Ein Team von Ärzte ohne Grenzen in einer mobilen Klinin in Azarieh, in Beirut, wo 100 vertriebene Familien Zuflucht suchen, Bild: Maryam Srour, MSF

Doppelte Belas­tung für lokale Mitarbeitende

HEKS und seine Partnerorganisation Association Najdeh engagieren sich genauso wie Ärzte ohne Grenzen für die Menschen, die unter den Folgen des Krieges im Nahen Osten leiden. Besonders belastend ist die Situation für die lokalen Mitarbeitenden.

Während der mili­tä­ri­sche Konflikt im Nahen Osten unver­min­dert weiter­geht, enga­gie­ren sich huma­ni­täre Orga­ni­sa­tio­nen für die Menschen vor Ort. Schon vor den Angrif­fen der USA und Israel waren Ärzte ohne Gren­zen im Liba­non und im Iran enga­giert. Auch HEKS bietet zusam­men mit seiner Part­ner­or­ga­ni­sa­tion Asso­cia­tion Najdeh im Liba­non huma­ni­täre Hilfe. 

Tempo der Eska­la­tion über­for­dert die Hilfsmassnahmen

«Die Lage hat sich seit Beginn der Eska­la­tio­nen verschlech­tert», sagt Dima Wehbi. Die HEKS-Landes­di­rek­to­rin erlebt die Not vor Ort im Liba­non. «Die Zahl der Todes­op­fer ist auf über 400 gestie­gen, darun­ter mindes­tens 83 Kinder. Über 1000 Menschen sind verletzt, wobei diese Zahlen die Opfer von gestern (Montag) noch nicht enthal­ten.» Wehbi erzählt von der schwie­ri­gen Situa­tion. Die Hilfs­mass­nah­men könn­ten mit dem Tempo der Eska­la­tion nicht Schritt halten. Die Ressour­cen sind erschöpft. Die Finanz­mit­tel reichen nicht. «Die Zahl der Binnen­ver­trie­be­nen hat eine halbe Million über­schrit­ten und wird auf fast eine Million geschätzt, da sich nicht alle Menschen bei den zustän­di­gen Behör­den als Binnen­ge­flüch­tete regis­trie­ren lassen», sagt Wehbi. Öffent­li­che Schu­len wurden zu Notun­ter­künf­ten umfunktioniert. 

Nothilfe im Liba­non im 2024, Bild: Najdeh/HEKS/EPER

Yvonne Eckert, Medi­en­spre­che­rin von Ärzte ohne Gren­zen, berich­tet von der sich täglich ändern­den Situa­tion der Mitar­bei­ten­den im Liba­non. In Saida, der dritt­gröss­ten Stadt Liba­nons, hat Ärzte ohne Gren­zen an einem Tag über 70 Behand­lun­gen durch­ge­führt, inklu­sive psycho­lo­gi­scher Erster Hilfe. «Auch in Barja (Chouf-Gebiet), wo rund 10’000 Menschen Unter­schlupf gesucht haben, haben wir eine mobile Klinik aufge­baut», sagt Eckert. Zusätz­lich eröff­nete Ärzte ohne Gren­zen in Bebnine (Akkar) im Norden des Landes sowie in Beirut und der Bekaa-Region mobile Kliniken. 

Die huma­ni­täre Orga­ni­sa­tion bietet auch über Hotlines psycho­lo­gi­sche Hilfe an für Menschen, die unter­wegs sind. «In Naba­ti­yeh und Südli­ba­non muss­ten wir unsere Akti­vi­tä­ten aufgrund von Evaku­ie­rungs­an­ord­nun­gen und mangeln­den Sicher­heits­ga­ran­tien für unsere Mitar­bei­ten­den ausset­zen», sagt Eckert. Die Teams von Ärzte ohne Gren­zen würden jedoch weiter­hin nach Möglich­kei­ten suchen, um in der Region Hilfe zu leis­ten. «Bestehende Projekte in Bourj Hamm­oud (Beirut) und Arsal (Provinz Baal­bek-Hermel) laufen weiter», sagt sie. Im Iran war Ärzte ohne Gren­zen vor dem 28. Februar mit drei Projek­ten vor Ort. Die Bombar­die­run­gen haben jedoch Folgen für die Arbeit. So sei die Klinik in Tehe­ran vorüber­ge­hend geschlos­sen. Die Klini­ken in Maschhad und Kerman blie­ben dage­gen offen. Ärzte ohne Gren­zen ist seit vielen Jahren im Iran tätig. Mit ihrem Einsatz trägt die Orga­ni­sa­tion dazu bei, Lücken in der Gesund­heits­ver­sor­gung zu schliessen.

Dima Wehbi, Bild: Ester Unterfinger/HEKS/EPER

Fürsor­ge­pflicht der Hilfsorganisationen

Um trotz der Situa­tion vor Ort Patient:innen und Mitar­bei­tende zu schüt­zen, befol­gen huma­ni­täre Orga­ni­sa­tio­nen wie Ärzte ohne Gren­zen strenge Sicher­heits­pro­to­kolle. Yvonne Eckert sagt: «Detail­lierte Notfall­pläne und Einsatz­pro­to­kolle helfen bei der Bewäl­ti­gung schwie­ri­ger Situa­tio­nen. Ärzte ohne Gren­zen ist sich bewusst, dass Mitar­bei­tende in Konflikt­ge­bie­ten über längere Zeit extre­mem Stress, Gewalt und persön­li­chem Verlust ausge­setzt sind.» Sie weist zudem auf die loka­len Mitar­bei­ten­den hin, die vom Konflikt persön­lich betrof­fen sind. Sie müssen sich neben der huma­ni­tä­ren Arbeit um ihre eige­nen Fami­lien kümmern. Eckert weist denn auch auf die Fürsor­ge­pflicht hin. Dazu gehöre, sicher­zu­stel­len, «dass alle Mitar­bei­ten­den über Risi­ken gut infor­miert sind und dass ihre körper­li­che und psychi­sche Gesund­heit so weit wie möglich geschützt wird.»

Auch Dima Wehbi kennt die schwie­rige persön­li­che Situa­tion der loka­len Mitar­bei­ten­den. «Die meis­ten Mitar­bei­ten­den unse­rer Part­ner­or­ga­ni­sa­tion sind paläs­ti­nen­si­sche Geflüch­tete, die ohne­hin schon unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen leben und nun entwe­der vertrie­ben wurden oder von Vertrei­bung bedroht sind.» HEKS und die Part­ner­or­ga­ni­sa­tion Najdeh würden alles tun, um die Mitar­bei­ten­den in diesen schwie­ri­gen Zeiten zu unter­stüt­zen, sagt sie.

Am 7. März 2026 eröff­nete Ärzte ohne Gren­zen zusätz­li­che mobile Klini­ken in Beirut und Bekaa, Bild: MSF

Prekäre Versor­gungs­lage

Aktu­ell brau­chen die Menschen am drin­gends­ten Lebens­mit­tel, Wasser sowie Bett­zeug, Matrat­zen, Kissen und Decken. Dima Wehbi erwähnt auch das noch immer kalte Wetter im Liba­non. «Auch Bargeld ist eine Möglich­keit, die HEKS in Betracht zieht, da es den Fami­lien ermög­licht, selbst zu entschei­den, wie sie ihre Bedürf­nisse prio­ri­sie­ren und decken möch­ten», sagt sie. Und Yvonne Eckert ergänzt die prekäre Lage der medi­zi­ni­schen Versor­gung. «Es fehlt vor allem an Medi­ka­men­ten gegen chro­ni­sche Erkran­kun­gen und an Notfall­me­di­ka­men­ten.» Die Einrich­tun­gen seien über­las­tet. Und auch psychisch bräuch­ten sie Unter­stüt­zung. Zudem sei die Lage von Frauen und Mädchen beson­ders schwie­rig. Eckert sagt: «Fehlende Privat­sphäre erhöht das Risiko sexua­li­sier­ter und geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt für Frauen und Mädchen.»