Wie finanziert sich die Stiftung trigon-film?
Meret Ruggle: Unsere Finanzierung stützt sich auf verschiedene Pfeiler. Wir sind ein Filmverleih, das heisst wir bringen Filme ins Kino und generieren so Umsatz dank der Ticketverkäufe. Ausserdem verkaufen wir die Filme ans Fernsehen, veröffentlichen sie auf DVDs und haben mit filmingo eine eigene Streamingplattform.
Aber kommerziell lässt sich Ihre Arbeit nicht finanzieren?
MR: Wir vertreiben keine Mainstream-Filme. Unsere Filme stammen aus Lateinamerika, Asien oder Afrika und dem östlichen Europa. Es sind Filme aus Ländern„ die man ohne unsere Vermittlungsarbeit nicht im Kino sehen würde, die aber auch einen grossen Wert haben für das bessere Zusammenleben verschiedener Kulturen hier in der Schweiz. Zudem laden wir die Filmschaffenden in die Schweiz ein, um den interkulturellen Austausch über Publikumsgespräche noch mehr zu fördern. Auch wenn dies Einnahmen generiert, reicht es nicht, um selbsttragend zu sein, denn die Arbeit ist mit hohen Kosten verbunden. Deswegen brauchen wir noch andere Geldquellen. Wir erhalten Unterstützung des Bundes und der Kantone und hatten bisher eine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).
So leisten wir auch einen Beitrag an die Entwicklungszusammenarbeit und die Friedensförderung.
Stefanie Rusterholz, Direktorin der Stiftung trigon-film
Stefanie Rusterholz: Die Deza unterstützt uns derzeit noch mit 300’000 Franken. Das sind rund zwölf Prozent unseres Budgets. Diese Gelder erhalten wir, weil wir Filme aus dem globalen Süden kaufen und damit die Kunstschaffenden in diesen Ländern unterstützen. So leisten wir auch einen Beitrag an die Entwicklungszusammenarbeit und die Friedensförderung. Dank dieser Gelder konnten wir auch ein Magazin publizieren, Vermittlungsarbeit leisten und Dossiers zu den Filmen für die Schulen erarbeiten.
Aber diese Gelder fallen weg?
SR: Die Deza hat zwölf Institutionen wie das Filmfestival Locarno mit dem Programm Open Doors, die Kurzfilmtage Winterthur oder den Filmfonds visions sud est unterstützt. Wegen der Sparmassnahmen hat sie zwei Millionen Franken der Kulturförderung gestrichen. Die 30-jährige Zusammenarbeit mit uns wurde in einem zehnminütigen Zoomcall beendet.
Brauchen Sie die Gelder vor allem für Engagements in der Schweiz oder fliesst ein Teil auch in die Produktionsländer?
MR: Einen Teil des Budgets brauchen wir in der Schweiz für die Vermittlungsarbeit, die hier anfällt. Den Grossteil nutzen wir aber für den Einkauf der Filme. Das Geld geht an die Produzent:innen, diese können somit weitere Filme produzieren. In diesem Sinne machen wir auch Filmförderung für die Filmindustrie in diesen Ländern. Viele Projekte in Ländern mit schwacher staatlicher Filmförderung wären ohne die Gelder von Stiftungen wie der unseren nicht möglich.

SR: Viele Filme, die wir zeigen, sind Erstlingswerke. Aus der Mongolei haben wir zum Beispiel eine junge Frau bei ihrem Filmprojekt unterstützt. Unterdessen konnte sie Karriere machen. Sie hat uns gesagt, der Beitrag aus der Schweiz habe sehr viel dazu beigetragen.
Sie sind seit 2018 Zewo-zertifiziert.
MR: Wir waren schon immer eine gemeinnützige Stiftung. Viele setzen zwar den Filmbereich mit Kommerz gleich, aber wir sind im Arthouse-Bereich tätig. Mit unserem Engagement wollen wir neben der Kulturvermittlung auch das Bewusstsein stärken, dass Kultur auch ein Metier ist, in dem Menschen arbeiten und fair entlöhnt werden sollen. Dafür sind wir da. Wir setzen uns für die Kulturschaffenden ein. Wer den Abspann eines Films anschaut, sieht, wie viele Menschen dafür gearbeitet haben. Wir brauchen Unterstützung, damit unsere tiefgreifende und sorgfältige Arbeit mit den komplexen Filmen möglich ist und die Filmschaffenden für ihre Kunst fair entlöhnt werden. Dabei sind wir einerseits auf das Publikum angewiesen. Aber weil diese Filmproduktionen nicht selbsttragend sind, brauchen wir andererseits ebenso Mäzene und Spenden. Spendenmöglichkeiten finden sich auf unserer Homepage und wir freuen uns auch über Kontaktaufnahmen.
War es herausfordernd, das Gütesiegel zu erhalten?
MR: Wir sind die erste soziokulturelle Institution, die Zewo-zertifiziert ist. Für das Label gilt es, viele Anforderungen zu erfüllen, aber das ist alles im Sinne der Transparenz. Uns hilft das Gütesiegel, um Bewusstsein zu schaffen, dass auch unsere Arbeit unterstützungswürdig ist.
Mit unserem Engagement wollen wir neben der Kulturvermittlung auch das Bewusstsein stärken, dass Kultur auch ein Metier ist, in dem Menschen arbeiten und fair entlöhnt werden sollen.
Meret Ruggle, Direktorin der Stiftung trigon-film
In welchen Ländern finden Sie die Filme?
MR: Wir finden die Filme durch unser Netzwerk, auf den grossen Filmmärkten der Welt (Cannes oder Berlin zum Beispiel) oder auf kleineren Filmfestivals, an denen die lokale Industrie vertreten ist. Oft wählen wir Filme aus Ländern aus, die keine eigene Filmförderung haben. So zum Beispiel der Iran, wo die Meinungsfreiheit unterdrückt wird und kein alternatives Kulturschaffen erlaubt ist, das nicht dem Staatsinteresse dient. Wenn der Film hier bei uns gezeigt werden kann, verdienen die Filmschaffenden damit auch Geld, das sie in neue Projekte investieren können.
Verfügen diese Länder über gar keine funktionierende Filmindustrie oder ist die Herausforderung, dass die Projekte, die Sie unterstützen, nicht zum Mainstream gehören?
SR: Beides. Wir sind in Ländern aktiv, in denen Künstler:innen teilweise erst mit unserer Unterstützung einen Film realisieren können. Wobei wir erst dazu kommen, wenn ein Film fast fertig ist. Wir schaffen die Anschlussfinanzierung. Wir haben zum Beispiel die indische Filmemacherin Payal Kapadia unterstützt. Weil sie gegen den indischen Regierungschef Narendra Modi auf der Strasse demonstrierte, hatte sie keine Chance auf staatliche Gelder. Dank unserer Unterstützung konnte sie mit ihrem Film am Filmfestival Cannes am Wettbewerb teilnehmen.
Sind die Übersetzungen herausfordernd?
SR: Es ist extrem fordernd. Nicht nur wegen der Sprachen an sich, sondern wegen der kulturellen Eigenheiten: Es ist anspruchsvoll, den Inhalt richtig zu transportieren, Redewendungen oder Lieder richtig zu übersetzen in einigen Regionen wird etwa viel gesungen. Auch Dialoge rund um Religion müssen sorgfältig übersetzt werden.
Sie sind gerade an einem Filmfestival in Marokko – finden Sie an solchen Veranstaltungen Ihr Filmprogramm?
MR: In der Regel sind wir an europäischen Filmfestivals, Berlin, Cannes und Venedig. Hier gibt es immer wieder neue Stimmen zu entdecken. Aber es gibt auch Festivals wie hier in Marokko, wo man richtig in die Region eintauchen und Stimmen entdecken kann, die es noch nicht auf die grosse Bühne geschafft haben. Und dann haben wir unser Netzwerk, mit dem wir ständig in Kontakt stehen. Ebenso braucht es viel Recherche. Am Ende müssen wir eine Auswahl treffen, von der wir überzeugt sind, dass das Schweizer Publikum etwas mitnehmen kann.
SR: Unsere Stiftung gibt es seit 1988. Sie geniesst einen guten Ruf. Deswegen erhalten wir auch oft Vorschläge, ob wir nicht einen Blick auf ihren Film werfen wollen. Filmschaffende wissen, dass es helfen kann, bei trigon-film zu sein, um weitere Verleiher zu finden. Es funktioniert wie ein Schneeball-Effekt. Leider müssen wir oft auch absagen.
trigon-film setzt nicht nur auf Kino, sondern hat eine Streamingplattform oder bietet DVDs an. Braucht es diese verschiedenen Kanäle?
SR: Kino hat immer noch einen grossen Effekt mit schweizweit zehn Millionen Eintritten pro Jahr. Ausserdem ist es ein Begegnungsort. Ich denke, ein Film gehört ins Kino. Wir beobachten auch eine Renaissance. Jugendliche gehen wieder gerne ins Kino. Man kann auch alleine hingehen und ist damit weg von der Couch zu Hause. Aber die Filme bleiben oft nur kurze Zeit auf den Kinoleinwänden, weil viele neue Filme nachrücken. Daher ist Streaming oder die DVD für uns sehr wichtig.
Aber braucht es die DVD noch?
SR: Es gibt immer noch Menschen, die etwas Physisches kaufen wollen. Ausserdem lässt sich auf einer DVD einfach Bonusmaterial integrieren. Aber wir haben schon früh eine Streamingplattform entwickelt. Unsere Streamingplattform filmingo ist die erfolgreichste Arthouse Plattform der Schweiz. Sie bietet auch Filme anderer Verleiher an. Auch hier setzen wir auf eine faire Entlöhnung.



