Von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen, besteht in Kuba zurzeit ein stiller Notstand. Die Krise ist kein plötzliches Ereignis. Sie wirkt leise und frisst sich in alle Lebensbereiche. Das US-Embargo, verschärfte Sanktionen und der Wegfall wichtiger Energieimporte haben zu massiven Engpässen bei Treibstoff und Strom geführt. Für die Bevölkerung bedeutet das aktuell einen Alltag im Ausnahmezustand: stundenlange Stromausfälle, unterbrochene Versorgung, steigende Preise und ein Gesundheitssystem, dem es an Medikamenten und Personal fehlt.
Die Lage für die Menschen in Kuba war schon vor der aktuellen Krise herausfordernd. Die Kombination aus jahrzehntelangen Sanktionen, einer maroden Infrastruktur und den zunehmenden Folgen extremer Wetterereignisse hat das Land in einen Zustand der permanenten Improvisation versetzt. Für internationale Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz ist die Arbeit auf der Karibikinsel zu einem logistischen Hindernislauf geworden.
Das US-Embargo als Logistikkiller
Während das US-Embargo gegen Kuba in der Öffentlichkeit als politisches Instrument diskutiert wird, ist es für die Helfer:innen vor Ort vor allem auch eine physische Barriere. «Internationale wirtschaftliche Rahmenbedingungen und externe Massnahmen wirken sich direkt auf Lieferketten sowie die Verfügbarkeit von Energie und Treibstoff aus», erklärt Franziska Stocker, Mediensprecherin des SRK, auf Anfrage. Die Konsequenzen seien unmittelbar spürbar: «Dies erschwert den Transport und die Zollabfertigung und damit die Vorhersehbarkeit und Kontinuität humanitärer Aktivitäten.»
Alle Lebensbereiche betroffen
Die wirtschaftliche Misere ist für die Kubaner:innen eine tägliche Belastungsprobe. Die Energiekrise hat das Land fest im Griff. «Energie- und Treibstoffengpässe verursachen häufige Stromausfälle und schränken die Mobilität stark ein», sagt Stocker. Die Folgen ziehen sich durch alle Lebensbereiche: Gesundheitsdienste können nur unter grössten Anstrengungen aufrechterhalten werden, Wasserpumpen fallen aus, die Abfallentsorgung stockt. «Für viele Familien bedeutet dies lange Wartezeiten auf Güter und Dienstleistungen, eingeschränkte Transportmöglichkeiten und eine zunehmend erschwerte Deckung grundlegender Alltagsbedürfnisse.»
Energie- und Treibstoffengpässe verursachen häufige Stromausfälle und schränken die Mobilität stark ein. Franziska Stocker, SRK
Zuspitzung der Lage im 2025
Stark zugespitzt hat sich die Lage im letzten Jahr nach dem Hurrikan Melissa. Das SRK war deshalb im vergangenen November mit einem Team von Expert:innen des Bundes vor Ort, um die Nothilfe des Kubanischen Roten Kreuzes zu unterstützen. Es zeigte sich, wie gross das Ausmass der Zerstörung war. Seither hätten sich die «Energie- und Treibstoffbeschränkungen weiter verschärft», was die Aufrechterhaltung wichtiger Dienste massiv beeinträchtigte. Die Helfer:innen des Kubanischen Roten Kreuzes stünden vor dem Problem, dass sie aufgrund des Treibstoffmangels «grosse Schwierigkeiten haben, Hilfsgüter und Personal innerhalb des Landes zu transportieren.»
39’000 Freiwillige als Rückgrat gegen die Krise
Die Hilfe unter solchen Bedingungen funktioniert aufgrund der tiefen lokalen Verankerung. Das «Rückgrat» der Arbeit bilden die rund 39’000 Freiwilligen des Kubanischen Roten Kreuzes. Sie sind in allen Landesteilen präsent. Während das Kubanische Rote Kreuz die Arbeit vor Ort koordiniert, mobilisiert die Internationale Föderation Fachwissen. Stocker vom SRK erklärt: «Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) koordiniert die internationale Unterstützung, mobilisiert Mittel und stellt bei Bedarf fachliche Unterstützung bereit. Nationale Gesellschaften wie das SRK ergänzen diese Kapazitäten gezielt.» So habe das SRK beispielsweise einen Logistikexperten in die Region entsendet, um bei der Stärkung der Lieferkette von Nothilfegütern nach Kuba zu helfen. Gemeinsam trage dies dazu bei, lebenswichtige Dienste aufrechtzuerhalten und betroffene Gemeinschaften beim Wiederaufbau zu unterstützen.
Zukunftsstrategien
Das Rote Kreuz wirkt in Kuba neutral, bedarfsorientiert und technisch unterstützend. Dabei werden lokale Kapazitäten gestärkt, medizinische Hilfe entsendet, Massnahmen unterstützt, zur Verbesserung des Zugangs zu sauberem Wasser und sanitärer Versorgung. Es werden zukunftsgewandte Energielösungen aus erneuerbaren Energiequellen bereitgestellt, um den Betrieb wichtiger Einrichtungen wie Kliniken sicherzustellen.
Geopolitische Verwerfungen
Die Situation in Kuba zeigt eindrücklich, wie eine politische Grosswetterlage die Schwächsten einer Gesellschaft trifft. Wenn Logistikexpert:innen davon sprechen, dass «die Einfuhr und die Verteilung von Nothilfegütern und Wiederaufbaumaterial verzögert» werden, bedeutet das in der Realität: Menschen schlafen in vom Unwetter zerstörten Häusern und Kranke erhalten ihre Medikamente zu spät. Die Arbeit des Roten Kreuzes in Kuba ist komplex und abhängig von geopolitischen Verwerfungen. Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Und es ist auf jeden Fall ein wichtiger Beitrag, inmitten einer blockierten Wirtschaft, sich streitenden Grossmächten und deren Machtgebaren, die Menschenrechte durchzusetzen und die Menschlichkeit einigermassen planbar zu machen.


