Herr Keller, die Arthur Waser Stiftung setzt bewusst auf systemische Transformation statt auf rein kausal-logische Modelle. Wo sehen Sie die grössten Unterschiede im Denken und Handeln zwischen einem systemischen Ansatz und einem klassischen Logical Framework?
Das Logical Framework benennt Probleme und löst sie mit Massnahmen, die kausal zu Ergebnissen führen sollen. Begriffe wie Output, Outcomes und Impact sind heute allgemein bekannt. In kausalen Modellen werden auf jeder dieser Wirkungsstufen zu Messzwecken Indikatoren festgelegt. Das Durchdenken solcher Kausalketten mit fassbaren Indikatoren ist eine gute Übung in der Planungsphase von Projekten. Ein Logical Framework funktioniert gut in statischen, eindimensionalen Situationen: Eine Impfkampagne bei einem Choleraausbruch konzentriert sich auf das akute Problem und löst es messbar und zuverlässig. Dabei werden alle anderen Probleme der betroffenen Bevölkerung und selbst die Ursache für den Choleraausbruch vernachlässigt. Der systemische Ansatz hingegen ist dem logischen in dynamischen, komplexen und vieldimensionalen Realitäten überlegen. Er nimmt die Ursachen ins Blickfeld und betrachtet tief verwurzelte, mentale Modelle. Die Kausalverläufe werden in solchen Systemen immer durch exogene Einflüsse, Wechselwirkungen und Zuordnungsfragen gestört.
Eine Alternative sind rationale Wetten.
David Keller, Geschäftsführer der Arthur Waser Stiftung
Das heisst?
Das Festhalten an logischen Frameworks führt in solchen Realitäten zu bürokratischen Rechtfertigungsübungen darüber, weshalb bestimmte Ziele nicht erreicht wurden. Die Planungs- und Messexpert:innen scheinen sich im Kern aber darüber zu wundern, dass sich die Realität tatsächlich anmasst, sich nicht an ihre Ziele zu halten. Eine Alternative sind rationale Wetten.
Wenn Sie von rationalen Wetten sprechen: Was bedeutet das konkret für die tägliche Arbeit einer Stiftung, die nicht nur Symptome, sondern Ursachen ergründen und den Hebel dort ansetzen möchte?
Eine rationale Wette ist keine Spekulation. Ihre Rationalität besteht darin, dass die Anspruchsgruppen in einem System gemeinsam analysieren, was im System krankt und wie es gesunden könnte. Auf Basis dieser Analyse werden Ziele und notwendige Projekte gemeinsam geplant. Planung ist also sehr wichtig. In komplexen und dynamischen Systemen müssen Pläne jedoch rasch revidiert werden können, denn nichts ist so absurd, wie an Zielen festzuhalten, die aufgrund geänderter Rahmenbedingungen obsolet geworden sind. Ich würde drei Faktoren für qualitativ hochwertige rationale Wetten benennen: Erstens, selbstverantwortliche, starke Partner, zweitens, ein Analyse- und Planungsprozess, der die Ursachen korrekt analysiert und die Kräfte der systemischen Transformation in Gang setzt, und drittens rasch einsetzende, möglichst tiefgründige Lernprozesse. Mit der rationalen Wette setzen wir auf die besten lokalen Kräfte für die Transformation eines lokalen Systems. Mehr zu wollen würde bedeuten, nicht an diese besten lokalen Kräfte zu glauben und Lösungen zu importieren. Ein solches Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit scheint uns überholt.

Aber wie gelingt es, Wirkung sichtbar zu machen, wenn die messbaren Indikatoren nicht ausreichen, um tiefere Veränderungen abzubilden?
Selbstverständlich wird in den Teilprojekten eines systemischen Ansatzes alles gemessen, was mit überschaubarem Aufwand messbar ist. Wir möchten beispielsweise wissen, wie viele Lehrpersonen in öffentlichen Kindergärten in Tansania ein Montessori-Weiterbildungsprojekt durchlaufen haben und wie ihre Weiterbildung extern und von ihnen selbst bewertet wird. Aber es bräuchte eine Generation, um messen zu können, ob sich das, bei den Eltern tief verankerte, mentale Modell einer streng autoritären Erziehung – inklusive Stockschläge – verändert in Richtung einer kindzentrierten Bildung, und ob die Weiterbildung von Lehrpersonen ihren Teil dazu leisten konnte. Meines Erachtens muss sich in systemischen Ansätzen die Wirkungsforschung also nicht auf die «Sichtbarmachung der tieferen Veränderungen» ausrichten, sondern auf die «Rationalität der Schaffung von Voraussetzungen», dass diese Veränderungen eintreten.
Die Arthur Waser Stiftung hat im Bereich nachhaltige Landwirtschaft bspw. in Tansania ein dezentrales Modell mit Darlehen entwickelt, bei welchem die unterstützten Organisationen sozial engagierte, christliche Kongregationen sind. Sie besitzen grössere Farmen bis 3000 Hektar, die die Fördergelder in einen lokalen Trust Fund zurückzahlen. Dieser wird für weitere Darlehen vor Ort gesteuert mit Beteiligung derselben Organisationen, die die Darlehen erhalten haben. Was macht diesen dezentralen Finanzierungsansatz wirksamer als eine klassische Förderlogik?
Ich möchte vorausschicken, dass unsere Partner auf ihren Höfen eng mit den umliegenden Klein- und Kleinstbauern zusammenarbeiten. Wir sehen sie als «Change Agents» und haben die Unterstützung über Darlehen aus drei Gründen entwickelt. Erstens möchten wir die Partner voll in die unternehmerische Verantwortung stellen. Sie haben Zugriff auf Expert:innen, die sie bei der Erarbeitung der Businesspläne unterstützen und sie in die Lage versetzen, ihre Risiken richtig einzuschätzen und ihre Gerätschaften korrekt abzuschreiben. Zweitens möchten wir, ähnlich wie in Impact Investing Modellen, erreichen, dass die eingesetzten Mittel mehrfach verwendet werden können. Und drittens möchten wir die geförderten Organisationen in die Entscheidungsfindung über die erneute Mittelverwendung mit einbinden. Die klassische Förderlogik zentralisiert die Entscheidungsmacht über die Mittel. Wir haben ein partizipatives Modell, das unsere lokalen Partner auch bei der kollektiven Vergabe der zurückfliessenden Mittel in die Mitverantwortung stellt.
Unser Ansatz der Dezentralisierung von Entscheidungsmacht unterscheidet sich insofern, als dass unsere Partnerinnen Entscheidungen über die erneute Mittelverwendung treffen und nicht ein externer Impact Investor.
David Keller
Wie verändert sich dadurch das Verhältnis zwischen Stiftung und Partnerorganisationen? Entsteht so tatsächlich mehr Eigenverantwortung und ist dieses Modell multiplizierbar?
In vielen afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern neigen die Empfänger zu übermässiger Anpassung an die Agenda der Geber:innen und die Geber:innen zu strategischer Bevormundung und übermässiger Kontrolle. Wir sind der Meinung, dass dabei beide Seiten verlieren, denn das gemeinsame Interesse muss doch darin bestehen, langfristig Wirkung zu erzielen und positive Veränderungen herbeizuführen. Mir scheint, wir erreichen mit unserem Modell das viel zitierte «Empowerment» unserer Partnerorganisationen, welches den erwähnten Trust Fund nicht zu einem Selbstbedienungsladen macht, sondern in eine gemeinschaftliche Wahrnehmung von Verantwortung mit «Peers»-Kontrolle. Das Modell ist meines Erachtens replizierbar, aber wir arbeiten auch mit den geeigneten Partnerinnen zusammen, in diesem einen Fall mit Schwesternkongregationen, die ich für fast nicht korrumpierbar halte.
Sie haben Impact Investing erwähnt; dieses ist an Messbarkeit und einen «Social Return on Investment» gebunden. Wo sehen Sie den Unterschied des dezentralen Systems zu dieser Logik, wenn es um komplexe Systeme wie Bildung oder Landwirtschaft geht?
Meiner Meinung nach liegt das grosse Handicap des Impact Investing im Anspruch auf Messbarkeit des «Social Return on Investment». Da ist historisch etwas schiefgelaufen. Statt sich vom «Logical Framework» zu befreien (übrigens eine Erfindung des Pentagon, mit dem jahrelang «nachgewiesen» wurde, dass die Amerikaner dabei seien, den Vietnamkrieg zu gewinnen), hat das Impact Investing diesen unter dem Einfluss von Unternehmerpersönlichkeiten umarmt. Aus meiner Sicht besteht die Stärke des Impact Investing aber nicht darin, den Fetisch der Messbarkeit in einer kausalen Logik weiterzutreiben, sondern darin, geduldiges Kapital in den Aufbau von inklusiven Wertschöpfungsketten und Märkten zu investieren, wo solche fehlen oder defizient sind. Wenn dann breite Gesellschaftsschichten an Märkten und Wertschöpfung partizipieren können, sollte das doch als «sozialer» Zweck genügen, insbesondere aus wirtschaftsliberaler Sicht. Um Ihre Frage zu beantworten: Unser Ansatz der Dezentralisierung von Entscheidungsmacht unterscheidet sich insofern, als dass unsere Partnerinnen Entscheidungen über die erneute Mittelverwendung treffen und nicht ein externer Impact Investor.
Unternehmerisch geprägte Stifter:innen erwarten Ergebnisse – wenn auch nicht so schnell wie in der klassischen Privatwirtschaft. Wie überzeugen Sie diese, dass systemische Ansätze Zeit, Geduld und Vertrauen erfordern?
Ich denke, Unternehmerpersönlichkeiten prägen die Schweizer Stiftungslandschaft positiv. Ihr Denken ist langfristig, ihre Reaktionsfähigkeit ist rasch. Beide Fähigkeiten sind in systemischen Ansätzen entscheidend. Was allerdings für Unternehmer:innen schwierig zu begreifen scheint, ist Folgendes: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Messbarkeit des unternehmerischen Erfolgs, der sich beinahe stündlich in Zahlen ausdrücken lässt, und dem abstrakten, und langfristigen Erfolg einer Stiftung. Deshalb sind Lebensgeschichten von erfolgreichen Unternehmer:innen, die nachweislich erfolgreiche Stifter:innen wurden, meines Erachtens noch eher selten. Viele scheinen die Geduld mit ihren Stiftungen früher oder später zu verlieren, weil ihr mentales Erfolgsmodell geprägt ist durch rasche Messbarkeit. Im Fall der Arthur Waser Stiftung tragen der Stifter und die Unternehmerpersönlichkeiten im Stiftungsrat den systemischen Ansatz aber stark mit.
Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Messbarkeit des unternehmerischen Erfolgs, der sich beinahe stündlich in Zahlen ausdrücken lässt, und dem abstrakten, und langfristigen Erfolg einer Stiftung.
David Keller
Könnte man sagen: Impact Investing optimiert Bestehendes, während systemische Ansätze auf eine Transformation des Systems selbst abzielen?
Impact Investing gehört für mich in die private Sphäre. Allerdings sind die Trennlinien zwischen öffentlichen Aufgaben und privater Sphäre heute zunehmend unscharf. In der Schweiz würde ich ihrer Definition der Optimierung von Bestehendem zustimmen. In unseren afrikanischen Schwerpunktländern würde ich allerdings daran festhalten, dass es um den Aufbau von inklusiven Märkten und Wertschöpfungsketten geht. Dazu können beispielsweise auch Bildungs- oder Gesundheitsmärkte gehören, die in vielen europäischen Ländern eher Aufgaben der öffentlichen Hand sind. Auf Ihre zweite Frage kann ich antworten: Ja, systemische Ansätze zielen auf die Transformation von Systemen ab, indem sie die Selbstheilungskräfte der Systeme in Gang setzen.
Viele Stiftungen haben sich in den letzten Jahren professionalisiert, oft nach unternehmerischem Vorbild. Was braucht es, damit sie nun den nächsten Schritt machen – hin zu systemischem Denken?
Ich möchte darauf hinweisen, dass bereits mehrere Stiftungen in der Schweiz systemische Ansätze fahren. Wir möchten Stiftungen ermutigen, auf langfristige Partnerbeziehungen, statt auf dreijährige Projekte zu setzen. Die Angst vor Abhängigkeiten ist unbegründet, denn sie sind allenfalls gegenseitig. Dann setzen wir auf rationale Wetten und gemeinsame Lernprozesse, denn langfristige Transformationsprozesse sind ebenso wenig messbar wie die erfolgreiche «Erziehung» eines Kindes. Bei Kindern sorgt eine rationale Wette auf, sagen wir, Zuneigung, Förderung, vernünftige Grenzsetzung und das Zugeständnis eines Rechts auf den eigenen Lernprozess für die freie Entfaltung aller Potenziale. Da gibt es nichts zu messen. Schliesslich ist es mir wichtig zu betonen, dass auch Stiftungen mit bescheidenen Mitteln systemische Ansätze fahren können. Für die Bekämpfung der Abholzung im Amazonas-System braucht es milliardenschwere Stiftungen. Für den Aufbau eines ausserschulischen Betreuungssystems für Primarschüler:innen in einer kleinen Gemeinde genügen bescheidenere Mittel. Beide Beispiele transformieren ein System.

David Keller, Jurist und MBA, ehemaliger Opernsänger, ist seit acht Jahren Geschäftsführer der Luzerner Arthur Waser Stiftung. Seit dem Abschluss seiner Laufbahn als Sänger im Jahr 1999 war er in leitenden Funktionen für verschiedene national und international tätige Stiftungen und Institutionen tätig, u.a. die Fundaciòn Avina Lateinamerika, die African Innovation Foundation, die DEZA und die Zürcher Hochschule der Künste. David Keller lebte insgesamt zehn Jahre im Ausland.


