Spala (Puszcza Pilicka Forest), Tomasz Dzierzanowski (big one with cap) and Andrzej Pazura

Von der Zeid­le­rei zum Naturschutz

Neu und modern ist nicht immer besser: Das kulturhistorische Handwerk des Zeidlers aus dem Mittelalter ermöglicht uns heute das Schlagen ökologisch wertvoller Baumhöhlen mit dem Ziel der Biodiversitätsförderung im Wald. Neben der freilebenden Honigbiene profitieren unzählige weitere Arten und Artengemeinschaften von den Baumhöhlenimitaten. Darüber hinaus stellt die früher an der Produktion von Honig und Wachs ausgerichtete Zeidlerei heute ein wegweisendes und innovatives Konzept für eine verantwortungsvolle, artgerechte und naturnahe Bienenhaltung dar.

Gespon­sertFREETHEBEES

Die Zeid­le­rei 

Die Zeid­ler waren im Mittel­al­ter die ersten gewerbs­mäs­si­gen Produ­zen­ten von Honig und Wachs. Nichts ande­res als unser heuti­ger Imker, nur mit einem höhe­ren gesell­schaft­li­chen Rang: Wachs war wert­voll für die Produk­tion von Kerzen, Honig der einzig verfüg­bare Süssstoff.

Die Armbrust diente der Vertei­di­gung der Zeid­ler­bäume, einer­seits der Bären und ande­ren Raub­tie­ren wegen, ande­rer­seits aber wohl auch gegen Diebe. Wer einen Zeid­ler­baum fällte, musste von Gesetz­tes wegen im Extrem­fall mit der Todes­strafe rech­nen. Andere Zeiten, andere Sitten.

Die Wort­her­kunft der Zeid­le­rei leitet sich aus dem Latei­ni­schen ab. Aus «Exci­dere» («Heraus­schnei­den») wurde in altdeutsch «Zeideln» («Honig schnei­den»). Während des Zeid­lers Vorfah­ren noch wild­le­bende Bienen­völ­ker beim Abern­ten vernich­ten muss­ten, war der Zeid­ler erst­mals in der Lage Honig nach­hal­tig zu ernten, ohne Zerstö­rung der Völker.

Zeid­ler beob­ach­te­ten Bienen­völ­ker in der Natur und versuch­ten, deren natür­li­che Lebens­weise in der künst­lich geschla­ge­nen Baum­höhle opti­mal zu kopie­ren. Ein Kompro­miss, den wir heute als exten­siv, natur­nah und nach­hal­tig bezeich­nen würden. Der Zeid­ler produ­zierte von der Natur, ohne dieser Scha­den zuzufügen.

Abbil­dung 1: Zeid­le­rei – Histo­ri­sche Darstel­lung der Waldim­ke­rei aus Adam Gott­lob Schi­rachs Wald-Bienen­zucht von 1774. Quelle: Wiki­pe­dia, 1.8.2022

Nutzen der Zeid­le­rei in der heuti­gen Zeit

Die Zeid­le­rei ist die natür­lich­ste aller mögli­chen Bienen­hal­tungs­for­men. Sie ist heute wich­ti­ger denn je. Einer­seits, weil sie das Bewusst­sein der Imker für natür­li­che Abläufe schärft. Ande­rer­seits, weil Baum­höh­len in unse­rer Zeit rar gewor­den sind und neben der Biene auch unzäh­li­gen ande­ren Arten und Arten­ge­mein­schaf­ten dient, die darüber hinaus teil­weise symbio­n­tisch mit der Honig­biene zusam­men­le­ben und die Bienen­ge­sund­heit posi­tiv beein­flus­sen. Die Zeid­ler­höhle bietet der Honig­biene rele­vante Vorteile gegen­über ihrer Haltung in konven­tio­nel­len Bienen­kä­sten. Eine Zeid­ler­höhle ist sehr viel besser isoliert als ein konven­tio­nel­ler Bienen­ka­sten. Eine Art Miner­gie-Passiv-Voll­holz-Haus, in welchem die Bienen ein warmes und trocke­nes Habi­tat vorfin­den. Die guten klima­ti­schen Bedin­gun­gen verrin­gern den Gesamt­stoff­wech­sel­um­satz des Bienen­vol­kes drastisch. Das Bienen­volk muss fünf bis zehn­mal weni­ger Nektar und Pollen sammeln, um den Winter über­le­ben zu können. Bienen­völ­ker im hohlen Baum sind klei­ner als die uns aus dem Bienen­ka­sten bekann­ten soge­nann­ten Wirt­schafts­völ­ker, was zu weni­ger Konkur­renz gegen­über den Wild­bie­nen­be­stän­den führt. In der Zeid­ler­höhle stellt sich gar ein keim­freies Klima im Brut­nest ein, die soge­nannte Nest­duft­wär­me­bin­dung, ein über­aus schlag­kräf­ti­ger Abwehr­me­cha­nis­mus der Natur gegen Bienenkrankheiten.

Abbil­dung 2: Bienen­volk in einer Zeid­ler­höhle auf Natur- und Stabil­wa­ben­bau. Es kann auch heute noch ohne Fütte­rung und ohne Behand­lung im natür­li­chen Habi­tat über­le­ben. Quelle: FREETHEBEES

Gerade heute, in einer Zeit, in welcher die Imker ihre Bienen­hal­tungs­me­tho­dik in Bienen­kä­sten als normal betrach­ten, gewinnt die Zeid­le­rei an Bedeu­tung. Der Imker kann erst­mals wieder beob­ach­ten, wie seine Bienen im natür­li­chen Habi­tat eigent­lich leben würden. Er kann Rück­schlüsse auf seine aktu­elle Imker­tä­tig­keit ziehen und lernen, wie inten­siv er eigent­lich mit seinen Wirt­schafts­völ­kern umgeht und wie stark er deren Lebens­weise zugun­sten von Honi­ger­trag beein­flusst. Die Zeid­le­rei fördert das Bewusst­sein für natür­li­che und beein­flusste Abläufe im Bienenstock.

Wieder­ein­füh­rung und Verbrei­tung der Zeidlerei

Die Wald­bie­nen­zucht in leben­den Bäumen ist Ende des 19. Jahr­hun­derts weit­ge­hend aus Europa verschwun­den. Glück­li­cher­weise hat das kultur­hi­sto­ri­sche Hand­werk im Shul­gan Tash Nature Reserve im südli­chen Ural in Russ­land über­lebt. Es wurde unter den Basch­ki­ren vom Mittel­al­ter bis auf den heuti­gen Tag von Genera­tion zu Genera­tion, von Vater zu Sohn über­ge­ben und aktiv weiterbetrieben.

Im Shul­gan Tash im Ural wurden Dr. Hart­mut Jungius und Dr. Prze­my­sław Nawrocki (beide heute im Wissen­schaft­li­chen Beirat von FREETHEBEES) vom WWF im Rahmen eines vom Schwei­ze­ri­schen DEZA (Direk­tion für Entwick­lung und Zusam­men­ar­beit) finan­zier­ten WWF Projek­tes mit der kultur­hi­sto­ri­schen Zeid­le­rei vertraut und beschlos­sen, dieses tradi­tio­nelle Hand­werk nach Polen zurück­zu­brin­gen. Daraus resul­tier­ten, verteilt in Zentral­po­len, über 150 Zeid­ler­höh­len in leben­den Bäumen und weit mehr Klotz­beu­ten. Viele davon in polni­schen Natio­nalp­är­ken. FREETHEBEES hat in 2014 die Zeid­le­rei in die Schweiz zurück­ge­führt. Mit einem inter­na­tio­nal besuch­ten Zeid­ler­kurs wurden die ersten Zeid­ler­bäume in Kriens LU geschla­gen und ange­hende Zeid­ler­mei­ster geschult. Seit­her konn­ten unzäh­lige Kurse orga­ni­siert und durch­ge­führt werden, in der Schweiz, in Deutsch­land, in Belgien, in England, etc. Mitun­ter auch dank der akti­ven Unter­stüt­zung von Dr. Frank Krumm, einem renom­mier­ten Wald­for­scher, der eben­falls im Wissen­schaft­li­chen Beirat von FREETHEBEES einsitzt. Die Zeid­ler­be­we­gung wird schnell grös­ser und faszi­niert nach­hal­tig und bewusst denkende Imker weit über Europa hinaus, bis nach Kalifornien!

Spala (Puszcza Pilicka Forest), Tomasz Dzier­zanow­ski (big one with cap) and Andrzej Pazura
Abbil­dung 4: Grup­pen­bild vom ersten inter­na­tio­na­len Zeid­ler­kurs in Kriens LU, 2014. Bild: Daniel Boschung, FREETHEBEES

Verwen­dung der kultur­hi­sto­ri­schen Zeid­le­rei für den Naturschutz

Dank lang­jäh­ri­ger Erfah­rung und vieler älte­rer und teil­weise neue­rer Erkennt­nis­sen aus der Forschung, sind wir heute in der Lage, Baum­höh­len zu Biodi­ver­si­täts­zwecken zu schla­gen. Baum­höh­len sind rar gewor­dene und wich­tige ökolo­gi­sche Elemente. Neben Honig­bie­nen­völ­kern profi­tie­ren unzäh­lige Arten und Arten­ge­mein­schaf­ten von diesem wert­vol­len Habitat.

Abbil­dung 5: Bienen bewa­chen und vertei­di­gen das Flug­loch ihrer Baum­höhle: Bild: Ingo Arndt

Das Baum­höh­len­pro­jekt von FREETHEBEES hat sich zum Ziel gesetzt, 335 Baum­höh­len in nur 3 Jahren zu schla­gen. Demnächst sind wir bei einem Drit­tel konkret umge­setz­ter Baum­höh­len ange­langt. Das Schla­gen der Baum­höh­len erfolgt weiter­hin auf der Basis des urtüm­li­chen Kultur­hand­werks. Da wir an der Biodi­ver­si­tät und nicht an der Bienen­hal­tung orien­tiert sind, passen wir einige Ausprä­gun­gen der ursprüng­li­chen Zeid­ler­höhle an. So beispiels­weise das Flug­loch, welches dem Specht­loch ange­nä­hert wird, und die Nutzung der Baum­höh­len nicht nur den Bienen vorbe­hält, sondern allen baum­höh­len­be­woh­nen­den Arten erlaubt. Ebenso glät­ten wir die Innen­wände der Baum­höhle nicht so fein­säu­ber­lich wie damals die Zeid­ler, sondern ahmen die natür­li­che, struk­tu­rierte und raue Ober­flä­che der natür­li­chen Baum­höhle nach.

Nutzen und Ausblick der geschaf­fe­nen Baumhöhlen

Insge­samt schaf­fen wir mit den Baum­höh­len nicht nur über­aus wich­tige Habi­tate für Baum­höh­len­be­woh­nende Arten und Arten­ge­mein­schaf­ten, sondern auch eine einma­lige und bisher inexi­sten­ten Infra­struk­tur für zukünf­tige wissen­schaft­li­che Forschungsprojekte.

Bezo­gen auf die Honig­biene sind die Baum­höh­len ein Schlüs­sel­ele­ment, um die noch immer in ganz gerin­gen Stück­zah­len vorkom­men­den frei­le­ben­den Bienen­völ­ker der Schweiz schüt­zen und fördern zu können. Der Schutz und die Förde­rung von frei­le­ben­den Honig­bie­nen­völ­kern ist von zentra­ler Bedeu­tung: Nur frei­le­bende Honig­bie­nen­völ­ker, welche der harten natür­li­chen Selek­tion unter­stellt sind, können sich an ihre Umge­bung und an zukünf­tige Umwelt­ver­än­de­run­gen anpas­sen. Imke­rei­be­din­gun­gen mit Honig­bie­nen in nicht artge­rech­ten Habi­ta­ten, ertrags­stei­gern­den Eingrif­fen, Zucker­füt­te­rung, Säure­be­hand­lun­gen, erlau­ben keine Anpas­sungs­fä­hig­keit, was gerade in Zeiten schnel­ler klima­ti­scher Verän­de­run­gen eine Schere öffnet und die Bienen je länger je abhän­gi­ger vom Imker machen.

Aus wissen­schaft­li­cher Perspek­tive wissen wir heute nur begrenzt viel über Baum­höh­len und deren Bewoh­ner. Es gibt unzäh­lige Fragen, beispiels­weise die Nutzung der Baum­höh­len über die Zeit und die unter­schied­li­chen Zusam­men­hänge zwischen Arten und Arten­ge­mein­schaf­ten. Nur schon ein Bienen­volk im hohlen Baum scheint mit minde­stens 30 ande­ren Insek­ten­ar­ten, 170 Milben­ar­ten und 8’000 Mikro­or­ga­nis­men zusam­men­zu­le­ben, über deren Zusam­men­hänge bis heute nur sehr wenig bekannt ist. Und dass, obwohl unser aktu­el­les Wissen mit gutem Gewis­sen vermu­ten lässt, dass diese Zusam­men­hänge rele­vant sind für die Bienen­ge­sund­heit. Zukünf­tige Forschungs­ar­bei­ten werden mit gröss­ter Wahr­schein­lich­keit unzäh­lige Verknüp­fun­gen zwischen der Honig­biene und der mit ihrer inter­agie­ren­den Biodi­ver­si­tät im faszi­nie­ren­den und komple­xen Ökosy­stem Wald aufzeigen. 

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Die Kraft zur Umset­zung solch’ gros­ser Projekte ziehen wir uns aus erheb­lich vielen ehren­amt­lich einge­brach­ten Stun­den aus Ihren Spen­den. Umfang und Profes­sio­na­li­tät unse­res Schaf­fens über­stei­gen längst das ehren­amt­lich mögli­che Potential.

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