Cheikh Mbacke Gueye, Geschäftsführer Medicor Foundation

Eine gemein­same Spra­che finden

Die Medicor Foundation beginnt 2026 eine neue Strategieperiode. Geschäftsführer Cheikh Mbacke Gueye spricht über die neue Strategie, weshalb sie ihre philanthropische Arbeit konsolidiert und ihr Wirkungsgebiet fokussiert haben. Ausserdem sagt er, was es braucht, um eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe erfolgreich zu gestalten.

Wie gelingt eine Zusam­men­ar­beit auf Augenhöhe?

Man muss das Ganze als Prozess (work in progress) verste­hen. Das geschieht nicht von heute auf morgen. Es braucht eine kriti­sche Refle­xion über sich selbst als Orga­ni­sa­tion sowie den Willen, den Status Quo zu verändern.

Wo sind die Herausforderungen?

Erstens ist die Klärung der Rollen von Förder­stif­tun­gen und projekt­im­ple­men­tie­ren­der Orga­ni­sa­tion zu nennen. Oft sind die Rollen der beiden nicht klar gere­gelt. Wir sehen ab und zu, dass Förder­stif­tun­gen ihre Rolle zu weit verste­hen und sich komplett bis ins Tages­ge­schäft der imple­men­tie­ren­den Orga­ni­sa­tion einmi­schen. Zwischen dem Unter­stüt­zen mit den Mittel der Förder­stif­tung und dem voll­stän­di­gen Einmi­schen besteht eine Grau­zone. Zwei­tens gibt es auch Tabus, über die wir wenig sprechen.

Wir sehen ab und zu, dass Förder­stif­tun­gen ihre Rolle zu weit verste­hen und sich komplett bis ins Tages­ge­schäft der imple­men­tie­ren­den Orga­ni­sa­tion einmischen. 

Cheikh Mbacke Gueye, Geschäfts­füh­rer Medicor Foundation 

Welche wären dies?

Erstens Macht. Wer Gelder hat, der hat eine gewisse Macht. Förder­stif­tun­gen – als Finanz­part­ner – soll­ten sich dessen bewusst sein. Und noch mehr: Sie soll­ten damit gut umge­hen können, d.h. bereit sein, Macht «abzu­ge­ben» und Hier­ar­chien abzu­bauen. Zwei­tens, es braucht die Bereit­schaft einer­seits und den Mut ande­rer­seits, dies anzu­spre­chen. Drit­tens, sich als lernende Orga­ni­sa­tion zu verste­hen, d.h. bereit sein, von den ande­ren Part­nern zu lernen.

Sind Förder­or­ga­ni­sa­tio­nen mehr gefordert?

Nein. Alle Parteien sind mit Heraus­for­de­run­gen konfron­tiert. Da wir selbst eine Förder­or­ga­ni­sa­tion sind, kann ich besser für diese spre­chen. Aber auch die imple­men­tie­ren­den Orga­ni­sa­tio­nen stehen vor Heraus­for­de­run­gen. Sie soll­ten bereit sein, um zum Beispiel über Dinge berich­ten, die nicht gut gelau­fen sind. In der Bericht­erstat­tung wird oft auf die Punkte fokus­siert, die funk­tio­niert haben. Jene, die weni­ger gut gelau­fen sind, erhal­ten meist weni­ger Raum. Es bedarf einer Dekon­struk­tion der Narra­tive der Bericht­erstat­tung. Dies kann durch den Beitrag aller Betei­lig­ten geschehen.

Muss die Zusam­men­ar­beit jeweils indi­vi­du­ell defi­niert werden oder gibt es allge­meine rote Linien?

Es gibt sicher­lich rote Lini­en­auf unter­schied­li­chen Ebenen. Verstösse gegen die Menschen­rechte sind ja No-Gos. Ansons­ten ist die Zusam­men­ar­beit jeweils indi­vi­du­ell zu defi­nie­ren. Diese Entschei­dung hängt natür­lich von stra­te­gi­schen Vorga­ben, Leit­li­nien und Zielen ab, die jede Orga­ni­sa­tion für sich defi­nie­ren sollte.

Die zweite wich­tige Neue­rung ist die Möglich­keit, bei uns «unrest­ric­ted funding» zu erhalten. 

Was haben Sie entschieden?

Da wir nicht von null anfan­gen, können wir auf eine Viel­zahl kompe­ten­ter und lang­jäh­ri­ger Part­ner zählen. Gleich­zei­tig sind sind wir offen für die Idee, neue Part­ner­schaf­ten zu erkun­den. Part­ner­schaf­ten können entwe­der direkt einge­gan­gen werden, um lokale Eigen­ver­ant­wor­tung zu stei­gern oder indi­rekt, wenn die Zusam­men­ar­beit mit einem Inter­me­diär einen klaren Mehr­wert zur Wirkungs­stei­ge­rung bietet.

Ihre neue Stra­te­gie­pe­ri­ode beginnt Anfang 2026. Was sind die wich­tigs­ten Neuerungen?

Eine wich­tige Neue­rung ist die geogra­fi­sche Fokus­sie­rung. In der vergan­ge­nen Stra­te­gie-Peri­ode war alleine die Medicor Foun­da­tion in 30 Ländern tätig. Mit dieser neuen Stra­te­gie werden wir in sechs Ländern in Afrika und drei Ländern in Europa tätig sein. Ziel dieser Fokus­sie­rung ist es, den Kontext in den Ländern besser zu kennen und vor allem unsere Wirkung erhö­hen zu können. Die zweite wich­tige Neue­rung ist die Möglich­keit, bei uns «unrest­ric­ted funding» zu erhalten. 

Was bedeu­ten diese Ände­run­gen für Ihre Arbeit?

Bisher waren unsere Projekt­ma­nage­men­teams nach Part­nern einge­teilt. Neu haben wir Länder­ver­ant­wort­li­che. Projekt­rei­sen können wir so geziel­ter durch­füh­ren. So wollen wir die Länder besser kennen­ler­nen. Dadurch werden wir auch das Wissen Inhouse haben. Wir wollen Flaschen­hälse besser iden­ti­fi­zie­ren können und uns genau über­le­gen, wo wir welche finan­zi­el­len Ressour­cen sinn­voll einset­zen und Part­ner im Land besser zusammenbringen.

Und Sie haben fünf bisher unab­hän­gige Stif­tun­gen zu einer zusammengelegt.

Genau.

Es braucht Netz­werke, Bünd­nisse und die Zusam­men­ar­beit, um lokale und globale Heraus­for­de­run­gen bewäl­ti­gen zu können.

Um Syner­gien zu nutzen und effi­zi­en­ter zu werden?

Ziel dieses Projekt ist es, unsere phil­an­thro­pi­sche Arbeit zu konso­li­die­ren und Syner­gie­ef­fekte zu erzie­len. Wir haben schon viel Exper­tise und Erfah­rung im Haus. Aber wir wollen auch mit ande­ren Stif­tun­gen zusam­men­ar­bei­ten, neue Wege und Förder­initia­ti­ven auslo­ten, um mehr Wirkung erzie­len zu können. Auch wenn einzelne Stif­tun­gen viel Geld haben mögen, bin ich über­zeugt, es braucht Netz­werke, Bünd­nisse und die Zusam­men­ar­beit, um lokale und globale Heraus­for­de­run­gen bewäl­ti­gen zu können.

Die Stra­te­gie­pe­ri­ode dauert bis 2030. Welche konkre­ten Ziele wollen Sie bis dann erreicht haben?

In der Stra­te­gie­ar­beit waren wir uns alle einig, dass wir eine lernende Orga­ni­sa­tion sein wollen. Das heisst, es ist uns sehr wich­tig, welche Lehren wir aus unse­rer Arbeit und Zusam­men­ar­beit mit Part­nern ziehen können. Wir wollen unsere fünf Werte – vertrau­ens­wür­dig, empha­tisch, zugäng­lich, inno­va­tiv und wirkungs­voll – in diesen Jahren konkre­ti­sie­ren. Last but not least, wollen wir zu einer nach­hal­ti­gen Verbes­se­rung der Lebens­grund­lage von Menschen in den Ländern, wo wir tätig sind, beitra­gen. Dies kann sicher­lich durch die Verstär­kung und das «Empower­ment» unse­rer Part­ner ermög­licht werden.