«Die Lage ist von Bran­che zu Bran­che sehr unter­schied­lich». Markus Gmür zu NPO und COVID-19

Die ausserordentliche Lage, ausgelöst durch COVID-19, beschäftigt auch die Non-Profit-Unternehmen und damit die FundraiserInnen in der Schweiz. Wir haben Professor Markus Gmür, Direktor des Instituts für Verbandsmanagement (VMI) und Inhaber des Lehrstuhls für NPO-Management an der Universität Fribourg, zu seiner Einschätzung der Lage befragt.

Inter­view: Roger Tinner, Geschäfts­füh­rer Swiss­Fund­rai­sing | Orga­ni­sa­tion der FundraiserInnen

Markus Gmür, als Ökonom haben Sie sicher schon eine Kurz­ana­lyse der Lage gemacht: Was könn­ten die ausser­or­dent­li­che Lage und die Tatsa­che, dass unser Land nun für ein paar Wochen oder länger gröss­ten­teils still steht, für die Zukunft der Wirt­schaft global und für uns konkret bedeuten?

In der Ökono­me­n­zunft gibt es sicher beru­fe­nere Exper­ten als mich, und da jetzt fast alle unver­mu­tet viel freie Zeit und die Medien nicht nur auf den Sport­sei­ten ebenso unge­plant freien Platz haben, ist auch schon sehr viel gesagt worden. Ich denke vor allem darüber nach, was wohl im Drit­ten Sektor passie­ren wird. Unru­hige Zeiten sind deshalb span­nend, weil sie vor allem einen Entwick­lungs­schub in der Zivil­ge­sell­schaft und im Drit­ten Sektor in Gang setzen, während der Staat über­all die Ordnung aufrecht­zu­er­hal­ten versucht und die Wirt­schaft noch damit beschäf­tigt ist, ihre Assets in Sicher­heit zu brin­gen und die eige­nen Verlu­ste hochzurechnen.

Nun gehö­ren ja auch NPO zur Gesamt­wirt­schaft, sind oft sehr ähnlich wie Klein- und Mittel­un­ter­neh­men (KMU) aufge­stellt. Gibt es auch Unter­schiede in dieser beson­de­ren Situation?

Profes­sor Markus Gmür, Direk­tor des Insti­tuts für Verbands­ma­nage­ment (VMI) und Inha­ber des Lehr­stuhls für NPO-Manage­ment an der Univer­si­tät Fribourg

Die Lage ist von Bran­che zu Bran­che sehr unter­schied­lich und hängt vom Finan­zie­rungs­mo­dell ab. Orga­ni­sa­tio­nen in Kultur, Sport und Frei­zeit sind innert kürze­ster Zeit ausge­schal­tet worden und das schnel­ler als die Luft­fahrt­in­du­strie, von der in den Medien vor allem die Rede ist. Viele Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen haben auf der ande­ren Seite ihre Krisen­pläne ausge­packt und rollen ihre Akti­vi­tä­ten aus; soziale Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen werden wahr­schein­lich folgen, wenn die unmit­tel­bare gesund­heit­li­che Bedro­hung an Bedeu­tung verliert und dafür die sozia­len und wirt­schaft­li­chen Folgen spür­bar werden. Soweit sich die Orga­ni­sa­tio­nen durch staat­li­che Beiträge finan­zie­ren, werden sie wirt­schaft­lich erst einmal profi­tie­ren, denn der Staat ist auf den verlän­ger­ten Arm des Drit­ten Sektors ange­wie­sen und finan­zi­ell gepol­stert. Lang­fri­stig könnte dann aller­dings das Pendel zurück­schla­gen, wenn die Krisen­be­kämp­fung zusam­men mit einer wirt­schaft­li­chen Rezes­sion die Steu­er­ein­nah­men rapide sinken lässt und der Staat wieder in die Schul­den­brem­sen treten muss. Inter­es­sant wird sicher zu beob­ach­ten sein, was mit dem Eigen­ka­pi­tal und den – mehr oder weni­ger zweck­ge­bun­de­nen – finan­zi­el­len Reser­ven passie­ren wird. Gele­gent­lich wurden diese bei Schwei­zer Hilfs­wer­ken als zu hoch kriti­siert. Nun können diese eine wich­tige Rolle spie­len, um die betref­fen­den Orga­ni­sa­tio­nen über eine Peri­ode mit uner­war­tet gefähr­de­ten Einnah­men zu stabilisieren.

Erwar­ten Sie, dass die Spen­den in diesem Jahr deut­lich zurück­ge­hen oder sehen Sie eher eine «Delle» in den kommen­den Wochen und Mona­ten, weil die Spenden-«Hochsaison» eher im November/Dezember kommt?

Da fehlen im Moment einschlä­gige Erfah­rungs­werte. Ich kann mir vorstel­len, dass es  vorüber­ge­hend zu einer Delle kommt, weil viele Menschen mit sich selbst und ihrem unmit­tel­ba­ren Umfeld beschäf­tigt sind. Es gibt auch keinen beson­de­ren Anlass, um die Spen­den­tä­tig­keit zu mobi­li­sie­ren. Sammel­ak­tio­nen sind beschränkt. Für die Hilfs­werke wird eini­ges davon abhän­gen, ob die aktu­elle Krise vor der Sommer­pause abklingt. Wenn dann die wirt­schaft­li­che Rezes­sion nicht so stark ist, dass es zu spür­ba­ren Budget­ein­schrän­kun­gen (für Perso­nen, Wirt­schafts­be­trie­ben oder staat­li­che Stel­len) kommt, könnte sich der Spen­den­markt auf das letzte Quar­tal hin wieder fangen.

Wenn Umsätze bei den Spen­den wegbre­chen, wird die Liqui­di­tät knapp, Löhne können viel­leicht nicht mehr bezahlt werden. Für Sport und Kultur hat der Bundes­rat von sich aus schon analoge Mass­nah­men wie für die Wirt­schaft ange­kün­digt. Wieso vergisst er die NPO, insbe­son­dere die klas­si­schen Hilfs­werke bei diesen Überlegungen?

Es ist ja noch nicht ausge­macht, wie weit der Staat am Ende mit seinen Unter­stüt­zungs­lei­stun­gen für alle dieje­ni­gen Betriebe gehen wird, die nicht unmit­tel­bar system­re­le­vant sind, wie das seit der Finanz­krise genannt wird. Hilfs­werke im Inland werden ja wohl wie bisher staat­li­che Beiträge erhal­ten, wo sie als verlän­ger­ter Arm des Wohl­fahrts­staat und der öffent­li­chen Infra­struk­tur fungie­ren. Dass der Staat auch einen Rück­gang im Spen­den­markt kompen­sie­ren wird, kann ich mir derzeit nicht vorstel­len, denn ein Spen­den­markt­vo­lu­men von weni­ger als 2 Milli­ar­den Fran­ken jähr­lich entspricht gerade mal 0,3% des Brut­to­in­lands­pro­dukts oder 40% des Jahres­um­sat­zes der Swiss Airline. Die Not der Kultur- und Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen ist offen­sicht­lich, die der Hilfs­werke nicht. Sie wird sich dort ja allen­falls schlei­chend einstel­len, und dort, wo es möglich ist, wird man eben auf finan­zi­elle Reser­ven zurück­grei­fen müssen. Ich kann mir aber vorstel­len, dass der Staat dann, wenn es um Ausgleichs­zah­lun­gen für die zwangs­weise ruhig gestell­ten Sport- und Kultur­be­triebe geht, noch die Frage verhan­deln muss, wie weit in diesen Berei­chen die «Edel­mar­ken» – ich denke dabei etwa an die aufwän­di­gen Veran­stal­tun­gen und Spit­zen­ge­häl­ter im Fuss­ball – stüt­zen wird, wenn es zu einer Rezes­sion in der Breite kommen wird.

Und zum Schluss: Glau­ben Sie, dass diese ausser­or­dent­li­che Lage den gemein­nüt­zi­gen Sektor in Zukunft stär­ken wird?

Davon bin ich abso­lut über­zeugt, und die Geschichte der letz­ten 200 Jahre hat viele Beispiele parat, wie sich Orga­ni­sa­tio­nen in der Folge von gesell­schaft­li­cher Unruhe und Verun­si­che­rung entwickelt haben. In der aktu­el­len Krise expe­ri­men­tie­ren wir bereits mit neuen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Formen – da denke ich z.B. an die neuen Balkon­kon­zerte. Wenn wir erst einmal unsere indi­vi­du­elle Angst zwischen den vier Wänden der verblie­be­nen Bewe­gungs­spiel­räume unter­ge­bracht haben, werden wir Neues entdecken und auspro­bie­ren, das wir dann als Erfah­run­gen und Projekte in eine neue Zeit mitneh­men, in der wir uns wieder unge­hin­dert nach draus­sen bege­ben dürfen. Das wird sicher spannend!

Quelle: Swiss­Fund­rai­sing

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