Die Eröffnungssession der ERNOP Pre-Conference Safe Spaces for Philanthropy ist dem Thema Vertrauen gewidmet. Spielt Vertrauen in der Philanthropie eine spezielle Rolle?
Vertrauen ist in der Philanthropie von grundlegender Bedeutung. Philanthropie lebt von Beziehungen. Wenn Philanthrop:innen fördert oder investieren, entsteht eine wechselseitige Beziehung zwischen ihnen und den Empfänger:innen. Dabei sollte der Fokus darauf liegen, welche Schlüsselelemente diese Verbindung stärken. Wer wirksam fördern will, muss Vertrauen aufbauen – das ist entscheidend. Beziehungen müssen gestärkt werden. Sie müssen sicherstellen, dass die Förderung diejenigen erreicht, die sie am dringendsten brauchen – und dies auf möglichst wirksame Weise.
Sehen Sie einen Mangel an Vertrauen?
Ja. In den vergangenen zehn Jahren stand die Philanthropie stark unter Beobachtung – und das durchaus zu Recht. Die Art und Weise, wie gewisse Philanthrop:innen arbeiten, kann auch zu Missverständnissen über ihre Motivation und Erwartungen führen. Deshalb ist es wichtig, ein positives und konstruktives Narrativ zu schaffen, das die Bedeutung der Philanthropie in der heutigen Welt aufzeigt.
Deshalb ist es wichtig, ein positives und konstruktives Narrativ zu schaffen, das die Bedeutung der Philanthropie in der heutigen Welt aufzeigt.
Fozia Irfan, Director of Impact and Influence bei BBC Children in Need und Vorsitzende von 360Giving
Dann sehen Sie den Mangel an Vertrauen weniger als ein Thema innerhalb des Sektors als zwischen Philanthropie und der Gesellschaft?
Es kann sein. Negative Narrative über einzelne Philanthrop:innen, die in sozialen Medien verstärkt werden, können das Bild von der gesamten Philanthropie verzerren. In diesem Kontext hat die Branche teils unfaire Kritik erfahren. Überwachung und Transparenz sind wichtig. Philanthrop:innen sollten aber proaktiver ihre eigene Geschichte konstruktiv und positiv erzählen.
Gerade in der Entwicklungshilfe hat die Trump-Administration bewährte Beziehungen erschüttert. Schadet dies dem Vertrauen oder sehen Sie gar eine Chance?
Ich sehe in jeder Herausforderung eine Chance. NGOs weltweit stehen vor vielen Aufgaben von globalen Ausmass. Die zentrale Frage für Philanthrop:innen ist: Wie reagieren sie darauf? Welche Prioritäten setzen sie? Sie müssen sich fragen: Was brauchen NGOs, das sie befähigt, ihre Arbeit fortzusetzen und das Leben von Kindern und jungen Menschen nachhaltig zu verbessern?
Was wären die Antworten auf diese Fragen?
Es gibt viele Antworten. Die Hauptaufgabe von Philanthrop:innen ist oft die finanzielle Förderung. Doch viele unterschätzen andere Formen der Unterstützung: Diskussionen anstossen, Netzwerke aufbauen oder ihre Plattform auf innovative Weise nutzen. Bei BBC Children in Need haben wir etwa ein Förderprogramm zu Armut in 15 Regionen des Vereinigten Königreichs. Neben Investitionen von je 1,5 Millionen Pfund für jede Community bringen wir die Regionen zusammen, fördern den Austausch von Best Practices und den Aufbau von Communities. Diese Wirkung ist fast wichtiger als das Geld. Philanthrop:innen sollten sich fragen, welche weiteren Ressourcen sie einbringen können, um NGOs gerade jetzt zu unterstützen in dieser Zeit, wo Bedarf besteht.
Ist Transparenz die Basis für Vertrauen?
Absolut. Ich bin auch Stiftungsratspräsidentin von 360Giving, einer britischen Plattform für Datenaustausch und Transparenz. Ihr Ziel ist einfach: Die Akteure in der Philanthropie ermutigen, offenzulegen, wohin Fördermittel fliessen und was sie unterstützen. In den letzten zehn Jahren hat der Datenaustausch im Vereinigten Königreich eine Revolution erlebt. Auch bei BBC Children in Need veröffentlichen wir, wohin unsere Mittel gehen. Wir erzählen, wie der Förderprozess abläuft, welche Prioritäten wir setzen und wie hoch unsere Erfolgsquote ist. Das stärkt das Verständnis. Wir sind zwar eine grosse Förderorganisation. Doch wir können nur eine von sechs Anfragen fördern.
In der Philanthropie entsteht eine Bewegung, Antragsprozesse so einfach, hilfreich und benutzerfreundlich wie möglich zu gestalten.
Fozia Irfan
Fünf von sechs Organisationen haben folglich Aufwand ohne Ertrag: Unternehmen Sie auch Anstrengungen, um den Aufwand für Antragsteller:innen zu reduzieren?
Absolut. Unsere Antragsprozesse haben sich grundlegend verändert. Früher mussten Antragstellende sofort einen vollständigen Antrag mit allen Dokumenten einreichen. Der Prozess dauerte vier bis fünf Monate bis zum Entscheid. Heute starten wir mit einem einfachen Interessenbekundungsformular ohne vollständige Due Diligence. So reduzieren wir den Aufwand und können sehr schnell Rückmeldung geben, ob ein Projekt in unser Portfolio passt. Das spart allen Beteiligten Zeit und Ressourcen.
Vereinfachte Antragsverfahren, höhere Transparenz – sind das Best-Practice-Beispiele oder hat sich der Sektor insgesamt verändert?
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Stiftungen gewachsen, die hohe Anforderungen abbauen durch mehr Transparenz, klare Schwerpunkte oder vereinfachte Verfahren. In der Philanthropie entsteht eine Bewegung, Antragsprozesse so einfach, hilfreich und benutzerfreundlich wie möglich zu gestalten.
360Giving macht Daten verfügbar. Schafft dies Vertrauen?
Es geht nicht nur um Vertrauen, sondern auch um Effektivität. Vor der Datenaustauschplattform wusste niemand, wer welche Organisation fördert. Man arbeitete isoliert. Heute ist sichtbar, wer wo aktiv ist und welche Art von Projekten unterstützt wird. Fundraiser:innen können gezielt potenzielle Förderer:innen ansprechen. Für Förderer:innen entstehen neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. 360Giving existiert seit zehn Jahren. Anfangs lag der Fokus auf Datentransparenz und dem Teilen von Daten. In der zweiten Phase steht nun die Analyse der Daten im Zentrum: Trends und Lücken sollen erkannt werden. Es zeigt sich etwa die geringe Förderung von Infrastrukturorganisationen mit koordinierenden und strukturellen Funktionen im Vergleich zu Frontline-Organisationen, die direkt vor Ort mit den Menschen arbeiten. Dank der Daten sehen Stiftungen, wo Förderung konzentriert ist und wo sie fehlt. So können sie ihre Strategien gezielt anpassen.
Selbst offene Bewerbungsprozesse erreichen oft nicht die richtigen Zielgruppen.
Fozia Irfan
Sie haben die «Diversity, Equity and Inclusion Coalition of Foundations» initiiert. Entstand dieses Engagement auf der Basis der Daten?
Absolut. Die meisten Stiftungen und Philanthrop:innen erkennen strukturelle Barrieren, die gewissen Communities den Zugang zu Fördergeldern verwehren. Selbst offene Bewerbungsprozesse erreichen oft nicht die richtigen Zielgruppen. Ich leitete die Koalition mit 15 Stiftungen für zwei Jahre. Wir haben praktische Lösungen erarbeitet, damit Förderung jene zu erreicht, die am wenigsten Zugang haben. Nach ein paar Jahren ist der Begriff Gleichberechtigung in der britischen Förderlandschaft zum Mainstream geworden.
Gibt es für Stiftungen in der Schweiz Quick-wins in diesem Thema?
Das Wichtigste ist, anzuerkennen, dass gleichberechtigte Förderung auch wirksame Förderung heisst. Diese Verbindung hilft, bessere Entscheidungen zu treffen, Communities gezielter zu erreichen und wirksamer zu fördern. Wenn Stiftungsrät:innen und Führungskräfte Inklusion nicht als Zusatz, sondern als festen Bestandteil ihrer Prozesse verstehen, der ihre Fördertätigkeit erheblich wirksamer macht. Dieser Wandel des Mindsets ist extrem kraftvoll.
Eine wichtige Erkenntnis ist, dass institutionelle Philanthropie bei den grossen sozialen Bewegungen der vergangenen Jahre – wie Black Lives Matter, Me Too oder der Klimabewegung – kaum initiierend beteiligt war, obwohl diese Bewegungen enormen sozialen Wandel bewirkt haben.
Fozia Irfan
Sie haben den Report «Transformative Philanthropy: A Manual for Social Change» publiziert. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit?
Den Report habe ich im vergangenen Jahr publiziert. Ich hatte das Glück, mit einem Churchill Fellowship in den USA Philanthropie und Stiftungen zu studieren. Er behandelt die Frage, wie Philanthrop:innen sozialen Wandel bewirken können? Ich habe Schlüsselfaktoren identifiziert, über die Philanthrop:innen und Stiftungen nachdenken sollten, um ihre Förderung in Zukunft wirkungsvoll zu gestalten. Dazu gehört die Förderung von Wandel von Narrativen, communitygeführte Ansätze und das Anstossen von Bewegungen. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass institutionelle Philanthropie bei den grossen sozialen Bewegungen der vergangenen Jahre – wie Black Lives Matter, Me Too oder der Klimabewegung – kaum initiierend beteiligt war, obwohl diese Bewegungen enormen sozialen Wandel bewirkt haben. Für mich ist dies ein wichtiger Punkt, über den alle Geldgeber und Philanthropen nachdenken sollten, und er zeigt, dass Philanthropie eine Chance hat, aufstrebende Bewegungen aktiver zu unterstützen.


