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Sozi­al­ka­pi­tal: Die unsicht­bare Ressource von Nonprofit-Organisationen

Wer in den Jahresbericht einer NPO blickt, sieht Zahlen, Budgets und Projekte. Unsichtbar bleibt jedoch meist das eigentlich Entscheidende: die Netzwerke, das Vertrauen und die Werte, die alles tragen. Diese Ressource lässt sich nur schwer in Kennzahlen fassen, ist in der Praxis jedoch oft der wahre Erfolgsfaktor: das Sozialkapital.

In der tradi­tio­nel­len Forschung bezeich­net der Begriff «Sozi­al­ka­pi­tal» die Gesamt­heit der aktu­el­len und poten­zi­el­len Ressour­cen, die aus stabi­len Netz­wer­ken und sozia­len Bezie­hun­gen entste­hen (Pierre Bour­dieu: The Forms of Capi­tal, 1986). Damit ermög­licht es Indi­vi­duen sowie Orga­ni­sa­tio­nen, Ziele zu errei­chen, die ohne dessen Vorhan­den­sein gar nicht, oder nur mit deut­lich höhe­ren Kosten reali­sier­bar wären (James S. Cole­man: Foun­da­ti­ons of Social Theory, 1990). Denn wo Vertrauen und Verläss­lich­keit bestehen, sinken die Trans­ak­ti­ons­kos­ten: Weni­ger Verträge, Hier­ar­chien und Büro­kra­tie sind erfor­der­lich, da diese Verbind­lich­keit bereits in den Bezie­hun­gen zwischen Menschen veran­kert ist (Fran­cis Fuku­yama: Social Capi­tal, Civil Society and Deve­lo­p­ment, 2001). Dadurch ist Sozi­al­ka­pi­tal von unschätz­ba­rem Wert und sollte als eine weitere bedeu­tende Vermö­gens­art verstan­den werden, die sich komple­men­tär zu den mitt­ler­weile etablier­ten Grös­sen des Finanz­ka­pi­tals (Geld & Sach­werte) sowie des Human­ka­pi­tals (Wissen & Fähig­kei­ten) manifestiert.

Warum NPO ohne Sozi­al­ka­pi­tal nicht funktionieren

Gerade Nonpro­fit-Orga­ni­sa­tio­nen (NPO) sind meist in beson­de­rer Weise auf dieses Kapi­tal ange­wie­sen. Oft wissen sie daher intui­tiv um dessen grosse Bedeu­tung: So bildet es die Basis ihrer Wirkung, stif­tet Legi­ti­ma­tion und entfal­tet auch posi­tive Effekte über die Orga­ni­sa­tion hinaus. Soziale Bezie­hun­gen müssen jedoch gehegt und gepflegt werden. Fehlt es folg­lich an dieser sozia­len Ressource, droht einer NPO der Verlust an Anschluss­fä­hig­keit gegen­über Spender:innen, Frei­wil­li­gen, Mitglie­dern und der Öffent­lich­keit. Dabei sind auch Über­le­gun­gen zur ange­streb­ten Ausprä­gung des Sozi­al­ka­pi­tals entschei­dend: Bonding-Sozi­al­ka­pi­tal stärkt das Wir-Gefühl und den inne­ren Zusam­men­halt der NPO; Bridging-Sozi­al­ka­pi­tal über­win­det gesell­schaft­li­che Gräben und ermög­licht die Errei­chung neuer Ziel­grup­pen; Linking-Sozi­al­ka­pi­tal öffnet die Tür zu Entschei­dungs­trä­gern, indem es verti­kale Verbin­dun­gen über Hier­ar­chien hinweg schafft.

Unsicht­bar, aber unverzichtbar

Trotz seiner zentra­len Bedeu­tung wird Sozi­al­ka­pi­tal in vielen Orga­ni­sa­tio­nen weder syste­ma­tisch erfasst noch gezielt stra­te­gisch aufge­baut. Viel­mehr entsteht es eher beiläu­fig als nicht inten­dier­tes Neben­pro­dukt ande­rer Akti­vi­tä­ten. Es mangelt bislang an prak­ti­ka­blen Ansät­zen, mit denen Führungs­per­so­nen gezielt in Sozi­al­ka­pi­tal inves­tie­ren und diese Orga­ni­sa­ti­ons­res­source aufbauen können. Sozi­al­ka­pi­tal wird oft über­se­hen, weil es schwer mess­bar ist. Denn die Wirkung rezi­pro­ker sozia­ler Bezie­hun­gen zeigt sich beispiels­weise, wenn über­haupt, meist erst mit zeit­li­cher Verzö­ge­rung. In Aner­ken­nung dieser Heraus­for­de­rung wird jedoch jüngst vermehrt Forschung betrie­ben, auch am Center for Phil­an­thropy Studies.

Sozi­al­ka­pi­tal sicht­bar machen: Drei Hebel für NPO

Mitt­ler­weile besteht weit­ge­hend Konsens darüber, dass Sozi­al­ka­pi­tal aus drei Kern­kom­po­nen­ten besteht: Netz­werke, Vertrauen, Normen (Robert Putnam: Making Demo­cracy Work, 1993 & Bowling Alone, 2000). Für NPO können basie­rend auf dieser Diffe­ren­zie­rung folgende konkre­tere Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zum syste­ma­ti­schen Aufbau von Sozi­al­ka­pi­tal abge­lei­tet werden:

1) Netz­werke: Schaf­fung von Gelegenheitsstrukturen

Netz­werke entste­hen nicht von selbst, sondern bedin­gen Räume, in denen man einan­der begeg­nen kann. Seien es Gremi­en­sit­zun­gen, Vereins­an­läs­sen, Team­aus­flü­gen, Frei­wil­li­gen-Tref­fen, Themen­events oder Austausch­for­mate. Diese Gele­gen­hei­ten zum Zusam­men­kom­men bilden die Grund­lage für Rezi­pro­zi­tät und Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit. Auch digi­tale Sicht­bar­keit via Webseite oder Social Media kann Verbin­dung schaf­fen. Konkrete Indi­ka­to­ren zur Messung des Netz­werks könn­ten daher sein: Anzahl Events, Mitglie­der­wachs­tum, Follower in sozia­len Netz­wer­ken, etc.

2) Vertrauen: Stär­kung der Reputation

Vertrauen über­win­det das für soziale Bezie­hun­gen typi­sche Problem der Unsi­cher­heit. Es wächst durch Trans­pa­renz, konse­quente Kommu­ni­ka­tion und die Inte­gri­tät der Führung. Eine gute Repu­ta­tion stärkt nicht nur die orga­ni­sa­tio­nale Bindung, sondern auch die Bereit­schaft zu spen­den und sich zu enga­gie­ren. Zur Vertrau­ens­bil­dung können konkret auch eine ZEWO-Zerti­fi­zie­rung, die Rech­nungs­le­gung nach Swiss GAAP FER oder die Anwen­dung des Swiss Foun­da­tion Code beitragen.

3) Normen: Vermitt­lung gemein­schafts­be­zo­ge­ner Werte

Normen einer NPO reflek­tie­ren deren proso­ziale Werte. Sie fördern mora­li­sches Handeln und soziale Verant­wor­tung und wirken zugleich als Schutz vor oppor­tu­nis­ti­schem Verhal­ten. Dazu gehört auch, sich bewusst zu sein, welche sozia­len Dispo­si­tio­nen vermit­telt werden sollen. Eine Ausein­an­der­set­zung mit der eige­nen Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schichte und den Statu­ten bietet hier­für oft Orien­tie­rung. Entschei­dend dabei sind ein klares Leit­bild und eine Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur, welche Iden­ti­tät stif­tet und im Alltag glaub­wür­dig vorge­lebt wird.

Die syste­ma­ti­sche Erfas­sung des Sozi­al­ka­pi­tals in diese struk­tu­rel­len, rela­tio­na­len und kogni­ti­ven Kompo­nen­ten eröff­net NPO einen hilf­rei­chen Zugang zu dieser bislang nur schwer greif­ba­ren Ressource. Was sonst unsicht­bar im Hinter­grund wirkt, wird so mess- und damit gestalt­bar. Sobald Sozi­al­ka­pi­tal als wich­ti­ger orga­ni­sa­tio­na­ler Wert aner­kannt wird (etwa durch die Aufnahme in den Jahres­be­richt, ähnlich wie Bilanz und Erfolgs­rech­nung), erleich­tert dies den geziel­ten Aufbau und die nach­hal­tige Pflege. Denn wer Sozi­al­ka­pi­tal nicht länger als unsicht­bare Grösse behan­delt, sondern als gezielte Inves­ti­ti­ons­mög­lich­keit begreift, kann es wirk­sam in das stra­te­gi­sche Manage­ment von NPO inte­grie­ren. Und hier entfal­tet sich das Poten­zial: NPO, die ihr Netz­werk, ihr Vertrauen und ihre Werte bewusst pfle­gen und stär­ken, schaf­fen das Funda­ment für ihre eigene Zukunftsfähigkeit.

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