Drei Viertel der Schweizer Kulturschaffenden arbeiten in mehreren Jobs. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Studienangebots Kulturmanagement der Universität Basel im Auftrag von Migros-Kulturprozent Sparx. Mehrfachbeschäftigung, finanzielle Unsicherheit und Teilzeitpensen gehören für die befragten Künstler:innen zum Arbeitsalltag.
Die strukturellen Bedingungen im Sektor sind damit alles andere als stabil. Gleichzeitig wächst der Anspruch an ihre Professionalität weit über ihre künstlerische Praxis hinaus. Die Professionalisierung gilt im Kulturbereich oft als Voraussetzung für Sichtbarkeit und Förderung. Doch bleibt bei diesem Arbeitsalltag noch Zeit, gezielt in organisatorische und administrative Kompetenzen zu investieren?

Professionalisierung ist divers
Mit dem Bericht «From Creativity to Profession» hat das Studienangebot Kulturmanagement die Realität von Schweizer Kulturschaffenden eingefangen. Joëlle Simmen, Projektleiterin von Migros-Kulturprozent Sparx, ordnet ein, wie die Befragten Professionalität verstehen, welche Anforderungen ihre Praxis prägen und wo strukturelle Herausforderungen bestehen. Klar wird: Wer heute als professionell wahrgenommen werden will, muss weit mehr mitbringen als künstlerisches Talent.
Was beinhaltet «professionell» heute konkret? Eine eindeutige Antwort gibt es laut Joëlle Simmen nicht. «Das Studienangebot Kulturmanagement hat festgehalten, dass wir nicht von der einen Professionalisierung sprechen können. Professionalisierung ist divers und sie ist ein individueller Prozess, der sich je nach Kunstsparte und persönlicher Laufbahn unterschiedlich gestaltet», sagt Simmen.So zeige der Bericht, dass sich Professionalität oft aus mehreren Dimensionen zusammensetzt. «Professionalisierung im Kulturbereich umfasst nicht nur spartenspezifisch-künstlerische Qualitäten, sondern auch organisatorisch-administrative Fähigkeiten, kommunikative Kompetenzen sowie externe Faktoren wie Auszeichnungen und die Zusammenarbeit mit etablierten Kulturschaffenden und Institutionen», erklärt Simmen.
Wer definiert, was professionell ist?
Was dabei als professionell gilt, werde nicht nur von Seiten der Funder geprägt. «Die qualitativen Interviews zeigen, wie die Bedeutung von ‹professionell› gleichermassen von Förderinstitutionen, Kunsthochschulen, Berufsverbänden und auch Kunst- und Kulturschaffenden selbst mitdefiniert wird», so Simmen. Entsprechend entstehen je nach Kontext unterschiedliche Erwartungen an Kulturschaffende. «Die Reflexion der eigenen Rollen, eine klare Kommunikation der Begriffsverständnisse und Anforderungen könnte helfen, um bestehende Zugangsbarrieren zum Beispiel bei den Förderinstitutionen zu minimieren», rät sie.
Oft setzt Förderung gewisse Kompetenzen voraus, die über eine enge Definition von Professionalität weit hinausgehen. Simmen: «Der Bericht zeigt, dass zur Professionalität mehr gehört als reines ‹Kunst machen›. Auch die anderen genannten Fähigkeiten und weitere Faktoren wie der Zugang zu Netzwerken sind notwendig und unterstützen die kulturelle Arbeit.» Das zu wissen könne Kunst- und Kulturschaffenden auch helfen, ihre eigenen Fähigkeiten dahingehend weiterzuentwickeln.
Management- und Fundraising-Kompetenzen aufbauen
Die Arbeitsrealität von Kulturschaffenden beruht laut Auswertung auf mehreren parallelen Jobs. «Die hohe Zahl von Mehrfachbeschäftigungen zeigt, dass die Arbeit im Kulturbereich von finanzieller Unsicherheit geprägt ist», erklärt sie. «Kulturschaffende müssen flexibel sein und verschiedene Einkommensquellen kombinieren, da die Einnahmen aus ihrer künstlerischen Arbeit oft nicht ausreichen.» Um dieser Gleichzeitigkeit verschiedener Projekte zu begegnen, sollten Kulturschaffende heute also nicht nur künstlerisch überzeugen, sondern auch Kompetenzen in Management und Fundraising mitbringen. Hier zeigt die Auswertung, dass es bei den befragten Kunst- und Kulturschaffenden Lücken bei den entsprechenden Kompetenzen gibt.
Wie realistisch ist es also für sie, zusätzliche Kompetenzen aufzubauen? Simmen ordnet ein: «Die Frage ist weniger, ob es realistisch ist oder nicht, sondern eher über welchen Weg sich Kunst- und Kulturschaffende diese Kompetenzen aneignen können.» Der Bericht zeige, dass die Bereitschaft vorhanden ist – jedoch unter bestimmten Bedingungen: «Die Befragten sind gewillt, sich weiterzubilden. Dies bevorzugen sie vor allem auf eine autonome und selbstbestimmte Art und Weise.»
Beim Migros-Kulturprozent wird diesen Bedürfnissen aktiv begegnet: «Wir sind darauf bedacht, regelmässig unsere Förderlogiken zu reflektieren und wo möglich auch Unterstützungsangebote anzubieten», sagt Simmen. Dazu gehören unter anderem vereinfachte Gesuchsprozesse und Beratungsangebote des Migros-Kulturprozent im Bereich Kultur.
Zugänge zu Netzwerken schaffen
Laut Bericht braucht es aber keine Einzellösungen, sondern ein vernetztes Vorgehen aller Akteur:innen. Auch Funders setzen laut Simmen wichtige Impulse: «Stiftungen und Förderinstitutionen können durch gezielte Programme, die nicht nur künstlerische Leistungen, sondern auch organisatorische und administrative Kapazitäten fördern, eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig können sie auch den Zugang zu Netzwerken und Ressourcen erleichtern.»
Sowieso sind der Aufbau von einem eigenen Netzwerk und der Zugang zu bestehenden Netzwerken zentrale Bestandteile einer professionellen Praxis. Hochschulen, Berufsverbände oder auch Branchenanlässe können hier eine wichtige Rolle übernehmen und Netzwerke bereitstellen. «Mit dem m4music pflegt das Migros-Kulturprozent ein Netzwerk für die Schweizer Popmusikszene. Es ist eine niederschwellige Möglichkeit für Musikschaffende, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen und dann über die Jahre zu pflegen und zu erweitern», sagt Simmen.
Netzwerke entstehen nicht punktuell, sondern entwickeln sich über Zeit. Diese Investition lohnt sich: «Ein starkes Netzwerk für die eigene professionelle Arbeit zeichnet sich durch gegenseitige Unterstützung, Zugang zu Ressourcen, Kooperationen und die Möglichkeit zur Sichtbarkeit aus», so Simmen. Es befähigt und unterstützt Kunst- und Kulturschaffende in der eigenen Arbeit.
Mit niederschwelligen Formaten Wissen vermitteln
Kunst- und Kulturschaffende sind mit der Notwendigkeit einer permanenten Anpassung konfrontiert, um den diversen Herausforderungen zu begegnen. Hier kann eine zugängliche Wissensvermittlung zentral sein. Mit Artists Take Action mach der Verein Suisseculture Sociale vor, wie Wissen bereits durch Online-Ressourcen niederschwellig und flexibel zugänglich wird. «Digitale Kommunikation kann helfen, Fördermöglichkeiten transparenter zu machen», sagt Joëlle Simmen. Wirkungsvollist es dann, wenn es Kulturschaffenden Zugang zu Ressourcen, Finanzierung und Sichtbarkeit ermöglicht.
Auch die eigene künstlerische Praxis verändert sich im Zuge technologischer Entwicklungen. «Mit dem Verständnis von Professionalisierung als Prozess wird die Digitalisierung für Kulturschaffende zur Chance, fortlaufend dazuzulernen und die Weiterentwicklung voranzutreiben», so Simmen. Mit dem digitalen Format«friendly reminder» bietet Sparx ein niederschwelliges Angebot, welches administrative-organisatorische Ressourcen an Kunst- und Kulturschaffende vermittelt.


