Katharina Teuscher, Geschäftsführerin Pro Patria.

Das 1. August-Abzei­chen: 99 Jahre im Einsatz für die Heimat

Die Stiftung «Pro Patria Schweizerische Bundesfeierspende» sammelt zur Förderung schweizerischer kultureller und sozialer Werke. Sie ist zum Gedenken an die Gründung der Schweizerischen Eidgenossenschaft ins Leben gerufen worden. Der Grundstein zur heutigen Stiftung wurde bereits am 14. Dezember 1889 gelegt.

Die Geschäfts­füh­re­rin, Katha­rina Teuscher, berich­tet im Inter­view über die reich­hal­tige Geschichte. Sie will die Förder­tä­tig­keit von Pro Patria der Bevöl­ke­rung wieder ins Bewusst­sein rücken und eine Werte­dis­kus­sion anstossen.

Wie hat sich das Bild der Schweiz in den vergan­ge­nen Jahren verän­dert?
Eine gute Frage. Das Bild der Schweiz hat sich auf mehre­ren Ebenen verän­dert: Auf den Ebenen der Gesell­schaft, der Wirt­schaft und der Umwelt. Was mich am meisten beschäf­tigt, ist die Frage nach den gemein­sa­men Werten, wie wir inner­halb der Gren­zen der Schweiz leben. Eine mini­male gemein­same Werte­ba­sis ist für eine direkte Demo­kra­tie und einen Rechts­staat wie wir es sind, unab­ding­bar. Vieles wird pola­ri­siert, echte Dialoge finden kaum mehr statt und indi­vi­du­elle mate­ri­elle Bedürf­nisse stehen oft im Vorder­grund zula­sten der soli­da­ri­schen Errun­gen­schaf­ten, welche mass­ge­bend zum Wohl­stand unse­res Landes beigetra­gen haben. In einem so klein­räu­mi­gen und viel­fäl­ti­gen Land wie die Schweiz kann und muss jede und jeder im Rahmen ihrer und seiner Möglich­kei­ten einen Beitrag leisten, damit uns diese Werte­ba­sis nicht verlo­ren geht. Dann haben wir nämlich keine Patria mehr.

Pro Patria plant eine neue Stra­te­gie. Kann man schon etwas dazu sagen?
Das wäre noch zu früh, da wir noch mitten in den Diskus­sio­nen stecken. Es ist uns wich­tig, den Moment des Jubi­lä­ums des 100ten 1.-August-Abzeichen zu nutzen, Pro Patria und ihre Förder­tä­tig­keit wieder mehr ins Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung zu rücken. Wir haben die einma­lige Chance, als Pro Patria – nomen est omen – eine Werte­dis­kus­sion anzu­stos­sen, was meines Erach­tens für die Heimat Schweiz drin­gend ist. Gerade die Erfah­run­gen der Pande­mie haben gezeigt, dass das Verständ­nis, wie wir in diesem Land zusam­men­le­ben und was uns dabei wich­tig und wert­voll ist, teil­weise weit ausein­an­der gerückt ist. Es braucht unab­hän­gige Gefässe, die diese Frage in den Raum stel­len und eine Ausein­an­der­set­zung anstos­sen. Die Pro Patria, die Stif­tung der Schwei­zer Bevöl­ke­rung für die Schwei­zer Gesell­schaft, kann als unab­hän­gige Orga­ni­sa­tion einen Beitrag leisten. Sie hat schon manche gesell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Krise überstanden.

Von wem wurde Sie gegrün­det? Was ist die Geschichte dahin­ter?
Die Stif­tung Pro Patria Schwei­ze­ri­sche Bundes­fei­er­spende ist besser bekannt unter Pro Patria. Sie ist 1992 aus dem Verein Schwei­ze­ri­sche Bundes­fei­er­spende entstan­den, der seiner­seits 1909 gegrün­det wurde. Wir sind somit eine der älte­sten Förder­or­ga­ni­sa­tio­nen der Schweiz. 1909 hiess der Verein Bundes­fei­er­ko­mi­tee und hatte seinen Sitz in Bern.

Wir haben die einma­lige Chance, als Pro Patria – nomen est omen – eine Werte­dis­kus­sion anzu­stos­sen, was meines Erach­tens für die Heimat Schweiz drin­gend ist.

Katha­rina Teuscher

Das war der Ursprung von Pro Patria?
Der Grund­stein zur Pro Patria wurde bereits am 14. Dezem­ber 1889 durch den Beschluss des Bundes­ra­tes gelegt, den 1. August zum natio­na­len Säku­lar­fei­er­tag zu bestim­men, zum Geden­ken an die Grün­dung der Eidge­nos­sen­schaft 1291 (600 Jahre Eidge­nos­sen­schaft). Bis dahin galt der 8. Novem­ber 1307 als Geburts­stunde der Eidge­nos­sen­schaft. Sie wurde im 16. Jh. vom Chro­ni­sten Ägidius Tschudi fest­ge­legt. Erst im 18. Jh wurde der Bundes­brief aus 1291, welcher auf «Anfang August» datiert ist, in einem Archiv wieder­ent­deckt. Somit ist der 1. August 1891 der erste Bundes­fei­er­tag der Eidge­nos­sen­schaft, der damals wohl­ver­stan­den ein norma­ler Werk­tag war und in den ersten Jahren nicht in allen Kanto­nen gefei­ert wurde. 

Ab wann wurde bei der Bevöl­ke­rung gesam­melt?
Anläss­lich der 600-Jahr Feier der Eidge­nos­sen­schaft gaben private Phil­ate­li­sten aus Luzern eine Bundes­fei­er­post­karte heraus. Erste kanto­nale Bundes­fei­er­kar­ten mit Bundes­fei­er­mo­tiv wurden 1912 in Basel verkauft. Das 1909 gegrün­dete Bundes­fei­er­ko­mi­tee nahm die Idee der Bundes­fei­er­post­karte auf, um damit eine Samm­lung durch­zu­füh­ren, deren Erlös dem natio­na­len Volks­wohl dienen­den Insti­tu­tio­nen zukam. Das war die eigent­li­che Geburts­stunde der Pro Patria, die fortan auf den 1. August hin fran­kierte Bundes­fei­er­post­kar­ten verkauft in Koope­ra­tion mit der Ober­post­di­rek­tion.

Wie war die Logi­stik orga­ni­siert?
Der Verkauf der Bundes­fei­er­kar­ten wurde mit Hilfe von Sama­ri­ter- und Turn­ver­ei­nen, dem Heimat­schut­zes sowie mit Gemein­den und Schu­len orga­ni­siert. 1923 kam das 1.-August-Abzeichen dazu. Bürge­rin­nen und Bürger, welche die Samm­lung unter­stütz­ten, konn­ten ihre Soli­da­ri­tät mit den Menschen und Insti­tu­tio­nen in Not, in unse­rem Land, mit Tragen des gekauf­ten Abzei­chens sicht­bar machen. 1937 wurde die letzte fran­kierte Bundes­fei­er­post­karte heraus­ge­ge­ben und 1938 kam die erste Pro Patria Brief­marke heraus. Die Geschichte der Pro Patria ist damit auch die Geschichte einer 112-jähri­gen Part­ner­schaft mit der Post.

1. August-Abzei­chen 2021

Zum Abzei­chen: Hier

Wie kommen die Abzei­chen und die Brief­mar­ken heute zu den Leuten?
Mit ihrer Samm­lung knüpft Pro Patria auch heute noch an den Moment des Bundes­fei­er­ta­ges an. Sie appel­liert an die Soli­da­ri­tät mit ande­ren Menschen, Insti­tu­tio­nen und kultu­rel­len Errun­gen­schaf­ten. Mit einer Spende bzw. dem Kauf der Abzei­chen oder Brief­mar­ken leisten wir einen Beitrag an den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt. Gerade in Krisen­zei­ten sind Symbole wie das 1.-August-Abzeichens wert­volle Brücken­baue­rin­nen. Seit nun mehr 99 Jahren wird das Abzei­chen primär über unser Frei­wil­li­gen­netz verkauft. Das sind enga­gierte Private, Schu­len, Geschäfte, Muse­ums­shops und neuer­dings auch Bäckereien. 

Und die Post?
Das Abzei­chen kann man auch in den offi­zi­el­len Filia­len der Post kaufen und in unse­rem Webshop. Die Brief­mar­ken wurden bis 2019 eben­falls ergän­zend zur Post über das Frei­wil­li­gen­netz verkauft. Da der Vertriebs­auf­wand im Verhält­nis zum Ertrag immer grös­ser wurde, muss­ten wir den Direkt­ver­kauf einstellen.

Sind die Schu­len immer noch stark enga­giert?
Ja. Wenn wir näch­stes Jahr das 100ste 1.-August-Abzeichen verkau­fen, feiern wir auch 100 Jahre Vertriebs­part­ner­schaft mit den Schu­len. Die Erfah­rung, welche die Kinder beim Verkauf der Abzei­chen machen, ist sehr wert­voll für die Entwick­lung ihrer Auftritts­kom­pe­ten­zen. Es gibt Schü­ler und Schü­le­rin­nen, die regel­rechte Topver­käu­fe­rin­nen und ‑verkäu­fer gewor­den sind.

Wie entsteht der jewei­lige Schwer­punkt?
Wir orien­tie­ren uns immer an aktu­el­len Bedürf­nis­sen im Bereich des Kulturerbes.

Das dies­jäh­rige Schwer­punkt­thema ist «Hand­werk und kultu­rel­les Erbe», wie ist man darauf gekom­men?
Wenn es um die Erhal­tung und Restau­rie­rung schüt­zens­wer­ter Objekte geht, sind nach wie vor tradi­tio­nelle Hand­werk­kom­pe­ten­zen unab­ding­bar. Viele Objekte gingen uns unwi­der­ruf­lich verlo­ren, wenn dieses Wissen nicht leben­dig gehal­ten würde. Sehen Sie sich die dies­jäh­ri­gen Pro Patria Brief­mar­ken an. Sie sind eine Hommage an die Restau­ra­to­rin­nen und Restau­ra­to­ren, die mit höch­ster manu­el­ler Präzi­sion arbei­ten. Ihre Arbeit bleibt oft unsicht­bar im Hinter­grund, wenn wir uns an den restau­rier­ten Objek­ten erfreuen.

Wie viele Projekte können jähr­lich unter­stützt werden?
Das ist sehr unter­schied­lich, je nach durch­schnitt­li­chem Förder­be­trag. In den letz­ten Jahren muss­ten wir etwas kürzer­tre­ten, da die Samm­lungs­er­träge rück­läu­fig sind. 22 Projekte erhiel­ten von uns einen Förder­bei­trag. Wir bemü­hen uns, Projekte in der ganzen Schweiz glei­cher­mas­sen zu berück­sich­ti­gen. Unter­stüt­zungs­ge­su­che kommen mehr­heit­lich aus den Kanto­nen Bern, Grau­bün­den, Tessin und Wallis.

Wie lange sind Sie schon bei Pro Patria?
Mein erster Arbeits­tag war der 1. August 2020, also genau seit einem Jahr. Das Datum des Arbeits­be­ginns hat für mich gros­sen Symbol­ge­halt. Er heisst bewusst Bundes­fei­er­tag und nicht Natio­nal­fei­er­tag, weil wir uns an die Grün­dung der Eidge­nos­sen­schaft besin­nen, eben des Bundes. Die Schweiz ist ein Land der Bünde. Wir haben über Bünde manche Krise über­wun­den. Es ist ein 730-jähri­ges Erfolgsmodell.

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