Co-Geschäftsleiter und Stiftungsrat von fit4school Pascal Ryf, Bild: Christian Rieder

Nach­hilfe zur Stär­kung der öffent­li­chen Schule

Der Co-Geschäftsleiter und Stiftungsrat von fit4school Pascal Ryf spricht über die Selbstverständlichkeit von ausserschulischen Lernunterstützungsangeboten. Dabei sieht der Mitte-Landrat aus dem Baselbiet das Angebot der Stiftung als Beitrag zur Stärkung der öffentlichen Schulen.

fit4school leis­tet ausser­schu­li­sche Lern­un­ter­stüt­zung. In diesen Tagen beginnt das neue Schul­jahr. Spüren Sie dies bei der Nach­frage oder verteilt sich diese bei Ihnen über das Jahr?

Wir haben bei den Neuan­mel­dun­gen starke Schwan­kun­gen im Laufe des Schul­jah­res. Am meis­ten Anmel­dun­gen regis­trie­ren wir im Novem­ber – wenn es auf die Zeug­nisse zugeht. Einen Peak gibt es auch im Mai. Eher ruhig ist es während der Sommer­fe­rien, wobei dann unsere spezi­el­len Feri­en­an­ge­bote bereits laufen.

Wer fragt an? Sind es die Eltern oder auch die Schüler:innen selbst?

(schmun­zelt): Es sind die Eltern, die anfra­gen. Die Erfah­rung zeigt, dass in diesem Bereich häufig die Mütter entschei­den. Das macht es für uns im Austausch schwie­rig. Für uns ist wich­tig, die Kinder anzu­spre­chen. Die Kinder sollen sich bei uns wohl fühlen, nicht in erster Linie die Mütter.

Wissen­schaft­li­che Studien in der Schweiz zeigen, dass Stress, Leis­tungs­druck und Über­for­de­rung in der Schweiz mitt­ler­weile für bald die Hälfte der Jugend­li­chen die Norma­li­tät ist.

Pascal Ryf, Co-Geschäfts­lei­ter und Stif­tungs­rat von fit4school

Sie spre­chen von Lern­un­ter­stüt­zung. Versu­chen Sie das Wort «Nach­hilfe» zu umgehen?

Es geht eher um unse­ren Ansatz. Wir möch­ten die Kinder befä­hi­gen, selbst Erfolg zu haben. Es geht also nicht um Hilfe, sondern um Unter­stüt­zung. Früher lautete unser Claim «Nach­hilfe war gestern». Seit vielen Jahren lautet er: «Erfolg in der Schule. Fit für die Zukunft.» In einem Google-Webi­nar während Corona hat man uns aller­dings aufge­zeigt, dass die häufigste Such­ab­frage auf diesem Feld «Nach­hilfe Mathe» sei. Wir setzen den Begriff «Nach­hilfe» ein, klar. Würden wir das nicht tun, würden wir mögli­cher­weise nicht gefunden.

Sind Nach­hil­fe­an­ge­bote heute selbst­ver­ständ­lich, um den Schul­ab­schluss oder die Arbeits­markt­fä­hig­keit zu erreichen?

Für die Schweiz gibt es keine einschlä­gige Erhe­bung. Für Deutsch­land oder Öster­reich spricht man davon, dass jeder dritte, schon fast jeder zweite Schü­ler ausser­schu­li­sche Lern­un­ter­stüt­zung bean­sprucht. Das muss aber nicht insti­tu­tio­nell sein. Das kann der Cousin oder der Nach­bar sein. Doch wissen­schaft­li­che Studien in der Schweiz zeigen, dass Stress, Leis­tungs­druck und Über­for­de­rung in der Schweiz mitt­ler­weile für bald die Hälfte der Jugend­li­chen die Norma­li­tät ist. Da kann etwas Unter­stüt­zung nicht falsch sein. In jedem Fall sind die Schü­le­rin­nen und Schü­ler auch heute gefordert.

Haben Sie während Ihrer Schul­zeit selbst auch Nach­hilfe besucht?

Weil ich in Mathe­ma­tik nicht immer alles sofort begriff, nahm ich während meiner Schul­zeit Nach­hilfe. Ich empfand dies nicht als nega­tiv. Es gibt ein Para­dox: Es wird zwar als völlig normal betrach­tet, seine Muskeln regel­mäs­sig in der Frei­zeit zu trai­nie­ren, zum Beispiel beim Sport, aber ausser­schu­li­sches Trai­ning für den Geist wird hinterfragt.

Wir wollen die öffent­li­che Schule stützen. 

Pascal Ryf

Sie verste­hen Ihr Ange­bot nicht als Kritik an der Schule?

Es ist keine Kritik, in keiner Weise. Im Gegen­teil. Wir wollen bewusst keine Privat­schule sein. Wir wollen die öffent­li­che Schule stüt­zen. Mein Co-Geschäfts­lei­ter Lukas Alt und ich haben eine Vergan­gen­heit als Lehrer und Schul­lei­ter. Wir kennen die Situa­tion. Der Haupt­teil unse­res Ange­bots bilden punk­tu­elle Privat­lek­tio­nen in unse­ren Lern- und Coaching­cen­tern. Privat­lek­tio­nen sind in der Schule nicht möglich. Ebenso sind unsere Lern­coa­chings bedeu­tend. Das sagen uns auch viele Lehr­per­so­nen, dass es genau das braucht. Es gibt Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die punk­tu­ell einfach jeman­den brau­chen, der sie bei der Hand nimmt, ihnen zeigt, wie sie ihre Zeit mana­gen, wie sie an einen Text heran­ge­hen oder wie sie mit Prüfungs­angst umge­hen können. Unser Ange­bot liegt gewis­ser­mas­sen zwischen der Schule und dem Schul­psy­cho­lo­gi­schen Dienst.

Gibt es auch Ablehnung?

Ja. Manche Lehr­per­so­nen sehen es nicht gern, wenn ihre Schü­le­rin­nen und Schü­ler Nach­hilfe nehmen. Sie empfin­den das als Kritik an ihrer eige­nen Leis­tung und vertre­ten die Ansicht, dass Kinder bei einem guten Lehrer alles verste­hen. Das ist jedoch eine Illu­sion – nicht jedes Kind lernt auf dieselbe Weise gleich gut. Mein Physik­leh­rer war zum Beispiel hervor­ra­gend, trotz­dem mochte ich das Fach nicht und habe es auch nicht gut verstan­den. Lehr­per­so­nen soll­ten dies nicht als Abwer­tung ihrer Arbeit auffassen.

Pfle­gen Sie einen engen Austausch mit den Schu­len und Lehrpersonen?

Wir haben 34 Stand­orte in der Schweiz und jeder funk­tio­niert anders. Einige Schu­len laden uns an den Lehrer­kon­vent ein, damit wir unser ergän­zen­des Modell vorstel­len oder sie empfeh­len unser Ange­bot eh bereits. Andere blocken ab, weil ihnen die Entwick­lung nicht gefällt.

Kinder aus Fami­lien mit knap­pen finan­zi­el­len Möglich­kei­ten sind schon benach­tei­ligt. Werden kosten­pflich­tige Ange­bote zum Stan­dard, haben sie es noch­mals schwie­ri­ger. Können Sie diesen helfen?

Unsere Stif­tung leis­tet in solchen Fällen eine finan­zi­elle Teil­un­ter­stüt­zung. Kindern, welche Lern­un­ter­stüt­zung wollen, deren Fami­lien dies aber nicht selbst finan­zie­ren können, ermög­li­chen wir den Besuch von Grup­pen­kur­sen bei uns und über­neh­men 30 Prozent der Kosten. Wir würden dies gerne weiter ausbauen, aber im Moment fehlen der Stif­tung die dafür notwen­di­gen Mittel.

Wer kann von dieser Unter­stüt­zung profitieren?

Wir möch­ten die finan­zi­elle Situa­tion der Eltern nicht selbst prüfen. Deswe­gen gilt unser Ange­bot für Fami­lien, die eine Kultur­legi haben. Die Kultur­legi ist ein persön­li­cher Ausweis für Perso­nen mit knap­pen finan­zi­el­len Mitteln. Sie ist ein Ange­bot der Cari­tas. Unser Ange­bot ist deshalb auch auf der Kultur­legi-Seite der Cari­tas publiziert.

Aller­dings war die Stif­tungs­auf­sicht der Meinung, dass ein solches System eher zu einem Unter­neh­men passt, weni­ger zu einer Stiftung.

Pascal Ryf

Wie ist fit4school entstanden?

Die Stif­tung entstand vor über zehn Jahren in Binnin­gen im Kanton Basel­land. Auch das erste fit4school Lern- und Coaching­cen­ter öffnete in Binnin­gen seine Türen. Weitere Lern­cen­ter kamen hinzu, auch die Möglich­keit für andere Orga­ni­sa­tio­nen, das Konzept im Fran­chise­sys­tem zu über­neh­men. Ziel ist, dass möglichst viele Kinder und Jugend­li­che das Ange­bot von fit4school in Anspruch nehmen können, soll­ten sie den Bedarf haben. Aller­dings war die Stif­tungs­auf­sicht der Meinung, dass ein solches System eher zu einem Unter­neh­men passt, weni­ger zu einer Stif­tung. Sie empfah­len uns, eine Betriebs­ge­sell­schaft zu grün­den, was wir auch reali­siert haben.

Wie sind Sie heute organisiert?

Die Stif­tung hält die Marke, das Konzept, ist für die Entwick­lung der Lern­ma­te­ria­lien zustän­dig – und eben punk­tu­ell auch für finan­zi­elle Unter­stüt­zung von Kindern und Jugend­li­chen, die das Ange­bot nutzen wollen, es sich aber nicht leis­ten können. Das soll so blei­ben. Zusätz­lich haben wir die educam­pus AG gegrün­det, die Betriebs­ge­sell­schaft, welche die Stand­orte betreibt. Sie hält eine Master­li­zenz und leis­tet Abga­ben an die Stiftung.

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