David Keller beim Interview, Bild: Benjamin Staehli

Selbst­hei­lungs­kräfte der Systeme in Gang setzen

Langfristiges Denken und rasche Reaktionszeit sind in systemischen Ansätzen entscheidend. Der Geschäftsführer der Luzerner Arthur Waser Stiftung David Keller sagt, was ihr Modell von Impact Investing unterscheidet und spricht über die Messbarkeit im systemischen Ansatz.

Herr Keller, die Arthur Waser Stif­tung setzt bewusst auf syste­mi­sche Trans­for­ma­tion statt auf rein kausal-logi­sche Modelle. Wo sehen Sie die gröss­ten Unter­schiede im Denken und Handeln zwischen einem syste­mi­schen Ansatz und einem klas­si­schen Logi­cal Framework?

Das Logi­cal Frame­work benennt Probleme und löst sie mit Mass­nah­men, die kausal zu Ergeb­nis­sen führen sollen. Begriffe wie Output, Outco­mes und Impact sind heute allge­mein bekannt. In kausa­len Model­len werden auf jeder dieser Wirkungs­stu­fen zu Mess­zwe­cken Indi­ka­to­ren fest­ge­legt. Das Durch­den­ken solcher Kausal­ket­ten mit fass­ba­ren Indi­ka­to­ren ist eine gute Übung in der Planungs­phase von Projek­ten. Ein Logi­cal Frame­work funk­tio­niert gut in stati­schen, eindi­men­sio­na­len Situa­tio­nen: Eine Impf­kam­pa­gne bei einem Chole­ra­aus­bruch konzen­triert sich auf das akute Problem und löst es mess­bar und zuver­läs­sig. Dabei werden alle ande­ren Probleme der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung und selbst die Ursa­che für den Chole­ra­aus­bruch vernach­läs­sigt. Der syste­mi­sche Ansatz hinge­gen ist dem logi­schen in dyna­mi­schen, komple­xen und viel­di­men­sio­na­len Reali­tä­ten über­le­gen. Er nimmt die Ursa­chen ins Blick­feld und betrach­tet tief verwur­zelte, mentale Modelle. Die Kausal­ver­läufe werden in solchen Syste­men immer durch exogene Einflüsse, Wech­sel­wir­kun­gen und Zuord­nungs­fra­gen gestört. 

Eine Alter­na­tive sind ratio­nale Wetten.

David Keller, Geschäfts­füh­rer der Arthur Waser Stiftung

Das heisst?

Das Fest­hal­ten an logi­schen Frame­works führt in solchen Reali­tä­ten zu büro­kra­ti­schen Recht­fer­ti­gungs­übun­gen darüber, weshalb bestimmte Ziele nicht erreicht wurden. Die Planungs- und Messexpert:innen schei­nen sich im Kern aber darüber zu wundern, dass sich die Reali­tät tatsäch­lich anmasst, sich nicht an ihre Ziele zu halten. Eine Alter­na­tive sind ratio­nale Wetten.

Wenn Sie von ratio­na­len Wetten spre­chen: Was bedeu­tet das konkret für die tägli­che Arbeit einer Stif­tung, die nicht nur Symptome, sondern Ursa­chen ergrün­den und den Hebel dort anset­zen möchte?

Eine ratio­nale Wette ist keine Speku­la­tion. Ihre Ratio­na­li­tät besteht darin, dass die Anspruchs­grup­pen in einem System gemein­sam analy­sie­ren, was im System krankt und wie es gesun­den könnte. Auf Basis dieser Analyse werden Ziele und notwen­dige Projekte gemein­sam geplant. Planung ist also sehr wich­tig. In komple­xen und dyna­mi­schen Syste­men müssen Pläne jedoch rasch revi­diert werden können, denn nichts ist so absurd, wie an Zielen fest­zu­hal­ten, die aufgrund geän­der­ter Rahmen­be­din­gun­gen obso­let gewor­den sind. Ich würde drei Fakto­ren für quali­ta­tiv hoch­wer­tige ratio­nale Wetten benen­nen: Erstens, selbst­ver­ant­wort­li­che, starke Part­ner, zwei­tens, ein Analyse- und Planungs­pro­zess, der die Ursa­chen korrekt analy­siert und die Kräfte der syste­mi­schen Trans­for­ma­tion in Gang setzt, und drit­tens rasch einset­zende, möglichst tief­grün­dige Lern­pro­zesse. Mit der ratio­na­len Wette setzen wir auf die besten loka­len Kräfte für die Trans­for­ma­tion eines loka­len Systems. Mehr zu wollen würde bedeu­ten, nicht an diese besten loka­len Kräfte zu glau­ben und Lösun­gen zu impor­tie­ren. Ein solches Verständ­nis von Entwick­lungs­zu­sam­men­ar­beit scheint uns überholt. 

Kind­zen­trierte Montessori Modell­schule «Simba Vision» in Ngabobo, Tansa­nia. Bild: Benja­min Staehli

Aber wie gelingt es, Wirkung sicht­bar zu machen, wenn die mess­ba­ren Indi­ka­to­ren nicht ausrei­chen, um tiefere Verän­de­run­gen abzubilden? 

Selbst­ver­ständ­lich wird in den Teil­pro­jek­ten eines syste­mi­schen Ansat­zes alles gemes­sen, was mit über­schau­ba­rem Aufwand mess­bar ist. Wir möch­ten beispiels­weise wissen, wie viele Lehr­per­so­nen in öffent­li­chen Kinder­gär­ten in Tansa­nia ein Montessori-Weiter­bil­dungs­pro­jekt durch­lau­fen haben und wie ihre Weiter­bil­dung extern und von ihnen selbst bewer­tet wird. Aber es bräuchte eine Gene­ra­tion, um messen zu können, ob sich das, bei den Eltern tief veran­kerte, mentale Modell einer streng auto­ri­tä­ren Erzie­hung – inklu­sive Stock­schläge – verän­dert in Rich­tung einer kind­zen­trier­ten Bildung, und ob die Weiter­bil­dung von Lehr­per­so­nen ihren Teil dazu leis­ten konnte. Meines Erach­tens muss sich in syste­mi­schen Ansät­zen die Wirkungs­for­schung also nicht auf die «Sicht­bar­ma­chung der tiefe­ren Verän­de­run­gen» ausrich­ten, sondern auf die «Ratio­na­li­tät der Schaf­fung von Voraus­set­zun­gen», dass diese Verän­de­run­gen eintreten. 

Die Arthur Waser Stif­tung hat im Bereich nach­hal­tige Land­wirt­schaft bspw. in Tansa­nia ein dezen­tra­les Modell mit Darle­hen entwi­ckelt, bei welchem die unter­stütz­ten Orga­ni­sa­tio­nen sozial enga­gierte, christ­li­che Kongre­ga­tio­nen sind. Sie besit­zen grös­sere Farmen bis 3000 Hektar, die die Förder­gel­der in einen loka­len Trust Fund zurück­zah­len. Dieser wird für weitere Darle­hen vor Ort gesteu­ert mit Betei­li­gung dersel­ben Orga­ni­sa­tio­nen, die die Darle­hen erhal­ten haben. Was macht diesen dezen­tra­len Finan­zie­rungs­an­satz wirk­sa­mer als eine klas­si­sche Förderlogik?

Ich möchte voraus­schi­cken, dass unsere Part­ner auf ihren Höfen eng mit den umlie­gen­den Klein- und Kleinst­bau­ern zusam­men­ar­bei­ten. Wir sehen sie als «Change Agents» und haben die Unter­stüt­zung über Darle­hen aus drei Grün­den entwi­ckelt. Erstens möch­ten wir die Part­ner voll in die unter­neh­me­ri­sche Verant­wor­tung stel­len. Sie haben Zugriff auf Expert:innen, die sie bei der Erar­bei­tung der Busi­ness­pläne unter­stüt­zen und sie in die Lage verset­zen, ihre Risi­ken rich­tig einzu­schät­zen und ihre Gerät­schaf­ten korrekt abzu­schrei­ben. Zwei­tens möch­ten wir, ähnlich wie in Impact Inves­t­ing Model­len, errei­chen, dass die einge­setz­ten Mittel mehr­fach verwen­det werden können. Und drit­tens möch­ten wir die geför­der­ten Orga­ni­sa­tio­nen in die Entschei­dungs­fin­dung über die erneute Mittel­ver­wen­dung mit einbin­den. Die klas­si­sche Förder­lo­gik zentra­li­siert die Entschei­dungs­macht über die Mittel. Wir haben ein parti­zi­pa­ti­ves Modell, das unsere loka­len Part­ner auch bei der kollek­ti­ven Vergabe der zurück­flies­sen­den Mittel in die Mitver­ant­wor­tung stellt.

Unser Ansatz der Dezen­tra­li­sie­rung von Entschei­dungs­macht unter­schei­det sich inso­fern, als dass unsere Part­ne­rin­nen Entschei­dun­gen über die erneute Mittel­ver­wen­dung tref­fen und nicht ein exter­ner Impact Investor.

David Keller

Wie verän­dert sich dadurch das Verhält­nis zwischen Stif­tung und Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen? Entsteht so tatsäch­lich mehr Eigen­ver­ant­wor­tung und ist dieses Modell multiplizierbar?

In vielen afri­ka­ni­schen und latein­ame­ri­ka­ni­schen Ländern neigen die Empfän­ger zu über­mäs­si­ger Anpas­sung an die Agenda der Geber:innen und die Geber:innen zu stra­te­gi­scher Bevor­mun­dung und über­mäs­si­ger Kontrolle. Wir sind der Meinung, dass dabei beide Seiten verlie­ren, denn das gemein­same Inter­esse muss doch darin bestehen, lang­fris­tig Wirkung zu erzie­len und posi­tive Verän­de­run­gen herbei­zu­füh­ren. Mir scheint, wir errei­chen mit unse­rem Modell das viel zitierte «Empower­ment» unse­rer Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen, welches den erwähn­ten Trust Fund nicht zu einem      Selbst­be­die­nungs­la­den macht, sondern in eine gemein­schaft­li­che Wahr­neh­mung von Verant­wor­tung mit «Peers»-Kontrolle. Das Modell ist meines Erach­tens repli­zier­bar, aber wir arbei­ten auch mit den geeig­ne­ten Part­ne­rin­nen zusam­men, in diesem einen Fall mit Schwes­tern­kon­gre­ga­tio­nen, die ich für fast nicht korrum­pier­bar halte.

Sie haben Impact Inves­t­ing erwähnt; dieses ist an Mess­bar­keit und einen «Social Return on Invest­ment» gebun­den. Wo sehen Sie den Unter­schied des dezen­tra­len Systems zu dieser Logik, wenn es um komplexe Systeme wie Bildung oder Land­wirt­schaft geht?

Meiner Meinung nach liegt das grosse Handi­cap des Impact Inves­t­ing im Anspruch auf Mess­bar­keit des «Social Return on Invest­ment». Da ist histo­risch etwas schief­ge­lau­fen. Statt sich vom «Logi­cal Frame­work» zu befreien (übri­gens eine Erfin­dung des Penta­gon, mit dem jahre­lang «nach­ge­wie­sen» wurde, dass die Ameri­ka­ner dabei seien, den Viet­nam­krieg zu gewin­nen), hat das Impact Inves­t­ing diesen unter dem Einfluss von Unter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten umarmt. Aus meiner Sicht besteht die Stärke des Impact Inves­t­ing aber nicht darin, den Fetisch der Mess­bar­keit in einer kausa­len Logik weiter­zu­trei­ben, sondern darin, gedul­di­ges Kapi­tal in den Aufbau von inklu­si­ven Wert­schöp­fungs­ket­ten und Märk­ten zu inves­tie­ren, wo solche fehlen oder defi­zi­ent sind. Wenn dann breite Gesell­schafts­schich­ten an Märk­ten und Wert­schöp­fung parti­zi­pie­ren können, sollte das doch als «sozia­ler» Zweck genü­gen, insbe­son­dere aus wirt­schafts­li­be­ra­ler Sicht. Um Ihre Frage zu beant­wor­ten: Unser Ansatz der Dezen­tra­li­sie­rung von Entschei­dungs­macht unter­schei­det sich inso­fern, als dass unsere Part­ne­rin­nen Entschei­dun­gen über die erneute Mittel­ver­wen­dung tref­fen und nicht ein exter­ner Impact Investor.

Unter­neh­me­risch geprägte Stifter:innen erwar­ten Ergeb­nisse – wenn auch nicht so schnell wie in der klas­si­schen Privat­wirt­schaft. Wie über­zeu­gen Sie diese, dass syste­mi­sche Ansätze Zeit, Geduld und Vertrauen erfordern?

Ich denke, Unter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten prägen die Schwei­zer Stif­tungs­land­schaft posi­tiv. Ihr Denken ist lang­fris­tig, ihre Reak­ti­ons­fä­hig­keit ist rasch. Beide Fähig­kei­ten sind in syste­mi­schen Ansät­zen entschei­dend. Was aller­dings für Unternehmer:innen schwie­rig zu begrei­fen scheint, ist Folgen­des: Es gibt einen funda­men­ta­len Unter­schied zwischen der Mess­bar­keit des unter­neh­me­ri­schen Erfolgs, der sich beinahe stünd­lich in Zahlen ausdrü­cken lässt, und dem abstrak­ten, und lang­fris­ti­gen Erfolg einer Stif­tung. Deshalb sind Lebens­ge­schich­ten von erfolg­rei­chen Unternehmer:innen, die nach­weis­lich erfolg­rei­che Stifter:innen wurden, meines Erach­tens noch eher selten. Viele schei­nen die Geduld mit ihren Stif­tun­gen früher oder später zu verlie­ren, weil ihr menta­les Erfolgs­mo­dell geprägt ist durch rasche Mess­bar­keit. Im Fall der Arthur Waser Stif­tung tragen der Stif­ter und die Unter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten im Stif­tungs­rat den syste­mi­schen Ansatz aber stark mit. 

Es gibt einen funda­men­ta­len Unter­schied zwischen der Mess­bar­keit des unter­neh­me­ri­schen Erfolgs, der sich beinahe stünd­lich in Zahlen ausdrü­cken lässt, und dem abstrak­ten, und lang­fris­ti­gen Erfolg einer Stiftung. 

David Keller

Könnte man sagen: Impact Inves­t­ing opti­miert Bestehen­des, während syste­mi­sche Ansätze auf eine Trans­for­ma­tion des Systems selbst abzielen?

Impact Inves­t­ing gehört für mich in die private Sphäre. Aller­dings sind die Trenn­li­nien zwischen öffent­li­chen Aufga­ben und priva­ter Sphäre heute zuneh­mend unscharf. In der Schweiz würde ich ihrer Defi­ni­tion der Opti­mie­rung von Bestehen­dem zustim­men. In unse­ren afri­ka­ni­schen Schwer­punkt­län­dern würde ich aller­dings daran fest­hal­ten, dass es um den Aufbau von inklu­si­ven Märk­ten und Wert­schöp­fungs­ket­ten geht. Dazu können beispiels­weise auch Bildungs- oder Gesund­heits­märkte gehö­ren, die in vielen euro­päi­schen Ländern eher Aufga­ben der öffent­li­chen Hand sind. Auf Ihre zweite Frage kann ich antwor­ten: Ja, syste­mi­sche Ansätze zielen auf die Trans­for­ma­tion von Syste­men ab, indem sie die Selbst­hei­lungs­kräfte der Systeme in Gang setzen. 

Viele Stif­tun­gen haben sich in den letz­ten Jahren profes­sio­na­li­siert, oft nach unter­neh­me­ri­schem Vorbild. Was braucht es, damit sie nun den nächs­ten Schritt machen – hin zu syste­mi­schem Denken?

Ich möchte darauf hinwei­sen, dass bereits mehrere Stif­tun­gen in der Schweiz syste­mi­sche Ansätze fahren. Wir möch­ten Stif­tun­gen ermu­ti­gen, auf lang­fris­tige Part­ner­be­zie­hun­gen, statt auf drei­jäh­rige Projekte zu setzen. Die Angst vor Abhän­gig­kei­ten ist unbe­grün­det, denn sie sind allen­falls gegen­sei­tig. Dann setzen wir auf ratio­nale Wetten und gemein­same Lern­pro­zesse, denn lang­fris­tige Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse sind ebenso wenig mess­bar wie die erfolg­rei­che «Erzie­hung» eines Kindes. Bei Kindern sorgt eine ratio­nale Wette auf, sagen wir, Zunei­gung, Förde­rung, vernünf­tige Grenz­set­zung und das Zuge­ständ­nis eines Rechts auf den eige­nen Lern­pro­zess für die freie Entfal­tung aller Poten­ziale. Da gibt es nichts zu messen. Schliess­lich ist es mir wich­tig zu beto­nen, dass auch Stif­tun­gen mit beschei­de­nen Mitteln syste­mi­sche Ansätze fahren können. Für die Bekämp­fung der Abhol­zung im Amazo­nas-System braucht es milli­ar­den­schwere Stif­tun­gen. Für den Aufbau eines ausser­schu­li­schen Betreu­ungs­sys­tems für Primarschüler:innen in einer klei­nen Gemeinde genü­gen beschei­de­nere Mittel. Beide Beispiele trans­for­mie­ren ein System.

Die Schwes­tern des Ushirika-wa-Neema-Ordens und Bäue­rin­nen bei der Feld­ar­beit Bild: Benja­min Staehli

David Keller, Jurist und MBA, ehema­li­ger Opern­sän­ger, ist seit acht Jahren Geschäfts­füh­rer der Luzer­ner Arthur Waser Stif­tung. Seit dem Abschluss seiner Lauf­bahn als Sänger im Jahr 1999 war er in leiten­den Funk­tio­nen für verschie­dene natio­nal und inter­na­tio­nal tätige Stif­tun­gen und Insti­tu­tio­nen tätig, u.a. die Fund­aciòn Avina Latein­ame­rika, die Afri­can Inno­va­tion Foun­da­tion, die DEZA und die Zürcher Hoch­schule der Künste. David Keller lebte insge­samt zehn Jahre im Ausland.

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