Wie gelingt eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe?
Man muss das Ganze als Prozess (work in progress) verstehen. Das geschieht nicht von heute auf morgen. Es braucht eine kritische Reflexion über sich selbst als Organisation sowie den Willen, den Status Quo zu verändern.
Wo sind die Herausforderungen?
Erstens ist die Klärung der Rollen von Förderstiftungen und projektimplementierender Organisation zu nennen. Oft sind die Rollen der beiden nicht klar geregelt. Wir sehen ab und zu, dass Förderstiftungen ihre Rolle zu weit verstehen und sich komplett bis ins Tagesgeschäft der implementierenden Organisation einmischen. Zwischen dem Unterstützen mit den Mittel der Förderstiftung und dem vollständigen Einmischen besteht eine Grauzone. Zweitens gibt es auch Tabus, über die wir wenig sprechen.
Wir sehen ab und zu, dass Förderstiftungen ihre Rolle zu weit verstehen und sich komplett bis ins Tagesgeschäft der implementierenden Organisation einmischen.
Cheikh Mbacke Gueye, Geschäftsführer Medicor Foundation
Welche wären dies?
Erstens Macht. Wer Gelder hat, der hat eine gewisse Macht. Förderstiftungen – als Finanzpartner – sollten sich dessen bewusst sein. Und noch mehr: Sie sollten damit gut umgehen können, d.h. bereit sein, Macht «abzugeben» und Hierarchien abzubauen. Zweitens, es braucht die Bereitschaft einerseits und den Mut andererseits, dies anzusprechen. Drittens, sich als lernende Organisation zu verstehen, d.h. bereit sein, von den anderen Partnern zu lernen.
Sind Förderorganisationen mehr gefordert?
Nein. Alle Parteien sind mit Herausforderungen konfrontiert. Da wir selbst eine Förderorganisation sind, kann ich besser für diese sprechen. Aber auch die implementierenden Organisationen stehen vor Herausforderungen. Sie sollten bereit sein, um zum Beispiel über Dinge berichten, die nicht gut gelaufen sind. In der Berichterstattung wird oft auf die Punkte fokussiert, die funktioniert haben. Jene, die weniger gut gelaufen sind, erhalten meist weniger Raum. Es bedarf einer Dekonstruktion der Narrative der Berichterstattung. Dies kann durch den Beitrag aller Beteiligten geschehen.
Muss die Zusammenarbeit jeweils individuell definiert werden oder gibt es allgemeine rote Linien?
Es gibt sicherlich rote Linienauf unterschiedlichen Ebenen. Verstösse gegen die Menschenrechte sind ja No-Gos. Ansonsten ist die Zusammenarbeit jeweils individuell zu definieren. Diese Entscheidung hängt natürlich von strategischen Vorgaben, Leitlinien und Zielen ab, die jede Organisation für sich definieren sollte.
Die zweite wichtige Neuerung ist die Möglichkeit, bei uns «unrestricted funding» zu erhalten.
Was haben Sie entschieden?
Da wir nicht von null anfangen, können wir auf eine Vielzahl kompetenter und langjähriger Partner zählen. Gleichzeitig sind sind wir offen für die Idee, neue Partnerschaften zu erkunden. Partnerschaften können entweder direkt eingegangen werden, um lokale Eigenverantwortung zu steigern oder indirekt, wenn die Zusammenarbeit mit einem Intermediär einen klaren Mehrwert zur Wirkungssteigerung bietet.
Ihre neue Strategieperiode beginnt Anfang 2026. Was sind die wichtigsten Neuerungen?
Eine wichtige Neuerung ist die geografische Fokussierung. In der vergangenen Strategie-Periode war alleine die Medicor Foundation in 30 Ländern tätig. Mit dieser neuen Strategie werden wir in sechs Ländern in Afrika und drei Ländern in Europa tätig sein. Ziel dieser Fokussierung ist es, den Kontext in den Ländern besser zu kennen und vor allem unsere Wirkung erhöhen zu können. Die zweite wichtige Neuerung ist die Möglichkeit, bei uns «unrestricted funding» zu erhalten.
Was bedeuten diese Änderungen für Ihre Arbeit?
Bisher waren unsere Projektmanagementeams nach Partnern eingeteilt. Neu haben wir Länderverantwortliche. Projektreisen können wir so gezielter durchführen. So wollen wir die Länder besser kennenlernen. Dadurch werden wir auch das Wissen Inhouse haben. Wir wollen Flaschenhälse besser identifizieren können und uns genau überlegen, wo wir welche finanziellen Ressourcen sinnvoll einsetzen und Partner im Land besser zusammenbringen.
Und Sie haben fünf bisher unabhängige Stiftungen zu einer zusammengelegt.
Genau.
Es braucht Netzwerke, Bündnisse und die Zusammenarbeit, um lokale und globale Herausforderungen bewältigen zu können.
Um Synergien zu nutzen und effizienter zu werden?
Ziel dieses Projekt ist es, unsere philanthropische Arbeit zu konsolidieren und Synergieeffekte zu erzielen. Wir haben schon viel Expertise und Erfahrung im Haus. Aber wir wollen auch mit anderen Stiftungen zusammenarbeiten, neue Wege und Förderinitiativen ausloten, um mehr Wirkung erzielen zu können. Auch wenn einzelne Stiftungen viel Geld haben mögen, bin ich überzeugt, es braucht Netzwerke, Bündnisse und die Zusammenarbeit, um lokale und globale Herausforderungen bewältigen zu können.
Die Strategieperiode dauert bis 2030. Welche konkreten Ziele wollen Sie bis dann erreicht haben?
In der Strategiearbeit waren wir uns alle einig, dass wir eine lernende Organisation sein wollen. Das heisst, es ist uns sehr wichtig, welche Lehren wir aus unserer Arbeit und Zusammenarbeit mit Partnern ziehen können. Wir wollen unsere fünf Werte – vertrauenswürdig, emphatisch, zugänglich, innovativ und wirkungsvoll – in diesen Jahren konkretisieren. Last but not least, wollen wir zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensgrundlage von Menschen in den Ländern, wo wir tätig sind, beitragen. Dies kann sicherlich durch die Verstärkung und das «Empowerment» unserer Partner ermöglicht werden.


