Symbolbild Kuba: Dylan Shaw, unsplash

Kuba am Limit

Kuba steckt in einer der schwersten Krisen seiner jüngeren Geschichte. Während politische Debatten über das US-Embargo oft abstrakt bleiben, sind die Folgen für die humanitäre Arbeit vor Ort stark einschränkend. Zwischen Stromausfällen, Treibstoffmangel und den Verwüstungen nach dem Hurrikan Melissa setzen sich das Rote Kreuz, das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) und das Kubanische Rote Kreuz dafür ein, die Grundversorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Von der Welt­öf­fent­lich­keit kaum wahr­ge­nom­men, besteht in Kuba zurzeit ein stil­ler Notstand. Die Krise ist kein plötz­li­ches Ereig­nis. Sie wirkt leise und frisst sich in alle Lebens­be­rei­che. Das US-Embargo, verschärfte Sank­tio­nen und der Wegfall wich­ti­ger Ener­gie­im­porte haben zu massi­ven Engpäs­sen bei Treib­stoff und Strom geführt. Für die Bevöl­ke­rung bedeu­tet das aktu­ell einen Alltag im Ausnah­me­zu­stand: stun­den­lange Strom­aus­fälle, unter­bro­chene Versor­gung, stei­gende Preise und ein Gesund­heits­sys­tem, dem es an Medi­ka­men­ten und Perso­nal fehlt. 

Die Lage für die Menschen in Kuba war schon vor der aktu­el­len Krise heraus­for­dernd. Die Kombi­na­tion aus jahr­zehn­te­lan­gen Sank­tio­nen, einer maro­den Infra­struk­tur und den zuneh­men­den Folgen extre­mer Wetter­ereig­nisse hat das Land in einen Zustand der perma­nen­ten Impro­vi­sa­tion versetzt. Für inter­na­tio­nale Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie das Rote Kreuz ist die Arbeit auf der Kari­bik­in­sel zu einem logis­ti­schen Hinder­nis­lauf geworden.

Das US-Embargo als Logistikkiller

Während das US-Embargo gegen Kuba in der Öffent­lich­keit als poli­ti­sches Instru­ment disku­tiert wird, ist es für die Helfer:innen vor Ort vor allem auch eine physi­sche Barriere. «Inter­na­tio­nale wirt­schaft­li­che Rahmen­be­din­gun­gen und externe Mass­nah­men wirken sich direkt auf Liefer­ket­ten sowie die Verfüg­bar­keit von Ener­gie und Treib­stoff aus», erklärt Fran­ziska Stocker, Medi­en­spre­che­rin des SRK, auf Anfrage. Die Konse­quen­zen seien unmit­tel­bar spür­bar: «Dies erschwert den Trans­port und die Zoll­ab­fer­ti­gung und damit die Vorher­seh­bar­keit und Konti­nui­tät huma­ni­tä­rer Aktivitäten.»

Alle Lebens­be­rei­che betroffen

Die wirt­schaft­li­che Misere ist für die Kubaner:innen eine tägli­che Belas­tungs­probe. Die Ener­gie­krise hat das Land fest im Griff. «Ener­gie- und Treib­stoff­eng­pässe verur­sa­chen häufige Strom­aus­fälle und schrän­ken die Mobi­li­tät stark ein», sagt Stocker. Die Folgen ziehen sich durch alle Lebens­be­rei­che: Gesund­heits­dienste können nur unter gröss­ten Anstren­gun­gen aufrecht­erhal­ten werden, Wasser­pum­pen fallen aus, die Abfall­ent­sor­gung stockt. «Für viele Fami­lien bedeu­tet dies lange Warte­zei­ten auf Güter und Dienst­leis­tun­gen, einge­schränkte Trans­port­mög­lich­kei­ten und eine zuneh­mend erschwerte Deckung grund­le­gen­der Alltagsbedürfnisse.»

Ener­gie- und Treib­stoff­eng­pässe verur­sa­chen häufige Strom­aus­fälle und schrän­ken die Mobi­li­tät stark ein. Fran­ziska Stocker, SRK

Zuspit­zung der Lage im 2025

Stark zuge­spitzt hat sich die Lage im letz­ten Jahr nach dem Hurri­kan Melissa. Das SRK war deshalb im vergan­ge­nen Novem­ber mit einem Team von Expert:innen des Bundes vor Ort, um die Nothilfe des Kuba­ni­schen Roten Kreu­zes zu unter­stüt­zen. Es zeigte sich, wie gross das Ausmass der Zerstö­rung war. Seit­her hätten sich die «Ener­gie- und Treib­stoff­be­schrän­kun­gen weiter verschärft», was die Aufrecht­erhal­tung wich­ti­ger Dienste massiv beein­träch­tigte. Die Helfer:innen des Kuba­ni­schen Roten Kreu­zes stün­den vor dem Problem, dass sie aufgrund des Treib­stoff­man­gels «grosse Schwie­rig­kei­ten haben, Hilfs­gü­ter und Perso­nal inner­halb des Landes zu transportieren.»

39’000 Frei­wil­lige als Rück­grat gegen die Krise

Die Hilfe unter solchen Bedin­gun­gen funk­tio­niert aufgrund der tiefen loka­len Veran­ke­rung. Das «Rück­grat» der Arbeit bilden die rund 39’000 Frei­wil­li­gen des Kuba­ni­schen Roten Kreu­zes. Sie sind in allen Landes­tei­len präsent. Während das Kuba­ni­sche Rote Kreuz die Arbeit vor Ort koor­di­niert, mobi­li­siert die Inter­na­tio­nale Föde­ra­tion Fach­wis­sen. Stocker vom SRK erklärt: «Die Inter­na­tio­nale Föde­ra­tion der Rotkreuz- und Rothalb­mond­ge­sell­schaf­ten (IFRC) koor­di­niert die inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung, mobi­li­siert Mittel und stellt bei Bedarf fach­li­che Unter­stüt­zung bereit. Natio­nale Gesell­schaf­ten wie das SRK ergän­zen diese Kapa­zi­tä­ten gezielt.» So habe das SRK beispiels­weise einen Logis­tik­ex­per­ten in die Region entsen­det, um bei der Stär­kung der Liefer­kette von Nothil­fe­gü­tern nach Kuba zu helfen. Gemein­sam trage dies dazu bei, lebens­wich­tige Dienste aufrecht­zu­er­hal­ten und betrof­fene Gemein­schaf­ten beim Wieder­auf­bau zu unterstützen.

Zukunfts­stra­te­gien 

Das Rote Kreuz wirkt in Kuba neutral, bedarfs­ori­en­tiert und tech­nisch unter­stüt­zend. Dabei werden lokale Kapa­zi­tä­ten gestärkt, medi­zi­ni­sche Hilfe entsen­det, Mass­nah­men unter­stützt, zur Verbes­se­rung des Zugangs zu saube­rem Wasser und sani­tä­rer Versor­gung. Es werden zukunfts­ge­wandte Ener­gie­lö­sun­gen aus erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len bereit­ge­stellt, um den Betrieb wich­ti­ger Einrich­tun­gen wie Klini­ken sicherzustellen.

Geopo­li­ti­sche Verwerfungen

Die Situa­tion in Kuba zeigt eindrück­lich, wie eine poli­ti­sche Gross­wet­ter­lage die Schwächs­ten einer Gesell­schaft trifft. Wenn Logistikexpert:innen davon spre­chen, dass «die Einfuhr und die Vertei­lung von Nothil­fe­gü­tern und Wieder­auf­bau­ma­te­rial verzö­gert» werden, bedeu­tet das in der Reali­tät: Menschen schla­fen in vom Unwet­ter zerstör­ten Häusern und Kranke erhal­ten ihre Medi­ka­mente zu spät. Die Arbeit des Roten Kreu­zes in Kuba ist komplex und abhän­gig von geopo­li­ti­schen Verwer­fun­gen. Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Und es ist auf jeden Fall ein wich­ti­ger Beitrag, inmit­ten einer blockier­ten Wirt­schaft, sich strei­ten­den Gross­mäch­ten und deren Macht­ge­ba­ren, die Menschen­rechte durch­zu­set­zen und die Mensch­lich­keit eini­ger­mas­sen plan­bar zu machen.