Welche Schwerpunkte setzen Sie mit der neuen Strategie?
Unsere Strategie umfasst jeweils fünf Jahre. Ende des letzten Strategiezyklus habe ich die Ziele der beiden vorangegangenen Strategien überprüft und erkannt, dass wir wenig Fortschritt erzielt hatten bei der Diversifizierung unserer Finanzierungsquellen. Gleichzeitig erkannten wir einen Trend, dass staatliche und institutionelle Mittel zurückgehen.
Danach haben Sie die neue Strategie angepasst?
Mit dem Strategieprozess wollten wir auf die Veränderungen im Umfeld reagieren. Es gibt mehr Konflikte, aber weniger Mittel für den humanitären Bereich. Es gibt nicht weniger Geld insgesamt. Aber die Prioritäten haben sich verschoben. Es fliessen weniger Gelder an humanitäre Organisationen.
Es gibt nicht weniger Geld insgesamt. Aber die Prioritäten haben sich verschoben. Es fliessen weniger Gelder an humanitäre Organisationen.
Anne Reitsema, Geschäftsführerin von Medair
Lässt sich dieser Rückgang beziffern?
Experten sprechen von 40 Prozent. Wir müssen also jene finden, die weiterhin bereit sind, humanitäre Aktivitäten zu unterstützen, Menschen in Krisen beizustehen und einen positiven Impact erzielen wollen. Neue Finanzierungsmittel zu finden ist ein Schwerpunkt der neuen Strategie. Gleichzeitig klärten wir im Strategieprozess unser Mandat: was wir im Bereich Unterkunft und Wasser, Nothilfe und sektorenübergreifenden lebensrettende Programme leisten. All diese Aktivitäten sind Zeitverschwendung, wenn am Ende die letzte Meile nicht gegangen wird.
Was ist die letzte Meile?
Zentral ist, dass jedes Kind richtig diagnostiziert wird und die notwendigen Medikamente erhält. Wenn dieser letzte Schritt fehlschlägt, ist alles andere – die gesamte Finanzierung, alle Schulungen, die gesamte Infrastruktur – umsonst. Wir haben deswegen einen klaren Fokus gelegt, wie wir diese letzte Meile zu den Kindern verbessern wollen. Wir erforschen innovative Ansätze, um Hilfe wirksamer und effizienter zu gestalten. Klare Kommunikation über unsere Arbeit stärkt die Wirkung und erleichtert die Gewinnung neuer Mittel. Zudem entwickeln wir Programme weiter – von länderspezifischen Aktivitäten hin zu thematischen Ansätzen –, um unterschiedliche Finanzierungsquellen und Spender:innen für den Schutz vulnerabler Menschen zu gewinnen.
Die USA haben ihre Gelder massiv gekürzt. Wie hat Sie dies getroffen?
Der Entscheid der USA hat grosse Unsicherheit im humanitären Sektor ausgelöst. Wir hatten früher beträchtliche Beträge von den USA erhalten. Dafür sind wir dankbar. Es hat uns ermöglicht, in den Regionen mit der grössten Not tätig zu sein. Die Kürzungen der USA trafen aber auch Mittel, die via UN-Fördergelder indirekt an uns gelangten. Erst mit der Unterbrechung und den Kürzungen wurde deutlich, wie stark diese Ströme von den USA abhingen. Zugleich reduzierten auch andere zentrale Geber ihre humanitären Budgets.
Wie haben Sie reagiert?
Ende Januar wurde der Unternehmensleitung klar, dass wir unser Portfolio reduzieren müssen. Das im Dezember vom Vorstand abgesegnete Budget galt nicht mehr. Uns half, dass wir als Organisation agil aufgestellt sind. Wir sind ständig mit Krisen konfrontiert – also wechselten wir in den Krisenmodus. Wir haben abgeklärt, wie stark uns die Reduktion effektiv betrifft und haben beschlossen unser Programmportfolio um 25 Prozent und unsere Gemeinkosten um 30 Prozent zu reduzieren. Wir waren uns bewusst, dass wir schnell handeln mussten. Je länger man Geld ausgibt, das man nicht hat, umso stärker muss man anschliessend kürzen. Ich bin dankbar, wie die ganze Organisation mitgezogen hat. Denn wir haben nicht einfach gekürzt, sondern jedes Projekt neu evaluiert.
2026 wird trotzdem kein einfaches Jahr für den Sektor.
War das nicht ein zusätzlicher Aufwand?
Ja. Wir haben jeweils überprüft, was es bedeutet, wenn wir ein Projekt stoppen. Wenn ein Projekt für die lebensrettenden Massnahmen von entscheidender Bedeutung war, haben wir unsere Förderer:innen angefragt, ob wir Gelder verschieben dürfen. Das war tatsächlich viel Aufwand. Wir mussten neue Anträge schreiben. Wir mussten die Budgets anpassen. Es war nicht der einfache Weg. Aber es war der Weg, der auf das Retten von Leben ausgerichtet war. Es war inspirierend zu sehen, wie diese Vision mit Leidenschaft in unserer Organisation getragen wurde. Das gab mir Hoffnung in einer Zeit, in der es einfach war, sich hoffnungslos zu fühlen.
Hat sich die Situation unterdessen stabilisiert?
Wir sehen, dass der Trend zur Kürzung der Mittel weitergeht. Aber wir konnten unsere Organisation stabilisieren. 2026 wird trotzdem kein einfaches Jahr für den Sektor. Wir sind zuversichtlich bei der Planung unserer Finanzierung. Aber auch wenn unsere Organisation nicht direkt gefährdet ist, sorgen wir uns und stellen die Frage: Was geschieht mit den Müttern, die für ihre kranken Kinder Hilfe suchen in einer Gegend, in der die Gesundheitseinrichtungen geschlossen wurden? Wie viele solcher Einrichtungen weltweit schliessen mussten, können wir noch nicht abschätzen. Aber alleine in Afghanistan mussten 500 Gesundheitszentren schliessen.
Krisen in Ihren Einsatzländern sind für Sie Alltag. Aber haben Sie bereits eine solche Veränderung in der Förderlandschaft erlebt?
Nein. Eine Schockwelle dieser Grössenordnung hat der Sektor noch nie gesehen. Das Ausmass ist gewaltig, wie ein Erdbeben. Das Schlimmste ist: Weil weniger Geld in der humanitären Hilfe ist, versucht man, effizienter zu arbeiten. Eventuell gelingt dies kurzfristig sogar. Aber die Kürzung der Mittel wird am Ende stärker ins Gewicht fallen. Es wird viel teurer werden, auf neue Krisen zu reagieren. Es gehen Knowhow und Strukturen verloren. Im Südsudan, wo die humanitären Organisationen abziehen mussten, sahen wir bereits nach 1,5 Monaten einen extremen Mangel an Nahrungsmittel. Die Programme neu zu starten, wird viel mehr kosten.
Wie reagieren die lokalen Gemeinschaften auf diese Entwicklung?
Die Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften ist für uns sehr wichtig. Dabei legen wir grossen Wert auf die Kommunikation. Wir achten darauf, dass wir mit den richtigen Personen sprechen, die traditionellen Führungsstrukturen respektieren, aber auch dass Frauengruppen, Ältere und Jüngere einbezogen werden. Es ist wichtig, dass wir alle verstehen, was passiert, damit wir die Krise gemeinsam bewältigen und Resilienz aufbauen können.
Ich hätte mehr Groll erwartet, da die internationale humanitäre Gemeinschaft sie im Stich lässt.
Wie können Sie diese stärken?
Ich war Ende August im Südsudan. Wir haben ihnen erklärt, dass wir bezahlte Funktionen abbauen und noch stärker auf Freiwilligenarbeit setzen müssen. Wir informierten sie, welche Aktivitäten wir weiter aufrechterhalten wollen, da sie den grössten lebensrettenden Effekt haben.
Gab es negative Reaktionen?
Ich hätte mehr Groll erwartet, da die internationale humanitäre Gemeinschaft sie im Stich lässt.
Das war nicht der Fall?
Wir haben viel in die Kommunikation investiert. Ich war an einer Versammlung und habe ihre Trauer erlebt, als sie realisierten, dass wir uns zurückziehen müssen. Eine Vertreterin einer Frauengruppierung dankte Medair für die geleistete Hilfe. Sie sagte, dass ohne die Hilfe viele der Frauen und Kinder nicht mehr am Leben wären. Sie waren dankbar, weil wir sie durch verschiedene Krisen begleitet hatten. Das hat mich sehr berührt, weil es mir gezeigt hat, dass sie nicht nur unsere Arbeit, sondern uns als Menschen schätzen. Es hat mich ermutigt, genau zu durchdenken, wo wir aussteigen, und wie. Wir haben geprüft, wo wir noch zusätzliche Gelder finden und den Ausstieg hinauszögern können, um den Übergang möglichst nachhaltig zu gestalten.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die von Krisen Betroffenen keine Schuld an ihrer Situation tragen.
Die lokalen Gemeinschaften geniessen auch in ihrer aktuellen Strategie weiterhin einen hohen Stellenwert?
Auf jeden Fall. Sie sind unverzichtbar. Sie wissen viel besser, wie man mit Krisen umgeht, weil sie diese schon lange vor unserer Ankunft durchlebt haben. Wir treten in einen Dialog mit ihnen – das bringt Menschen zusammen und vervielfacht die Wirkung.
Wie funktioniert dies?
Die Gemeinschaften können sich selbst einbringen. Sie sagen auch, was sie selbst beitragen können. Im Südsudan starteten wir mit den Anführern der Gemeinschaft und einer repräsentativ zusammengesetzten Gruppe. Sie haben uns erzählt, was sie bereits unternommen haben, um die Ernährungs- und Gesundheitsversorgung zu verbessern. Das ist viel effektiver, als alles einzufliegen. Weil sie sich zudem selbst dafür verantwortlich fühlten, haben die Gemeinschaften das Versorgungsmaterial selbst beschützt. Wir hatten kein Problem mit Diebstählen. In der Ukraine haben wir für Geflüchtete Unterkünfte geplant. Wir haben ausgerechnet, was wir mit unseren Ressourcen erreichen könnten. Wir sind eine Stunde mit den Geflüchteten selbst zusammengesessen. Unter ihnen waren Handwerker. Zusammen mit ihnen konnten wir Unterkünfte für doppelt so viele Menschen bauen. Das zeigt uns, dass nicht die Grösse des Budgets den Wert einer humanitären Organisation bestimmt. Entscheidend ist, wie vielen Menschen wir effektiv helfen können. Wir dürfen nicht vergessen, dass die von Krisen Betroffenen keine Schuld an ihrer Situation tragen. Jeder von uns könnte in einer Krise in eine prekäre Lage geraten. Grosszügigkeit zu zeigen und sich umeinander zu kümmern, ist etwas Wunderbares. Es gibt Hoffnung inmitten von Schwierigkeiten. Das brauchen wir doch alle manchmal, oder?
Mehr zu gemeinschaftlichem Engagement zeigt das Video von Medair.


