Ein KI-Labor für die Welt – von Menschen für den Menschen

Pascal Kaufmann hat diesen Sommer in Davos das Lab42 eröffnet. Es soll das weltweit grösste Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (KI) werden. Damit die Nutzung der KI nicht dem Staat oder einem Unternehmen obliegt, hat er ein Konstrukt aus gemeinnütziger Stiftung und Aktiengesellschaft geschaffen.

Sie wagen sich an ein noch nicht gelö­stes Rätsel: Sie wollen den soge­nann­ten Brain­code knacken? Was ist der Braincode?

Wahr­schein­lich sind wir Menschen ein Super­or­ga­nis­mus und als Steue­rung vermu­tet man einen soge­nann­ten Brain­code. Wir gehen davon aus, dass dieser Brain­code nach sehr einfa­chen Regeln funk­tio­niert. Diese Regeln möch­ten wir verste­hen und damit den Code knacken.

Was muss ich mir da vorstellen?

Es sieht aus, als ob unser Hirn wenig mit der Art und Weise, wie ein Compu­ter funk­tio­niert, zu tun hat, und neuro­nale Netz­werke nicht so intel­li­gent sind, wie dies oftmals etwas reis­se­risch in den Medien präsen­tiert wird. Viel­mehr scheint das Hirn ein Super­or­ga­nis­mus zu sein, zusam­men­ge­setzt aus Milli­ar­den von Akteu­ren. Will heis­sen, das Hirn funk­tio­niert viel­leicht auf eine bis heute noch nicht nach­voll­zieh­bare Art und emer­gente Weise, denn wir verste­hen die zugrunde liegen­den Regeln noch nicht, vorstell­bar wie ein Fisch­schwarm oder Amei­sen­hau­fen. Wenige Amei­sen unter­ein­an­der prozes­sie­ren einfa­che loka­len Regeln. Ein ganze Amei­sen­ko­lo­nie aber ist etwas sehr Intel­li­gen­tes und zeigte Verhal­tens­mu­ster auf, die nicht ohne Weite­res aus den Regeln ableit­bar sind. Dies nennt man ein emer­gen­tes System, ähnlich wie unser Hirn.

Was Intel­li­genz ist, wollen Sie jetzt herausfinden?

Ja, wir wollen quali­ta­tiv heraus­fin­den, was eigent­lich das Prin­zip der Intel­li­genz ist und nicht einfach einen schnel­len Compu­ter bauen, der Mengen von Daten stati­stisch aufbe­rei­tet. Das ist unsere Ausrich­tung. Es ist posi­tiv, wenn immer mehr führende KI-Exper­ten zum Schluss kommen, dass Deep Lear­ning und Big Data uns nicht zu künst­li­cher Intel­li­genz führen wird. Mit Mind­fire wollen wir heraus­fin­den, was das Geheim­nis der Intel­li­genz ist und wie dieses in nütz­li­che Anwen­dun­gen trans­fe­riert werden kann.

Und wie gehen Sie vor?

Zu unzäh­li­gen Krank­hei­ten gibt es sehr viel Wissen und es wurden schon tausende von Studien verfasst. Auch daher sollte man eigent­li­chen die Spit­zen­for­schung besser einer intel­li­gen­ten Maschine über­las­sen. Steige ich als Forscher ein, um mich einem Gebiet wie Hirn­for­schung zu widmen, muss ich mich jahre­lang einle­sen, bis ich auf einem gewis­sen Wissens­stand bin und auch dann kann ich in einem ganzen Leben nur einen klei­nen Prozent­satz des vorhan­de­nen Wissens erfas­sen. Könnte man alles bereits existie­rende Wissen Maschi­nen über­ge­ben und dieses verknüp­fen, könnte man die Spit­zen­for­schung revo­lu­tio­nie­ren. Das käme dem Eintritt in ein golde­nes Zeit­al­ter gleich. Diese Idee treibt mich an. Und genau dieses Vorha­ben wollen wir mit Lab42 in Angriff nehmen, welches von der Mind­fire Stif­tung betrie­ben wird

Und so nähert Ihr euch diesem Braincode?

Entwe­der wir knacken diesen Brain­code hier in Europa – oder wenn wir es nicht machen, wird es ein gros­ses asia­ti­sches Land oder einer der gros­sen US-Tech Firmen tun.

Wie sieht der Zeit­ho­ri­zont aus?

Wir glau­ben, der Brain­code kann und muss in dieser Dekade bis 2029 geknackt werden. Die Uhr tickt. Haben wir den Code geknackt, können die Ergeb­nisse kommer­zia­li­siert werden – das geistige Eigen­tum bleibt in der Stiftung.

Wer wirkt bei der Forschung mit?

Zahl­rei­che Forscher:innen führen­der KI-Labs in Europa, an den ETHs, Univer­si­tä­ten und Schwei­zer Fach­hoch­schu­len. Auch Kantone, Gemein­den und inter­es­sante wohl­ha­bende Schwei­zer Einzel­per­so­nen unter­stüt­zen das Vorhaben

Mit Spark42 haben Sie bereits eine Austausch­platt­form geschaf­fen. Was leistet diese?

Diese Platt­form vernetzt Forschungs­la­bors in der ganzen Welt. Es gibt hunderte von KI-Labo­ren und viele arbei­ten genau an dersel­ben Sache oder sie suchen nach einer Lösung für ein Problem, das schon x‑fach gelöst wurde.  Das macht wenig Sinn. Wich­tig und viel effi­zi­en­ter ist, die rich­tige Frage zu stel­len. Die Idee hinter Spark42 ist, dass Forschende möglichst einfach an bereits vorhan­de­nes Wissen heran­kom­men und auto­ma­ti­siert mit den passend­sten Forschern in Kontakt treten können.

Im Zusam­men­hang mit KI kommt schnell die Frage der Ethik auf: Wie begeg­nen Sie dem Thema?

Offen gespro­chen: Die Mensch­heit hat bis dato keinen guten Job in Bezug auf Ethik gelei­stet. Dies heisst nicht, dass wir uns darüber keine Gedan­ken machen, doch bereits bei Menschen­rech­ten scheint es keinen Konsens zu geben. Wir haben uns mit vielen Ethiker:innen ausge­tauscht und führen ein eige­nes Ethik Board. Ein Konsens in Bezug auf KI erachte ich aller­dings als unrea­li­stisch, bis dahin würden viele wert­volle Jahre verge­hen, falls über­haupt jemals ein Konsens gefun­den würde. Auto­kra­ti­sche Systeme würde sich über solche Leit­plan­ken hinweg­set­zen, also bin ich dafür, voran­zu­ge­hen, so schnell wie möglich, um über­haupt den Dialog gestal­ten zu können.

Weshalb ist Tempo wichtig?

China baut KI für den Staat. Die USA machen dies für Unter­neh­men und Europa täte gut daran, einen drit­ten Weg zu beschrei­ten, nämlich KI für den Menschen zu bauen. Die Mind­fire Stif­tung baut KI für die Menschen. Dort wollen wir mit LAB42 hin. Von Menschen für den Menschen.

Als Gesell­schafts­for­men haben Sie zum einen eine gemein­nüt­zige Stif­tung gewählt und zum ande­ren eine AG. Was sind die Über­le­gun­gen dazu?

Wir haben uns das Konstrukt der AO Foun­da­tion in Davos genau ange­schaut. Diese hatte zu Beginn eine Stif­tung, die AO Foun­da­tion, welche die Intel­lec­tual Property (IP), das geistige Eigen­tum führen­der Chir­ur­gen im Berei­che Knochen­hei­lung und Knochen­fak­tu­ren doku­men­tiert und bewahrt hat. Denn ein Top Forscher oder eine Top Forsche­rin gibt nicht einfach sein Wissen an eine Akti­en­ge­sell­schaft, deren Zweck rasch auch mal geän­dert werden kann. Stimmt der Zweck einer Stif­tung, ist die IP gut aufge­ho­ben. Denn diese hat die nötige Kredi­bi­li­tät, weil der Zweck einer Stif­tung unver­än­dert blei­ben muss. Die AG, in diesem Fall Synthes, welches durch Hans­jürg Wyss welt­weit bekannt wurde, durfte gemäss Stif­tungs­zweck der AO Foun­da­tion die Forschungs­er­geb­nisse kommer­zia­li­sie­ren. Und genau dieses Setting hat uns inspi­riert. Die Mind­fire Foun­da­tion sammelt das Wissen aller, die bei uns zur KI forschen. Die Akti­en­ge­sell­schaft soll das Wissen gemäss dem Stif­tungs­zweck zum Wohle der Menschen kommerzialisieren.

Und das ist attrak­tiv für Forschende?

Ja, das ist inter­es­sant für Talente. Bei Google und Face­book gehört die IP der Firma. Bei Mind­fire LAB42 läuft das anders. Wir haben ein Format, das jede Idee in der Forschung mitschnei­det und aufzeich­net. Wenn zwei Forschende mitein­an­der disku­tie­ren, etwas weiter­ent­wickeln, setzen sie eine VR-Brille auf und tref­fen sich quasi im perfek­ten KI-Land oder «Aiverse». So kann man immer zurück­ver­fol­gen, wer die ursprüng­li­che Idee hatte, wer zu welcher Schluss­fol­ge­rung gelangte, wer was beigetra­gen hat. Das schät­zen unsere Forscher.

Und was geschieht mit diesen Daten?

Die Essenz dieser Ideen sollen dann einem oder einer künst­li­chen Wissenschafter:in über­ge­ben werden. Diese wüsste einfach alles, was bekannt ist, auch die bereits vorhan­dene Grund­la­gen­for­schung und kann daraus eigene Schlüsse ziehen und krea­tive neue Ansätze vorschla­gen oder sogar selber verfolgen

Übri­gens: Eine Umfrage bei Forschen­den ergab, dass sie vor einer solchen virtu­el­len Wissenschafter:in Respekt, aber keines­wegs Angst hätten.

Und weshalb forschen Sie in Davos?

Es war immer unsere Vision, aus der Schweiz heraus ein natio­na­les Insti­tut für KI zu bauen, welches welt­weit einzig­ar­tig ist und einen klaren Fokus auf Anwen­dun­gen hat. Die Frage zum Stand­ort war dabei wich­tig und der Gedanke eines Insti­tuts in der Science City Davos in den Schwei­zer Alpen faszi­nierte uns. Das WEF geniesst weit über die Landes­gren­zen hinaus eine grosse Ausstrah­lung und Davos verfügt nicht zuletzt deshalb über eine gute Infra­struk­tur. Und mit dem Stand­ort Davos konn­ten wir errei­chen, keinen Rösti­gra­ben aufzu­reis­sen und quasi auf neutra­lem Terrain ein schweiz­weit vernetz­tes KI-Insti­tut zu bauen, welches auch global top vernetzt ist. Heute unter­stüt­zen uns bei unse­rem natio­na­len KI-Lab alle namhaf­ten Insti­tute in der Schweiz.

Zieht das Lab42 Forschende aufs Land?

Viele inter­na­tio­nale Forschende kennen Davos wegen des WEF. Wir haben zudem welt­weit Talente gefragt, wo sie geogra­fisch am lieb­sten arbei­ten. Über­ra­schen­der­weise ist das nicht Shang­hai oder Singa­pur, sondern die Antwort war: irgendwo in einer schö­nen Gegend mit einer tollen Natur und guter Infra­struk­tur. Davos bietet genau das. Und Davos hat sich zu einer Art Science-City entwickelt. Es gibt hier vier welt­füh­rende Insti­tute, die uns moti­vie­ren, dereinst im Berei­che KI eben­falls auf Welt­ni­veau mithal­ten zu können – zum Wohle den Menschen.

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