Elena Konstantinidis, Projektleiterin, Stv. Geschäftsführerin Stiftung Selbsthilfe Schweiz

Selbst­hilfe bietet gros­ses Poten­zial für das Gesundheitswesen

Das soeben beendete Projekt «Gesundheitskompetenz dank selbsthilfefreundlicher Spitäler» zeigt grosses Potenzial der Selbsthilfe für das Gesundheitswesen. Die Stv. Geschäftsführerin Stiftung Selbsthilfe Schweiz Elena Konstantinidis spricht über die Wirkung von Selbsthilfe, was sie für die Gesundheitskosten bewirken kann und auf welche Widerstände das Projekt gestossen ist.

Was verste­hen Sie unter Selbsthilfe?

Wir von der Stif­tung Selbst­hilfe Schweiz setzen uns für gemein­schaft­li­che Selbst­hilfe ein. Im Alltag kennt man das unter dem Begriff Selbst­hil­fe­grup­pen: Menschen in einer heraus­for­dern­den Lebens­si­tua­tion tauschen sich mitein­an­der aus, um sich gegen­sei­tig zu unterstützen.

Das hilft?

Es funk­tio­niert, weil die Menschen, die zusam­men­kom­men, bereit sind, sich einzu­brin­gen und die ande­ren Mitglie­der der Gruppe zu unter­stüt­zen. Es ist gegen­sei­tig: Unter­stüt­zung erhal­ten und unter­stüt­zen. Daraus erge­ben sich konstruk­tive Gespräche.

Häufig sind es Tabu­the­men. Das heisst, Sie können nicht im Migros einen Anschlag machen mit Ihrer Handy-Nummer. 

Elena Konstan­ti­ni­dis, Projekt­lei­te­rin, Stv. Geschäfts­füh­re­rin Stif­tung Selbst­hilfe Schweiz

Welche Themen stehen im Vordergrund?

Rund 75 Prozent der Selbst­hil­fe­grup­pen haben ein Thema aus dem Gesund­heits­be­reich, resp. eine Krank­heit. Diese Grup­pen sind wich­tig für Menschen, die an einer lang­fris­ti­gen oder chro­ni­schen Krank­heit leiden. Zu einem kurzen akuten Thema wie einem Bein­bruch gibt es keine Selbst­hil­fe­grup­pen. Dafür aber zu Themen , die  persön­li­che soziale Fragen aufwer­fen, wie z.B. Fehl­ge­burt. Bei den Gesund­heits­the­men betrifft die eine Hälfte soma­ti­sche Krank­hei­ten, die andere psychi­sche. Zu letz­te­ren gehö­ren auch Sucht­er­kran­kun­gen. Die rest­li­chen Grup­pen behan­deln soziale Themen.

Was macht die Orga­ni­sa­tion von Selbst­hilfe herausfordernd?

Häufig sind es Tabu­the­men. Das heisst, Sie können nicht im Migros einen Anschlag machen mit Ihrer Handy-Nummer. Wir bieten profes­sio­nelle Struk­tu­ren. In der Schweiz gibt es 22 regio­nale Selbst­hil­fe­zen­tren.. Wer eine Gruppe sucht, kann sich an das nächste Zentrum wenden. Für gewisse Themen sind auch Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen wichtig.

Wie unter­schei­den sich diese?

Sie sind formel­ler, über­re­gio­nal und behan­deln ein spezi­fi­sches Thema. Sie bieten verschie­dene Akti­vi­tä­ten und Dienst­leis­tun­gen an.

Die Selbst­hilfe ist ein Zusatz­an­ge­bot, welches das Spital machen kann. 

Elena Konstan­ti­ni­dis

Sie haben soeben das Projekt «Gesund­heits­kom­pe­tenz dank selbst­hil­fe­freund­li­cher Spitä­ler» abge­schlos­sen. Es weist auf das grosse Poten­zial der Selbst­hilfe für das Gesund­heits­we­sen in der Schweiz hin. Welche konkre­ten Erkennt­nisse brachte das Projekt?

Zur Einord­nung: Das Konzept stammt aus Deutsch­land. Dank der Förde­rung von Gesund­heits­för­de­rung Schweiz konn­ten wir in der Projekt­phase von 2021 bis 2025 einen Roll­out in 50 Spitä­lern machen. Das Ziel ist, dass es nun konti­nu­ier­lich weitergeht.

Was leis­ten die Spitä­ler, die mitmachen?

Das Konzept beruht auf sechs Quali­täts­kri­te­rien, welche die Spitä­ler erfül­len müssen. Dazu gehört, dass die Spitä­ler Patient:innen und Ange­hö­rige syste­ma­tisch über die Möglich­keit von Selbst­hilfe infor­mie­ren. Dazu muss das Spital konkret Prozesse aufbauen: Wer infor­miert wann und wie. Dann braucht es ein Koope­ra­ti­ons­drei­eck aus Spital, Selbst­hil­fe­zen­trum und einer betrof­fe­nen Person aus der Selbst­hil­fe­gruppe. So entsteht ein regel­mäs­si­ger Austausch zwischen der Fach­per­son im Spital und einem oder einer Vertreter:in aus der Selbst­hil­fe­gruppe. Die Projekt­phase hat gezeigt, dass dies funk­tio­niert. In 90 Prozent der Spitä­ler, die ange­fan­gen haben, läuft das Programm.

Wie profi­tiert das Spital von einer Teil­nahme als selbst­hil­fe­freund­li­ches Spital?

Die Fach­per­so­nen erlan­gen einen Wissens­zu­wachs. Das zeigen die Rück­mel­dun­gen, die wir erhal­ten. Sie erfah­ren mehr darüber, wie die Betrof­fe­nen ihre Behand­lungs­me­tho­den erle­ben und sie können diese weiter­ent­wi­ckeln. Die Selbst­hilfe ist ein Zusatz­an­ge­bot, welches das Spital machen kann. Beispiels­weise Krebs­pa­ti­en­ten haben viele Fragen. Die Zeit der Radio­lo­gie-Fach­per­son reicht für die Beant­wor­tung nicht aus. Das Ange­bot der Selbst­hil­fe­gruppe kann hier Abhilfe schaffen.

Spitä­ler sind demnach offen für die Erkennt­nisse und Empfeh­lun­gen der Selbst­hilfe? Sie sind nicht auf syste­mi­sche Barrie­ren gestossen?

Doch, leider schon. Es ist aufwän­dig, Spitä­ler zur Koope­ra­tion zu gewin­nen. Die syste­mi­schen Barrie­ren sind knappe Perso­nal­res­sour­cen bei den Spitä­lern aber auch häufige Wech­sel auf der Führungs­ebene oder Umstruk­tu­rie­run­gen. Oft wird man auf später vertrös­tet. Zudem ist oft der Respekt vor einem zusätz­li­chen Projekt gross. Und schliess­lich ist die Finan­zie­rung gene­rell ein Problem, weil Spitä­ler das Ange­bot nicht problem­los über die Tarife verrech­nen können.

Ab Mai 2026 müssen Spitä­ler ihre Pati­en­ten­zen­triert­heit darle­gen. Selbst­hil­fe­freund­lich­keit ist eine Möglich­keit, dies auszuweisen.

Elena Konstan­ti­ni­dis

Wie gelingt es Ihnen, die Spitä­ler dennoch zu überzeugen?

Selbst­hilfe ermög­licht dem Spital, ein inter­es­san­tes Zusatz­an­ge­bot zu machen und seine Quali­tät auszu­wei­sen. Seit Anfang Jahr haben wir die Aner­ken­nung des Spital­ver­bands H+. Die Zusam­men­ar­beit mit uns gilt als Quali­täts­ver­bes­se­rungs­mass­nahme. Sie gilt als Quali­täts­aus­weis. Zudem müssen Spitä­ler ab Mai 2026 ihre Pati­en­ten­zen­triert­heit darle­gen. Selbst­hil­fe­freund­lich­keit ist eine Möglich­keit, dies auszuweisen.

Weshalb nennen Sie das Ange­bot Präven­ti­ons­an­ge­bot, wenn die Betrof­fe­nen bereits erkrankt sind?

Die Betrof­fe­nen erhal­ten in den Selbst­hil­fe­grup­pen Hinweise, wie sie mit ihrer Erkran­kung oder Situa­tion umge­hen können, damit es ihnen gut geht. Sie erfah­ren, was sie als Patient:in selbst machen können. Sie erhö­hen ihre Gesund­heits­kom­pe­tenz und über­neh­men mehr Verant­wor­tung für die eigene Gesund­heit. So lassen sich Behand­lun­gen oder Arzt­be­su­che verhin­dern. In diesem Sinn ist die Wirkung präventiv.

Hat Selbst­hilfe einen Effekt auf die Gesundheitskosten?

Es gibt einzelne Studien zu diesem Thema. Es ist aller­dings eine komplexe Rech­nung. Aufgrund des Gesag­ten ist von einem Spar­ef­fekt auszu­ge­hen, aber es gibt zu wenig Daten.

Wie kann die Poli­tik Sie unterstützen?

Indem sie die regio­na­len Fach­stel­len unter­stützt und die notwen­di­gen Ressour­cen zur Verfü­gung stellt. Ich habe zuvor 20 Jahre in der Jugend­ar­beit gear­bei­tet. Auch dort hat sich gezeigt, welchen Multi­pli­ka­ti­ons­ef­fekt man mit mehr Mitteln bei einer schlan­ken profes­sio­nel­len Struk­tur erzie­len kann. Und schliess­lich kann auch der Phil­an­thro­pie­sek­tor mit seiner Förder­tä­tig­keit helfen.

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