Inwiefern sehen Sie die Klimakrise als Folge und gleichzeitig als Ursache von sozialer Ungerechtigkeit?
An der Klimagerechtigkeit müssen wir jetzt arbeiten, später ist es zu spät! Die Klimakrise trifft diejenigen am stärksten, die am wenigsten dazu beigetragen haben – vor allem Menschen im globalen Süden, die schon heute oft unter prekären Bedingungen leben. Steigende Meeresspiegel, schmelzende Permafrostböden, Dürreperioden über mehrere Jahre und plötzlich auftretende Fluten zerstören Lebensräume und gefährden Existenzen. Das ist zutiefst ungerecht. Schauen wir zurück, haben die Industrienationen bis heute den Grossteil der historischen Emissionen verursacht und sie haben überproportional von fossilen Energieträgern profitiert. Sie stehen nun in einer besonderen Verantwortung.
Was muss jetzt geschehen?
Beim Thema Klimawandel – also beim Ziel Netto-Null – muss im Grunde alles gleichzeitig mit unterschiedlichen Massnahmen angegangen werden. Die Ungleichheit lässt sich nur überwinden, wenn unsere Wirtschaft fundamental umstellt und auf eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft setzt. Das ist eine riesige Aufgabe, die auf allen Seiten Anstrengungen braucht. Gleichzeitig – und das ist genauso wichtig – müssen die sogenannten «Loss and Damage»-Kosten, die vor allem im globalen Süden anfallen, ausgeglichen werden.
Die Klimakrise trifft jene am stärksten, die am wenigsten dazu beigetragen haben – das ist zutiefst ungerecht.
Karolina Frischkopf, Direktorin HEKS
Das heisst?
Länder, die sich in der Vergangenheit massiv auf Kosten anderer entwickeln konnten, stehen in der Pflicht. Sie haben riesige Mengen an CO2 ausgestossen und so ihre wirtschaftliche Stärke und ihren heutigen Wohlstand aufgebaut. An der Conference of the Parties COP 27 im 2022 in Scharm El-Scheich, Ägypten, wurde der «Fund for Responding to Loss and Damage» beschlossen, der genau für das gedacht ist. Zurzeit zahlen da jedoch nur Staaten ein, nicht aber die sogenannten «Carbon Majors» – die grossen Konzerne, die oft ein Vielfaches an Emissionen verursachen, teilweise mehr als ganze Länder wie beispiesweise die Schweiz. Diese Firmen sollten künftig ebenfalls in diese Fonds einzahlen, um ihren Anteil an den Folgen ihrer Geschäftstätigkeit zu tragen.
Auf was ist weiter zu achten?
Kompensation allein reicht nicht. Es braucht auch hier Rahmenbedingungen, damit bei der Umsetzung keine neuen Probleme entstehen.
Die da sind?
Land- und Menschenrechte müssen unbedingt respektiert werden und auch Umweltschutz darf nicht unter den Tisch fallen. Es kann nicht sein, dass wir hier im globalen Norden weiter CO2 in die Luft blasen – und dann irgendwo im globalen Süden Land pachten für die Kompensation – ohne mit den Menschen vor Ort zu sprechen oder ihre Landrechte zu beachten. Zentral ist, dass die Menschen vor Ort mitentscheiden können – ganz besonders auch indigene Gemeinschaften.
An was denken Sie?
Das traditionelle Wissen der lokalen und indigenen Bevölkerung muss mit einbezogen werden. Diese Gemeinschaften haben über Generationen gelernt, wie man mit Trockenheit oder mit Regenzeiten umgeht, wie man biologisch anbaut und die Biodiversität schützt – dieses Wissen ist enorm wertvoll. Und es geht verloren, wenn Agrarfirmen einfach, ungeachtet der lokalen Bedingungen Monokulturen, Dünger und Pestizide einsetzt, um den Gewinn kurzrfristig zu maximieren und so langfristig die Fruchtbarkeit des Bodens vernichtet.
Die Unterschriften für die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) 2.0 sind in Rekordzeit zusammengekommen. Was würde sie bei der Annahme bewirken?
Die Eingabe fand am 27. Mai 2025 statt … Ein grosser Erfolg in Sachen gesammelter Unterschriften. Ansonsten ist diese Initiative eigentlich unspektakulär. Wir möchten nur, dass Schweizer Konzerne Menschenrechte und Umweltstandards, wie sie in der Schweiz selbstverständlich gelten und eingehalten werden, auch an ihren Produktionsstandorten im Süden einhalten. Und sollte es zu Verletzungen kommen, muss die lokale Bevölkerung die Möglichkeit haben, ihre Rechte vor einem Schweizer Gericht einzufordern. Das ist kein wirtschaftsfeindlicher Akt – im Gegenteil: Für alle Unternehmen, die verantwortungsvoll handeln, ist das eine Selbstverständlichkeit. Es geht um Fairness und gleiche Spielregeln für alle – um ein «level playing field».
Welche Rolle sollten Schweizer Finanzinstitute einnehmen?
Wenn wir die Klimaneutralität erreichen wollen, dann geht das nur über eine ökonomisch gerechte Kreislaufwirtschaft. Auf dem Weg dahin dürfen aber alle anderen Aspekte nicht vergessen gehen. Finanzinstitute sollten vermehrt in nachhaltige Projekte investieren und dabei soziale und ökologische Kriterien berücksichtigen. Es geht darum, Kapitalströme so zu lenken, dass sie den Übergang zu einer klimaneutralen und gerechten Wirtschaft unterstützen.
Die Bewegung Fridays for Future hat an Schwung verloren. Was braucht es, um die jüngere Generation wieder stärker in die Lösungsfindung für Klimagerechtigkeit einzubinden?
Es ist verständlich, dass viele junge Menschen nach der Pandemie den Wunsch haben, die Welt zu entdecken und unbeschwert zu leben – und gleichzeitig kann genau dieses Lebensgefühl schnell in Frustration umschlagen, wenn die Realität der Klimakrise sie einholt. Um diese Generation wieder stärker in die Lösungsfindung einzubinden, braucht es Räume, in denen sie ihre Sorgen und Ängste um die Zukunft artikulieren, aber auch ihre Handlungsmöglichkeiten erkennen können.
Wie könnte ein solcher Raum aussehen?
Mit dem Programm TransformAction Lab beispielsweise bieten wir jungen Menschen die Chance, in Gruppen aktuelle Themen zu reflektieren, Erfahrungen auszutauschen und sich mit den komplexen Zusammenhängen von Klimawandel, globaler Ungleichheit und wirtschaftlichen Strukturen auseinanderzusetzen. Dabei ist Selbstreflexion ein wichtiges Element. Wir arbeiten gemeinsam mit den jungen Menschen daran, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen; auch in Sachen Klimakrise.
Sie fordern ein grundlegendes Umdenken in Politik und Gesellschaft. Welche aktuellen Ansätze sehen Sie, die in die richtige Richtung weisen?
Eine gerechte Welt, in der Menschenwürde, Frieden und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen im Mittelpunkt stehen, ist nicht von heute auf morgen erreichbar. Das erfordert einen inneren Wandel der persönlichen Einstellung und Veränderungen auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Es gibt viele UNO-Initiativen, die sich für Klimagerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung einsetzen, doch politische Rückschritte, wie zuletzt in den USA, stellen diesen Fortschritt in Frage. Es ist blauäugig zu glauben, dass sich die Folgen des Klimawandels ignorieren lassen – sie sind real, tiefgreifend und in vielen Fällen irreversibel. Nur wenn wir verstehen, wie diese Veränderungen die Welt und künftige Generationen beeinflussen, können wir angemessen reagieren. Es muss weiter geforscht, informiert und vor allem gehandelt werden.
HEKS hat sich für die Verabschiedung der UN-Deklaration für die Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern stark gemacht. Weshalb?
Noch immer sind es in erster Linie die Kleinbauern und ‑bäuerinnen, die die Welt ernähren. Paradoxerweise sind sie aber in vielen Ländern die Hauptbetroffenen von Hunger und extremer Armut. Zahlreiche Regierungen vernachlässigen in ihrer Landwirtschafts- und Handelspolitik ihre Rechte und Bedürfnisse, und überlassen das Geschäft mit der Nahrung den Agrarkonzernen.
2018 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine wegweisende Deklaration, die die Rechte der kleinbäuerlichen Produzent:innen verankert. HEKS hat sich gegenüber der Schweiz für die Unterstützung dieser Erklärung stark gemacht und engagiert sich weiterhin für deren Umsetzung. Denn die Erklärung enthält sehr konkrete Artikel, die fast alle für unsere Arbeit sehr relevant sind. So zum Beispiel zum Recht auf Saatgut, zur Stärkung ihrer Landrechte, aber auch zum Recht der Bäuerinnen und Bauern auf politische Partizipation. Ohne gesicherte Landrechte und die Kontrolle über ihr Saatgut können die Landwirte nicht nachhaltig produzieren. Die UN-Deklaration liefert ein umfassendes internationales Instrument, das von vielen bäuerlichen Organisationen weltweit, zum Beispiel in Honduras oder Sambia erfolgreich genutzt wird, um ihre Rechte einzufordern und zu verteidigen,
Was verstehen Sie unter inklusivem Zusammenleben? Geht es vor allem um Wohlstand und Bildung?
Diese Faktoren sind wichtig, aber nur ein Teil des Problems. Herkunft und Hautfarbe sind in gewissen Kreisen immer noch ein Thema, ebenso das Frau-Sein, Jung-Sein oder auch Alt-Sein. Diese Themen können Grund sein, dass ein System, eine Community, eine Gesellschaft jemanden ausschliesst. Nicht immer sind die Inklusionsthemen tendenziös oder diskriminierend gemeint – es passiert einfach; es ist sehr oft strukturell bedingt und nicht bewusst.
Ein inklusives System soll individuelle strukturelle Barrieren abbauen. Es geht darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Stimme einzubringen, unabhängig von Herkunft, Bildungsstand oder sozialem Status. Dabei ist es entscheidend, auch die Strukturen selbst inklusiv zu gestalten. Denn systemische Diskriminierung ist einem selbst oft nicht bewusst, sondern tief in unseren gesellschaftlichen Normen verankert. Es braucht viel Selbstreflexion. Für mich heisst das z.B., dass ich als Direktorin viel Raum habe und einnehme. Darüber muss ich mir bewusst sein und diesen Raum auch zur Verfügung stellen, damit andere diesen einnehmen können. Mein Beitrag an eine inklusive Gesellschaft ist, den Raum mit anderen zu teilen.
Was kann dagegen getan werden?
Hier engagieren wir uns in verschiedenen Projekten. Ein wichtiges ist die Beratungsstelle in St. Gallen gegen Rassismus und Diskriminierung. Dort arbeiten wir mit betroffenen Menschen, um mit ihnen festzustellen, ob das, was sie erlebt haben, Diskriminierung ist. Liegt eine Diskriminierung vor, stellen sich die Fragen: Wie kann ich mich verhalten und wie komme ich da wieder raus? Eine weitere Aufgabe ist es, mit Institutionen, mit der öffentlichen Hand und Firmen hinzuschauen, wo Diskriminierungshürden vorliegen. Dazu gibt es eine Toolbox mit Fragen. Blinde Flecken sind normal, wir alle wachsen in einer Gesellschaft mit Vorurteilen auf, die wir unbewusst weitergeben. Und genau dort setzen wir an, dort schauen wir hin. Inklusion fängt bei jedem von uns mit achtsamem Umgang miteinander im Alltag an.


