Fozia Irfan, Director of Impact and Influence bei BBC Children in Need, Bild: June Essex

Gleich­be­rech­tigte Förde­rung bedeu­tet wirk­sa­mere Förderung

Fozia Irfan ist Director of Impact and Influence bei BBC Children in Need, wo sie sich auf die gerechte Verteilung von Geldern und Investitionen für junge Menschen spezialisiert hat. Zudem ist sie Vorsitzende von 360Giving. An der diesjährigen ERNOP (European Research Network on Philanthropy) Pre-Conference Safe Spaces for Philanthropy in Heidelberg wird sie die Eröffnungssession leiten.

Die Eröff­nungs­ses­sion der ERNOP Pre-Confe­rence Safe Spaces for Phil­an­thropy ist dem Thema Vertrauen gewid­met. Spielt Vertrauen in der Phil­an­thro­pie eine spezi­elle Rolle?

Vertrauen ist in der Phil­an­thro­pie von grund­le­gen­der Bedeu­tung. Phil­an­thro­pie lebt von Bezie­hun­gen. Wenn Philanthrop:innen fördert oder inves­tie­ren, entsteht eine wech­sel­sei­tige Bezie­hung zwischen ihnen und den Empfänger:innen. Dabei sollte der Fokus darauf liegen, welche Schlüs­sel­ele­mente diese Verbin­dung stär­ken. Wer wirk­sam fördern will, muss Vertrauen aufbauen – das ist entschei­dend. Bezie­hun­gen müssen gestärkt werden. Sie müssen sicher­stel­len, dass die Förde­rung dieje­ni­gen erreicht, die sie am drin­gends­ten brau­chen – und dies auf möglichst wirk­same Weise.

Sehen Sie einen Mangel an Vertrauen?

Ja. In den vergan­ge­nen zehn Jahren stand die Phil­an­thro­pie stark unter Beob­ach­tung – und das durch­aus zu Recht. Die Art und Weise, wie gewisse Philanthrop:innen arbei­ten, kann auch zu Miss­ver­ständ­nis­sen über ihre Moti­va­tion und Erwar­tun­gen führen. Deshalb ist es wich­tig, ein posi­ti­ves und konstruk­ti­ves Narra­tiv zu schaf­fen, das die Bedeu­tung der Phil­an­thro­pie in der heuti­gen Welt aufzeigt.

Deshalb ist es wich­tig, ein posi­ti­ves und konstruk­ti­ves Narra­tiv zu schaf­fen, das die Bedeu­tung der Phil­an­thro­pie in der heuti­gen Welt aufzeigt.

Fozia Irfan, Direc­tor of Impact and Influence bei BBC Child­ren in Need und Vorsit­zende von 360Giving

Dann sehen Sie den Mangel an Vertrauen weni­ger als ein Thema inner­halb des Sektors als zwischen Phil­an­thro­pie und der Gesellschaft?

Es kann sein. Nega­tive Narra­tive über einzelne Philanthrop:innen, die in sozia­len Medien verstärkt werden, können das Bild von der gesam­ten Phil­an­thro­pie verzer­ren. In diesem Kontext hat die Bran­che teils unfaire Kritik erfah­ren. Über­wa­chung und Trans­pa­renz sind wich­tig. Philanthrop:innen soll­ten aber proak­ti­ver ihre eigene Geschichte konstruk­tiv und posi­tiv erzählen.

Gerade in der Entwick­lungs­hilfe hat die Trump-Admi­nis­tra­tion bewährte Bezie­hun­gen erschüt­tert. Scha­det dies dem Vertrauen oder sehen Sie gar eine Chance?

Ich sehe in jeder Heraus­for­de­rung eine Chance. NGOs welt­weit stehen vor vielen Aufga­ben von globa­len Ausmass. Die zentrale Frage für Philanthrop:innen ist: Wie reagie­ren sie darauf? Welche Prio­ri­tä­ten setzen sie? Sie müssen sich fragen: Was brau­chen NGOs, das sie befä­higt, ihre Arbeit fort­zu­set­zen und das Leben von Kindern und jungen Menschen nach­hal­tig zu verbessern?

Was wären die Antwor­ten auf diese Fragen?

Es gibt viele Antwor­ten. Die Haupt­auf­gabe von Philanthrop:innen ist oft die finan­zi­elle Förde­rung. Doch viele unter­schät­zen andere Formen der Unter­stüt­zung: Diskus­sio­nen anstos­sen, Netz­werke aufbauen oder ihre Platt­form auf inno­va­tive Weise nutzen. Bei BBC Child­ren in Need haben wir etwa ein Förder­pro­gramm zu Armut in 15 Regio­nen des Verei­nig­ten König­reichs. Neben Inves­ti­tio­nen von je 1,5 Millio­nen Pfund für jede Commu­nity brin­gen wir die Regio­nen zusam­men, fördern den Austausch von Best Prac­ti­ces und den Aufbau von Commu­ni­ties. Diese Wirkung ist fast wich­ti­ger als das Geld. Philanthrop:innen soll­ten sich fragen, welche weite­ren Ressour­cen sie einbrin­gen können, um NGOs gerade jetzt zu unter­stüt­zen in dieser Zeit, wo Bedarf besteht.

Ist Trans­pa­renz die Basis für Vertrauen?

Abso­lut. Ich bin auch Stif­tungs­rats­prä­si­den­tin von 360Giving, einer briti­schen Platt­form für Daten­aus­tausch und Trans­pa­renz. Ihr Ziel ist einfach: Die Akteure in der Phil­an­thro­pie ermu­ti­gen, offen­zu­le­gen, wohin Förder­mit­tel flies­sen und was sie unter­stüt­zen. In den letz­ten zehn Jahren hat der Daten­aus­tausch im Verei­nig­ten König­reich eine Revo­lu­tion erlebt. Auch bei BBC Child­ren in Need veröf­fent­li­chen wir, wohin unsere Mittel gehen. Wir erzäh­len, wie der Förder­pro­zess abläuft, welche Prio­ri­tä­ten wir setzen und wie hoch unsere Erfolgs­quote ist. Das stärkt das Verständ­nis. Wir sind zwar eine grosse Förder­or­ga­ni­sa­tion. Doch wir können nur eine von sechs Anfra­gen fördern.

In der Phil­an­thro­pie entsteht eine Bewe­gung, Antrags­pro­zesse so einfach, hilf­reich und benut­zer­freund­lich wie möglich zu gestalten.

Fozia Irfan

Fünf von sechs Orga­ni­sa­tio­nen haben folg­lich Aufwand ohne Ertrag: Unter­neh­men Sie auch Anstren­gun­gen, um den Aufwand für Antragsteller:innen zu reduzieren?

Abso­lut. Unsere Antrags­pro­zesse haben sich grund­le­gend verän­dert. Früher muss­ten Antrag­stel­lende sofort einen voll­stän­di­gen Antrag mit allen Doku­men­ten einrei­chen. Der Prozess dauerte vier bis fünf Monate bis zum  Entscheid. Heute star­ten wir mit einem einfa­chen Inter­es­sen­be­kun­dungs­for­mu­lar ohne voll­stän­dige Due Dili­gence. So redu­zie­ren wir den Aufwand und können sehr schnell Rück­mel­dung geben, ob ein Projekt in unser Port­fo­lio passt. Das spart allen Betei­lig­ten Zeit und Ressourcen.

Verein­fachte Antrags­ver­fah­ren, höhere Trans­pa­renz – sind das Best-Prac­tice-Beispiele oder hat sich der Sektor insge­samt verändert?

In den vergan­ge­nen Jahren ist die Zahl der Stif­tun­gen gewach­sen, die hohe Anfor­de­run­gen abbauen durch mehr Trans­pa­renz, klare Schwer­punkte oder verein­fachte Verfah­ren. In der Phil­an­thro­pie entsteht eine Bewe­gung, Antrags­pro­zesse so einfach, hilf­reich und benut­zer­freund­lich wie möglich zu gestalten.

360Giving macht Daten verfüg­bar. Schafft dies Vertrauen?

Es geht nicht nur um Vertrauen, sondern auch um Effek­ti­vi­tät. Vor der Daten­aus­tausch­platt­form wusste niemand, wer welche Orga­ni­sa­tion fördert. Man arbei­tete isoliert. Heute ist sicht­bar, wer wo aktiv ist und welche Art von Projek­ten unter­stützt wird. Fundraiser:innen können gezielt poten­zi­elle Förderer:innen anspre­chen. Für Förderer:innen entste­hen neue Möglich­kei­ten zur Zusam­men­ar­beit. 360Giving exis­tiert seit zehn Jahren. Anfangs lag der Fokus auf Daten­trans­pa­renz und dem Teilen von Daten. In der zwei­ten Phase steht nun die Analyse der Daten im Zentrum: Trends und Lücken sollen erkannt werden. Es zeigt sich etwa die geringe Förde­rung von Infra­struk­tur­or­ga­ni­sa­tio­nen mit koor­di­nie­ren­den und struk­tu­rel­len Funk­tio­nen im Vergleich zu Front­line-Orga­ni­sa­tio­nen, die direkt vor Ort mit den Menschen arbei­ten. Dank der Daten sehen Stif­tun­gen, wo Förde­rung konzen­triert ist und wo sie fehlt. So können sie ihre Stra­te­gien gezielt anpassen.

Selbst offene Bewer­bungs­pro­zesse errei­chen oft nicht die rich­ti­gen Zielgruppen. 

Fozia Irfan

Sie haben die «Diver­sity, Equity and Inclu­sion Coali­tion of Foun­da­ti­ons» initi­iert. Entstand dieses Enga­ge­ment auf der Basis der Daten?

Abso­lut. Die meis­ten Stif­tun­gen und Philanthrop:innen erken­nen struk­tu­relle Barrie­ren, die gewis­sen Commu­ni­ties den Zugang zu Förder­gel­dern verweh­ren. Selbst offene Bewer­bungs­pro­zesse errei­chen oft nicht die rich­ti­gen Ziel­grup­pen. Ich leitete die Koali­tion mit 15 Stif­tun­gen für zwei Jahre. Wir haben prak­ti­sche Lösun­gen erar­bei­tet, damit Förde­rung jene zu erreicht, die am wenigs­ten Zugang haben. Nach ein paar Jahren ist der Begriff Gleich­be­rech­ti­gung in der briti­schen Förder­land­schaft zum Main­stream geworden.

Gibt es für Stif­tun­gen in der Schweiz Quick-wins in diesem Thema?

Das Wich­tigste ist, anzu­er­ken­nen, dass gleich­be­rech­tigte Förde­rung auch wirk­same Förde­rung heisst. Diese Verbin­dung hilft, bessere Entschei­dun­gen zu tref­fen, Commu­ni­ties geziel­ter zu errei­chen und wirk­sa­mer zu fördern. Wenn Stiftungsrät:innen und Führungs­kräfte Inklu­sion nicht als Zusatz, sondern als festen Bestand­teil ihrer Prozesse verste­hen, der ihre Förder­tä­tig­keit erheb­lich wirk­sa­mer macht. Dieser Wandel des Mind­sets ist extrem kraftvoll.

Eine wich­tige Erkennt­nis ist, dass insti­tu­tio­nelle Phil­an­thro­pie bei den gros­sen sozia­len Bewe­gun­gen der vergan­ge­nen Jahre – wie Black Lives Matter, Me Too oder der Klima­be­we­gung – kaum initi­ie­rend betei­ligt war, obwohl diese Bewe­gun­gen enor­men sozia­len Wandel bewirkt haben.

Fozia Irfan

Sie haben den Report «Trans­for­ma­tive Phil­an­thropy: A Manual for Social Change» publi­ziert. Was sind die wich­tigs­ten Erkennt­nisse dieser Arbeit?

Den Report habe ich im vergan­ge­nen Jahr publi­ziert. Ich hatte das Glück, mit einem Chur­chill Fellow­ship in den USA Phil­an­thro­pie und Stif­tun­gen zu studie­ren. Er behan­delt die Frage, wie Philanthrop:innen sozia­len Wandel bewir­ken können? Ich habe Schlüs­sel­fak­to­ren iden­ti­fi­ziert, über die Philanthrop:innen und Stif­tun­gen nach­den­ken soll­ten, um ihre Förde­rung in Zukunft wirkungs­voll zu gestal­ten. Dazu gehört die Förde­rung von Wandel von Narra­ti­ven, commu­ni­ty­ge­führte Ansätze und das Anstos­sen von Bewe­gun­gen. Eine wich­tige Erkennt­nis ist, dass insti­tu­tio­nelle Phil­an­thro­pie bei den gros­sen sozia­len Bewe­gun­gen der vergan­ge­nen Jahre – wie Black Lives Matter, Me Too oder der Klima­be­we­gung – kaum initi­ie­rend betei­ligt war, obwohl diese Bewe­gun­gen enor­men sozia­len Wandel bewirkt haben. Für mich ist dies ein wich­ti­ger Punkt, über den alle Geld­ge­ber und Phil­an­thro­pen nach­den­ken soll­ten, und er zeigt, dass Phil­an­thro­pie eine Chance hat, aufstre­bende Bewe­gun­gen akti­ver zu unterstützen.


Weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen zu ERNOP Safe Spaces for Phil­an­thropy 2025: Connec­ting Acade­mia and Prac­tice am 24. Septem­ber in Heidelberg.

-
-