Direktorinnen der Stiftung trigon-film Stefanie Rusterholz und Meret Ruggle

Sozio­kul­tu­relle Entwicklungszusammenarbeit

Seit 1988 zeigt die Schweizer Stiftung trigon-film Filme aus Lateinamerika, Asien und Afrika sowie dem östlichen Europa einem Schweizer Publikum. Die beiden Direktorinnen der Stiftung Stefanie Rusterholz und Meret Ruggle sprechen über die Zewo-Zertifizierung, sie sagen, weshalb die Filmindustrie Unterstützung braucht und welche Herausforderung sie bezüglich Finanzierung fordert.

Wie finan­ziert sich die Stif­tung trigon-film?

Meret Ruggle: Unsere Finan­zie­rung stützt sich auf verschie­dene Pfei­ler. Wir sind ein Film­ver­leih, das heisst wir brin­gen Filme ins Kino und gene­rie­ren so Umsatz dank der Ticket­ver­käufe. Ausser­dem verkau­fen wir die Filme ans Fern­se­hen, veröf­fent­li­chen sie auf DVDs und haben mit film­ingo eine eigene Streamingplattform.

Aber kommer­zi­ell lässt sich Ihre Arbeit nicht finanzieren?

MR: Wir vertrei­ben keine Main­stream-Filme. Unsere Filme stam­men aus Latein­ame­rika, Asien oder Afrika und dem östli­chen Europa. Es sind Filme aus Ländern„ die man ohne unsere Vermitt­lungs­ar­beit nicht im Kino sehen würde, die aber auch einen gros­sen Wert haben für das bessere Zusam­men­le­ben verschie­de­ner Kultu­ren hier in der Schweiz. Zudem laden wir die Film­schaf­fen­den in die Schweiz ein, um den inter­kul­tu­rel­len Austausch über Publi­kums­ge­sprä­che noch mehr zu fördern. Auch wenn dies Einnah­men gene­riert, reicht es nicht, um selbst­tra­gend zu sein, denn die Arbeit ist mit hohen Kosten verbun­den. Deswe­gen brau­chen wir noch andere Geld­quel­len. Wir erhal­ten Unter­stüt­zung des Bundes und der Kantone und hatten bisher eine jahr­zehn­te­lange Zusam­men­ar­beit mit der Direk­tion für Entwick­lung und Zusam­men­ar­beit (DEZA).

So leis­ten wir auch einen Beitrag an die Entwick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und die Friedensförderung.

Stefa­nie Ruster­holz, Direk­to­rin der Stif­tung trigon-film

Stefa­nie Ruster­holz: Die Deza unter­stützt uns derzeit noch mit 300’000 Fran­ken. Das sind rund zwölf Prozent unse­res Budgets. Diese Gelder erhal­ten wir, weil wir Filme aus dem globa­len Süden kaufen und damit die Kunst­schaf­fen­den in diesen Ländern unter­stüt­zen. So leis­ten wir auch einen Beitrag an die Entwick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und die Frie­dens­för­de­rung. Dank dieser Gelder konn­ten wir auch ein Maga­zin publi­zie­ren, Vermitt­lungs­ar­beit leis­ten und Dossiers zu den Filmen für die Schu­len erarbeiten.

Aber diese Gelder fallen weg?

SR:  Die Deza hat zwölf Insti­tu­tio­nen wie das Film­fes­ti­val Locarno mit dem Programm Open Doors, die Kurz­film­tage Winter­thur oder den Film­fonds visi­ons sud est unter­stützt. Wegen der Spar­mass­nah­men hat sie zwei Millio­nen Fran­ken der Kultur­för­de­rung gestri­chen. Die 30-jährige Zusam­men­ar­beit mit uns wurde in einem zehn­mi­nü­ti­gen Zoom­call beendet.

Brau­chen Sie die Gelder vor allem für Enga­ge­ments in der Schweiz oder fliesst ein Teil auch in die Produktionsländer?

MR: Einen Teil des Budgets brau­chen wir in der Schweiz für die Vermitt­lungs­ar­beit, die hier anfällt. Den Gross­teil nutzen wir aber für den Einkauf der Filme. Das Geld geht an die Produzent:innen, diese können somit weitere Filme produ­zie­ren. In diesem Sinne machen wir auch Film­för­de­rung für die Film­in­dus­trie in diesen Ländern. Viele Projekte in Ländern mit schwa­cher staat­li­cher Film­för­de­rung wären ohne die Gelder von Stif­tun­gen wie der unse­ren nicht möglich.

Lkhag­va­du­lam Purev-Ochir, Filme­ma­che­rin aus der Mongolei

SR: Viele Filme, die wir zeigen, sind Erst­lings­werke. Aus der Mongo­lei haben wir zum Beispiel eine junge Frau bei ihrem Film­pro­jekt unter­stützt. Unter­des­sen konnte sie Karriere machen. Sie hat uns gesagt, der Beitrag aus der Schweiz habe sehr viel dazu beigetragen.

Sie sind seit 2018 Zewo-zertifiziert.

MR: Wir waren schon immer eine gemein­nüt­zige Stif­tung. Viele setzen zwar den Film­be­reich mit Kommerz gleich, aber wir sind im Arthouse-Bereich tätig. Mit unse­rem Enga­ge­ment wollen wir neben der Kultur­ver­mitt­lung auch das Bewusst­sein stär­ken, dass Kultur auch ein Metier ist, in dem Menschen arbei­ten und fair entlöhnt werden sollen. Dafür sind wir da. Wir setzen uns für die Kultur­schaf­fen­den ein. Wer den Abspann eines Films anschaut, sieht, wie viele Menschen dafür gear­bei­tet haben. Wir brau­chen Unter­stüt­zung, damit unsere tief­grei­fende und sorg­fäl­tige Arbeit mit den komple­xen Filmen möglich ist und die Film­schaf­fen­den für ihre Kunst fair entlöhnt werden. Dabei sind wir einer­seits auf das Publi­kum ange­wie­sen. Aber weil diese Film­pro­duk­tio­nen nicht selbst­tra­gend sind, brau­chen wir ande­rer­seits ebenso Mäzene und Spen­den. Spen­den­mög­lich­kei­ten finden sich auf unse­rer Home­page und wir freuen uns auch über Kontaktaufnahmen.

War es heraus­for­dernd, das Güte­sie­gel zu erhalten?

MR: Wir sind die erste sozio­kul­tu­relle Insti­tu­tion, die Zewo-zerti­fi­ziert ist. Für das Label gilt es, viele Anfor­de­run­gen zu erfül­len, aber das ist alles im Sinne der Trans­pa­renz. Uns hilft das Güte­sie­gel, um Bewusst­sein zu schaf­fen, dass auch unsere Arbeit unter­stüt­zungs­wür­dig ist.

Mit unse­rem Enga­ge­ment wollen wir neben der Kultur­ver­mitt­lung auch das Bewusst­sein stär­ken, dass Kultur auch ein Metier ist, in dem Menschen arbei­ten und fair entlöhnt werden sollen. 

Meret Ruggle, Direk­to­rin der Stif­tung trigon-film

In welchen Ländern finden Sie die Filme?

MR: Wir finden die Filme durch unser Netz­werk, auf den gros­sen Film­märk­ten der Welt (Cannes oder Berlin zum Beispiel) oder auf klei­ne­ren Film­fes­ti­vals, an denen die lokale Indus­trie vertre­ten ist. Oft wählen wir Filme  aus Ländern aus, die keine eigene Film­för­de­rung haben. So  zum Beispiel der Iran, wo die Meinungs­frei­heit unter­drückt wird und kein alter­na­ti­ves Kultur­schaf­fen erlaubt ist, das nicht dem Staats­in­ter­esse dient. Wenn der Film hier bei uns gezeigt werden kann, verdie­nen die Film­schaf­fen­den damit auch Geld, das sie in neue Projekte inves­tie­ren können.

Verfü­gen diese Länder über gar keine funk­tio­nie­rende Film­in­dus­trie oder ist die Heraus­for­de­rung, dass die Projekte, die Sie unter­stüt­zen, nicht zum Main­stream gehören?

SR: Beides. Wir sind in Ländern aktiv, in denen Künstler:innen teil­weise erst mit unse­rer Unter­stüt­zung einen Film reali­sie­ren können. Wobei wir erst dazu kommen, wenn ein Film fast fertig ist. Wir schaf­fen die Anschluss­fi­nan­zie­rung. Wir haben zum Beispiel die indi­sche Filme­ma­che­rin Payal Kapa­dia unter­stützt. Weil sie gegen den indi­schen Regie­rungs­chef Naren­dra Modi auf der Strasse demons­trierte, hatte sie keine Chance auf staat­li­che Gelder. Dank unse­rer Unter­stüt­zung konnte sie mit ihrem Film am Film­fes­ti­val Cannes am Wett­be­werb teilnehmen.

Sind die Über­set­zun­gen herausfordernd?

SR: Es ist extrem fordernd. Nicht nur wegen der Spra­chen an sich, sondern wegen der kultu­rel­len Eigen­hei­ten: Es ist anspruchs­voll, den Inhalt rich­tig zu trans­por­tie­ren, Rede­wen­dun­gen oder Lieder rich­tig zu über­set­zen in eini­gen Regio­nen wird etwa viel gesun­gen. Auch Dialoge rund um Reli­gion müssen sorg­fäl­tig über­setzt werden.

Sie sind gerade an einem Film­fes­ti­val in Marokko – finden Sie an solchen Veran­stal­tun­gen Ihr Filmprogramm?

MR: In der Regel sind wir an euro­päi­schen Film­fes­ti­vals, Berlin, Cannes und Vene­dig. Hier gibt es immer wieder neue Stim­men zu entde­cken. Aber es gibt auch Festi­vals wie hier in Marokko, wo man rich­tig in die Region eintau­chen und Stim­men entde­cken kann, die es noch nicht auf die grosse Bühne geschafft haben. Und dann haben wir unser Netz­werk, mit dem wir stän­dig in Kontakt stehen. Ebenso braucht es viel Recher­che. Am Ende müssen wir eine Auswahl tref­fen, von der wir über­zeugt sind, dass das Schwei­zer Publi­kum etwas mitneh­men kann.

SR: Unsere Stif­tung gibt es seit 1988. Sie geniesst einen guten Ruf. Deswe­gen erhal­ten wir auch oft Vorschläge, ob wir nicht einen Blick auf ihren Film werfen wollen. Film­schaf­fende wissen, dass es helfen kann, bei trigon-film zu sein, um weitere Verlei­her zu finden. Es funk­tio­niert wie ein Schnee­ball-Effekt. Leider müssen wir oft auch absagen.

trigon-film setzt nicht nur auf Kino, sondern hat eine Strea­ming­platt­form oder bietet DVDs an. Braucht es diese verschie­de­nen Kanäle?

SR: Kino hat immer noch einen gros­sen Effekt mit schweiz­weit zehn Millio­nen Eintrit­ten pro Jahr. Ausser­dem ist es ein Begeg­nungs­ort. Ich denke, ein Film gehört ins Kino. Wir beob­ach­ten auch eine Renais­sance. Jugend­li­che gehen wieder gerne ins Kino. Man kann auch alleine hinge­hen und ist damit weg von der Couch zu Hause. Aber die Filme blei­ben oft nur kurze Zeit auf den Kino­lein­wän­den, weil viele neue Filme nach­rü­cken. Daher ist Strea­ming oder die DVD für uns sehr wichtig.

Aber braucht es die DVD noch?

SR: Es gibt immer noch Menschen, die etwas Physi­sches kaufen wollen. Ausser­dem lässt sich auf einer DVD einfach Bonus­ma­te­rial inte­grie­ren. Aber wir haben schon früh eine Strea­ming­platt­form entwi­ckelt. Unsere Strea­ming­platt­form film­ingo ist die erfolg­reichste Arthouse Platt­form der Schweiz. Sie bietet auch Filme ande­rer Verlei­her an. Auch hier setzen wir auf eine faire Entlöhnung.


Das Team von trigon-film.

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