Ein Zeichen der Anerkennung

Mit der Top Talent Sport Foundation führt Tina Weirather das Engagement ihrer Mutter Hanni Wenzel weiter. Beide waren erfolgreiche Skirennfahrerinnen für Liechtenstein.

The Philanthropist: Stimmt es, dass Sie schon im Alter von drei Jahren wuss­ten, dass Sie Skirenn­fah­re­rin werden wollten?

Tina Weira­ther: Kinder werden ja oft gefragt, was sie einmal werden möch­ten. Ich habe schon früh «Skirenn­fah­re­rin» geantwortet. 

TP: Gab es auch Momente, in denen Ihnen andere Berufe span­nen­der erschienen?

TW: Auch wenn ich Skirenn­fah­re­rin werden wollte, wusste ich gleich­zei­tig, dass eine solche Lauf­bahn alles andere als selbst­ver­ständ­lich ist. Deshalb hatte ich immer einen Plan B – oder auch C.
Jour­na­lis­tin hätte mich inter­es­siert, weil ich gerne geschrie­ben habe. Aber ich habe wahn­sin­nig oft gewech­selt. Auch Friseu­rin wollte ich einmal werden. Ich habe dann meinen Puppen die Haare geschnit­ten. Aber je älter ich wurde, desto mehr nahm die Leiden­schaft für das Skifah­ren über­hand. Ich hatte früh Erfolge. Diese haben mich bestärkt. 

TP: Trotz­dem verlief Ihre Karriere nicht geradlinig?

TW: Vier Verlet­zun­gen bis zum 20. Lebens­jahr haben mich schwer zurück­ge­wor­fen. Damals habe ich mir wirk­lich über­legt, ob es körper­lich über­haupt noch geht. Aber letzt­lich befasst sich jeder Sport­ler und jede Sport­le­rin immer mit einem ande­ren Beruf, denn die Zeit als Sport­ler ist begrenzt. 

TP: Ihr Plan A hat funktioniert.

TW: Ich habe weiter­ge­macht und konnte meinen Weg so gehen, wie ich es mir erträumt hatte.

TP: Sie waren sich bewusst, dass Ihre Karriere nicht selbst­ver­ständ­lich ist. Sie waren mehr­mals verletzt. Wer hat Sie unter­stützt, trotz Rück­schlä­gen Ihren Traum zu verwirk­li­chen? Wurden Sie auch von Stif­tun­gen gefördert?

TW: Nein. Ich hatte das Glück, dass der Liech­ten­stei­ni­sche Skiver­band damals sehr gut aufge­stellt war. Er hat die volle Ausrüs­tung und die Trai­ner gestellt. Für die Trai­nings­la­ger hat er auch die Hotels bezahlt. Ausser­dem halfen meine Eltern. Meine Mutter stand am Wochen­ende jeden Abend im Skikel­ler und präpa­rierte meine Ski. Sie hat mich ins Trai­ning, an Rennen und über­all­hin beglei­tet. Ohne Eltern geht es im Kinder­sport nicht. Man verbringt jedes Wochen­ende auf der Piste und fährt den Berg runter. Als Acht­jäh­rige ist man nicht in der Lage, dies selbst zu orga­ni­sie­ren. Heute denke ich manch­mal: Ich weiss nicht, ob ich das als Mama auch für mein Kind machen würde. Es ist ein gros­ser Einsatz der ganzen Fami­lie und ein harter Weg.

TP: Ihre Mutter, selbst erfolg­rei­che Skirenn­fah­re­rin, hat die Top Talent Sport Foun­da­tion (TTSF) aufge­baut. Sie haben ihre Aufgabe in der Stif­tung über­nom­men. War das für Sie ein logi­scher Schritt?

TW: Meine Mutter wollte nach 23 Jahren mit der Arbeit in der TTSF aufhö­ren. Sie wollte mir aber die Aufgabe auch nicht aufbür­den. Sie sagte, sie habe die Ener­gie nicht mehr, sie werde die Stif­tung schlies­sen. Da habe ich sofort gesagt: «Nein, Mama, das kannst du nicht machen! Ich mache weiter.» Sie war dann erleich­tert und hat sich sehr gefreut. 

TP: Weshalb ist Ihnen dieses Enga­ge­ment wichtig?

TW: Für mich war es klar, dass ich das mache. Ich wusste, welchen Impact die Arbeit der Stif­tung hat. Ich habe gese­hen, welchen Halt Sport Jugend­li­chen gibt. Die Jugend ist eine kompli­zierte Zeit. Ein Schul­wech­sel oder der Druck zum Lernen kann ein Grund sein, mit dem Sport aufzu­hö­ren. Auch wird die finan­zi­elle Belas­tung für die Eltern immer grös­ser. In dieser Lebens­phase, in der vieles unsi­cher ist – Freund­schaf­ten, Schule, Iden­ti­tät –, bietet Sport Stabi­li­tät und Selbst­ver­trauen. Man lernt, über sich hinaus­zu­wach­sen und erlebt Erfolge. Und wer Sport treibt, hat schlicht weni­ger Zeit, um auf dumme Ideen zu kommen. Eine Förde­rung in dieser Zeit ist wich­tig. Auch wenn es nicht wahn­sin­nig viel Geld ist, mit dem wir fördern können, ist es ein Zeichen der Aner­ken­nung. «Hey, da glaubt jemand an dich, da findet jemand cool, was du machst.» Das gibt den Jugend­li­chen Power. Deshalb bin ich stolz auf unsere Arbeit. Deshalb ist mir die Förde­rung Jugend­li­cher so wich­tig, obwohl es natür­lich nicht alle bis an die Welt­spitze schaffen.

TP: Genau das ist eine entschei­dende Frage: Nicht alle schaf­fen den Sprung in den Spit­zen­sport. Wie gehen Sie in der TTSF mit denje­ni­gen um, die schei­tern? Unter­stüt­zen Sie auch mit Coaching und weite­ren Angeboten?

TW: Wir unter­stüt­zen mit finan­zi­el­len Beiträ­gen. Zusätz­li­che Ange­bote wie Mental­coa­ching liegen beim Liech­ten­stei­ni­schen Olym­pi­schen Komi­tee, mit dem wir eng vernetzt sind. In unse­rem Stif­tungs­rat disku­tie­ren wir viel: Unter­stüt­zen wir jeman­den, der eine schlechte Saison hatte, über­haupt noch? Oder dann gerade erst recht? Wir neigen eher zur zwei­ten Vari­ante. Wer Erfolg hat, findet Spon­so­ren und Verbands­hilfe. Wer kämpft, braucht am meis­ten Unter­stüt­zung. Uns inter­es­sie­ren deshalb weni­ger die nack­ten Resul­tate, sondern Wille, Leiden­schaft und Refle­xion. Wenn jemand nach einer Nieder­lage beschreibt, wie er die ganze Nacht über­legt, was schief­ging, dann sehen wir das Feuer – und das wollen wir fördern. Gerade in Sport­ar­ten, in denen körper­li­che Unter­schiede noch gross sind, ist es in diesem Alter noch kaum möglich, aufgrund der Resul­tate abzu­lei­ten, wer es später schaf­fen wird.

Wer kämpft, braucht am meis­ten Unterstützung.

Tina Weira­ther

TP: Spie­gelt sich da Ihre eigene Karriere wider, mit Verlet­zun­gen und Zweifeln?

TW: Ein Stück weit, ja. Natür­lich muss man aufpas­sen, nicht die eigene Geschichte in diese Fälle hinein­zu­in­ter­pre­tie­ren. Es gibt andere Leben, andere Wege mit ande­ren Schick­sa­len. Man darf die Scha­blone des eige­nen Lebens nicht über diese legen. Aber weil ich selbst viele Rück­schläge erlebt habe, kann ich gut mitfüh­len. Die Unge­wiss­heit, ob man zurück­kommt, ist oft schlim­mer als die Schmer­zen. Diese Erfah­rung macht es mir leich­ter, Verständ­nis aufzu­brin­gen und Athle­tin­nen und Athle­ten ernst zu nehmen, auch wenn sie gerade nicht liefern.

TP: War das auch Moti­va­tion, sich über­haupt gemein­nüt­zig zu engagieren?

TW: Defi­ni­tiv. Verlet­zun­gen haben mir bewusst gemacht, wie privi­le­giert ich bin: in Liech­ten­stein gebo­ren, in einer liebe­vol­len Fami­lie aufge­wach­sen, meine Leiden­schaft verfol­gen dürfen – und es hat auch noch funk­tio­niert. Dieses Glück ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Ich glaube, das Schlimmste wäre, wenn man sich in einer solchen Situa­tion des eige­nen Glücks nicht bewusst wäre. 

TP: Und deswe­gen enga­gie­ren Sie sich in der Stiftung?

TW: Ich finde, man muss etwas zurück­ge­ben. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, mit meiner Stif­tung jungen Sport­le­rin­nen und Sport­lern eine Chance zu geben. 

TP: Wie finan­ziert die Stif­tung ihre Arbeit?

TW: Als kleine Stif­tung finan­zie­ren wir uns durch private Spen­den. Viele Liech­ten­stei­ne­rin­nen und Liech­ten­stei­ner schät­zen den Sport und unter­stüt­zen uns, ohne dafür ein Logo auf einem Trikot zu wollen. 

TP: Hilft es, dass in Liech­ten­stein die Wege kurz sind und man sich persön­lich kennt?

TW: Gute Frage. Ja, viel­leicht. Vor allem als meine Mutter die Stif­tung noch führte, hat sie direkt viele Part­ner­schaf­ten geschlos­sen. Die Spen­de­rin oder der Spen­der hat quasi direkt einen jungen Athle­ten oder eine junge Athle­tin unter­stützt. Sie oder er hat sich dann direkt mit einem Brief bedankt und berich­tet, wie die Saison gelau­fen ist. Das schafft Nähe. Man verfolgt dann die Sport­re­sul­tate in den Medien. Heute geschieht die Förde­rung nicht mehr indi­vi­du­ell. Natür­lich werden alle Spen­der infor­miert, wer die Sport­ler sind und wie es ihnen gelau­fen ist. Wahr­schein­lich hilft es auch jetzt eher, dass man sich kennt. Denn wir verzich­ten bewusst auf eine grosse Struk­tur oder eine Website – auch, um die Anzahl Anträge über­schau­bar zu halten. 

TP: Sie haben keinen Inter­net­auf­tritt, um den Aufwand zu begrenzen?

TW: Bei uns geht jeder Fran­ken von der Spen­de­rin zu den Sport­lern. Wenn wir an Stif­tungs­rats­sit­zun­gen essen und trin­ken, zahlen wir alles selbst. Auch an unse­rer Weih­nachts­feier zahlen wir alles selbst. Eine Website zu betrei­ben, hiesse, dass wir sie aus unse­ren Taschen bezah­len würden. 

TP: Wie gross ist Ihr Stiftungsrat?

TW: Wir sind sieben. Und zudem hilft Katja in der Admi­nis­tra­tion. Sie hat schon meine Mutter unterstützt.

TP: Wie viele Sport­le­rin­nen und Sport­ler fördert die TTSF und wie viele Anträge gibt es jährlich?

TW: Im Moment haben wir eine gute Balance. Letz­tes Jahr haben wir 18 Sport­le­rin­nen und Sport­ler geför­dert, fünf bis zehn muss­ten wir absagen.

TP: Sie haben eine hohe Quote an Zusa­gen. Wie aufwän­dig ist das Einrei­chen eines Antrags?

TW: Es braucht wohl etwa eine Stunde. Es gilt, einen Frage­bo­gen auszu­fül­len. Wir verlan­gen die Kontakte der  Trai­ner und wollen das Umfeld kennen. Wenn es uns hilf­reich erscheint, holen wir auch weitere Infor­ma­tio­nen über den Hinter­grund ein. Viele Athle­ten schi­cken uns krea­tive Bewer­bun­gen mit Fotos oder persön­li­chen Geschich­ten. Uns ist wich­tig, auch das Umfeld einzu­be­zie­hen: Eltern, Trai­ner, die Moti­va­tion des Kindes.

TP: Sie bezie­hen auch Trai­ner und Funk­tio­näre, die Fami­lien und das Umfeld in Ihre Abklä­run­gen ein? 

TW: Auf jeden Fall. Einmal tele­fo­nie­ren wir mit dem Trai­ner und fragen, wie die Arbeit mit dem Kind aussieht. Ein ander­mal klären wir das Poten­zial vertieft ab oder fragen nach, woran sie gerade arbei­ten. Auch zur finan­zi­el­len Situa­tion fragen wir wenn nötig nach. Oft braucht es aber kein Telefon. 

TP: Wann braucht es eine vertiefte Abklärung?

TW: Wenn wir noch zu wenig wissen, etwa weil wir bspw. noch nichts über den Athle­ten in der Zeitung gele­sen haben. Da man bei uns schon früh in den Zeitun­gen genannt wird, können wir recht viele auf diese Weise verfol­gen. Und in Sport­ar­ten, wo wir sieben Stif­tungs­räte nicht so bewan­dert sind.

TP: Und wie finden Sie die Talente? 

TW: Wir haben im Stif­tungs­rat verschie­dene Mitglie­der, die an unter­schied­li­chen Sport­ar­ten inter­es­siert sind. Ich bin natür­lich eher im Winter­sport zuhause. Auch zum Tennis habe ich Verbin­dun­gen, weil meine Brüder inten­siv Tennis gespielt haben. Verein­zelt gehen wir auf Talente zu und animie­ren sie, uns einen Antrag zu schi­cken. Aber viele bewer­ben sich von sich aus. 

TP: Ihre Stif­tung feiert bald ihr 25-jähri­ges Bestehen. Welche Rolle spielt sie heute für den Sport in Liechtenstein?

TW: Eine kleine, aber wert­volle. Wir fördern gezielt sehr junge Einzel­sport­ler, meist zwischen 13 und 21 Jahren. Danach über­neh­men entwe­der Verbände und profes­sio­nelle Struk­tu­ren – oder die Jugend­li­chen entschei­den sich für einen ande­ren Weg. Wich­tig ist uns die Phase, in der Sport Halt gibt und man fürs Leben lernt. In diesen Jahren sind wir präsent. Da können wir wirk­lich etwas bewe­gen und das eine oder andere Leben posi­tiv beeinflussen.

TP: Sie enga­gie­ren sich auch als UNICEF-Botschaf­te­rin. Was ist Ihre Rolle?

TW: Meine Rolle ist es, für die Situa­tion der Kinder welt­weit Aufmerk­sam­keit zu schaf­fen, Spen­den zu sammeln, die Gesell­schaft auf Themen wie Bildung, Gesund­heit und Schutz zu sensi­bi­li­sie­ren und manch­mal ins Feld zu reisen, um mir ein Bild vor Ort zu machen.

TP: Wie kam Ihr Enga­ge­ment bei UNICEF zustande?

TW: UNICEF hat mich ange­fragt, ob ich die erste weib­li­che Botschaf­te­rin für die Schweiz und Liech­ten­stein werden möchte. Ich hatte damals viele klei­nere Anfra­gen, wollte mich aber lieber auf etwas fokus­sie­ren und rich­tig einset­zen. UNICEF passte perfekt, weil es lang­fris­tige Projekte mit echter Wirkung verbindet. 

TP: Wie erle­ben Sie die Arbeit im Feld?

TW: Bei meiner Feld­reise nach Malawi besuch­ten wir unter ande­rem ein Zentrum für mangel­er­nährte Kinder. In solchen Momen­ten wird einem bewusst, wie ungleich Chan­cen verteilt sind – und wie sehr jede Unter­stüt­zung zählt, um Kindern die Perspek­tive auf ein gesun­des und siche­res Leben zu geben. Gleich­zei­tig zeigt sich, dass die Arbeit von UNICEF nur dank Spen­den und frei­wil­li­gen Beiträ­gen möglich ist.

Kindern die Perspek­tive auf ein gesun­des und siche­res Leben geben.

Tina Weira­ther

TP: Wie prägt Sie das, auch als Mutter?

TW: Man muss Kinder vorsich­tig an solche Themen heran­füh­ren. Ich erin­nere mich, wie ich meinem Paten­kind erzählte, dass wir nach Malawi reisen würden, wo Kinder zu wenig zu essen haben. Er war damals vier und hat danach wochen­lang seine Mutter gefragt, wie das sei mit den Kindern, die zu wenig zu essen haben. Solche Erfah­run­gen prägen. Ich finde es wich­tig, den eige­nen Kindern auch die Reali­tät ausser­halb unse­res Wohl­stands zu zeigen, aber dosiert, zum rich­ti­gen Zeit­punkt und mit Fingerspitzengefühl.

TP: Neben all dem Enga­ge­ment sind Sie auch Co-Kommen­ta­to­rin beim SRF. Setzen Sie damit Ihren Plan B um?

TW: Ein biss­chen, ja. Ich wollte früher eher schrei­ben, aber jetzt kommen­tiere ich live. Das passt auch gut. Es ist schön, dass ich meine Erfah­rung weiter­ge­ben und den Sport aus einer ande­ren Perspek­tive beglei­ten darf. 

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