden geschult, Kinder zu Botschaf­tern der Mund­hy­giene – unser Ziel sind null Kari­es­fälle bei Kindern», sagt Alberto Arango De La Torre von Suyana Latein­ame­rika. Alle Projekte zeigen, dass nach­hal­tige Zahn­ge­sund­heit mehr braucht als einma­lige Hilfe: Es braucht einen syste­mi­schen Ansatz, welcher Ausbil­dung, Präven­tion und syste­ma­ti­sche Struk­tu­ren glei­cher­mas­sen berücksichtigt.