Beat Glogger, Bild: René Ruis

«Medien kommen­tie­ren, bewer­ten und ordnen ein»

Beat Glogger, Gründer und Chefredaktor von Higgs, spricht über die Rolle des Wissenschaftsjournalismus, Stiftungsfinanzierung und den Wert von Fakten.

Wozu braucht es Wissen­schafts­jour­na­lis­mus – können die Forschungs­stät­ten ihre Ergeb­nisse nicht selbst kommu­ni­zie­ren?
Beat Glog­ger: Kommu­ni­zie­ren können sie ihre Forschungs­er­geb­nisse, aber nicht kommen­tie­ren. Der Unter­schied zwischen Kommu­ni­ka­tion und Jour­na­lis­mus besteht darin, dass Kommu­ni­ka­tion aus einer Innen­per­spek­tive agiert, der Jour­na­lis­mus hinge­gen hat die Aussen­per­spek­tive. D.h. die Medien kommen­tie­ren, bewer­ten und ordnen ein. Gemäss den Kommu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Ottfried Jarren schafft Eige­ne­re­fe­renz keine Glaub­wür­dig­keit. Dies schafft nur die Fremd­re­fe­renz. Wissen­schaft ist also auf den Jour­na­lis­mus ange­wie­sen, um bei der Bevöl­ke­rung Glaub­wür­dig­keit und Vertrauen zu gewinnen.

Higgs wurde unter ande­rem von Stif­tun­gen finan­ziert. Welche Rolle spie­len Stif­tun­gen als Finan­zie­re­rin­nen von Wissen­schafts­jour­na­lis­mus?
Gegen­wär­tig spie­len sie noch eine sehr grosse Rolle. Ohne Stif­tun­gen wäre der Start von Higgs nicht möglich gewe­sen. Aber da diese bekannt­lich nur Anschub­fi­nan­zie­rung leisten, ist es unum­gäng­lich, dass wir ein nach­hal­ti­ges Finan­zie­rungs­mo­dell entwickeln.

Fehlt eine Leser­schaft, die bereit ist, für Wissen­schafts­jour­na­lis­mus zu bezah­len?
Gemäss Medi­en­for­schung ist circa 13 Prozent der online Leser­schaft bereit, für Inhalte zu bezah­len. Gegen­wär­tig ist Higgs für das Publi­kum noch frei erhält­lich. Ab Herbst werden wir jedoch zur Lektüre unse­rer wert­voll­sten, eige­nen Inhalte eine Mitglied­schaft zur Voraus­set­zung machen. Da werden wir sehen, wie verbun­den unser stetig wach­sen­den­des Publi­kum unse­rem Kanal ist. Wenn die Hoch­rech­nun­gen der Medi­en­for­schung stim­men, können wir finan­zi­elle Eigen­stän­dig­keit erreichen.

Prak­tisch haben wir aber null­kom­ma­null Einfluss­nahme erfah­ren, selbst wenn wir Forschung kritisch betrachten.

Beat Glog­ger

Ist es proble­ma­tisch, wenn dieselbe Stif­tung eine Forschung und gleich­zei­tig die mediale Bericht­erstat­tung über die Forschungs­er­geb­nisse finan­ziert?
Sie spre­chen darauf an, dass wir gegen­wär­tig noch vom schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds unter­stützt werden. Theo­re­tisch könnte das ein Problem sein. Prak­tisch haben wir aber null­kom­ma­null Einfluss­nahme erfah­ren, selbst wenn wir Forschung kritisch betrach­ten. Der Natio­nal­fonds weiss selbst auch ganz genau, dass er jegli­che Glaub­wür­dig­keit verlie­ren würde  – genauso wie Higgs – wenn hier irgend eine Einfluss­nahme bekannt würde.

Fake News, Corona-Leug­ne­rin­nen und ‑Leug­ner – sind Fakten heute noch rele­vant?
Tatsäch­lich sind Fakten für die genann­ten Grup­pie­run­gen nicht mehr rele­vant. Doch diese Grup­pie­run­gen machen nur einen klei­nen Anteil in der Bevöl­ke­rung aus. Die meisten Leute sind auf der Suche und offen für Fakten. Diese spre­chen wir an.

Hat die Kommu­ni­ka­tion zur Pande­mie mit immer wieder neuen und ande­ren Erkennt­nis­sen das Vertrauen in die Wissen­schaft beschä­digt? 
Auch hier berufe ich mich auf Unter­su­chun­gen, die besa­gen, dass das Vertrauen in die Wissen­schaft gewach­sen ist. Wich­tig ist, dass wir dem Publi­kum erklä­ren, dass Zwei­fel und Korrek­tur der Einschät­zung zum inner­sten Wesen der Wissen­schaft gehö­ren. Nichts ist in Stein gemeis­selt, wir werden dauernd geschei­ter. Gegen­satz zu Verschwö­rungs­my­then, welche sich in fast reli­giö­ser Ortho­do­xie fort­wäh­rend auf die Lehr­sätze ihr Urhe­ber berufen.

Diesen Diskurs versu­chen wir mit Higgs täglich zu unterstützen. 

Beat Glog­ger

Ist es nicht eine zentrale Eigen­schaft der Wissen­schaft, verschie­dene Thesen zuzu­las­sen? Sind über­haupt alle wissen­schaft­li­chen Ausein­an­der­set­zun­gen für eine breite Öffent­lich­keit kommu­ni­zier­bar?
Wie gesagt, es ist das Wesen der Wissen­schaft verschie­dene Erklä­rungs­an­sätze gefun­de­ner Fakten zu disku­tie­ren. Aber irgend­wann wird eine Erklä­rung oben­aus­schwin­gen, weil sie über­zeu­gen­der, bezie­hungs­weise logi­scher und korrek­ter ist. Es ist biswei­len schwie­rig, solche Entwick­lungs­pro­zesse im wissen­schaft­li­chen Diskurs einer brei­ten Bevöl­ke­rung zu vermit­teln. So geistert noch heute die Behaup­tung herum, die Wissen­schaft sei sich beispiels­weise in der Frage des Klima­wan­dels nicht einig. Das ist böswil­li­ger Unsinn: Von 1000 Klima­for­schen­den schert viel­leicht eine Stimme aus. Die kann sich aber nicht durch­set­zen, weil sie schlech­tere Argu­mente und keine Belege hat. Hier von einer Kontro­verse in der Wissen­schaft zu reden, ist schlicht falsch.

Braucht es einen Diskurs in unse­rer Gesell­schaft, über die Rolle der Wissen­schaft, was sie kann und soll?
Ja, das braucht es. Und diesen Diskurs versu­chen wir auf Higgs täglich zu unter­stüt­zen. Zuletzt auch mit Forma­ten, wie Dialog, wo Forschende selbst schrei­ben und danach mit unse­rem Publi­kum in der Kommen­tar­spalte direkt diskutieren.

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