fit4school leistet ausserschulische Lernunterstützung. In diesen Tagen beginnt das neue Schuljahr. Spüren Sie dies bei der Nachfrage oder verteilt sich diese bei Ihnen über das Jahr?
Wir haben bei den Neuanmeldungen starke Schwankungen im Laufe des Schuljahres. Am meisten Anmeldungen registrieren wir im November – wenn es auf die Zeugnisse zugeht. Einen Peak gibt es auch im Mai. Eher ruhig ist es während der Sommerferien, wobei dann unsere speziellen Ferienangebote bereits laufen.
Wer fragt an? Sind es die Eltern oder auch die Schüler:innen selbst?
(schmunzelt): Es sind die Eltern, die anfragen. Die Erfahrung zeigt, dass in diesem Bereich häufig die Mütter entscheiden. Das macht es für uns im Austausch schwierig. Für uns ist wichtig, die Kinder anzusprechen. Die Kinder sollen sich bei uns wohl fühlen, nicht in erster Linie die Mütter.
Wissenschaftliche Studien in der Schweiz zeigen, dass Stress, Leistungsdruck und Überforderung in der Schweiz mittlerweile für bald die Hälfte der Jugendlichen die Normalität ist.
Pascal Ryf, Co-Geschäftsleiter und Stiftungsrat von fit4school
Sie sprechen von Lernunterstützung. Versuchen Sie das Wort «Nachhilfe» zu umgehen?
Es geht eher um unseren Ansatz. Wir möchten die Kinder befähigen, selbst Erfolg zu haben. Es geht also nicht um Hilfe, sondern um Unterstützung. Früher lautete unser Claim «Nachhilfe war gestern». Seit vielen Jahren lautet er: «Erfolg in der Schule. Fit für die Zukunft.» In einem Google-Webinar während Corona hat man uns allerdings aufgezeigt, dass die häufigste Suchabfrage auf diesem Feld «Nachhilfe Mathe» sei. Wir setzen den Begriff «Nachhilfe» ein, klar. Würden wir das nicht tun, würden wir möglicherweise nicht gefunden.
Sind Nachhilfeangebote heute selbstverständlich, um den Schulabschluss oder die Arbeitsmarktfähigkeit zu erreichen?
Für die Schweiz gibt es keine einschlägige Erhebung. Für Deutschland oder Österreich spricht man davon, dass jeder dritte, schon fast jeder zweite Schüler ausserschulische Lernunterstützung beansprucht. Das muss aber nicht institutionell sein. Das kann der Cousin oder der Nachbar sein. Doch wissenschaftliche Studien in der Schweiz zeigen, dass Stress, Leistungsdruck und Überforderung in der Schweiz mittlerweile für bald die Hälfte der Jugendlichen die Normalität ist. Da kann etwas Unterstützung nicht falsch sein. In jedem Fall sind die Schülerinnen und Schüler auch heute gefordert.
Haben Sie während Ihrer Schulzeit selbst auch Nachhilfe besucht?
Weil ich in Mathematik nicht immer alles sofort begriff, nahm ich während meiner Schulzeit Nachhilfe. Ich empfand dies nicht als negativ. Es gibt ein Paradox: Es wird zwar als völlig normal betrachtet, seine Muskeln regelmässig in der Freizeit zu trainieren, zum Beispiel beim Sport, aber ausserschulisches Training für den Geist wird hinterfragt.
Wir wollen die öffentliche Schule stützen.
Pascal Ryf
Sie verstehen Ihr Angebot nicht als Kritik an der Schule?
Es ist keine Kritik, in keiner Weise. Im Gegenteil. Wir wollen bewusst keine Privatschule sein. Wir wollen die öffentliche Schule stützen. Mein Co-Geschäftsleiter Lukas Alt und ich haben eine Vergangenheit als Lehrer und Schulleiter. Wir kennen die Situation. Der Hauptteil unseres Angebots bilden punktuelle Privatlektionen in unseren Lern- und Coachingcentern. Privatlektionen sind in der Schule nicht möglich. Ebenso sind unsere Lerncoachings bedeutend. Das sagen uns auch viele Lehrpersonen, dass es genau das braucht. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die punktuell einfach jemanden brauchen, der sie bei der Hand nimmt, ihnen zeigt, wie sie ihre Zeit managen, wie sie an einen Text herangehen oder wie sie mit Prüfungsangst umgehen können. Unser Angebot liegt gewissermassen zwischen der Schule und dem Schulpsychologischen Dienst.
Gibt es auch Ablehnung?
Ja. Manche Lehrpersonen sehen es nicht gern, wenn ihre Schülerinnen und Schüler Nachhilfe nehmen. Sie empfinden das als Kritik an ihrer eigenen Leistung und vertreten die Ansicht, dass Kinder bei einem guten Lehrer alles verstehen. Das ist jedoch eine Illusion – nicht jedes Kind lernt auf dieselbe Weise gleich gut. Mein Physiklehrer war zum Beispiel hervorragend, trotzdem mochte ich das Fach nicht und habe es auch nicht gut verstanden. Lehrpersonen sollten dies nicht als Abwertung ihrer Arbeit auffassen.
Pflegen Sie einen engen Austausch mit den Schulen und Lehrpersonen?
Wir haben 34 Standorte in der Schweiz und jeder funktioniert anders. Einige Schulen laden uns an den Lehrerkonvent ein, damit wir unser ergänzendes Modell vorstellen oder sie empfehlen unser Angebot eh bereits. Andere blocken ab, weil ihnen die Entwicklung nicht gefällt.
Kinder aus Familien mit knappen finanziellen Möglichkeiten sind schon benachteiligt. Werden kostenpflichtige Angebote zum Standard, haben sie es nochmals schwieriger. Können Sie diesen helfen?
Unsere Stiftung leistet in solchen Fällen eine finanzielle Teilunterstützung. Kindern, welche Lernunterstützung wollen, deren Familien dies aber nicht selbst finanzieren können, ermöglichen wir den Besuch von Gruppenkursen bei uns und übernehmen 30 Prozent der Kosten. Wir würden dies gerne weiter ausbauen, aber im Moment fehlen der Stiftung die dafür notwendigen Mittel.
Wer kann von dieser Unterstützung profitieren?
Wir möchten die finanzielle Situation der Eltern nicht selbst prüfen. Deswegen gilt unser Angebot für Familien, die eine Kulturlegi haben. Die Kulturlegi ist ein persönlicher Ausweis für Personen mit knappen finanziellen Mitteln. Sie ist ein Angebot der Caritas. Unser Angebot ist deshalb auch auf der Kulturlegi-Seite der Caritas publiziert.
Allerdings war die Stiftungsaufsicht der Meinung, dass ein solches System eher zu einem Unternehmen passt, weniger zu einer Stiftung.
Pascal Ryf
Wie ist fit4school entstanden?
Die Stiftung entstand vor über zehn Jahren in Binningen im Kanton Baselland. Auch das erste fit4school Lern- und Coachingcenter öffnete in Binningen seine Türen. Weitere Lerncenter kamen hinzu, auch die Möglichkeit für andere Organisationen, das Konzept im Franchisesystem zu übernehmen. Ziel ist, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche das Angebot von fit4school in Anspruch nehmen können, sollten sie den Bedarf haben. Allerdings war die Stiftungsaufsicht der Meinung, dass ein solches System eher zu einem Unternehmen passt, weniger zu einer Stiftung. Sie empfahlen uns, eine Betriebsgesellschaft zu gründen, was wir auch realisiert haben.
Wie sind Sie heute organisiert?
Die Stiftung hält die Marke, das Konzept, ist für die Entwicklung der Lernmaterialien zuständig – und eben punktuell auch für finanzielle Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, die das Angebot nutzen wollen, es sich aber nicht leisten können. Das soll so bleiben. Zusätzlich haben wir die educampus AG gegründet, die Betriebsgesellschaft, welche die Standorte betreibt. Sie hält eine Masterlizenz und leistet Abgaben an die Stiftung.


