Jessica Schnelle ist Leiterin Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund.

Es braucht eine Kultur des gemein­schaft­li­chen Engagements

Am 5. Dezember ist der internationale Tag der Freiwilligen. Das Gottlieb Duttweiler Institute GDI hat im Auftrag des Migros-Kulturprozent in einer Fallstudie untersucht, wie es Vereinen und Gruppierungen gelingt, Freiwillige zu erreichen. Jessica Schnelle, Leiterin Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund, spricht über die Rolle der Freiwilligenarbeit für unsere Gesellschaft und sagt, welchen Nutzen Organisationen aus den Erkenntnissen der Studie ziehen können.

Die neue Publi­ka­tion «Hier und jetzt enga­giert» unter­sucht vier Projekte zur Mobi­li­sie­rung Frei­wil­li­ger und zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment. Welche Erkennt­nisse können Sie für Ihre Arbeit mitnehmen?

Die Fall­stu­die, die das Migros-Kultur­pro­zent beim Gott­lieb Dutt­wei­ler Insti­tute GDI in Auftrag gege­ben hat, liefert sehr konkrete und anschau­li­che Beispiele dafür, wie es Verei­nen und sozia­len Grup­pen gelin­gen kann, frei­wil­lig Enga­gierte zu gewin­nen. Denn schon lange ist ein Thema, dass es einen Wandel im zivil­ge­sell­schaft­li­chen Enga­ge­ment gibt (Studie «Die neuen Frei­wil­li­gen»): Frei­wil­lige wollen sich stär­ker projekt­ba­siert mit viel Gestal­tungs­spiel­raum einbrin­gen. Die vorge­stell­ten Projekte zeigen, wie es gelin­gen kann, Inter­es­sierte nied­rig­schwel­lig anzu­spre­chen, die Commu­nity gut mitein­an­der zu verbin­den und vor allem einen Möglich­keits­raum zu bieten, um – wenn man möchte – krea­tiv mitzu­ge­stal­ten. Dies geschieht aber nicht von allein. Zentral sind Menschen, die diesen Nähr­bo­den sorg­sam hüten und koor­di­nie­ren. Das wird oft verges­sen, weil viele denken, Frei­wil­li­gen­ar­beit sei doch ein Selbstläufer.

Welchen Nutzen bietet die Fall­stu­die Einzel­per­so­nen oder Verei­nen und Commu­ni­ties, die für ein Projekt auf das Enga­ge­ment von Frei­wil­li­gen ange­wie­sen sind?

Der Autor, Dr. Jakub Samocho­wiec, vom GDI macht in seinen Inter­views Gelin­gens­fak­to­ren aus, um Enga­gierte zu errei­chen. Wir haben diese in einen Selbst­check für Vereine oder soziale Grup­pen zusam­men­ge­fasst: dieser bietet mit konkre­ten Fragen einen roten Faden dafür, gemein­sam im Team zu über­prü­fen, wie Inter­es­sierte über­haupt für das Projekt ange­spro­chen werden und inwie­fern es attrak­tiv ist, mitzu­wir­ken. Dabei ist der bewusste Austausch im bestehen­den Projekt­team ganz sicher ein erster guter Schritt.

Frei­wil­lige wollen sich stär­ker projekt­ba­siert mit viel Gestal­tungs­spiel­raum einbringen.

Jessica Schnelle, Leite­rin Sozia­les bei der Direk­tion Gesell­schaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund

Ein Beispiel im Bericht ist die Criti­cal Mass. Bei dieser Aktion macht ein «Schwarm» von Velofahrer:innen auf sich als Form des Indi­vi­du­al­ver­kehrs aufmerk­sam. Die Aktion sorgt in Zürich auch für Unmut, weil es den Auto­ver­kehr stört: Wie weit darf zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment gehen?

Das Enga­ge­ment von Criti­cal Mass haben wir ange­schaut, weil sie ganz bewusst keine zivil­ge­sell­schaft­li­che Rechts­form anstre­ben und versu­chen, sich ohne Hier­ar­chien zu orga­ni­sie­ren. Es gibt zum Beispiel Regeln, dass sich Entschei­dungs­macht nicht zentra­li­sie­ren darf und jede und jeder, die/der mitmacht, auch vorfah­ren dürfte. Die Konflikte, die aus der Aushand­lung von Nutzungs­rech­ten und ‑pflich­ten, hier im Fall von Mobi­li­tät, entste­hen können, gehö­ren zu demo­kra­ti­schen Prozes­sen dazu. Die Wahrung der Menschen­rechte ist dabei grundlegend.

Welche Rolle spielt die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung eines Projek­tes bei Ihrer Fördertätigkeit?

Bei vielen Förder­tä­tig­kei­ten des Migros-Kultur­pro­zent ist die Bewusst­seins­bil­dung inner­halb der Gesell­schaft ein ange­streb­tes Ziel. Denn mit dem gefor­der­ten gesell­schaft­li­chen Wandel geht einher, dass zum Beispiel tabui­sierte Themen oder altein­ge­ses­sene Gewohn­hei­ten hinter­fragt werden müssen. Um Verän­de­run­gen zu bewir­ken, ist eine breite Wahr­neh­mung bei vielen Grup­pen in der Bevöl­ke­rung wich­tig. Daher ist uns natür­lich auch die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung von Projek­ten und Themen sehr wichtig.

Braucht unsere Gesell­schaft über­haupt frei­wil­li­ges Engagement?

In der Schweiz hat zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment eine sehr grosse Tradi­tion. Eine Schweiz ohne Frei­wil­li­gen­ar­beit wäre nicht vorstell­bar, sagt Markus Lamprecht, der Autor des Frei­wil­li­gen­mo­ni­tors. Laut diesem gibt es in der Schweiz rund 100’000 Vereine. Jede vierte Person über 15 Jahren führt mindes­tens eine unbe­zahlte Frei­wil­li­gen­ar­beit aus, bei den 40- bis 64-Jähri­gen sind es gar ein Drit­tel. Im Jahr 2020 haben laut dem Bundes­amt für Statis­tik 1,4 Millio­nen Menschen mehr als 600 Millio­nen frei­wil­lige Arbeits­stun­den verrich­tet. Ob in der Poli­tik, bei Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, in sozia­len Bewe­gun­gen, bei Hilfs­wer­ken oder in der Nach­bar­schafts­hilfe: Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment stellte eine sehr wich­tige Säule für das Funk­tio­nie­ren unse­rer Gesell­schaft dar.

Gärngs­chee – Basel hilft, ein ande­res Fall­bei­spiel, ist in der Pande­mie entstan­den. Haben Projekte aus dieser Zeit einen nach­hal­ti­gen Einfluss auf das zivil­ge­sell­schaft­li­che Engagement?

Dies lässt sich nicht pauschal beant­wor­ten. Viel zitiert war ja, dass die Pande­mie wie ein Brenn­glas gesell­schaft­lich rele­vante Themen hervor­bringe. Im Fall von «Gärngs­chee – Basel hilft» entstand ein star­kes Netz­werk von und für Menschen in prekä­ren Lebens­si­tua­tio­nen, die von der Pande­mie beson­ders betrof­fen waren. Gärngs­chee hat damit ein Bedürf­nis aufge­spürt und sehr sorg­sam die Kultur des Netz­werks aufgebaut.

Die Frage, wie mit gestei­ger­ten Lebens­kos­ten umzu­ge­hen ist, wird uns in der Schweiz übri­gens auch zuneh­mend beschäf­ti­gen. Deshalb haben auch wir beim Migros-Kultur­pro­zen­t/­So­zia­les neu einen Förder­schwer­punkt, mit dem wir einen Beitrag dazu leis­ten wollen, dass die Bewusst­seins­bil­dung über das Leben mit Armut­s­er­fah­rung in der Schweiz zunimmt, repro­du­zie­rende Zusam­men­hänge in der gesell­schaft­li­chen Wahr­neh­mung mini­miert werden und damit die soziale Mobi­li­tät durch­läs­si­ger wird.

Während die einen Raum benö­ti­gen, um auch eigene Ideen zu verwirk­li­chen, sind andere total froh, wenn sie ein Enga­ge­ment mit klaren Vorga­ben zu Tätig­keit, Zeit und Rolle wahr­neh­men zu dürfen.

Jessica Schnelle

Anders gesagt: Notla­gen verstär­ken oft gesell­schaft­li­che Probleme. Ob daraus zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment nach­hal­tig entsteht, ist eher davon abhän­gig, inwie­fern eine Lösung tatsäch­li­chen Mehr­wert verspricht und wie sorg­sam der Nähr­bo­den des Enga­ge­ments gepflegt wird.

Welche Rolle spie­len die Mobi­li­sie­rung und die Commu­nity, damit sich Menschen frei­wil­lig engagieren?

Das ist für mich die zentrale Botschaft: die Mobi­li­sie­rung und Pflege der Commu­nity sind sehr rele­vant dafür. Sie ist Motor und Schmier­mit­tel. Viele Menschen enga­gie­ren sich auch aus einem persön­li­chen, sozia­len Motiv: sie wollen gemein­sam mit ande­ren etwas bewe­gen. Es braucht also Gele­gen­heit für Vernet­zung und Austausch, ein gewis­ser «Code of Conduct» – quasi eine Kultur des gemein­schaft­li­chen Enga­ge­ments – muss etabliert werden. Und während die einen Raum benö­ti­gen, um auch eigene Ideen (Spin-offs) zu verwirk­li­chen, sind andere total froh, wenn sie ein Enga­ge­ment mit klaren Vorga­ben zu Tätig­keit, Zeit und Rolle wahr­neh­men zu dürfen. Dies im Blick zu haben und zu ermög­li­chen und mit Rahmen­vor­ga­ben den Kern und die Konti­nui­tät des Purpose zu wahren, ist wich­tig und sollte für Förde­run­gen im Blick sein.


Zur Studie «Hier und jetzt engagiert»

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