Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace Laurent Goetschel, Bild: zVg

Nukle­ar­waf­fen können einen Kalten Frie­den stabilisieren

Am 6. August jährt sich zum 80. Mal der Abwurf der Atombombe über Hiroshima. Professor Laurent Goetschel, Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace, spricht über die Bedeutung des Ereignisses für die Friedensforschung und was notwendig ist, um aus einer Kriegssituation den Frieden zu erreichen.

Vor 80 Jahren wurde über Hiro­shima eine Atom­bombe abge­wor­fen. Welche Bedeu­tung hat dieses Ereig­nis in der Friedensforschung?

Laurent Goet­schel: Dieses Ereig­nis ist vor allem in spezia­li­sier­ten Krei­sen präsent, die sich mit Nukle­ar­waf­fen, Fragen der nuklea­ren Rüstungs­kon­trol­len und Abrüs­tung befas­sen. Neben der Forschung gehö­ren auch eher akti­vis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen dazu wie zum Beispiel ICAN, die Inter­na­tio­nale Kampa­gne zur Abschaf­fung von Atom­waf­fen. Diese war auch feder­füh­rend in der Aushand­lung des Atom­waf­fen­ver­bots­ver­tra­ges. Diese Akteure erin­nern immer wieder an Hiro­shima und an die Leiden, die damit verbun­den waren. So wollen sie aufzei­gen, wie irra­tio­nal schon nur der Gedan­ken an einen mögli­chen Einsatz von Nukle­ar­waf­fen ist, wenn man die Folgen eines Einsat­zes von Nukle­ar­waf­fen sieht.

Und darüber hinaus?

Ansons­ten sind Nukle­ar­waf­fen in der Frie­dens­for­schung durch­aus präsent bei Über­le­gun­gen zu gewis­sen Regio­nen, beispiels­weise im Nahen Osten, dann natür­lich auch auf der korea­ni­schen Halb­in­sel und seit ein paar Jahren im Zusam­men­hang mit dem Krieg zwischen Russ­land und der Ukraine. Aller­dings ist hier nicht Hiro­shima als Ereig­nis präsent, sondern die Rolle von Nukle­ar­waf­fen im entspre­chen­den geopo­li­ti­schen Gleichgewicht.

Die Nukle­ar­waf­fen lösen keine Probleme. 

Laurent Goet­schel, Direk­tor der Schwei­ze­ri­schen Frie­dens­stif­tung Swisspeace

Welche Rolle spielt die nukleare Abschre­ckung für einen stabi­len Frieden?

Es kommt auf das Verständ­nis von Frie­den an. Spre­chen wir von einem Kalten Frie­den? Damit ist die Abwe­sen­heit von Krieg gemeint. Es geht nicht um die Lösung eines dem Konflikt zugrunde liegen­den Problems, sondern darum, die Span­nun­gen unter Kontrolle zu behal­ten. In diesem Fall können Nukle­ar­waf­fen durch ihre abschre­ckende Wirkung zu einer gewis­sen Stabi­li­sie­rung führen. Der Kalte Krieg hat dies gezeigt. Aber die Nukle­ar­waf­fen lösen keine Probleme. Und letz­ten Endes gibt es den Krieg in der Ukraine nicht zuletzt wegen der noch vorhan­de­nen Logik des Kalten Krieges.

Was heisst das?

Es ist die Logik von Einfluss­sphä­ren. Über diese sagt man, hier walte ich und nicht du. Und vor allem zu Beginn des Krie­ges hat Wladi­mir Putin bewusst immer wieder gedroht, allen­falls auch die nukleare Option in Erwä­gung zu ziehen. Damit machte er klar, dass ein über­trie­be­nes Enga­ge­ment des Westens im Falle des Krie­ges in der Ukraine nicht tole­riert werden würde. Nukle­ar­waf­fen können also vorüber­ge­hend Situa­tio­nen stabi­li­sie­ren, aber sie brin­gen keinen wirk­li­chen Frieden.

Aus dem Kalten Krieg stam­men auch Verträge zur Begren­zung der Nukle­ar­waf­fen. Russ­land ist soeben aus einem Abkom­men ausge­stie­gen, wobei die USA dieses schon 2019 verlas­sen haben. Können solche Verträge einen Beitrag zum Frie­den leisten?

Es gibt verschie­dene atomare Rüstungs­kon­troll­ver­träge. Was Sie anspre­chen, ist das Abkom­men über die atoma­ren Mittel­stre­cken­waf­fen. Michail Gorbat­schow und Ronald Reagan haben es Mitte der 80er Jahre in Helsinki unter­schrie­ben. Das Verbot atoma­rer Mittel­stre­cken­waf­fen sollte die Kriegs­ge­fahr in Europa reduzieren.

Künf­tige Verträge dieser Art müssen also auch China einbeziehen.

Laurent Goet­schel

Und weshalb sind die USA zuerst ausgestiegen.

Während der ersten Trump Amts­pe­ri­ode sind die USA aus dem Vertrag ausge­stie­gen. Sie haben Russ­land vorge­wor­fen, das Abkom­men durch die Statio­nie­rung neuer Waffen zu verlet­zen. Aber man geht davon aus, dass vor allem die Situa­tion um Taiwan ausschlag­ge­bend war. Die USA haben eine Stra­te­gie entwi­ckelt, welche die mögli­che Statio­nie­rung solcher Waffen beinhal­tete, um einem allfäl­li­gen chine­si­schen Angriff auf Taiwan vorzubeugen.

Das heisst, die Wirkung solcher Verträge ist begrenzt?

Staa­ten verfol­gen immer ihre Inter­es­sen. Diese Abkom­men funk­tio­nie­ren im Inter­esse der jewei­li­gen Staa­ten. Wir haben auch das Abkom­men, das die Anzahl stra­te­gi­scher Atom­waf­fen begrenzt. Es umfasst Inter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten. Seit Jahren gibt es aber keine Kontrol­len mehr. Während COVID konn­ten die Inspek­to­ren nicht hin und her reisen. Und seit­her hat sich die poli­ti­sche Lage verschlech­tert. Aber sowohl die USA als auch Russ­land haben sich faktisch daran gehal­ten. Ein Problem dieses Abkom­mens und allge­mein in Bezug auf die stra­te­gi­schen Waffen ist aller­dings China. Xi Jinping hat die klare Absicht bekun­det, nuklear aufzu­ho­len. China war aber nicht Bestand­teil dieser Abkom­men. Künf­tige Verträge dieser Art müssen also auch China einbeziehen.

Sie haben den Kalten Frie­den genannt. Wäre das Gegen­teil ein Frie­den ohne Konflikte?

Ohne Konflikte ist über­trie­ben. Solange es Menschen geben wird, wird es Konflikte geben. Natür­lich kann man Frie­den defi­nie­ren als das Para­dies auf Erden. Aber norma­ler­weise spricht man in der Frie­dens­for­schung von Frie­den, wenn Gesell­schaf­ten oder Staa­ten, also inner­halb von oder zwischen Staa­ten, über einge­spielte Regeln und Normen verfü­gen, die es ihnen erlau­ben, Konflikte ohne orga­ni­sierte Gewalt zu lösen. Span­nun­gen müssen so bear­bei­tet und gelöst werden, damit es nicht zur Eska­la­tion von Konflik­ten kommt.

Welche Fakto­ren braucht es, um aus einer Kriegs­si­tua­tion den Frie­den zu erreichen?

Der wich­tigste Faktor ist, dass die Konflikt­par­teien selber wenigs­tens die Vermu­tung haben, dass Krieg nicht das beste Instru­ment ist, um ihre Inter­es­sen zu befrie­di­gen. Wenn zwei Streit­hähne kämp­fen wollen, dann kann man das nicht verhin­dern. Es gibt keine Welt­po­li­zei. Die Verein­ten Natio­nen sind aktu­ell durch die Span­nun­gen zwischen den Gross­mäch­ten blockiert. Sie könn­ten theo­re­tisch beschlies­sen, Sank­tio­nen zu verhän­gen oder sogar mili­tä­risch zu inter­ve­nie­ren, um zwei Konflikt­par­teien auseinanderzuhalten. 

Ganz im Gegen­teil. Das Inter­esse am Frie­den ist stark gestiegen.

Laurent Goet­schel

Das funk­tio­niert aber nicht immer. Momen­tan funk­tio­niert es sogar beson­ders schlecht. Sowieso braucht es den guten Willen der Konflikt­par­teien. Und dort hilft es, wenn es bestehende Prozesse gibt, wie die Staa­ten mitein­an­der Gesprä­che führen können. Auch hier spie­len die Verein­ten Natio­nen eine wich­tige Rolle – aber auf Grund­lage der Frei­wil­lig­keit der entspre­chen­den Staa­ten. Akzep­tierte Normen und Insti­tu­tio­nen sowie eine mini­male Offen­heit für eine fried­li­che Lösung sind also notwen­dig. Weitere begüns­ti­gende poli­ti­sche oder wirt­schaft­li­che Fakto­ren können helfen.

Aktu­ell ist vor allem Aufrüs­tung das Thema. Ist das Inter­esse am Frie­den gesunken?

Ganz im Gegen­teil. Das Inter­esse am Frie­den ist stark gestie­gen. Viele Menschen sind verzwei­felt. Sie fragen sich, was man unter­neh­men kann, um dem entge­gen­zu­wir­ken. Dennoch wirken Frie­dens­ak­teure im heuti­gen Umfeld manch­mal etwas hilf­los, weil mehr gekämpft wird und mehr Geld in die Aufrüs­tung fliesst. Dann hilft es zu sagen, dass schon immer Kriege statt­ge­fun­den haben. Aus meiner Sicht haben Staa­ten schon immer zu viel Geld in die Entwick­lung und den Kauf von Waffen inves­tiert. Es gab schon immer Paral­lel­wel­ten: Einer­seits Regio­nen und Staa­ten, die sich im Sinne der Frie­dens­för­de­rung posi­tiv entwi­ckel­ten und ande­rer­seits jene, in denen das weni­ger der Fall war. Weil jetzt der Eindruck domi­niert, es gebe vor allem Krieg, heisst das nicht, dass Frie­dens­för­de­rung verschwin­det oder dass es nicht auch Erfolge gibt.

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