Peter Lack, Geschäftsführer des Schweizerischen Samariterbundes

Schwei­ze­ri­scher Sama­ri­ter­bund: Eine Stra­te­gie der Basis

Der Schweizerische Samariterbund (SSB) ist Mitglied des Schweizerischen Roten Kreuzes und in 24 Kantonalverbände, rund 850 Samaritervereine und zirka 20‘000 Einzelmitglieder organisiert. Peter Lack, seit 2018 Geschäftsführer des SSB erklärt die Hintergründe der neuen Strategie 2024. Er spricht über die Rolle der Samariterinnen und Samariter in der Gesellschaft, wie der Dachverband sich in der Freiwilligenarbeit positioniert und künftig die Finanzierung breiter ausrichten wird.

Der Schwei­ze­ri­sche Sama­ri­ter­bund SSB rüstet sich mit der neuen Stra­te­gie 2024 für die Zukunft. Welche Vorteile bringt sie Ihren Kundin­nen und Kunden?

Mit ihren Einsät­zen und Kursen leisten Sama­ri­te­rin­nen und Sama­ri­ter kompe­tent Erste Hilfe, geben ihr Wissen weiter und leisten Unter­stüt­zung in ausser­or­dent­li­chen Lagen. Wir wollen mit der neuen Stra­te­gie noch stär­ker als Ausbild­ner für Erste Hilfe wahr­ge­nom­men werden. Wir werden Ange­bote der Bevöl­ke­rungs­kurse wie die Nothel­fer­aus­bil­dung mengen­mäs­sig ausbauen, flexi­bler gestal­ten und stär­ker auf die konkre­ten Bedürf­nisse der Kundin­nen und Kunden eingehen.

Das heisst?

Konkret bedeu­tet dies zum Beispiel, dass wir mehr nieder­schwel­lige Ange­bote anbie­ten wollen. Wir kennen dies von Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen aus dem Ausland. Es gibt in Gross­bri­tan­nien oder Schwe­den Ange­bote unter dem Titel «Ever­y­day First Aid». Dabei handelt es sich um kurze Schu­lungs­ein­hei­ten in Erster Hilfe ab einer halben Stunde, die dann den Kunden­be­dürf­nis­sen entspre­chend ausge­baut werden können. Für Sport­clubs bspw. findet die Schu­lung auf dem Platz statt, vor dem Trai­ning oder unter Studie­ren­den in einer Pause. Das eröff­net ganz neue Möglichkeiten.

Für Sport­clubs bspw. findet die Schu­lung auf dem Platz statt, vor dem Training.

Peter Lack, Geschäfts­füh­rer SSB

Bedie­nen Sie noch andere Kundensegmente?

Ja. Auch für Firmen­kun­den entwickeln wir unser Ange­bot weiter. Wir wissen, dass gerade Unter­neh­men mit verschie­de­nen Stand­or­ten in der Schweiz einen einzi­gen kompe­ten­ten Ansprech­part­ner wünschen. Bisher muss­ten sie mit unse­ren regio­na­len Verei­nen einzeln spre­chen. Neu haben wir am Sitz des Dach­ver­ban­des in Olten ein zentra­les Busi­ness Center aufge­baut. Die Kurse selbst führen wir weiter­hin in Koope­ra­tion mit den regio­na­len Verei­nen durch.

Wie haben sich die Bedürf­nisse und Anfor­de­run­gen der Kunden und Kundin­nen verändert?

Gene­rell hat sich der Markt für Erste-Hilfe-Ausbil­dung stark verän­dert. Früher hatten wir fast ein Mono­pol. Heute gibt es eine grosse Anzahl an Ausbil­dungs­an­ge­bo­ten mit unter­schied­li­chen Schwer­punk­ten. Zudem gab es auch einen Stan­dar­di­sie­rungs- und Profes­sio­na­li­sie­rungs­schub. Die Anfor­de­run­gen an Quali­tät sind gewach­sen. Doch wir star­ten nicht bei Null. Die Sama­ri­te­rin­nen und Sama­ri­ter haben einen gros­sen Vorteil: Sie haben  sehr viel Praxis-Erfah­rung als Erst­hel­fer, weil sie z.B. am Grüm­pel­tur­nier oder am Schwing­fest regel­mäs­sig Sani­täts­dien­ste leisten. Das ist eine beson­dere Stärke. Diese Erfah­rung hilft bei der Vermitt­lung von Wissen an andere Erst­hel­fe­rin­nen und ‑helfer. Ausser­dem sind wir der einzige Anbie­ter, der in der ganzen Schweiz tätig ist und in allen Landes­spra­chen Erste-Hilfe-Wissen vermit­teln kann.

Diese Stärke haben Sie bisher nicht genutzt?

Das Sama­ri­ter­sy­stem ist sehr kommu­nal orga­ni­siert und die Musik spielt bei den einzel­nen Sama­ri­ter­ver­ei­nen. Das entspricht nicht immer den Bedürf­nis­sen aller Kundin­nen und Kunden. Grös­sere Unter­neh­men, auch Behör­den beispiels­weise, wünschen eine Ansprech­per­son auf kanto­na­ler oder gar natio­na­ler Ebene. Aber für lokale Kunden wie der Schrei­ne­rei­be­trieb im Dorf bleibt der kommu­nale Sama­ri­ter­ver­ein der ideale Ansprech­part­ner. Das System bleibt. Wir passen es dort an, wo es notwen­dig ist.

Das Sama­ri­ter­sy­stem ist sehr kommu­nal organisiert.

Peter Lack, Geschäfts­füh­rer SSB

Welche Chan­cen sehen Sie in der Digi­ta­li­sie­rung für ihre zukünf­tige Arbeit?

Sie ist Heraus­for­de­rung und Chance zugleich. Der SSB und seine Mitglie­der haben schon seit länge­rem soge­nannte Blen­ded-Lear­ning-Ange­bote, also Kurse, wo man sowohl in Präsenz als auch online arbei­tet. Das wird an Bedeu­tung gewin­nen. Vor allem in der Erste-Hilfe-Ausbil­dung können wir unsere Ange­bote online ergän­zen, insbe­son­dere für theo­re­tisch vermit­tel­bare Inhalte. So ist ein zeit­lich ange­pass­tes Lernen möglich.

Sind Nothel­fer­kurse denk­bar, die rein online stattfinden?

Nein. Wir sind in der Gestal­tung der Kurse nicht frei. Bevöl­ke­rungs­kurse sind stan­dar­di­siert und es gibt Vorga­ben der Schwei­ze­ri­schen Zerti­fi­zie­rungs­ge­sell­schaf­ten. Diese Zerti­fi­zie­rungs­stel­len geben genau vor, wie viele Übun­gen live vor Ort und über­wacht von Instrukt­orin­nen oder Instruk­to­ren durch­ge­führt werden müssen.

Eines Ihrer Ziele ist, eine der gröss­ten Frei­wil­li­gen­or­ga­ni­sa­tio­nen zu sein: Wie errei­chen Sie neue Freiwillige?

Das Sama­ri­ter­en­ga­ge­ment war bisher fast nur über Mitglied­schaft auf kommu­na­ler Ebene möglich. Eine solche Mitglied­schaft verlangte einen rela­tiv umfang­rei­chen und doch sehr regel­mäs­si­gen zeit­li­chen Einsatz am glei­chen Ort. Dies entspricht nicht mehr der Lebens­rea­li­tät vieler Menschen. Um neue Frei­wil­lige zu errei­chen, wollen wir neue Modelle der Mitar­beit schaf­fen, die mit weni­ger Aufwand zugäng­lich, flexi­bler und auch zeit­lich begrenzt sind.

Wie sehen diese aus?

Bisher waren unsere Sama­ri­ter breit ausge­bil­det, quasi als Allroun­der, die prak­tisch alles anbie­ten konn­ten. Das erfor­derte für sie selbst aufwän­dige Ausbil­dun­gen. Künf­tig wollen wir zeit­lich befri­stete und spezi­fi­sche Ausbil­dun­gen zur Verfü­gung stel­len. Sie können sich das so vorstel­len: Bisher muss­ten Sama­ri­te­rin­nen und Sama­ri­ter das ganze Lehr­buch unter­rich­ten können. Neu soll es möglich sein, dass ein Sama­ri­ter auch nur ein Kapi­tel unter­rich­tet. Das verrin­gert den Aufwand und senkt die Schwelle zu einem Enga­ge­ment. Wir wollen die Menschen dazu bewe­gen, sich frei­wil­lig und ehren­amt­lich für diese gute Sache einzusetzen.

Sie arbei­ten mit Frei­wil­li­gen und ande­ren Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen zusam­men. Was bedeu­tet dies für Ihre Organisationsentwicklung?

Wir haben fundierte Kennt­nisse im Umgang mit verletz­ten und hilfs­be­dürf­ti­gen Menschen. Wir sind krisen­er­probt. Gerade in der Pande­mie war unser Wissen bei unse­ren Part­nern gefragt. Wir halfen in Alters­hei­men, führ­ten Test­zen­tren und verab­reich­ten Impfun­gen oder unter­stütz­ten Spitä­ler und Arzt­pra­xen mit gros­sem Pati­en­ten­auf­kom­men. Der Fach­kräf­te­man­gel im Gesund­heits­we­sen wird die Schweiz noch vor grosse Heraus­for­de­run­gen stel­len. In diesem Bereich gibt es für uns weitere Einsatz­mög­lich­kei­ten. Zusam­men mit dem Koor­di­nier­ten Sani­täts­dienst (KSD) haben wir ein Rahmen­kon­zept erar­bei­tet, wie Sama­ri­te­rin­nen die öffent­li­che, regu­läre Gesund­heits­ver­sor­gung beispiels­weise in Spitä­lern oder auch Alters- und Pfle­ge­heime in ausser­or­dent­li­chen Situa­tio­nen mit ihrem Know-how unter­stüt­zen können. Oder im Bevöl­ke­rungs­schutz, wo wir Aufga­ben über­neh­men können, welche die Fach­kräfte alleine nicht bewäl­ti­gen können. Eine Stärke ist, dass Sama­ri­te­rin­nen und Sama­ri­ter dezen­tral verteilt sind, oft auch in abge­le­ge­nen Gebie­ten oder Berg­re­gio­nen. Damit kann Zeit gewon­nen werden in der Intervention.

Was wären diese konkret?

Aus dem Südti­rol wissen wir, dass eine Miliz- oder Frei­wil­li­gen­or­ga­ni­sa­tion auch in einem gut funk­tio­nie­ren­den Bevöl­ke­rungs­schutz ein Gewinn darstel­len kann. Unser Vorteil ist die dezen­trale Orga­ni­sa­tion. Bei einer Kata­stro­phe in einem abge­le­ge­nen Gebiet, beispiels­weise bei einem Murgang oder eine Lawine, sind bereits Sama­ri­te­rin­nen und Sama­ri­ter vor Ort. Bei diesen Koope­ra­tio­nen ist das Poten­zial noch nicht ausgeschöpft.

Aber bei einer Orga­ni­sa­tion, die auf Frei­wil­li­gen aufbaut, ist es schwie­rig, eine neue Stra­te­gie zu implementieren?

Wir haben ausser­halb der Geschäfts­stelle 95 bis 99 Prozent Frei­wil­lige. Das macht es in der Tat anspruchs­voll, weil die zeit­li­chen Ressour­cen nicht sicher­ge­stellt sind. Es braucht aber diese perso­nelle Ressour­cen, um eine neue Stra­te­gie zu imple­men­tie­ren. Hier sind wir am Prüfen, wie viel Profes­sio­na­li­sie­rung es braucht.

Viele Frei­wil­lige erle­ben die Probleme vor der eige­nen Haustür.

Peter Lack, Geschäfts­füh­rer SSB

Ein solcher Wandel mit Frei­wil­li­gen ist eine beson­dere Heraus­for­de­rung. Wenn die neue Ausrich­tung jeman­dem nicht passt, dann kann die Person einfach gehen.

Wir haben die Stra­te­gie mit der Basis entwickelt. Sie ist breit veran­kert. Es ist keine von oben diktierte Geschäfts­stel­len­stra­te­gie. Wir haben den Rück­halt der Basis. Auch sie hat die Probleme erkannt, und Lösungs­an­sätze sind gemein­sam erar­bei­tet worden. Natür­lich kann ein Wandel eine Frustra­tion auslö­sen. Aber viele Frei­wil­lige erle­ben die Probleme vor der eige­nen Haus­tür. Der Nach­wuchs fehlt, und oft istes schwie­rig, Mitglie­der für den Vorstand zu finden.

Mit der neuen Stra­te­gie schaf­fen Sie schnelle Entschei­dungs­pro­zesse, sind trans­pa­rent und stehen für Parti­zi­pa­tion: Wie weit sind sie in dieser Entwick­lung oder wo sehen Sie Hindernisse?

Vergan­ge­nen Sams­tag hatten wir ein Dialog­fo­rum mit Vertre­te­rin­nen und Vertre­ter der Kanto­nal­ver­bände und loka­len Orga­ni­sa­tio­nen. Damit haben wir die Diskus­sion über die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur im ganzen Verbund eröff­net. Wir wollen eine neue Struk­tur, die den verän­der­ten gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen Rech­nung trägt. Es ist bewun­derns­wert, wie viel die Sama­ri­ter seit Jahren leisten. Heute merken wir, dass viele Anfor­de­run­gen an Profes­sio­na­li­tät und Erreich­bar­keit mit einem reinen Miliz­sy­stem nicht voll­um­fäng­lich gelei­stet werden können. Das über­for­dert auch viele, gerade in der Dyna­mik des Mark­tes. Die Menschen erken­nen das. Bis 2024 wollen wir eine oder mehrere alter­na­tive Modelle für unsere Verbunds­go­ver­nance erar­bei­ten. Die werden wir anschlies­send umsetzen.

Welche Heraus­for­de­run­gen stel­len sich zukünf­tig bezüg­lich Finan­zie­rung ihrer Organisation?

Bisher war die Dach­or­ga­ni­sa­tion in Olten bottom-up finan­ziert. Das heisst: Der Dach­ver­band hat mitver­dient, wenn ein loka­ler Verein einen Nothel­fer­kurs durch­ge­führt hat. Dafür hat er die Grund­la­gen erar­bei­tet, Schu­lungs­un­ter­la­gen zur Verfü­gung gestellt, die Ausbil­dung der Instruk­to­ren und Instrukt­orin­nen über­nom­men oder das Marke­ting und die PR-Arbeit erledigt.

Das wollen Sie anpassen?

Aufgrund der Konkur­renz und des Preis­drucks ist es heute für gewisse Sama­ri­ter­ver­eine schwie­rig, die Abga­ben zu erwirt­schaf­ten. Deswe­gen will der Sama­ri­ter­bund die Mittel­be­schaf­fung brei­ter aufstel­len. Als Dach­ver­band inve­stie­ren wir in das Fund­rai­sing, um so die Vereine zu entla­sten. Meine persön­li­che Vision ist, dass die Dach­or­ga­ni­sa­tion lang­fri­stig finan­zi­elle Mittel an die Mitglie­der ausschüt­ten kann. So werden wir die Marke Sama­ri­ter stärken.

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