Beat Walti, Stiftungsratspräsident der Ernst Göhner Stiftung. | Fotos: Daniel Winkler

«Stif­tun­gen können wich­tige Impulse setzen»

Wertvolle Vielfalt

Der Präsi­dent des Stif­tungs­rats der Ernst Göhner Stif­tung Beat Walti sieht die libe­rale Ordnung als Garant für einen viel­fäl­ti­gen Stif­tungs­sek­tor. Der Rechts­an­walt und FDP-Natio­nal­rat bewer­tet die freien Mittel der Stif­tun­gen als wert­volle Ergän­zung zur staat­li­chen Förderung. 

Sie enga­gie­ren sich in unter­schied­li­chen Stif­tun­gen. Was faszi­niert Sie an diesem Sektor?

Neudeutsch würde man von Diver­sity spre­chen: Dieser Sektor ist derart viel­fäl­tig und von den unter­schied­lich­sten Ziel­set­zun­gen geprägt. Stif­te­rin­nen und Stif­ter haben diese im jewei­li­gen Stif­tungs­zweck aus Über­zeu­gung und mit gros­sem Enga­ge­ment formu­liert. Was mich beson­ders faszi­niert ist das starke persön­li­che Commit­ment, das hinter jeder Stif­tung spür­bar ist. 

Sie sind Stif­tungs­rats­prä­si­dent der Ernst Göhner Stif­tung. Diese ist hoch­pro­fes­sio­nell aufge­stellt. Spüren Sie den Stif­ter über­haupt noch?

Ja, durch­aus. Der Stif­ter ist omni­prä­sent. Bei der Ernst Göhner Stif­tung decken wir ein brei­tes Spek­trum ab. Wir sind eine Unter­neh­mer­stif­tung, eine phil­an­thro­pi­sche Stif­tung und eine Fami­li­en­stif­tung. Diese Zwecke dienen als Richt­schnur für den Stiftungsrat.

Wie zeigt sich dies?

Wie eine Kapi­tal­ge­sell­schaft führen wir peri­odisch eine Stra­te­gie­dis­kus­sion. Dabei ist völlig klar, dass wir uns daran orien­tie­ren, was der Stif­ter wollte. Seine Idee in die Aktua­li­tät zu über­tra­gen, ist die Vorgabe. Ernst Göhner selbst hatte ein eindrück­li­ches Lebens­werk geschaf­fen. Diesem unter­neh­me­ri­schen Erbe sind wir verpflich­tet. Ernst Göhner war ein sehr inno­va­ti­ver Typ. Er hat glei­cher­mas­sen Struk­tu­ren aufge­bro­chen und sich für den Werk- und Arbeits­platz Schweiz einge­setzt. Diesen Gedan­ken wollen wir pfle­gen. Und dasselbe Enga­ge­ment gilt für den phil­an­thro­pi­schen Bereich.

Wie kamen Sie über­haupt in den Stiftungssektor?

Mein erster Kontakt zur Stif­tungs­welt erfolgte recht klas­sisch im gemein­nüt­zi­gen Bereich.

Das heisst?

Als Kantons­rat in Zürich wurde ich vor unge­fähr 20 Jahren vom Züri­werk ange­fragt, ob ich im Stif­tungs­rat mitwir­ken würde. Die Stif­tung enga­giert sich für Menschen mit geisti­ger Beein­träch­ti­gung. Gemein­nüt­zige Orga­ni­sa­tio­nen im sozia­len Bereich sind in der Regel bei der Finan­zie­rung von der öffent­li­chen Hand abhän­gig. Mit der Verbin­dung zur Poli­tik in ihren Gremien fällt es ihnen leich­ter, ihren Anlie­gen Gehör zu verschaf­fen. Das war mein erster Approach. Auch beruf­lich gab es Berüh­rungs­punkte. Als Anwalt habe ich auch Stif­tun­gen gegrün­det und beraten. 

Nicht nur die Grün­dung ist ein admi­ni­stra­ti­ver Aufwand. Gefähr­den zuneh­mende Anfor­de­run­gen die Viel­falt des Sektors?

Ja, es ist ein Trend, den es sorg­fäl­tig zu beob­ach­ten gilt. Allge­mein stei­gen
die Erwar­tun­gen bezüg­lich Doku­men­ta­tion und regu­la­to­ri­schen Vorga­ben. Dabei wird rela­tiv selten zwischen ganz klei­nen und ganz gros­sen Stif­tun­gen unter­schie­den. Und der Trend ist, dass sich die Vorga­ben an den komple­xe­ren Stif­tun­gen orientieren.

Macht diese Regu­lie­rung Sinn?

Der Stif­tungs­stand­ort Schweiz war in den letz­ten Jahr­zehn­ten so erfolg­reich, weil er frei­heit­lich regu­liert war. Gerade für die Moti­va­tion gilt es, diese libe­rale Grund­ord­nung beizu­be­hal­ten. Sie erlaubt die Reali­sie­rung der aller­ver­schie­den­sten Ideen. Es ist ein legi­ti­mer Anspruch derje­ni­gen, die Teile ihres priva­ten Vermö­gens in eine Stif­tung geben, dass sie nicht noch eine Flut von Vorga­ben berück­sich­ti­gen müssen. Juri­stisch handelt es sich immer um ein defi­ni­tiv verselb­stän­dig­tes Sonder­ver­mö­gen mit eige­nem Zweck. Die Stif­te­rin oder der Stif­ter lässt das Stif­tungs­ka­pi­tal los. 

Und welche Rolle kommt der Aufsicht zu?

Eine zweck­mäs­sige, ziel­ge­rich­tete und wirk­same Aufsicht im Stif­tungs­sek­tor ist rich­tig, weil die Eigen­tü­mer­kon­trolle fehlt. Eine Kapi­tal­ge­sell­schaft hat Eigen­tü­mer, welche ihren Besitz schüt­zen und die Geschäfte prüfen. Diese Kontroll­ebene fehlt bei Stif­tun­gen. Die Stif­tungs­auf­sicht ersetzt diese Prüfung. Sie kann und soll sicher­stel­len, dass die Stif­tungs­mit­tel nicht zweck­ent­frem­det werden. 

Was bedeu­tet dies für kleine Stiftungen?

Es gibt kleine Stif­tun­gen, die mit einem beschei­de­nen Kapi­tal wirt­schaf­ten. Sie haben häufig einen sehr spezi­fi­schen Zweck sowie über­schau­bare Verga­ben und Verwal­tungs­struk­tu­ren. Da ist die Frage berech­tigt, wie umfas­send die Doku­men­ta­tion zur Rechen­schafts­ab­lage sein muss. Natür­lich muss am Ende gewähr­lei­stet sein, dass die Mittel zweck­ge­mäss einge­setzt wurden. Dass die Stif­tungs­auf­sicht eine Jahres­rech­nung sehen will, ist rich­tig. Aber alles Weitere, was letzt­lich v.a. die Aufsichts­ge­büh­ren in die Höhe treibt, sollte für solche Stif­tun­gen hinter­fragt werden. Wünsch­bar wären admi­ni­stra­tive Erleich­te­run­gen für Stif­tun­gen, die gewisse Kenn­grös­sen nicht übertreffen.

Braucht es die klei­nen Stif­tun­gen überhaupt?

Unbe­dingt. Man sollte nicht gleich­gül­tig mit den Schul­tern zucken und sagen: Dann sollen die klei­nen Stif­tun­gen sich halt zusam­men­schlies­sen. Eine kleine Struk­tur mit einer guten Idee kann in der Praxis sehr Wert­vol­les bewir­ken. An regu­la­to­ri­schen Rahmen­be­din­gun­gen darf dies nicht schei­tern. Natür­lich gibt es eine sinn­volle Mindest­grösse. Und kleine Stif­tun­gen können den Aufwand eingren­zen, indem sie sich bei den Projek­ten auf einen Bereich fokus­sie­ren, in dem sich der Stif­tungs­rat auskennt und die Stif­tung Exper­tise besitzt oder entwickelt. 

Gefähr­det dies nicht Kleinstprojekte?

Bei der Ernst Göhner Stif­tung verfol­gen wir die Philo­so­phie, expli­zit auch kleine Projekte zu unter­stüt­zen. Da können immer wieder Beträge von weni­ger als 5000 Fran­ken gespro­chen werden. Wir machen dies, weil wir gerade auch im kultu­rel­len Bereich viele kleine Projekte sehen, bei denen sehr viel Dyna­mik entsteht. Das ist wert­voll. Das wollen wir fördern. 

«Wir müssen
aufzei­gen, was
in diesem
Sektor gelei­stet

wird.»

Arbei­ten Sie auch mit ande­ren Stif­tun­gen zusammen?

Ja. Einer­seits hat die Ernst Göhner Stif­tung eine Wegbe­rei­ter-Rolle. Wir haben eine profes­sio­nelle Orga­ni­sa­tion. Mitar­bei­tende mit gros­ser Erfah­rung prüfen die Gesu­che. Sie können die Projekte kompe­tent einschät­zen. Diese Einschät­zung kann auch für andere Stif­tun­gen hilf­reich sein. Ande­rer­seits arbei­ten wir etwa im Bereich Start-up- und Inno­va­ti­ons­för­de­rung syste­ma­tisch mit der Gebert Rüf Stif­tung zusam­men. Mit dem Projekt «Venture Kick» fördern wir gemein­sam, seit mehr als zehn Jahren, Start-up-Projekte aus dem Hoch­schul­um­feld über mehrere Etap­pen. Diese Start-ups haben schon Tausende von Arbeits­plät­zen geschaf­fen. Hier ist volks­wirt­schaft­lich etwas Wert­vol­les entstan­den. Das war nur möglich, weil zwei Stif­tun­gen mit den notwen­di­gen Mitteln substan­ti­ell über längere Zeit inve­stie­ren. Im Kultur­be­reich koope­rie­ren wir bspw. mit der Kiefer Hablit­zel Stif­tung, und bei der Talent­för­de­rung mit der Schwei­ze­ri­schen Studi­en­stif­tung durch Stipendienprogramme.

Was ist der Vorteil einer Zusammenarbeit?

Viele Stif­tun­gen haben, gewollt durch den Stif­ter, einen engen Fokus. Dadurch haben sie ein sehr spezi­fi­sches Know-how. Wenn dieses Wissen kombi­niert wird – und auch noch die finan­zi­elle Basis verbrei­tert –, erge­ben sich sehr sinn­volle Kooperationen.

Könnte der Staat die Aufgabe von Stif­tun­gen nicht einfach übernehmen?

Die Stärke ist das Zusam­men­wir­ken. Es würde zu weit gehen, wenn im Kultur­be­reich – wie auch im Sozi­al­be­reich – alles, was sich kommer­zi­ell nicht verwirk­li­chen liesse, abhän­gig von priva­ten Initia­ti­ven und Über­zeu­gun­gen wäre. Diese Zeiten haben wir zum Glück hinter uns. Umge­kehrt gibt es Berei­che, in denen die Heraus­for­de­run­gen sehr viel viel­fäl­ti­ger sind, als dass ein Gesetz oder eine Admi­ni­stra­tion diese erfas­sen und berück­sich­ti­gen könnte. Es ist unge­mein wert­voll, für diese Ideen frei dispo­nier­bare Mittel zu haben. Stif­tun­gen können wich­tige Impulse setzen, die sich dann in Struk­tu­ren entwickeln, in denen sich auch die öffent­li­che Hand enga­giert. Dieses Abglei­chen muss ein perma­nen­ter Prozess sein. Gebe es nur einen staat­lich unter­stütz­ten Kultur­be­reich, könnte eine Hoch­schule der Künste mit ihrer Philo­so­phie weit­ge­hend alleine die Rich­tung bestim­men. Wenn es aber noch einen Bereich gibt mit frei verfüg­ba­ren Mitteln, kann etwas ande­res entste­hen, welches das Etablierte heraus­for­dert. Das bringt mehr Dyna­mik und Entwick­lung. Öffent­li­che Hand und Stif­tun­gen ermög­li­chen zudem viele Projekte gemein­sam. Es ist weni­ger ein Inter­es­sen­ge­gen­satz, sondern eine sinn­volle Kombination. 

Weil diese Gelder steu­er­be­freit sind, wird zum Teil mehr Trans­pa­renz gefor­dert. Muss sich die Stif­tungs­welt besser erklären?

Die Steu­er­be­hörde macht klare Vorga­ben, was erfüllt sein muss, damit eine Orga­ni­sa­tion – dies gilt nicht nur für Stif­tun­gen – steu­er­be­freit ist. Die Liste der steu­er­be­frei­ten Orga­ni­sa­tio­nen ist öffent­lich. Diese Trans­pa­renz gibt es bereits. Wenn Trans­pa­renz aber bedeu­tet, dass der Einsatz des letz­ten Fran­kens öffent­lich sein muss, geht das zu weit. Oft ist dies auch gar nicht im Inter­esse des Empfän­gers. Stif­tun­gen wirken auch in Berei­chen, in denen es Diskre­tion braucht. Die Stif­tun­gen wissen aber auch, dass eine zweck­dien­li­che Infor­ma­tion über ihr Wirken für die Ziel­er­rei­chung häufig nütz­lich oder gar nötig ist.

Könn­ten Stif­tun­gen dieser Forde­rung
entge­gen­wir­ken?

Die Kommu­ni­ka­tion wird zukünf­tig wich­ti­ger. Der Stif­tungs­sek­tor muss sich erklä­ren und aufzei­gen, dass er keine Black­box ist. Oft findet der Stif­tungs­sek­tor in der Öffent­lich­keit nur Aufmerk­sam­keit, wenn kontro­vers über eine Spende disku­tiert wird. Diese Diskus­sion fällt dann auf unbe­stell­ten Boden. Wir müssen aufzei­gen, was in diesem Sektor gelei­stet wird, was dahin­ter­steckt. Kommu­ni­ka­tion wird wich­tig sein, damit die Stif­tungs­welt fit bleibt.

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