Khoi in einem Partnerschafts Patenschaftsprogramm in Vietnam. Bild zVg World Vision Schweiz und Liechtenstein.

Hunger ist menschen­ge­macht – und vermeidbar

Trotz internationaler Abkommen wächst die Zahl der Hungernden weltweit. Kürzungen in der Nothilfe verschärfen die Krise. Gefordert sind politische Entschlossenheit, nachhaltige Investitionen und die Anerkennung des Rechts auf Nahrung als Pflicht, nicht als Option.

Hunger ist längst kein Schick­sal mehr, sondern Ausdruck poli­ti­scher und struk­tu­rel­ler Versäum­nisse. Welt­weit nimmt er zu, während Konflikte, Klima­krise und wirt­schaft­li­che Insta­bi­li­tät Ernäh­rungs­sys­teme zerstö­ren. Allein 2024 litten gemäss unicef fast 38 Millio­nen Kinder unter fünf Jahren an akuter Mangel­er­näh­rung, über 295 Millio­nen Menschen in 53 Ländern waren von akuter Ernäh­rungs­un­si­cher­heit betrof­fen – ein steti­ger Anstieg seit 2016.

Die Ursa­chen sind bekannt: bewaff­nete Konflikte, zerfal­lende Liefer­ket­ten, extreme Wetter­ereig­nisse. Am härtes­ten trifft es jene, die ohne­hin kaum Reser­ven haben. Flücht­linge und Binnen­ver­trie­bene finden oft Zuflucht in Gesell­schaf­ten, die selbst mit Armut und Klima­stress kämp­fen. Über 70 Prozent aller Geflüch­te­ten werden in einkom­mens­schwa­chen Ländern aufge­nom­men – ein wenig beach­te­tes, aber zentra­les Faktum.

Gleich­zei­tig klafft eine drama­ti­sche Finan­zie­rungs­lü­cke. Ratio­nie­run­gen sind die Folge – mit fata­len Konse­quen­zen: Fami­lien, deren Hilfe gekürzt wurde, haben ein fünf­mal höhe­res Risiko, Hunger zu leiden. Unter­stüt­zung, die einst nur das Über­le­ben sicherte, reicht nun nicht einmal mehr dafür. Kurz­fris­tige Über­le­bens­stra­te­gien wie Kinder­hei­rat oder der Verkauf von Lebens­grund­la­gen verstär­ken Abhän­gig­kei­ten und zerstö­ren Zukunftsperspektiven.

«Wir nehmen von den Hungern­den, um den Verhun­gern­den zu helfen.»

Dabei ist – zumin­dest – das Recht auf Nahrung völker­recht­lich verbrieft. Inter­na­tio­nale Abkom­men wie der Pakt über wirt­schaft­li­che, soziale und kultu­relle Rechte von 1966 oder die UN-Kinder­rechts­kon­ven­tion garan­tie­ren es ausdrück­lich. Und doch wird das huma­ni­täre Völker­recht zuneh­mend verletzt – Hunger wird als Waffe einge­setzt, während der Zugang zu Hilfe behin­dert wird. Immer wieder höre und lese ich den Satz: «Wir nehmen von den Hungern­den, um den Verhun­gern­den zu helfen». Diesen Satz muss man sich – wort­wört­lich – einmal auf der Zunge zerge­hen lassen.

Darauf gibt es meiner Ansicht nach nur eine Antwort: Die inter­na­tio­nale Gemein­schaft muss handeln. Es geht nicht um Altru­is­mus, sondern um Rechts­an­sprü­che und mora­li­sche Verant­wor­tung. Inves­ti­tio­nen in Ernäh­rungs­si­cher­heit sind Inves­ti­tio­nen in Bildung, Gesund­heit, Kinder­schutz und gesell­schaft­li­che Stabi­li­tät. Bewährte Ansätze wie Bargeld- und Gutschein­pro­gramme, Schul­spei­sun­gen, finan­zi­elle Inklu­sion oder psycho­so­ziale Unter­stüt­zung liegen auf dem Tisch. Gefragt sind poli­ti­sche Entschlos­sen­heit, nach­hal­tige Finan­zie­rung und ein klares Bekennt­nis zum Schutz der Zivilbevölkerung.

World Vision doku­men­tiert jedes Jahr, wie Hunger Kinder und Fami­lien an den Front­li­nien von Konflik­ten und Krisen trifft. Die Erkennt­nis ist eindeu­tig: Huma­ni­täre Hilfe darf nicht beim Über­le­ben stehen­blei­ben. Sie muss der erste Schritt zu Resi­li­enz, Selbst­stän­dig­keit und nach­hal­ti­ger Frei­heit von Hunger sein.

Medi­zi­ni­sche Versor­gung im Tugarey-Flücht­lings­camp, in Baidoa. Bild: zVg World Vision Schweiz und Liechtenstein
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