Mit Verant­wor­tung zur Klimagerechtigkeit

Klimagerechtigkeit ist keine Frage der Zukunft, sondern der Gegenwart. Die Klimakrise offenbart die Ungleichheiten unserer globalen Welt in aller Härte. Karolina Frischkopf, Direktorin von HEKS, setzt sich für umfassende Verantwortung der Industrienationen ein – nicht nur durch Emissionsreduktion, sondern auch durch soziale Gerechtigkeit, faire Wirtschaftsstrukturen und die konsequente Einbindung der am stärksten Betroffenen.

Inwie­fern sehen Sie die Klima­krise als Folge und gleich­zei­tig als Ursa­che von sozia­ler Ungerechtigkeit?

An der Klima­ge­rech­tig­keit müssen wir jetzt arbei­ten, später ist es zu spät! Die Klima­krise trifft dieje­ni­gen am stärks­ten, die am wenigs­ten dazu beigetra­gen haben – vor allem Menschen im globa­len Süden, die schon heute oft unter prekä­ren Bedin­gun­gen leben. Stei­gende Meeres­spie­gel, schmel­zende Perma­f­rost­bö­den, Dürre­pe­ri­oden über mehrere Jahre und plötz­lich auftre­tende Fluten zerstö­ren Lebens­räume und gefähr­den Exis­ten­zen. Das ist zutiefst unge­recht. Schauen wir zurück, haben die Indus­trie­na­tio­nen bis heute den Gross­teil der histo­ri­schen Emis­sio­nen verur­sacht und sie haben über­pro­por­tio­nal von fossi­len Ener­gie­trä­gern profi­tiert. Sie stehen nun in einer beson­de­ren Verantwortung. 

Was muss jetzt geschehen? 

Beim Thema Klima­wan­del – also beim Ziel Netto-Null – muss im Grunde alles gleich­zei­tig mit unter­schied­li­chen Mass­nah­men ange­gan­gen werden. Die Ungleich­heit lässt sich nur über­win­den, wenn unsere Wirt­schaft funda­men­tal umstellt und auf eine klima­neu­trale Kreis­lauf­wirt­schaft setzt. Das ist eine riesige Aufgabe, die auf allen Seiten Anstren­gun­gen braucht. Gleich­zei­tig – und das ist genauso wich­tig – müssen die soge­nann­ten «Loss and Damage»-Kosten, die vor allem im globa­len Süden anfal­len, ausge­gli­chen werden. 

Die Klima­krise trifft jene am stärks­ten, die am wenigs­ten dazu beigetra­gen haben – das ist zutiefst ungerecht.

Karo­lina Frisch­kopf, Direk­to­rin HEKS

Das heisst?

Länder, die sich in der Vergan­gen­heit massiv auf Kosten ande­rer entwi­ckeln konn­ten, stehen in der Pflicht. Sie haben riesige Mengen an CO2 ausge­stos­sen und so ihre wirt­schaft­li­che Stärke und ihren heuti­gen Wohl­stand aufge­baut. An der Confe­rence of the Parties COP 27 im 2022 in Scharm El-Scheich, Ägyp­ten, wurde der «Fund for Respon­ding to Loss and Damage» beschlos­sen, der genau für das gedacht ist. Zurzeit zahlen da jedoch nur Staa­ten ein, nicht aber die soge­nann­ten «Carbon Majors» – die gros­sen Konzerne, die oft ein Viel­fa­ches an Emis­sio­nen verur­sa­chen, teil­weise mehr als ganze Länder wie beispies­weise die Schweiz. Diese Firmen soll­ten künf­tig eben­falls in  diese Fonds einzah­len, um ihren Anteil an den Folgen ihrer Geschäfts­tä­tig­keit zu tragen.

Auf was ist weiter zu achten?

Kompen­sa­tion allein reicht nicht. Es braucht auch hier Rahmen­be­din­gun­gen, damit bei der Umset­zung keine neuen Probleme entstehen. 

Die da sind?

Land- und Menschen­rechte müssen unbe­dingt respek­tiert werden und auch Umwelt­schutz darf nicht unter den Tisch fallen. Es kann nicht sein, dass wir hier im globa­len Norden weiter CO2 in die Luft blasen – und dann irgendwo im globa­len Süden Land pach­ten für die Kompen­sa­tion – ohne mit den Menschen vor Ort zu spre­chen oder ihre Land­rechte zu beach­ten. Zentral ist, dass die Menschen vor Ort mitent­schei­den können – ganz beson­ders auch indi­gene Gemeinschaften. 

An was denken Sie?

Das tradi­tio­nelle Wissen der loka­len und indi­ge­nen Bevöl­ke­rung muss mit einbe­zo­gen werden. Diese Gemein­schaf­ten haben über Gene­ra­tio­nen gelernt, wie man mit Trocken­heit oder mit Regen­zei­ten umgeht, wie man biolo­gisch anbaut und die Biodi­ver­si­tät schützt – dieses Wissen ist enorm wert­voll. Und es geht verlo­ren, wenn Agrar­fir­men einfach, unge­ach­tet der loka­len Bedin­gun­gen Mono­kul­tu­ren, Dünger und Pesti­zide einsetzt, um den Gewinn kurzrfris­tig zu maxi­mie­ren und so lang­fris­tig die Frucht­bar­keit des Bodens vernichtet.

Die Unter­schrif­ten für die Konzern­ver­ant­wor­tungs­in­itia­tive (KVI) 2.0 sind in Rekord­zeit zusam­men­ge­kom­men. Was würde sie bei der Annahme bewirken?

Die Eingabe fand am 27. Mai 2025 statt … Ein gros­ser Erfolg in Sachen gesam­mel­ter Unter­schrif­ten. Ansons­ten ist diese Initia­tive eigent­lich unspek­ta­ku­lär. Wir möch­ten nur, dass Schwei­zer Konzerne Menschen­rechte und Umwelt­stan­dards, wie sie in der Schweiz selbst­ver­ständ­lich gelten und einge­hal­ten werden, auch an ihren Produk­ti­ons­stand­or­ten im Süden einhal­ten. Und sollte es zu Verlet­zun­gen kommen, muss die lokale Bevöl­ke­rung die Möglich­keit haben, ihre Rechte vor einem Schwei­zer Gericht einzu­for­dern. Das ist kein wirt­schafts­feind­li­cher Akt – im Gegen­teil: Für alle Unter­neh­men, die verant­wor­tungs­voll handeln, ist das eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Es geht um Fair­ness und glei­che Spiel­re­geln für alle – um ein «level play­ing field».

Welche Rolle soll­ten Schwei­zer Finanz­in­sti­tute einnehmen? 

Wenn wir die Klima­neu­tra­li­tät errei­chen wollen, dann geht das nur über  eine ökono­misch gerechte Kreis­lauf­wirt­schaft. Auf dem Weg dahin dürfen aber alle ande­ren Aspekte nicht verges­sen gehen. Finanz­in­sti­tute soll­ten vermehrt in nach­hal­tige Projekte inves­tie­ren und dabei soziale und ökolo­gi­sche Krite­rien berück­sich­ti­gen. Es geht darum, Kapi­tal­ströme so zu lenken, dass sie den Über­gang zu einer klima­neu­tra­len und gerech­ten Wirt­schaft unterstützen.

Die Bewe­gung Fridays for Future hat an Schwung verlo­ren. Was braucht es, um die jüngere Gene­ra­tion wieder stär­ker in die Lösungs­fin­dung für Klima­ge­rech­tig­keit einzubinden?

Es ist verständ­lich, dass viele junge Menschen nach der Pande­mie den Wunsch haben, die Welt zu entde­cken und unbe­schwert zu leben – und gleich­zei­tig kann genau dieses Lebens­ge­fühl schnell in Frus­tra­tion umschla­gen, wenn die Reali­tät der Klima­krise sie einholt. Um diese Gene­ra­tion wieder stär­ker in die Lösungs­fin­dung einzu­bin­den, braucht es Räume, in denen sie ihre Sorgen und Ängste um die Zukunft arti­ku­lie­ren, aber auch ihre Hand­lungs­mög­lich­kei­ten erken­nen können. 

Wie könnte ein solcher Raum aussehen?

Mit dem Programm Trans­form­Ac­tion Lab beispiels­weise bieten wir jungen Menschen die Chance, in Grup­pen aktu­elle Themen zu reflek­tie­ren, Erfah­run­gen auszu­tau­schen und sich mit den komple­xen Zusam­men­hän­gen von Klima­wan­del, globa­ler Ungleich­heit und wirt­schaft­li­chen Struk­tu­ren ausein­an­der­zu­set­zen. Dabei ist Selbst­re­fle­xion ein wich­ti­ges Element. Wir arbei­ten gemein­sam mit den jungen Menschen daran, Verant­wor­tung für ihr Handeln zu über­neh­men; auch in Sachen Klimakrise. 

Sie fordern ein grund­le­gen­des Umden­ken in Poli­tik und Gesell­schaft. Welche aktu­el­len Ansätze sehen Sie, die in die rich­tige Rich­tung weisen?

Eine gerechte Welt, in der Menschen­würde, Frie­den und der Schutz der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen im Mittel­punkt stehen, ist nicht von heute auf morgen erreich­bar. Das erfor­dert einen inne­ren Wandel der persön­li­chen Einstel­lung und Verän­de­run­gen auf sozia­ler, wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Ebene. Es gibt viele UNO-Initia­ti­ven, die sich für Klima­ge­rech­tig­keit und nach­hal­tige Entwick­lung einset­zen, doch poli­ti­sche Rück­schritte, wie zuletzt in den USA, stel­len diesen Fort­schritt in Frage. Es ist blau­äu­gig zu glau­ben, dass sich die Folgen des Klima­wan­dels igno­rie­ren lassen – sie sind real, tief­grei­fend und in vielen Fällen irrever­si­bel. Nur wenn wir verste­hen, wie diese Verän­de­run­gen die Welt und künf­tige Gene­ra­tio­nen beein­flus­sen, können wir ange­mes­sen reagie­ren. Es muss weiter geforscht, infor­miert und vor allem gehan­delt werden.

HEKS hat sich für die Verab­schie­dung der UN-Dekla­ra­tion für die Rechte von Klein­bäue­rin­nen und Klein­bau­ern stark gemacht. Weshalb?

Noch immer sind es in erster Linie die Klein­bau­ern und ‑bäue­rin­nen, die die Welt ernäh­ren. Para­do­xer­weise sind sie aber in vielen Ländern die Haupt­be­trof­fe­nen von Hunger und extre­mer Armut. Zahl­rei­che Regie­run­gen vernach­läs­si­gen in ihrer Land­wirt­schafts- und Handels­po­li­tik ihre Rechte und Bedürf­nisse, und über­las­sen das Geschäft mit der Nahrung den Agrarkonzernen.

2018 verab­schie­de­ten die Verein­ten Natio­nen eine wegwei­sende Dekla­ra­tion, die die Rechte der klein­bäu­er­li­chen Produzent:innen veran­kert. HEKS hat sich gegen­über der Schweiz für die Unter­stüt­zung dieser Erklä­rung stark gemacht und enga­giert sich weiter­hin für deren Umset­zung. Denn die Erklä­rung enthält sehr konkrete Arti­kel, die fast alle für unsere Arbeit sehr rele­vant sind. So zum Beispiel zum Recht auf Saat­gut, zur Stär­kung ihrer Land­rechte, aber auch zum Recht der Bäue­rin­nen und Bauern auf poli­ti­sche Parti­zi­pa­tion. Ohne gesi­cherte Land­rechte und die Kontrolle über ihr Saat­gut können die Land­wirte nicht nach­hal­tig produ­zie­ren. Die UN-Dekla­ra­tion liefert ein umfas­sen­des inter­na­tio­na­les Instru­ment, das von vielen bäuer­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen welt­weit, zum Beispiel in Hondu­ras oder Sambia erfolg­reich genutzt wird, um ihre Rechte einzu­for­dern und zu verteidigen,

Was verste­hen Sie unter inklu­si­vem Zusam­men­le­ben? Geht es vor allem um Wohl­stand und Bildung?

Diese Fakto­ren sind wich­tig, aber nur ein Teil des Problems. Herkunft und Haut­farbe sind in gewis­sen Krei­sen immer noch ein Thema, ebenso das Frau-Sein, Jung-Sein oder auch Alt-Sein. Diese Themen können Grund sein, dass ein System, eine Commu­nity, eine Gesell­schaft jeman­den ausschliesst. Nicht immer sind die Inklu­si­ons­the­men tenden­ziös oder diskri­mi­nie­rend gemeint – es passiert einfach; es ist sehr oft struk­tu­rell bedingt und nicht bewusst. 

Ein inklu­si­ves System soll indi­vi­du­elle struk­tu­relle Barrie­ren abbauen. Es geht darum, Menschen die Möglich­keit zu geben, ihre Stimme einzu­brin­gen, unab­hän­gig von Herkunft, Bildungs­stand oder sozia­lem Status. Dabei ist es entschei­dend, auch die Struk­tu­ren selbst inklu­siv zu gestal­ten. Denn syste­mi­sche Diskri­mi­nie­rung ist einem selbst oft nicht bewusst, sondern tief in unse­ren gesell­schaft­li­chen Normen veran­kert. Es braucht viel Selbst­re­fle­xion. Für mich heisst das z.B., dass ich als Direk­to­rin viel Raum habe und einnehme. Darüber muss ich mir bewusst sein und diesen Raum auch zur Verfü­gung stel­len, damit andere diesen einneh­men können. Mein Beitrag an eine inklu­sive Gesell­schaft ist, den Raum mit ande­ren zu teilen.

Was kann dage­gen getan werden?

Hier enga­gie­ren wir uns in verschie­de­nen Projek­ten. Ein wich­ti­ges ist die Bera­tungs­stelle in St. Gallen gegen Rassis­mus und Diskri­mi­nie­rung. Dort arbei­ten wir mit betrof­fe­nen Menschen, um mit ihnen fest­zu­stel­len, ob das, was sie erlebt haben, Diskri­mi­nie­rung ist. Liegt eine Diskri­mi­nie­rung vor, stel­len sich die Fragen: Wie kann ich mich verhal­ten und wie komme ich da wieder raus? Eine weitere Aufgabe ist es, mit Insti­tu­tio­nen, mit der öffent­li­chen Hand und Firmen hinzu­schauen, wo Diskri­mi­nie­rungs­hür­den vorlie­gen. Dazu gibt es eine Tool­box mit Fragen. Blinde Flecken sind normal, wir alle wach­sen in einer Gesell­schaft mit Vorur­tei­len auf, die wir unbe­wusst weiter­ge­ben. Und genau dort setzen wir an, dort schauen wir hin. Inklu­sion fängt bei jedem von uns mit acht­sa­mem Umgang mitein­an­der im Alltag an.

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