Nicht immer ist fehlendes Kapital das Problem. Oft liegt die Herausforderung in der richtigen Allokation. Hier setzt Blended Finance an: Mischfinanzierungen kombinieren Gelder verschiedener Quellen und ermöglichen so Projekte, die sonst am Risiko scheitern würden. «Unter Blended Finance verstehen wir, dass man öffentliche Gelder nutzt, um private Gelder zu mobilisieren», sagt Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbands. Gerade in der Entwicklungszusammenarbeit kann dies ein vielversprechender Ansatz sein. In Ländern mit schwacher Bonität oder unsicheren politischen Rahmenbedingungen sei das Risiko für Investor:innen oft zu hoch. «Wir verstehen Blended Finance als Möglichkeit, die Risiken zu minimieren und eine marktkonforme Rendite zu modellieren», sagt er. Wenn öffentliche Akteure die ersten Risiken tragen, kann privates Kapital folgen. Das macht Vorhaben realisierbar, die sonst nie umgesetzt würden.
So lassen sich grössere Volumen generieren und Projekte skalieren.
Simon Tribelhorn, Geschäftsführer
des Liechtensteinischen Bankenverbands
Erfolg richtig verstehen
Das Modell funktioniert über Tranchen: Entwicklungsagenturen oder Stiftungen übernehmen die riskanteren First-Loss-Tranchen. Sie zielen vor allem auf Wirkung ab, nicht auf Rendite. «Private Investoren steigen erst ein, wenn eine gewisse Absicherung vorhanden ist», so Tribelhorn. Erst mit dieser Grundlage lohne sich das Engagement von Family Offices oder institutionellen Anleger:innen. «So lassen sich grössere Volumen generieren und Projekte skalieren.» Rudolf Hilti, Gründer der The System Change Foundation und von Rheinest, denkt Blended Finance weiter. «Für mich ist es eine bewusste Vermischung von unterschiedlichen Faktoren, Marktmächten und Finanzierungsmöglichkeiten, damit sich eine Veränderung überhaupt ermöglichen lässt.» Hilti unterscheidet dabei klar zwischen Verbesserungen und Veränderungen. Die Planbarkeit von Verbesserungen macht diese für Unternehmen attraktiv. Veränderungen hingegen beinhalten viel Unbekanntes, Unplanbares, man kann sich aber darauf einstellen und vorbereiten. Echte Veränderungen erfordern Mut fürs Neue und die Bereitschaft, Bestehendes aufzugeben und sich ins Unbekannte zu begeben. Ein rein privatwirtschaftlicher Ansatz stösst hier an seine Grenzen.
«Alle grossen Technologien haben meistens einen Hintergrund, der nicht kommerziell durchdacht, sondern aus Interessen der Gesellschaft entstanden ist», sagt Hilti. Technologien wie Global Positioning System (GPS) seien mit staatlichen Mitteln für militärische Zwecke entwickelt worden, bevor sie der Zivilgesellschaft zugutekamen. Nur weil Unternehmen anschliessend daraus ein Geschäftsmodell machen, dürfe man die Finanzierung, welche die Innovation ermöglicht hat, nicht ausblenden. «Solche Töpfe braucht es, um Innovationen für die Zukunft, für die Umwelt, für die sozialen Herausforderungen zu ermöglichen», sagt er. Wichtig sei, dass die Mittel zielgerichtet eingesetzt werden mit einer bewussten Selektion und Stossrichtung. «Es braucht auch die Mitarbeit und die Zuwendungen grosser privater Töpfe wie Stiftungen oder Familienunternehmen, die langfristige Entscheide fällen können», sagt Hilti. «Dann ist es egal, ob es ein Forprofit-Unternehmen oder eine Nonprofit-Organisation ist. Es zählt, ob der Outcome sinnvoll ist.» Dabei ist ihm das Verständnis von Erfolg wichtig. «Der individuelle Erfolg sollte dem Kollektiv dienen», betont er. Wahrer Erfolg bedeutet für ihn, echte Wertschöpfung für Umwelt und Mitwelt zu schaffen. Solcher Fortschritt darf gefeiert werden und es ist legitim, daran zu verdienen, weil der Wertschöpfer nur einen Bruchteil des Gesamtnutzens für sich behält.
Impact und Rendite
An einem grossen Fonds arbeitet Simon Tribelhorn. Er ist auch Geschäftsführer der LIFE Klimastiftung. Diese will das Bewusstsein für den Klimaschutz und die ökologische Nachhaltigkeit stärken. Mit UNICEF und der Universität Liechtenstein modelliert die Stiftung einen Fonds. Als Pilot ist er vor drei Jahren gestartet. Er soll 50 bis 70 Millionen Franken Startvolumen umfassen und wie eine Dachstruktur funktionieren. Der Fonds soll so unterschiedliche Investor:innen verbinden: Für die einen steht der Impact im Vordergrund. Für andere ist die Rendite relevant. «Das wäre die erste Blended-Finance-Struktur, die wir hier im Land aufsetzen würden. Mit dieser Struktur wollen wir die verschiedenen Investorenkategorien aufbrechen», sagt Tribelhorn. Der Ansatz stärkt den Dialog und das Verständnis zwischen den unterschiedlichen Investor:innen. «Aus der Sicht der Finanzindustrie gesprochen glaube ich, verstehen wir wenig, was in der Entwicklungswelt abläuft», sagt Tribelhorn. «Umgekehrt haben Entwicklungsagenturen wenig Kenntnis, wie private und institutionelle Investor:innen denken und was sie brauchen, damit sie überhaupt investieren.» Gemischte Finanzierung fördert auch die Nachhaltigkeit der Engagements. Reportings über den Impact für die Menschen oder die Umwelt können für die Finanzindustrie interessant sein. Umgekehrt hilft das Wissen über die wirtschaftliche Tragfähigkeit geförderter Projekte und Organisationen der Entwicklungsagentur.
Der individuelle Erfolg sollte dem Kollektiv dienen.
Rudolf Hilti, Gründer der The System
Change Foundation
Es braucht Ernsthaftigkeit
Der traditionellen philanthropischen Fördertätigkeit steht Rudolf Hilti kritisch gegenüber. «Vielfach geht es zu sehr um die Menschen, die spenden und Gutes tun wollen. Das Kredo sollte sein: Tue Gutes und tue es gut, damit Gutes beflügelt und nicht bindet», sagt er. Dennoch sieht er Potenzial für philanthropische Stiftungen. Mit der richtigen Ernsthaftigkeit in den Umwelt- und Sozialthemen können sie wesentlich dazu beitragen, Wandel herbeizuführen. Dazu sind im Stiftungsrat neugierige Köpfe aus den unterschiedlichsten Bereichen gefragt. «In einer Stiftung hätte ich lieber Leute, wie Coaches oder Mentoren, die Potenziale erkennen», sagt er. Wichtig ist, dass jemand bereit ist, das Risiko zu tragen. «Wenn man wartet, bis der Markt bereit ist, dann werden keine neuen Märkte geschaffen.» Wenn Stiftungen mit ihrem Engagement das Vertrauen aufbauen und Risiken übernehmen, können andere Kapitalgeber darauf aufbauen und einfacher weitere Mittel beschaffen. Wenn dabei die Investor:innen die besten auswählen, wirke das Geld wie ein Katalysator, der verändert. «Es verfliegt nicht wie ein Hype, sondern wird ein langfristiger Trend», sagt Rudolf Hilti.


