Tamaris Mayer, «sogar theater»

«sogar thea­ter»: Bühne für Menschen ohne grosse Lobby

Zum ersten Mal führt das «sogar theater» in dieser Spielzeit eine Tasteinführung für Blinde und Sehbehinderte auf. Das «sogar theater» in Zürich fördert den Austausch mit dem Publikum und integriert dieses. Co-Leiterin Tamaris Mayer sagt, wie es gelingt, das Programm zu finanzieren und welche Rolle das Manifest des Theaters spielt.

Sie wollen den Austausch mit dem Publi­kum fördern und dieses inte­grie­ren. Wie gelingt das?

Indem wir mit den Zuschauer:innen in einen Dialog treten und nicht einfach nur senden, sondern auch zuhö­ren. Das passiert einer­seits im Thea­te­rall­tag, nach den Vorstel­lun­gen und an der Bar. Die Leute erzäh­len, was sie gese­hen haben und was sie bewegt. Das passiert ganz unmit­tel­bar. Oftmals reagie­ren die Leute posi­tiv. Manch­mal brin­gen sie auch Kritik an. Ursina Greuel und ich leiten das «sogar Thea­ter» als Co-Leite­rin­nen; eine von uns ist immer anwe­send bei den Auffüh­run­gen und im Gespräch mit dem Publikum.

Ander­seits versu­chen wir, den Austausch bereits in der Programm­pla­nung und während des künst­le­ri­schen Prozes­ses im Blick zu haben. Die Vermitt­lung unse­rer Themen und Stücke wird nicht dele­giert an eine Vermitt­lungs­per­son, sondern dafür sind alle zustän­dig. Also auch die Schauspieler:innen, die Autor:innen, das Bar-Team usw. Zu all unse­ren Stücken führen wir Publi­kums­ge­sprä­che, bei denen die Zuschauer:innen, die Spie­len­den und die Autor:innen auf Augen­höhe über die Themen des Stücks spre­chen. Unsere beiden aktu­el­len Stücke «Ja oder Nein – eine Partei im Kreuz­ver­hör» und «Und dann fing das Leben an – eine türkisch-schwei­ze­ri­sche Einwan­de­rungs­ge­schichte» geben viel zu reden und die Leute nehmen das Gesprächs­an­ge­bot gerne an.

Wir versu­chen den Austausch bereits in der Programm­pla­nung im Blick zu haben.

Tama­ris Mayer, Co-Leite­rin «sogar theater»

Mit Forma­ten wie den Kalt­le­sun­gen, dem SPOIZ-Festi­val für Kinder und unse­rem jähr­lich statt­fin­den­den Quar­tier­pro­jekt binden wir die Zuschauer:innen und die Anwohner:innen aktiv ins Thea­ter­pro­gramm ein; sie können mitre­den und mitge­stal­ten. Und dann gibts auch noch den «sogar» Chor mit 40 Sänger:innen, die einmal pro Woche singen und Teil des «sogar thea­ters» sind.

«Thea­ter ist ein Gespräch mit der Gesell­schaft» gilt als Rich­tungs­wei­sung für Ihr Thea­ter. Was verste­hen Sie unter Gesellschaft?

Mit Gesell­schaft meinen wir die Welt, die uns umgibt, hier und heute – über alle Sprach­gren­zen und soziale Umfel­der hinaus. Auch soge­nannte Rand­grup­pen und Menschen ohne grosse Lobby sollen auf unse­rer Bühne wahr­ge­nom­men und gewür­digt werden. Darum stehen in unse­rem Programm die Themen Femi­nis­mus, Migra­tion und Perspek­ti­ven von gesell­schaft­li­chen Minder­hei­ten im Zentrum. Neben Stücken auf Hoch­deutsch und Mund­art sind auch mehr­spra­chige Texte, Akzente und die gewach­se­nen Spra­chen von Migrant:innen zu hören.

Neben diesem künst­le­ri­schen Fokus gibt es das Begleit­pro­gramm «sogar zäme» – das «sogar thea­ter» soll für möglichst viele Menschen offen sein. Dazu gehört ein inte­gra­ti­ves Bar-Modell, bei dem Menschen hinter der Bar arbei­ten, die Deutsch lernen. Weiter findet sechs Mal pro Jahr ein Sprach­tisch statt – ein Stamm­tisch für Deutsch­ler­nende. Menschen, die Deutsch lernen, kommen mit ihren DaZ-Lehrer:innen [Deutsch als Zweit­spra­che] ins «sogar thea­ter», schauen sich ein Stück an und spre­chen danach in einem nieder­schwel­li­gen Gespräch darüber.

Ursina Greuel und Tama­ris Mayer, Co-Leite­rin­nen «sogar theater»

Seit letz­tem Jahr bieten wir pro Spiel­zeit zwei Auffüh­run­gen für gehör­lose und hörbe­hin­derte Menschen an. Diese werden simul­tan über­setzt in Gebär­den­spra­che. Bei diesen Auffüh­run­gen wird die Thea­ter­bar von Gehör­lo­sen bedient. Die Zuschauer:innen können ihr Getränk in Gebär­den­spra­che bestel­len – mit Hilfe einer spezi­el­len Geträn­ke­karte. So soll eine Sensi­bi­li­sie­rung auf beide Seiten stattfinden.

Näch­ste Woche führen Sie das Stück «Und dann fing das Leben an» als Tastein­füh­rung für Sehbe­hin­derte auf. Wie kann ich mir diese vorstellen?

Eine Tastein­füh­rung rich­tet sich an Blinde und Sehbe­hin­derte, welche die visu­el­len Aspekte eines Thea­ter­stücks oder Lese­abends nicht erfas­sen können. Eine halbe Stunde vor der Auffüh­rung tref­fen sich die Zuschauer:innen und die betei­lig­ten Schauspieler:innen auf der Bühne des sogar thea­ters. Die Zuschauer:innen haben nun die Möglich­keit, das Bühnen­bild zu erta­sten und die Requi­si­ten in die Hand zu nehmen. Weiter beschrei­ben die Schauspieler:innen, wie sie ausse­hen und welche Klei­dung sie im Stück tragen. So können die Sehbe­hin­der­ten die Stim­men, die sie dann während des Stücks hören, mit der jewei­li­gen Schauspieler:in in Verbin­dung brin­gen, und können sich ein Bild machen von der Szenerie.

Eine Tastein­füh­rung rich­tet sich an Blinde und Sehbe­hin­derte, welche die visu­el­len Aspekte eines Thea­ter­stücks oder Lese­abends nicht erfas­sen können.

Tama­ris Mayer, Co-Leite­rin «sogar theater»

Es ist das erste Mal, dass wir im «sogar thea­ter» eine Tastein­füh­rung machen. Wir sind gespannt auf die Rück­mel­dun­gen der Zuschauer:innen; es ist ein Lern­pro­zess, den wir mit den Betei­lig­ten gemein­sam gehen und viel­leicht unter­wegs anpas­sen müssen. Unser Ziel ist es, ein bis zwei Thea­ter­stücke pro Spiel­zeit für Blinde und Sehbe­hin­derte zugäng­lich zu machen.

Gegrün­det wurde sogar 1998 im Kreis 5, nahe der Drogen­szene in Zürich. War das Thea­ter eine bewusste Ausein­an­der­set­zung mit diesem Umfeld?

Als Peter Brun­ner und Doris Aebi das «sogar thea­ter» grün­de­ten, gab es im Kreis 5 und darum herum weit und breit keine Kultur. Die Gegend war geprägt von Junkies, Dealern, dem Strich an der Lang­strasse usw. Dem woll­ten die Gründer:innen etwas entge­gen­set­zen – sogar thea­ter sollte hier statt­fin­den, in einem Hinter­hof an der Josef­strasse 106.

Heute ist die Situa­tion ganz anders als damals – Kultur­orte gibt es gleich mehrere im Kreis 5. Aber auch wir versu­chen, auf unser Umfeld zu reagie­ren. Die multi­kul­tu­relle Nach­bar­schaft, die vielen Spra­chen, die wir auf der Strasse und in der Migros hören, die Migrant:innen, die hier leben oder ein Geschäft betrei­ben – all das fliesst ein in unser Theaterprogramm.

Sie haben auch ein Mani­fest formu­liert. Wie ist dieses entstan­den? Welche Rolle spielt das Mani­fest für die Arbeit des Theaters?

Es dient als Leit­fa­den und Kompass für alle, die im und ums «sogar thea­ter» herum arbei­ten. Um dem Publi­kum auf Augen­höhe begeg­nen zu können, braucht es Offen­heit, Ehrlich­keit und Verletz­lich­keit. Nur so lassen sich auch die feinen und leisen Impulse aus der Gesell­schaft wahr­neh­men. Diese Grund­hal­tung spie­gelt sich in der künst­le­ri­schen Arbeit, den Begeg­nun­gen mit dem Publi­kum sowie im Umgang mitein­an­der. Dies wurde in besag­tem «stil­len Mani­fest» festgehalten.

Die Bedeu­tung von Text und Lite­ra­tur steht im Fokus. Verlie­ren diese in unse­rer Gesell­schaft an Bedeutung?

Genau, das «sogar» ist ein lite­ra­ri­sches Thea­ter. Aller­dings defi­nie­ren wir Lite­ra­tur möglichst weit: Nicht nur schrift­li­che Texte gehö­ren dazu, sondern auch münd­li­che. Spoken Word, Lyrik, mehr­spra­chige Texte, Verbin­dun­gen Wort und Klang, Musik­thea­ter – all das findet Platz im «sogar theater»!

Ich denke nicht, dass das Lesen oder Texte insge­samt an Bedeu­tung verlie­ren. Doch die Texte wandeln sich, und mit ihnen die Vorstel­lung davon, was Lite­ra­tur ist. Und das ist gut so. Es gibt viele neue Formen, in denen sich gerade junge Menschen ganz selbst­ver­ständ­lich bewegen.

Wie stel­len Sie das Programm zusammen?

Wir reali­sie­ren bis zu drei Eigen­pro­duk­tio­nen pro Spiel­zeit. Dazu kommen Gast­spiele und Kopro­duk­tio­nen. Am Montag findet ein- bis zwei­mal pro Monat ein Spoken-Word- oder Lese­abend statt. Das gibt dem Programm eine Struk­tur und liegt inner­halb unse­rer finan­zi­el­len Möglichkeiten.

Zu den eigent­li­chen Programm­punk­ten kommen wir auf ganz unter­schied­li­chen Wegen. Erst einmal lesen wir viel! Thea­ter­stücke oder andere Texte, die wir zum Teil von Autor:innen zuge­schickt bekom­men. Weiter bekom­men wir Gast­spiel­an­fra­gen von Regisseur:innen und freien Thea­ter­grup­pen – wir prüfen alles sorg­fäl­tig, lesen die Texte und entschei­den dann, ob sie lite­ra­risch und künst­le­risch gut sind und thema­tisch zu unse­ren Schwer­punk­ten passen.

Die Texte wandeln sich, und mit ihnen die Vorstel­lung davon, was Lite­ra­tur ist.

Tama­ris Mayer, Co-Leite­rin «sogar theater»

Wich­tig für das «sogar thea­ter» sind auch Koope­ra­tio­nen, mit denen wir einen Teil des Programms gestal­ten: Aktu­ell steht ein «Wort­Wech­sel» an, ein lite­ra­ri­scher Austausch zwischen dem afgha­ni­schen Dich­ter Jafar Sael und dem Schwei­zer Spoken-Word-Künst­ler Jurz­cok 1001, der in Zusam­men­ar­beit mit dem Verein Weiter Schrei­ben entstan­den ist. Weiter gibt es eine regel­mäs­sige Zusam­men­ar­beit mit dem Lite­ra­tur­fe­sti­val «Zürich liest» und dem «uner­hört! Jazz­fe­sti­val» sowie mit dem Maga­zin «Repor­ta­gen», mit dem wir zwei- bis drei­mal pro Jahr einen Diskus­si­ons­abend machen. Dazu kommt das Musik­thea­ter-Kollek­tiv ox&öl – die einmal pro Jahr eine Produk­tion bei uns realisieren.

Wie ist es gelun­gen, als Klein­thea­ter fast 25 Jahre finan­zi­ell zu bestehen?

Die Finan­zie­rung des «sogar thea­ters» war, ist und bleibt eine Heraus­for­de­rung! Zwar erhält das Haus seit 2008 Subven­ti­ons­gel­der von Stadt und Kanton Zürich. Aller­dings decken diese nur rund einen Drit­tel des Gesamt­bud­gets ab. Das heisst, dass wir den gros­sen Rest über Ticket- und Bar-Einnah­men, Stif­tun­gen, Spen­den und Gönner:innen finan­zie­ren müssen. In den letz­ten Jahren ist uns das immer wieder gelun­gen. Doch dafür ist ein steti­ges Weibeln und Spre­chen nötig! Im «sogar thea­ter» kümmern wir uns zu dritt ums Fund­rai­sing, auf ganz verschie­de­nen Ebenen.

Sehr glück­lich sind wir über den gros­sen und treuen Verein «sogar thea­ter» mit seinen knapp 800 Mitglie­dern, die das Thea­ter nicht nur finan­zi­ell, sondern auch ideell unter­stüt­zen (für 50 Fran­ken können auch Sie Mitglied werden!). Weiter pfle­gen wir einen Kreis von rund 40 Gönner:innen, die das Thea­ter mit jähr­li­chen Beiträ­gen von 500 bis 3000 Fran­ken unterstützen.

Wir müssen den gros­sen Rest über Ticket- und Bar-Einnah­men, Stif­tun­gen, Spen­den und Gönner:innen finanzieren.

Tama­ris Mayer, Co-Leite­rin «sogar theater»

Für die künst­le­ri­schen Produk­tio­nen und die Finan­zie­rung des Begleit­pro­gramms «sogar zäme» stel­len wir Anträge an Stif­tun­gen! Wenn es also unter den Leser:innen Stiftungsrät:innen oder Privat­per­so­nen gibt, die das «sogar thea­ter» unter­stüt­zen möch­ten, dann freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme!

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