Sibylle Baumgartner, Fachspezialistin Freiwilligenarbeit SRK

SRK: Ohne Frei­wil­li­gen­ar­beit sehe die Schweiz komplett anders aus

50'000 Freiwillige engagieren sich im Schweizerischen Roten Kreuz SRK. Sibylle Baumgartner, Fachspezialistin Freiwilligenarbeit beim SRK sagt, wie sich Freiwillige heute engagieren und weshalb sie sich eine stärkere Lobby für die Freiwilligenarbeit wünscht.

Das Rote Kreuz verfügt über das grösste Frei­wil­li­gen-Netz­werk welt­weit: Welche Rolle spielt Frei­wil­li­gen­ar­beit für das Schwei­ze­ri­sche Rote Kreuz (SRK) für die Arbeit in der Schweiz?

Frei­wil­li­gen­ar­beit spielt eine sehr zentrale Rolle dabei. Viele Dienst­lei­stun­gen des SRK werden von Frei­wil­li­gen erbracht. Sie sind das Herz unse­rer Orga­ni­sa­tion. Die rund 50’000 Frei­wil­li­gen des SRK sind in den 24 Rotkreuz-Kanto­nal­ver­bän­den sowie den vier Rotkreuz-Rettungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (Schweiz. Lebens­ret­tungs-Gesell­schaft, Schweiz. Sama­ri­ter­bund, Schweiz. Mili­tär-Sani­täts-Verband und Schweiz. Verein für Such- und Rettungs­hunde) enga­giert. Ohne sie könn­ten viele Dienst­lei­stun­gen nicht ange­bo­ten werden, die verletz­li­chen und hilfe­su­chen­den Menschen in der Schweiz zugu­te­kom­men. Im Namen der Rotkreuz-Kanto­nal­ver­bände beglei­ten Frei­wil­lige ältere oder erkrankte Perso­nen zu Arzt­ter­mi­nen oder unter­stüt­zen bei alltäg­li­chen Tätig­kei­ten. Sie orga­ni­sie­ren Akti­vi­tä­ten für Asyl­su­chende oder helfen Kindern aus benach­tei­lig­ten Fami­lien bei den Haus­auf­ga­ben. In den Rotkreuz-Rettungs­or­ga­ni­sa­tio­nen werden Frei­wil­lige in Rettung und Erster Hilfe geschult, um im Ernst­fall Leben zu retten.

Sind es vor allem Einzel­per­so­nen oder Unter­neh­men, die mit ganzen Teams an einer Aktion teil­neh­men, die Frei­wil­li­gen­ar­beit leisten?

Bei den erwähn­ten 50’000 Frei­wil­li­gen handelt es sich um Einzel­per­so­nen, die sich frei­wil­lig enga­gie­ren. Mitar­bei­tende unse­rer offi­zi­el­len Part­ner wie Coop, Helsana oder Novar­tis können Einsätze im Rahmen von Corpo­rate Volun­tee­ring machen, bspw. bei der Aktion «2xWeihnachten». Diese Einsätze sind sehr begehrt. Ande­ren Unter­neh­men bieten wir virtu­el­les Volun­tee­ring an, bspw. beim Karto­gra­phie­ren auf «open Street­map» (bzw. Mapathons).

Gesell­schaft­li­cher Wandel zeich­net sich immer auch im frei­wil­li­gen Enga­ge­ment ab.

Sibylle Baum­gart­ner, SRK

Das SRK ist Mitun­ter­zeich­ne­rin des Mani­fests Natio­nale Förde­rung von frei­wil­li­gem Enga­ge­ment. Wie hat sich die Wirkung des Mani­fest und das Ziel einer natio­na­len Förde­rung weiterentwickelt?

Das Mani­fest wurde im Novem­ber 2020 an die dama­lige Natio­nal­rats­prä­si­den­tin Isabelle Moret und somit der Poli­tik über­ge­ben. Es enthält vier zentrale Forde­run­gen zur Förde­rung des frei­wil­li­gen Enga­ge­ments: die Schaf­fung einer Ansprech­stelle auf natio­na­ler Ebene, vermehrte öffent­li­che Aner­ken­nung, Abbau von admi­ni­stra­ti­ven und recht­li­chen Hinder­nis­sen sowie ein Frei­wil­li­ges Sozia­les Jahr für unter 30-Jährige und einen «Frei­wil­li­gen-Urlaub» für Perso­nen über 30 Jahre.  Das Mani­fest wird mitt­ler­weile von 34 natio­nal täti­gen Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Frei­wil­li­gen­be­reich unterstützt.

Nach der Über­gabe des Mani­fests hat sich eine Taskforce gebil­det aus verschie­de­nen Vertre­te­rin­nen und Vertre­tern aus den mitun­ter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen. Diese plant Mass­nah­men zur weite­ren Umset­zung der poli­ti­schen Forde­run­gen. Aus unse­rer Sicht ist es ein gros­ser Erfolg, dass so viele Orga­ni­sa­tio­nen die Forde­run­gen unter­stüt­zen und dem frei­wil­li­gen Enga­ge­ment bzw. all den Frei­wil­li­gen, die für das Funk­tio­nie­ren unse­rer Gesell­schaft elemen­tar sind, eine einheit­li­che Stimme auf poli­ti­scher Ebene geben.

Verfügt die Frei­wil­li­gen­ar­beit über eine genü­gend starke Lobby oder sehen Sie noch Potenzial?

Grös­sere Krisen oder Notsi­tua­tio­nen, wie bspw. die Flücht­lings­ströme 2015 und 2016, die Pande­mie oder die vielen Flüch­ten­den aus der Ukraine zeigen stets wie wich­tig Frei­wil­li­gen­ar­beit und Soli­da­ri­tät ist. Das zivil­ge­sell­schaft­li­che Enga­ge­ment – sowohl das infor­melle Enga­ge­ment von Privat­per­so­nen (bspw. Nach­bar­schafts­hilfe) als auch das formelle Enga­ge­ment von Frei­wil­li­gen im Rahmen von Verei­nen und Orga­ni­sa­tio­nen – ist eine wich­tige Stütze, um mit solch heraus­for­dern­den Situa­tio­nen umzu­ge­hen. Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment geschieht dabei oft im Verbor­ge­nen und ist ausser­halb von Krisen oder Notsi­tua­tio­nen wenig sicht­bar. Leider wird sie daher oft für selbst­ver­ständ­lich gehalten.

Dane­ben ist auch die Frei­wil­li­gen­ar­beit mit Trends wie der Digi­ta­li­sie­rung konfron­tiert. Gesell­schaft­li­cher Wandel zeich­net sich immer auch im frei­wil­li­gen Enga­ge­ment ab. Es ist eine Tendenz spür­bar, dass sich Frei­wil­lige weni­ger länger­fri­stig und regel­mäs­sig enga­gie­ren möch­ten. Viele suchen eher spon­tane, punk­tu­elle oder auch digi­tale Enga­ge­ments und möch­ten stär­ker mitge­stal­ten, was wiederum Vereine und Orga­ni­sa­tio­nen heraus­for­dert. Die Art, wie sich Perso­nen enga­gie­ren möch­ten, ändert sich.

Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment geschieht dabei oft im Verbor­ge­nen und ist ausser­halb von Krisen oder Notsi­tua­tio­nen wenig sichtbar. 

Sibylle Baum­gart­ner, SRK

Vor diesem Hinter­grund würde ich mir sehr wünschen, dass frei­wil­li­ges Enga­ge­ment eine stär­kere Lobby bekommt. Hier gibt es aus meiner Sicht noch viel Poten­zial. Die Schweiz würde ohne die viel­fach gelei­stete Frei­wil­li­gen­ar­beit komplett anders ausse­hen, davon bin ich über­zeugt.  Wenn wir diese wert­volle Ressource erhal­ten möch­ten, muss frei­wil­li­ges Enga­ge­ment attrak­tiv sein bzw. blei­ben. Hier­bei spielt die öffent­li­che Aner­ken­nung und die Unter­stüt­zung aus der Poli­tik eine sehr grosse Rolle. 

Aktu­ell fordert der Ukrai­ne­krieg unsere Gesell­schaft. Wo setzt das SRK bei den Aufga­ben, die es in Zusam­men­hang mit den Zuflucht Suchen­den über­nom­men hat, Frei­wil­lige ein?

Aktu­ell unter­stüt­zen Frei­wil­lige die kanto­na­len Behör­den sowie das Staats­se­kre­ta­riat für Migra­tion (SEM) in verschie­de­nen Bundes­asyl­zen­tren sowie Anlauf­stel­len beim Empfang von Geflüch­te­ten. Dane­ben sind viele Rotkreuz-Kanto­nal­ver­bände daran, bestehende Inte­gra­ti­ons­an­ge­bote (z.B. Sprach­kurse, Mento­ring) auszu­bauen oder neu zu entwickeln. Auch hier werden natür­lich Frei­wil­lige einge­setzt. Ausser­dem werden Frei­wil­lige mit entspre­chen­den Sprach­kennt­nis­sen auch für Über­set­zun­gen und Dolmet­schen einge­setzt. Es werden in den näch­sten Wochen und Mona­ten wohl noch weitere Frei­wil­li­gen­ein­sätze entste­hen. Wir rich­ten uns in der Entwick­lung neuer Ange­bote stets nach den Bedürf­nis­sen der entspre­chen­den Zielgruppen. 

Verzeich­nen Sie in Krisen eine grös­sere Bereit­schaft zur Freiwilligenarbeit?

Ja, während Krisen erle­ben wir, insbe­son­dere in der Anfangs­zeit, wenn das mediale Echo noch hoch ist, stets eine grosse Soli­da­ri­tät aus der Bevöl­ke­rung und eine grosse Bereit­schaft, sich frei­wil­lig zu enga­gie­ren. Dies empfin­den wir nicht als selbst­ver­ständ­lich und wir schät­zen diese Bereit­schaft sehr.

Die aktu­elle Krise wird sich voraus­sicht­lich aber noch Monate hinzie­hen und wir sind dank­bar für alle, die sich im Rahmen des SRK enga­gie­ren möchten.

Sibylle Baum­gart­ner, SRK

Bei einer Krise müssen wir auf viele verschie­dene Anfor­de­run­gen gleich­zei­tig reagie­ren, sprich Behör­den unter­stüt­zen, Ange­bote ausbauen, bereits bestehende Frei­wil­lige koor­di­nie­ren und paral­lel neue Frei­wil­lige aufneh­men und einfüh­ren. Gerade zu Beginn einer Krise sind wir deshalb perso­nell beson­ders stark gefor­dert und setzen meist Frei­wil­lige ein, die sich bereits vor der Krise enga­giert haben, da uns in dieser aller­er­sten Phase die Zeit für die Aufnahme und Einfüh­rung neuer Frei­wil­li­ger fehlt. Bestehende Frei­wil­lige kennen das Rote Kreuz bereits, sind schon einge­führt und schnell einsatzbereit.

Wir benö­ti­gen aber tatsäch­lich auch zusätz­li­che Frei­wil­lige, die wir aus besag­ten Grün­den aber erst zeit­lich verzö­gert rekru­tie­ren können, wenn die anfäng­lich hohe Bereit­schaft der Bevöl­ke­rung bereits wieder etwas abflaut. Dadurch entste­hen für Inter­es­sen­ten teil­weise längere Warte­zei­ten, was nicht ideal ist. Die aktu­elle Krise wird sich voraus­sicht­lich aber noch Monate hinzie­hen und wir sind dank­bar für alle, die sich im Rahmen des SRK enga­gie­ren möch­ten. Inter­es­sierte können sich sehr gerne an den Rotkreuz-Kanto­nal­ver­band in ihrem Wohn­kan­ton wenden.

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