Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, dass es keine Gesundheit ohne Mundgesundheit gibt. Viele Erkrankungen seien vermeidbar. Karies, Zahnfleischerkrankungen oder Infektionen liessen sich durch einfache, nicht-invasive Massnahmen auf Ebene der Primärversorgung verhindern oder behandeln. Allerdings ist die zahnmedizinische Versorgung weltweit ungleich – nicht zuletzt, weil die Systeme vielerorts auf spezialisierte, hochtechnisierte und für viele Familien unerschwingliche Behandlungen ausgerichtet sind.
Mit einer Resolution zur Mundgesundheit (2021) und der Globalen Strategie zur Mundgesundheit (2022) haben die WHO-Mitgliedstaaten einen Kurswechsel eingeleitet. 2023 folgte der Globale Aktionsplan für Mundgesundheit 2023–2030, der 100 konkrete Massnahmen und elf globale Zielvorgaben definiert. Ziel ist es, Mundgesundheit systematisch in die Primärversorgung und in Programme zur universellen Gesundheitsversorgung zu integrieren – und sie damit als festen Bestandteil der Prävention nicht übertragbarer Krankheiten zu verankern.
Einsatz in Afrika
Die Notwendigkeit ist erkannt. Trotzdem weisen NGO wie Mercy Ships weiterhin auf die zahnmedizinische Versorgung hin. «Trotz ihrer erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen wird die Mundgesundheit in den globalen Gesundheitsagenden weiterhin vernachlässigt», Sagt Mercy Ship Schweiz, «Munderkrankungen stehen nicht nur im Zusammenhang mit Zahnschmerzen und Infektionen, sondern auch mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenentzündung, Diabeteskomplikationen und Schwangerschaftskomplikationen.» Mercy Ships ist mit ihren Hospitalschiffen seit vielen Jahren vor allem in verschiedenen Ländern des afrikanischen Kontinents aktiv, wo freiwillige medizinische Teams lebensverändernde chirurgische Eingriffe und zahnmedizinische Behandlungen durchführen.
Stark eingeschränkte Versorgung
In vielen Ländern südlich der Sahara ist der Zugang zur zahnmedizinischen Versorgung dramatisch eingeschränkt. Das Verhältnis von Zahnärzt:innen zur Bevölkerung kann 1:100’000 übersteigen. So haben Millionen Menschen keinen Zugang zu grundlegender Zahnbehandlung. Deshalb ist für Mercy Ships die Zahnmedizin auf dem Hospitalschiff integraler Bestandteil einer ganzheitlichen Versorgung. «Zu den Leistungen gehören Untersuchungen, Zahnreinigungen, Zahnextraktionen, Füllungen, endodontische Behandlungen und Aufklärung zur Mundgesundheit», erklärt die Organisation. Ihr Anspruch ist es, sicherzustellen, dass Patient:innen von einer verbesserten Mundgesundheit und Schmerzlinderung profitieren. Im Jahr 2024 konnten 13’829 Zahnbehandlungen durchgeführt werden.

Kapazitätsaufbau durch universitäre Kooperation
Allerdings will Mercy Ships über punktuelle Hilfe hinausgehen und lokale Ausbildungskapazitäten aufbauen. In Guinea kooperiert die Organisation mit der Zahnmedizinischen Fakultät der Université Gamal Abdel Nasser de Conakry (UGANC), um klinische Ausbildung und Lehrpläne zu stärken. Simulationstrainings und praktische Schulungen sollen bestehende Ausbildungslücken schliessen. Studierende aus mehreren westafrikanischen Ländern nehmen teil.
Den Erfolg misst Mercy Ships an strukturellen Kennzahlen: «Der langfristige Erfolg wird anhand der Einschreibungs- und Abschlussquoten der Studierenden, der Anzahl der Zahnärzte, die ihre Facharztausbildung abschliessen, und der Spezialisierungswege durch Partner wie die Mohammed VI University of Health Sciences gemessen,» so die Organisation. 2026 sind 65 Studierende eingeschrieben, bis 2028 sollen 16 einen postgradualen Abschluss in Marokko erwerben – mit dem Ziel, später selbst als Dozierende zurückzukehren. Auch in Senegal und Togo unterstützt Mercy Ships Universitäten und engagiert sich im Netzwerk der Association pour l’Éducation Dentaire en Afrique (AEDA). Gemeinsam mit der geplanten Hochschule CODECSA versteht die Organisation diese Initiativen als einheitliche Strategie zur Umgestaltung der zahnmedizinischen Ausbildung in ganz Afrika – über den Einsatz des Hospitalschiffs hinaus.
Einsatz in Zentralasien
Zahngesundheit ist auch in der Mongolei kein Randthema, sondern eine der drängendsten Gesundheitsfragen für Kinder. Seit über zehn Jahren engagiert sich die Misheel Kids Foundation für die Zahngesundheit benachteiligter Kinder in der Mongolei. Das Land erstreckt sich über eine riesige Fläche Es ist dünn besiedelt und infrastrukturell herausfordernd. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Ulaanbaatar, viele davon in prekären sogenannten Ger-Distrikten – informellen Wohngebieten. Gleichzeitig sind 39,3 Prozent der Bevölkerung unter 20 Jahre alt – eine sehr junge Gesellschaft mit entsprechend grossem Präventionsbedarf.
Grosser Handlungsbedarf
Der Handlungsbedarf ist enorm: 88,6 Prozent der untersuchten Kinder leiden an Karies. Es ist die Folge des steigenden Zuckerkonsums kombiniert mit einer fehlenden Zahnpflegetradition und dem mangelnden Zugang zu einer bezahlbaren Behandlung. Gestartet wurde das Engagement der Stiftung unter extremen Bedingungen mit Dental-Treks. Unterdessen hat sich der Tätigkeitsbereich weiterentwickelt. Neben der Akutversorgung setzt die Stiftung heute auf Prävention und Ausbildung lokaler Instruktor:innen. 2024 startete in Bayankhongor ein erstes strukturiertes Schulungsprogramm, 2025 soll ein dauerhaftes Oral Health Center eröffnen. Über 15’000 behandelte Kinder und tausende geschulte Eltern zeigen: Nachhaltige Zahngesundheit braucht mehr als Hilfe – sie braucht Strukturen. Gegründet wurde die Stiftung von Gabriella Schmidt-Corsitto (Schweiz) gemeinsam mit mongolischen Partner:innen.
Einsatz in Lateinamerika
Auch in den Hochanden und im peruanischen Amazonasgebiet ist Zahngesundheit oft ein Luxus. Lange Wege, fehlende Infrastruktur und knappe Ressourcen erschweren den Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Besonders Kinder in den Regionen Puno, Cusco und Apurímac leiden unter unbehandelter Karies, frühzeitigem Zahnverlust und Infektionen. Seit Beginn der Aktivitäten der Suyana Foundation in Peru wurden bereits über 150’000 Behandlungen durchgeführt und mehr als 18’000 Schüler:innen in Mundhygiene geschult.
Systemischer Ansatz
Die Suyana Foundation und die Straumann Group Foundation bündeln seit 2025 ihre Kräfte in einer neuen Kooperation, um präventive und kurative Zahnmedizin in abgelegene peruanische Gemeinden zu bringen. Herzstück des Projekts sind zwei moderne mobile Zahnkliniken, die Schulen und Dorfgemeinschaften direkt anfahren, sowie ein permanenter Behandlungsstuhl im Gesundheitszentrum von Yanatile (Cusco). Das Angebot wird durch Schulungen und Hygieneprogramme ergänzt. Denn langfristig zielt das Projekt auf Verhaltensänderung und lokale Kompetenzentwicklung. In der ersten Phase bis 2026 sind 5000 Behandlungen geplant. Die Schweizer Handelskammer in Peru spielt dabei eine zentrale Rolle: Unter der Leitung von Corinne Schirmer erweitert sie ihr Mandat über die Wirtschaft hinaus, indem sie Stiftungen und Vereine in Allianzen einbindet. «Wir sind eine der ersten Handelskammern, die auch soziale Organisationen einlädt, Kooperationen zu schaffen, weil Unternehmen soziale und nachhaltige Programme brauchen», erklärt Schirmer.




Impressionen aus dem gemeinsamen Projekt der Suyana Foundation und der Straumann Group Foundation Bilder: zVg, Suyana Foundation
Mundgesundheit ein integraler Bestandteil der Primärversorgung
Die Initiator:innen aller Projekte, ob in Afrika, der Mongolei oder in Peru, eint das Ziel, diese Lücken zu schliessen – nicht nur punktuell, sondern systemisch. Mercy Ships Schweiz arbeitet auf Hospitalschiffen in Westafrika, bildet lokale Zahnärzt:innen aus und stärkt Universitäten. Die Misheel Kids Foundation setzt in der Mongolei auf Prävention, Schulungen und den Aufbau dauerhafter Strukturen. In Peru bringen die Suyana Foundation und die Straumann Foundation mobile Zahnkliniken in abgelegene Gemeinden und schulen Kinder und Familien in Mundhygiene. Alle formulieren den Anspruch, dass Mundgesundheit ein integraler Bestandteil der Primärversorgung werden muss. «Eltern werden geschult, Kinder zu Botschaftern der Mundhygiene – unser Ziel sind null Kariesfälle bei Kindern», sagt Alberto Arango De La Torre von Suyana Lateinamerika. Alle Projekte zeigen, dass nachhaltige Zahngesundheit mehr braucht als einmalige Hilfe: Es braucht einen systemischen Ansatz, welcher Ausbildung, Prävention und systematische Strukturen gleichermassen berücksichtigt.


