Die VLGST hat rund 140 Mitglieder. Wie würden Sie den gemeinsamen Nenner Ihrer Mitglieder beschreiben?
Karin Schöb: Der wichtigste gemeinsame Nenner ist die Gemeinnützigkeit und das gemeinsame Interesse am Lernen, am Austausch und an der Zusammenarbeit. Das verbindet sie. Alle unsere Mitglieder sind ausschliesslich und unwiderruflich gemeinnützig tätig. Natürlich unterscheiden sie sich stark, sei es in ihrer Organisationsform, in den Förderbereichen oder in der geografischen Ausrichtung. Diese Vielfalt macht unsere Arbeit spannend.
Was heisst das konkret?
Dagmar Bühler-Nigsch: Ursprünglich ging es darum, mehr Verständnis für den gemeinnützigen Stiftungssektor in Liechtenstein zu schaffen und die guten Rahmenbedingungen zu sichern. Heute wollen wir zusätzlich die Sichtbarkeit erhöhen. Wer bei uns Mitglied ist, bekennt sich zu einer guten Foundation Governance – die VLGST-Mitgliedschaft ist ein gewisses Gütesiegel.
Wie viele gemeinnützige Stiftungen gibt es in Liechtenstein – und wie viele davon sind bei Ihnen im Verband organisiert?
Karin Schöb: Die Bedeutung der gemeinnützigen Stiftungen nimmt zu. Das Stiftungsumfeld hat sich stark verändert: Während es bei der Gründung der VLGST in Liechtenstein noch rund 60’000 Privatstiftungen gab, sind es heute noch knapp 8‘000. Im Gegensatz dazu verzeichnet die gemeinnützige Stiftung nach einem Rückgang in den Jahren 2019 bis 2022 wieder ein konstantes Wachstum bei den Stiftungsgründungen. Insgesamt wurde per Ende 2024 ein Höchststand von 1398 gemeinnützigen Stiftungen erreicht. Mit rund 140 Mitgliedern sind inzwischen zehn Prozent bei uns organisiert.
Sind sie damit zufrieden?
DBN: Zehn Prozent waren von Anfang an ein Etappenziel. Und jetzt, nach 15 Jahren, haben wir es erreicht. Darauf sind wir stolz. Wir sehen aber weiterhin noch viel Wachstumspotenzial für unsere Vereinigung.
Wie aktiv sind Ihre Mitgliedsstiftungen?
DBN: Das ist sehr unterschiedlich. Viele Stiftungen wirken im Hintergrund. Andere, operativ tätige Stiftungen mit eigenen Geschäftsführungen sind sichtbarer. Sie haben eine Website und treten öffentlich auf. Wieder andere werden von Treuhandbüros verwaltet. Diese bringen sich in der Regel weniger sichtbar ein, sind aber für uns ebenso wichtig – sie verleihen uns für den Einsatz von guten Rahmenbedingungen Gewicht. Und natürlich sind diese Stiftungen auch für die Finanzierung unseres Verbands massgebend.
Welche Themen beschäftigen Ihre Mitglieder derzeit am meisten?
KS: Diesen Mai haben wir das in einer Umfrage nachgefragt. Ganz oben auf der Liste steht die Digitalisierung im Stiftungsalltag, insbesondere im Fördermanagement. Ebenfalls wichtig sind Fragen zur Wirkungsmessung und Projektevaluation. Viele Stiftungen wollen sehen, wie andere vorgehen und gemeinsam neue Standards entwickeln. Daneben stehen Regulierung und Compliance oben auf der Liste. Denn der Druck steigt auch bei uns in Liechtenstein. Ein weiteres grosses Thema ist die Zusammenarbeit – sei es mit anderen Stiftungen oder sektorübergreifend. Und natürlich spiegeln sich auch gesellschaftliche Herausforderungen wider, wie beispielsweise die Folgen des Klimawandels oder der Druck auf unsere Demokratie.
Austausch und Vernetzung scheint wichtig zu sein?
DBN: Ja, genau. Das Interesse an der Vernetzung ist ein wichtiger Grund für eine VLGST-Mitgliedschaft. Seit es die Vereinigung gibt, hat sich in Liechtenstein eine richtige Philanthropie-Community entwickelt. Die kurzen Wege vor Ort sind ein Vorteil; Man kennt sich und kann sich unkompliziert austauschen. Besonders für neue Stiftungen ist das Netzwerk sehr wertvoll.
Viele Stiftungen auf Ihrer Homepage, etwa ein Drittel, schreiben, dass sie keine Fördergesuche entgegennehmen …
DBN: Das hängt meistens mit der Entstehungsgeschichte zusammen. Viele Stiftungen waren ursprünglich privatnützig und sind erst später gemeinnützig geworden – oftmals nach dem Ableben der Stifterin oder des Stifters. Manche haben auch in den Statuten einen fix definierten Kreis von Begünstigten. Für sie macht es wenig Sinn, öffentlich aufzutreten oder Gesuche entgegenzunehmen. Gleichzeitig möchten viele die Flut von Anfragen vermeiden. Sie suchen ihre Projekte gezielt aus.
Wie gehen Sie damit um?
DBN: Beim Homepage-Onboarding können unsere Mitgliedsstiftungen selbst festlegen, wie sie erscheinen wollen. Dort können sie angeben, dass sie keine Gesuche entgegennehmen und lieber aktiv Projekte auswählen. So ist sichtbar, dass es die Stiftung gibt und die Kommunikation ist klar geregelt.
Wie entstehen Förderpartnerschaften?
KS: Beziehungen entstehen immer wieder über Kooperationen, Förderallianzen oder auch über Gesuche, wenn diese gezielt adressiert sind. Massenanfragen oder Serienbriefe sind ein absolutes No-Go. Grundsätzlich pflegen Stiftungen gerne langfristige, persönliche Beziehungen, die von Vertrauen und offener Kommunikation geprägt sind. So nennen viele Stiftungen ihre Begünstigten bewusst Partner; sie erachten sie nicht «nur als Empfänger» von Fördergeldern.
Welche Rolle sehen Stiftungen dabei für sich selbst?
KS: Zunehmend verstehen sie sich als Capacity Builder. Das bedeutet, dass Stiftungen Partnerorganisationen nicht nur bei einzelnen Projekten unterstützen, sondern auch beim Aufbau und der Entwicklung der gesamten Organisation.
Welche Bedeutung hat Transparenz bei diesem Prozess?
DBN: Sehr grosse. Wir als Verband ermutigen Stiftungen, ihre Förderkriterien klar zu kommunizieren. So wissen Gesuchsteller:innen, was erwartet wird – und sie können zielgerichtet einreichen. Wir verstehen beide Seiten: Solange viele Stiftungen weder über eine Website noch über eine E‑Mail-Adresse sichtbar sind, bleibt das schwierig. Deshalb treiben wir das Thema Digitalisierung voran – damit die Kommunikation und Zusammenarbeit für beide Seiten einfacher und effizienter wird.
Welche Rolle spielt Ihr Verband über den Stiftungssektor hinaus?
KS: Vernetzung ist unsere Kernaufgabe – nicht nur unter den Stiftungen, sondern auch mit Politik und Wirtschaft. Wir sind in Public-Private-Partnerships eingebunden und haben mit der Philanthropie-Plattform ein jährliches Format geschaffen, das gezielt die breite Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft adressiert. Dort zeigen wir, welchen gesellschaftlichen Beitrag gemeinnützige Stiftungen leisten.
Also betreibt VLGST auch Advocacy?
DBN: Ja, ein stückweit schon. Unser Verbandspräsident nimmt an den monatlichen Treffen der Finanzplatzakteure mit der Regierung teil – gemeinsam mit den Präsident:innen der Treuhandkammer, des Bankenverbands und der Industrie- und Handelskammer. Dort geht es auch um aktuelle Regulierungsthemen, die ins Parlament kommen. Zusätzlich sind wir in den Vernehmlassungsprozess eingebunden und nehmen Stellung, wenn es um Themen für gemeinnützige Stiftungen geht.
KS: Ein weiteres Highlight ist unser jährliches Treffen mit den Behörden. Unsere Mitglieder kommen dort exklusiv mit den Spitzen von Stiftungsaufsicht, Amt für Justiz, Steuerverwaltung, Finanzmarktaufsicht und Ministerium zusammen. Dieses direkte Format ist in grösseren Ländern kaum möglich – unsere Mitglieder schätzen diesen Mehrwert sehr.
Gibt es ein konkretes Projekt oder eine Initiative?
DBN: Die Finance Against Slavery and Trafficking (FAST) ist ein gutes Beispiel. Es ist eine öffentlich-private Partnerschaft, die im Jahr 2018 im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurde. Ziel der Initiative ist es, den globalen Finanzsektor aktiv in den Kampf gegen Menschenhandel und moderne Formen der Sklaverei einzubinden. Dieser neuartige Ansatz verknüpft politisches Engagement mit finanzieller Branchenexpertise und macht damit FAST zu einem Leuchtturmprojekt im Bereich der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG).
Inwiefern spüren Sie einen öffentlichen Druck in Bezug auf Transparenz oder auf das politische Engagement von Stiftungen?
DBN: Ich nehme diesen Druck kaum wahr. Natürlich, es gibt Organisationen, die sich auf politischer Ebene zu ihren Themen äussern – das ist vielleicht nicht überall gleich gut angesehen. Aber den Druck auf die Zivilgesellschaft, wie wir ihn teilweise in unseren Nachbarländern beobachten, sehen wir in Liechtenstein bisher nicht. Vielmehr kommt der Wunsch nach mehr Transparenz häufig aus dem Zivilsektor selbst: NGOs und Vereine beklagen, wie schwierig es sei, die passenden Stiftungen zu finden und Zugang zu ihnen zu erhalten.
KS: Einen öffentlichen Druck nehme ich auch nicht so wahr. Im Gegenteil: Der Philanthropiesektor wird in der Gesellschaft sehr positiv gesehen. Etwa im Kultur- oder Sportbereich sind gemeinnützige Stiftungen immer präsent und übernehmen viel Verantwortung. Das wirkt in der Öffentlichkeit positiv. Der eigentliche Druck kommt von einer anderen Seite: Wir sind Teil des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und übernehmen Regulierungen aus der EU. Aktuell etwa im Bereich der Geldwäschereibestimmungen. Dort entsteht ein regulatorischer Druck, auch im Hinblick auf die Transparenz von Stiftungen.
In Liechtenstein ist die Fürstenfamilie eng mit dem Land verbunden. Spielt sie auch im Stiftungssektor eine besondere Rolle?
DBN: Die Fürstenfamilie ist seit langem philanthropisch engagiert. Beispielsweise wurde vor 80 Jahren das Liechtensteinische Rote Kreuz auf Initiative von Fürstin Gina gegründet, welchem auch heute noch I. K. H. Erbprinzessin Sophie von und zu Liechtenstein als Präsidentin vorsteht. Sie ist auch mit ihrer eigenen Stiftung aktiv und setzt sich für Schwangerschaftsberatung und Bildungsangebote für junge Menschen ein. Solche Initiativen sind wichtige Impulse, die zeigen, dass das Engagement aus persönlicher Überzeugung entsteht. S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein ist Initiator der Stiftung Lebenswertes Liechtenstein. Diese bringt verschiedene gemeinnützige Stiftungen im Land zusammen, um Themen wie sozialen Zusammenhalt, Energie, Ressourcen, Ernährung oder Mobilität anzugehen. Auch international ist die Familie präsent – etwa mit der LGT Venture Philanthropy Foundation, die ebenfalls von S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein präsidiert wird.
Liechtenstein gilt auch international als attraktiver Stiftungsstandort. Woran liegt das?
KS: Das liegt vor allem am Stiftungsrecht. Es zählt zu den flexibelsten weltweit und wurde 2009 grundlegend revidiert. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass es keine geografischen Einschränkungen gibt: Stiftungen müssen keinen Teil ihrer Mittel zwingend im Inland ausschütten, sondern können international fördern. Dazu kommt die Stifterfreiheit bei der Zweckbestimmung und Ausgestaltung der Stiftung.
Welche weiteren Faktoren machen Liechtenstein interessant?
DBN: Die politische Stabilität, eine solide Finanzpolitik mit hohen Staatsreserven und die Rechtssicherheit sind wichtige Standortvorteile. Hinzu kommt die Infrastruktur: Wir haben einen starken Finanz- und Treuhandsektor mit Zugang zu qualitativ hochwertigen Dienstleistungen, gleichzeitig aber auch eine starke Industrie. Diese Mischung macht den Standort attraktiv.
Manche verbinden Liechtenstein noch immer mit Intransparenz oder Regulierungsdefiziten. Wie wirkt sich das heute aus?
KS: Wegen der Zugehörigkeit zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) setzt Liechtenstein die europäischen Regulierungen vollständig um. Beim letzten Moneyval Assessment hat der Stiftungssektor sehr gut abgeschnitten, insbesondere bei den Standards zur Geldwäschereiprävention und Terrorismusfinanzierung. Natürlich gibt es weiterhin Verbesserungsbedarf. Wir erwarten, dass die nächste Revision des Stiftungsrechts die Aufsicht stärkt und für mehr Transparenz bei den Daten sorgt. Gemeinnützige Stiftungen sind im Handelsregister eingetragen und auf Plattformen wie fundraiso.ch sichtbar, aber es fehlen verbindliche Statistiken. Als Verband setzen wir uns dafür ein, dass mehr Sichtbarkeit entsteht. Wenn Liechtenstein als führender Philanthropiestandort ausgezeichnet wird, dann sollte auch erkennbar sein, welche Wirkung die Stiftungen entfalten.
Wie gehen Sie mit dem Thema um? Braucht es Vorgaben durch die Aufsichtsbehörden?
DBN: Wir setzen schon lange auf Ermutigung und Freiwilligkeit. Dabei geht es uns nicht um Zahlen einzelner Stiftungen, sondern um aggregierte Daten. Wir möchten über den Sektor insgesamt kommunizieren können: In welchen Förderbereichen sind Stiftungen tätig? Sind sie regional oder international unterwegs usw. …
KS: Wir erheben zwar gewisse Informationen bei unseren Mitgliedern, aber das reicht nicht für aussagekräftige Daten. Deshalb suchen wir nach Wegen, wie man die Datenlage systematisch verbessern könnte.
Würden die Stiftungen das akzeptieren?
KS: Wir sind dazu seit Längerem im Austausch mit unseren Mitgliedern und den Behörden. Unser Ziel ist eine praxistaugliche Lösung mit möglichst wenig Mehraufwand, die im Rahmen der Weiterentwicklung des Stiftungsrechts umgesetzt werden könnte.
In der Schweiz gibt es schon Daten – etwa bei SwissFoundations, wo die Mitglieder Ausschüttungen deklarieren müssen?
KS: Genau. Dort sind verbindliche Zahlen vorhanden, weil die Mitgliederbeiträge darauf basieren. Bei uns zahlen alle den gleichen Beitrag – unabhängig von ihrem Fördervolumen, aber mit der Option auf freiwillige Erhöhungen. Deshalb haben wir nur Schätzungen.
Wie sehen Sie die Entwicklung des Sektors in zehn Jahren?
DBN: Ich erwarte eine neue Generation von Stifterinnen und Stifter, die schon zu Lebzeiten wirken wollen. Transparenz und Zusammenarbeit werden zunehmen. Zudem wird Impact Investing an Bedeutung gewinnen, ebenso die Förderung von sozialen Unternehmen.
KS: Die Zahl der gemeinnützigen Stiftungen wird weiter steigen. Damit wächst auch ihre Bedeutung. Auch angesichts geopolitischer Herausforderungen werden Stiftungen noch wichtiger. Internationale Zusammenarbeit und sektorübergreifende Kooperationen werden unverzichtbar.
DBN: Liechtenstein soll sich als führenden Philanthropiestandort behaupten – auch im Austausch mit der Schweiz und unseren anderen Nachbarstaaten, wo die Entwicklungen sehr dynamisch sind.
Welche Themen stehen dabei im Vordergrund?
DBN: Klassische Stiftungen arbeiten langfristig in ihrem Förderbereich und reagieren weniger auf Trends. Aber Querschnittsthemen wie Klima, Demokratie oder Ungleichheit betreffen alle und werden wichtiger.
KS: Auch Biodiversität, Ernährungssicherheit und sozialer Zusammenhalt gehören dazu. Manche Stiftungen sind aufgrund ihrer Statuten enger gebunden, andere haben mehr Spielraum. Aber insgesamt werden diese gesellschaftlichen Herausforderungen für die Stiftungen wichtiger.


