Illustration: iStock/Andrew Howe

Frei­raum für gemein­sa­mes Neues

Die Stiftung Wunderland hat gefährdete Liegenschaften übernommen und stellt diese für unterschiedliche Projekte zur Verfügung – wobei sie auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Nutzer:innen setzt.

Zusam­men­ar­beit unter­schied­lichs­ter Art und auf verschie­de­nen Ebenen zeich­net die Schwei­zer Stif­tung Wunder­land aus. Den Nähr­bo­den für das Ökosys­tem der Stif­tung hat der im Juli 2019 verstor­bene Filme­ma­cher Res Balzli gelegt. Res und seine Schwes­ter Brigitte Balzli sind die Kinder des Berner Mund­art-Dich­ters Ernst Balzli und der Schrift­stel­le­rin Alice Balzli-Vischer. 

Von ihrer Mutter haben sie ein ansehn­li­ches Vermö­gen geerbt. «Brigitte und Res sind beide kinder­los, sie haben eine enorm grosse soziale und kultu­relle Ader», sagt Uwe Zahn, ehema­li­ger Geschäfts­lei­ter der Stif­tung, Präsi­dent ad inte­rim seit 2020 und Wegge­fährte der beiden. Brigitte Balzli führte 1996–2013 zusam­men mit zwei Part­ne­rin­nen das Hotel Restau­rant Villa Linden­egg im Herzen von Biel. Sie ist bis heute Stif­tungs­rä­tin der Stif­tung Wunder­land. Res Balzli war Sozi­al­ar­bei­ter, Gastro­nom und Kultur­ver­mitt­ler. Er machte sich einen Namen als Film­pro­du­zent und Mitbe­grün­der verschie­de­ner Genossenschaften. 

Eine Stif­tung entsteht

Res und Brigitte Balzli waren 1982 zwei von sieben jungen Berner:innen, welche die Genos­sen­schafts­beiz Kreuz in Nidau grün­de­ten. Bis heute gibt es im histo­ri­schen Saal Anlässe. Als es 2003 der Nidauer Stadt­rat ablehnte, die Genos­sen­schaft mit einem zins­lo­sen Darle­hen für eine drin­gend nötige Reno­va­tion des Saals zu unter­stüt­zen, drohte der Kultur­oase der Unter­gang. Uwe Zahn, damals für den Kultur­ver­ein tätig, erzählt: «Mir war schnell klar, eine Million für eine selbst­ver­wal­tete Genos­sen­schaft zu finden, ist ein Ding der Unmög­lich­keit.» Dann kam die Idee der Stif­tung auf. Sympathisant:innen und einige Kreuz-Gründer:innen schos­sen Geld ein und die Genos­sen­schaft steu­erte ihre Liegen­schaft bei. So stand diese weiter­hin für die bishe­rige Nutzung zur Verfügung.

Das Modell 

Seit­her sind weitere Liegen­schaf­ten mit unter­schied­lichs­ten Projek­ten hinzu­ge­kom­men. Wunder­land muss keinen Gewinn erwirt­schaf­ten, den Boden entspre­chend nicht gewinn­brin­gend verkau­fen und kann so die Hand schüt­zend über die Projekte halten. Die Stif­tung ist für die Liegen­schaf­ten besorgt und sie garan­tiert gleich­zei­tig, dass die Leute in den Projek­ten nicht raus­flie­gen. Einnah­men sind Mieten, Schen­kun­gen und Spenden. 

Den Geist an die nächste Gene­ra­tion weitergeben

Die Stif­tung Wunder­land zieht ganz bewusst jüngere Stiftungsrät:innen nach. Besteht ein Inter­esse, mitzu­tun, nimmt die Person während eines Jahres an den Stif­tungs­rats­sit­zun­gen teil. Dies, um heraus­zu­fin­den, ob man zusam­men­passt. Das Modell hat Uwe Zahn einge­bracht. Er sagt: «Sie erhal­ten in dieser Zeit vollen Einblick und die Vertrau­lich­keit muss natür­lich gewähr­leis­tet sein. So merken wir, ob die Chemie stimmt.» Erst dann folgt der Eintrag ins Handels­re­gis­ter. «Faszi­nie­rend ist, dass man nicht stur nach einer klas­si­schen Zusam­men­set­zung strebt», betont Valen­tin Ismail, jüngs­tes Stif­tungs­rats­mit­glied, «das Soziale und Kultu­relle ist ebenso wich­tig wie die Kompetenzen.» 

Part­ner­schaft­li­che Zusammenarbeit

Die Zusam­men­ar­beit im Stif­tungs­rat ist breit und geschieht auf unter­schied­li­chen Ebenen. Die Liegen­schaf­ten sind in der Regel einzel­nen Stiftungsrät:innen zuge­wie­sen. Sie können gemein­sam mit dem Geschäfts­füh­rer Entscheide fällen, die dann genau doku­men­tiert werden. Finan­zi­ell steht die Stif­tung sehr gut da. Vieles ist eigen­fi­nan­ziert. Einzig Hypo­the­ken von rund 500’000 Fran­ken stehen auf der Schul­den­seite. Entspre­chend offen ist die Stif­tung, in weitere Projekte zu inves­tie­ren, auch gemein­sam mit Partner:innen. Aller­dings darf der Quadrat­me­ter­preis 100 Fran­ken im Jahr nicht über­stei­gen, darüber hinaus wird es schwie­rig. Valen­tin Ismail betont das part­ner­schaft­li­che Miet­ver­hält­nis: «Unsere Perspek­tive ist lang­fris­tig, wir denken und gestal­ten an den Stand­or­ten mit. Wir bieten Hand, wo wir können, stel­len unser Netz­werk zur Verfü­gung, schrei­ben andere Stif­tun­gen an und machen einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit.» 

La Coutel­le­rie in Fribourg: Ort der Bege­gung.
Foto: Stif­tung Wunderland

Gastro­no­mie selbstverwaltet

«La Coutel­le­rie» ist radi­kal selbst­ver­wal­tet und viel­leicht das typischste Wunder­land-Projekt. Uwe Zahn schmun­zelt: «La Coutel­le­rie ist ein Spie­gel­bild von Res. Er hat es als Lieb­ha­ber­ob­jekt erwor­ben.» Das kollek­tiv geführte Restau­rant liegt in Fribourg sehr zentral direkt hinter dem Rathaus, am Rande des Rotlicht­vier­tels. «Ursprüng­lich wollte Res dort wohnen und eine Bar als Begeg­nungs­ort für ältere Leute betrei­ben», erzählt der Stif­tungs­rat. «Während der Reno­va­ti­ons­phase ist er zufäl­li­ger­weise auf eine Gruppe junger Menschen gestos­sen, welche den Raum zuerst als Über­gangs­lö­sung nutz­ten.» Seit­her funk­tio­niert La Coutel­le­rie als eine Art Volks­kü­che. Wech­selnde Teams junger Menschen enga­gie­ren sich in unter­schied­lichs­ter Art und Weise. «Es ist ein funk­tio­nie­ren­der Versuchs­raum, ein Ort, der sich der übli­chen Markt­lo­gik entzieht und unter­schied­lichste Dinge auspro­biert», erklärt Valen­tin Ismail, «ein Frei­raum, in dem etwas entste­hen kann. Alle, die wollen, können sich einbrin­gen, Verant­wor­tung über­neh­men, erste Schritte machen und etwas auspro­bie­ren.» Das sei aus vielen verschie­de­nen Grün­den sehr rich­tig und wich­tig, betont der Stif­tungs­rat. Der Buch­wert des geschenk­ten Gebäu­des ist gering. Die Stif­tung weiss, was rein­kom­men muss, und sie kommu­ni­ziert diese Zahl gegen­über dem Kollektiv. 

Gastro­no­mie & Hotellerie

Das «Mercato» in Aarberg gibt es seit gut 20 Jahren. Junge Erwach­sene können in der Pizze­ria nach einer schwie­ri­gen Zeit wieder Tritt fassen. Zurzeit kämpft das Projekt mit schwin­den­den Beiträ­gen des Berner Sozi­al­diens­tes, auf welche es drin­gend ange­wie­sen ist. Im Jahr 2006 über­gab Res Balzli die Liegen­schaft «Aux 4 Vents» in Gran­ges-Paccot bei Fribourg der Stif­tung Wunder­land. Er hatte gemein­sam mit Cathe­rine Port­mann aus einem ehema­li­gen Patri­zi­er­haus einen roman­ti­schen Rück­zugs­ort, eine Ruhe- und Erho­lungs­oase für Städter:innen geschaf­fen. Heute wird das Hotel tradi­tio­nell geführt, von zwei Päch­tern. Das ehemals privat genutzte Grund­stück mit einma­li­gem Baum­be­stand wurde für die Bevöl­ke­rung zugäng­lich gemacht. 

Ein Ort mit Würde

Das Sleep-In, eine Notschlaf­stelle in Biel, ein weite­res Projekt, ist während des ganzen Jahres geöff­net. Für sechs Fran­ken gibt es ein Bett und Früh­stück für Obdach­lose und Menschen mit Sucht- und psychi­schen Proble­men. Das Projekt hat einen Leis­tungs­ver­trag mit der Stadt Biel. Die zwei älte­ren Vorbe­sit­zer woll­ten das Haus der Stadt Biel anbie­ten. Die Stadt zeigte kein Inter­esse, weshalb Wunder­land über­nahm und auch gleich die Gebäu­de­re­no­va­tion orga­ni­sierte. Dies aus Respekt zu den Leuten, die es nutzen. Einmal im Jahr, während einer Reno­va­ti­ons­wo­che, werden alle anste­hen­den Arbei­ten orga­ni­siert und wer kann, hilft mit. Manch­mal auch die Nutzen­den. So hat jede Liegen­schaft der Stif­tung Wunder­land ihre eigene Geschichte. Der Name geht übri­gens auf die Mutter der Geschwis­ter Balzli zurück. Weil ein guter Teil des Geldes von Alice Balzli-Vischer kam, sagten sie, es sei wie bei «Alice aux pays des merveil­les». Im gleich­na­mi­gen Märchen von Lewis Carroll fragt Alice den weis­sen Hasen: «Wie lange ist für immer?» Und er antwor­tet: «Manch­mal nur für eine Sekunde.» In den Brief­schaf­ten steht bis heute: «Alice aux pays des mères veille.» So wacht Alice «für immer» über die Stiftung.