Bild: zVg Hear the World Foundation, Praise, Malavi

Gut Hören ist keine Selbstverständlichkeit

Luege – lose – laufe ist längst nicht für alle Kinder unserer Welt ein guter Rat, um die Strasse sicher zu überqueren. Die vielen und komplexen Folgen eines Hörverlusts werden oft unterschätzt. Seit Anfang 2021 hat die Hear the World Foundation mit Joëlle Pianzola eine neue Geschäftsführerin. The Philanthropist konnte mit ihr ein Interview über ihr erstes Jahr in der Stiftung führen.

The Philanthropist: Sie sind seit Anfang des Jahres neue Geschäfts­füh­re­rin der Hear the World Foun­da­tion. Konn­ten Sie sich bereits ein umfas­sen­des Bild machen?

Joëlle Pian­zola: Ja, dank meines Teams habe ich mitt­ler­weile einen guten Über­blick gewon­nen. In solch ausser­ge­wöhn­li­chen Zeiten war es defi­ni­tiv eine neue Erfah­rung – zu Beginn haben wir uns ausschliess­lich über Video-Konfe­ren­zen ausge­tauscht und kennen­ge­lernt. Persön­lich tref­fen konn­ten wir uns das erste Mal erst nach drei Mona­ten, als die Pande­mielage etwas besser wurde. Mit dem Stif­tungs­rat haben wir uns dieses Jahr mehr­mals persön­lich getrof­fen und ausge­tauscht. Mit dem inter­na­tio­na­len Beirat der Stif­tung und den Projekt­part­nern geschieht das weiter­hin virtu­ell. Ich wurde sehr herz­lich von allen empfan­gen und konnte mir in den letz­ten Mona­ten bereits ein gutes Netz­werk im neuen Umfeld aufbauen.

Was beein­druckt sie am meisten an Ihrer neuen Arbeit? Sind es solche Geschich­ten wie jene des Mädchens Praise, das plötz­lich in einer weite­ren Dimen­sion wahr­neh­men kann?

Es ist äusserst beein­druckend zu sehen, was moderne Hörlö­sun­gen ermög­li­chen und welche posi­ti­ven Auswir­kun­gen sie im Alltag von Menschen mit Hörver­lust haben. Unser Ziel ist es, einer grösst­mög­li­chen Anzahl von Kindern mit einer Hörmin­de­rung den Zugang zu einer guten Hörver­sor­gung zu ermög­li­chen. Schluss­end­lich sind es aber immer die persön­li­chen Geschich­ten der Kinder, wie zum Beispiel von Praise aus Malawi, die uns alle tief berüh­ren und inspi­rie­ren. Zu erfah­ren, wie Praise dank Hörge­rä­ten spre­chen gelernt hat und eine regu­läre Schule besucht, ist einer von vielen wunder­ba­ren Eindrücken, die immer wieder aufs Neue die Sinn­haf­tig­keit unse­rer Tätig­keit sicht­bar machen. Diese Über­zeu­gung spüre ich nicht nur in der Stif­tung, sondern auch allge­mein bei Sonova.

Schluss­end­lich sind es aber die persön­li­chen Geschich­ten der Kinder, die uns alle tief berüh­ren und inspirieren.

Joëlle Pian­zola, Direk­to­rin Hear the World Foundation

Was treibt Sie persön­lich an, sich für gutes Hören einzusetzen?

Bei Kindern hat vermin­der­tes Hören eine enorme Auswir­kung auf ihre Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­kei­ten und damit auf ihren Alltag, die soziale Inte­gra­tion und die Zukunfts­per­spek­ti­ven. Mit unse­rer Arbeit bauen wir wich­tige Hürden für die betrof­fe­nen Kinder ab. Sich für Chan­cen­gleich­heit und die Verrin­ge­rung von Ungleich­hei­ten einzu­set­zen, liegt mir persön­lich sehr am Herzen.

Das 2021 geht lang­sam, aber sicher zu Ende. Es war ein weite­res von der Coro­na­pan­de­mie gepräg­tes Jahr. Wie gestal­tete sich die Zusam­men­ar­beit mit ihren Projektpartnern?

Die Coro­na­pan­de­mie hinter­lässt starke Spuren. Leider sind gerade Länder mit nied­ri­gen und mitt­le­ren Einkom­men noch stär­ker davon betrof­fen. Viele unse­rer Projekt­part­ner muss­ten ihre Tätig­kei­ten vorüber­ge­hend einstel­len, da Kinder­gär­ten und Schu­len geschlos­sen wurden. Also genau die Orte, an denen Hörs­cree­nings bei Kindern durch­ge­führt werden. Fami­lien aus abge­le­ge­nen Orten konn­ten nicht mehr zu den Behand­lungs­zen­tren reisen und Gesund­heits­per­so­nal ist krank­heits­be­dingt länger ausge­fal­len. Trotz dieser Schwie­rig­kei­ten setzen unsere Part­ner alles daran, die Projekte fort­zu­füh­ren. Vor diesem Hinter­grund hat beispiels­weise das Team in Peru umfra­ge­ba­sierte Hörs­cree­nings entwickelt. Eltern werden dabei gebe­ten, das Verhal­ten ihrer Kinder zu Hause genau zu beob­ach­ten und fest­zu­hal­ten, um einen poten­ti­el­len Hörver­lust zu iden­ti­fi­zie­ren. Dieser Ansatz war so erfolg­reich, dass er von nun an stan­dar­di­siert vom Projekt­part­ner ange­bo­ten wird.

In welchen Wirkungs­fel­dern – Programme für Kinder, Ausbil­dung von Exper­ten, Präven­tion von Hörver­lust, Programme für Eltern und Fami­lien – sind sie zurzeit beson­ders gefordert?

Für uns sind alle vier Themen­fel­der glei­cher­mas­sen wich­tig, um einen ganz­heit­li­chen Ansatz in der Projekt­ar­beit zu verfol­gen. Der Fokus unse­rer Arbeit liegt klar bei den Kindern. Denn je früher ein Hörver­lust erkannt und behan­delt wird, desto grös­ser ist die posi­tive Wirkung auf das Leben eines Menschen. Doch auch die Aus- und Weiter­bil­dung von Exper­ten vor Ort ist von entschei­den­der Bedeu­tung. Wir müssen sicher­stel­len, dass unser Enga­ge­ment nicht nur vorüber­ge­hend, sondern dauer­haft wirkt und dass die Part­ner im jewei­li­gen Land die Projekt­ar­beit selbst­stän­dig fort­set­zen können. Die Präven­ti­ons­ar­beit findet vor allem in Schu­len und bei den Fami­lien selbst statt. Wir klären darüber auf, wodurch ein Hörver­lust verur­sacht und wie er vermie­den werden kann. Eltern spie­len eine zentrale Rolle in der erfolg­rei­chen Behand­lung von Kindern mit Hörver­lust. Nach­dem eine Hörmin­de­rung erkannt und versorgt wurde, gilt es zu schauen, dass das betrof­fene Kind sein Hörge­rät auch regel­mäs­sig trägt. Es ist wich­tig, sich inten­siv mit dem Kind zu beschäf­ti­gen, um seine Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­kei­ten, die bis anhin häufig wenig ausge­prägt waren, zu fördern. Nicht zu verges­sen ist auch die Beglei­tung des Kindes zur Sprach­the­ra­pie. Die Eltern haben eine sehr grosse Verant­wor­tung und wir versu­chen, ihnen die wich­tig­sten Infor­ma­tio­nen mit auf den Weg zu geben. 

Als Kompass nennt Arnd Kaldow­ski, Präsi­dent der Hear the World Foun­da­tion, die Fünf-Jahres-Stra­te­gie. Was beinhal­tet diese Stra­te­gie und konn­ten sie trotz Corona auf Kurs bleiben?

Die Fünf-Jahres-Stra­te­gie hat zum Ziel, mit unse­ren Tätig­kei­ten eine nach­hal­tige soziale Wirkung zu erzie­len. Das heisst, dass wir Projekte zur Umset­zung brin­gen, die eine quali­ta­tive und lang­fri­stige Hörver­sor­gung lokal aufbauen und gewähr­lei­sten, und deren Wirkung nach­weis­bar ist. Damit verfol­gen wir zukünf­tig einen star­ken evidenz­ba­sier­ten Ansatz, sowohl in der Auswahl als auch in der Umset­zung der Projekte. Den Aufbau dieses auf soziale Wirkung ausge­rich­te­ten Manage­ments haben wir in diesem Jahr stark voran­ge­trie­ben und werden diesen Ansatz demnächst mit unse­ren Projekt­part­nern in Pilot­pro­jek­ten umsetzen.

Haben Sie sich gewisse Schwer­punkte für das kommende Jahr vorgenommen?

Im ersten Quar­tal des Jahres entschei­det der Stif­tungs­rat, welche Projekte neu geför­dert werden. Ein Schwer­punkt ist daher für uns, ein wirkungs­star­kes Port­fo­lio aufzu­stel­len. Zudem prüfen wir eine Dezen­tra­li­sie­rung unse­rer Stif­tungs­tä­tig­keit, um räum­lich näher bei unse­ren Projekt­part­nern tätig zu sein. Neben den Förder­pro­gram­men wird ein weite­rer Schwer­punkt beim Fund­rai­sing liegen. Um eine nach­hal­tige Wirkung zu erzie­len, braucht es auch mehr Mittel. Deshalb suchen wir im kommen­den Jahr verstärkt nach weite­ren Unter­stüt­zern unse­rer Stif­tungs­ar­beit. Darüber hinaus werden wir unse­ren Tätig­keits­be­reich rein digi­tal umset­zen und unse­ren Online-Aufritt modernisieren. 

Wie kann ich mir die Zusam­men­ar­beit mit ihren Projekt­part­ner vor Ort vorstellen?

Unsere Programm-Mana­ger im Schwei­zer Stif­tungs­team arbei­ten eng mit den Projekt­part­nern in Asien, Latein­ame­rika, Afrika, Europa und im Mitt­le­ren Osten zusam­men. Die Programm-Mana­ger stel­len unsere finan­zi­elle und tech­no­lo­gi­sche Unter­stüt­zung vor Ort sicher und mana­gen die Projekt­zu­sam­men­ar­beit mit den Part­nern. Mit unse­ren Sonova Exper­ten orga­ni­sie­ren wir zudem regel­mäs­sige Trai­nings für unsere Projekt­part­ner zu unter­schied­li­chen audio­lo­gi­schen Themen. Uns ist es auch ein wich­ti­ges Anlie­gen, den Austausch zwischen den verschie­de­nen Projekt­teams in den verschie­de­nen Ländern zu fördern. Trotz regio­na­ler Unter­schiede stehen sie doch häufig vor ähnli­chen Heraus­for­de­run­gen und können sich gut gegen­sei­tig unter­stüt­zen. Bald wird es auch eine Online-Part­ner­platt­form geben, die den Austausch von Doku­men­ten, Präsen­ta­tio­nen und weite­ren Infor­ma­tio­nen syste­ma­tisch fördert. Auch im Bereich Kommu­ni­ka­tion findet ein enger Austausch zwischen den Projekt­part­nern und unse­rer Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­ant­wort­li­chen statt, damit wir über die Erfah­run­gen und Ergeb­nisse berich­ten können.

Bei der Sonova arbei­ten viele Exper­tin­nen und Exper­ten. Inwie­fern werden die Mitar­bei­ten­den in die Stif­tungs­ar­beit mit einbezogen?

Wir haben ein umfang­rei­ches Frei­wil­li­gen­pro­gramm bei der Hear the World Foun­da­tion. Entspre­chend den Bedürf­nis­sen unse­rer Part­ner wählen wir geeig­nete Exper­tin­nen und Exper­ten inner­halb der Sonova Gruppe für Projekt­ein­sätze aus. Vor der Pande­mie, als Reisen in andere Länder jeder­zeit möglich waren, fanden die Einsätze primär vor Ort statt. So konn­ten sich die Exper­ten von Sonova mit den Part­nern direkt im persön­li­chen Gespräch austau­schen und ihnen mit Wissens­trans­fers zur Verfü­gung stehen. Nach dem Beginn der Pande­mie haben wir dann fast alle Einsätze virtu­ell durch­ge­führt und sehr gute Erfah­run­gen damit gemacht. Auch in Zukunft werden wir unsere Projekt­part­ner je nach Bedarf und jewei­li­ger Situa­tion entwe­der vor Ort oder virtu­ell unterstützen.

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