Während der militärische Konflikt im Nahen Osten unvermindert weitergeht, engagieren sich humanitäre Organisationen für die Menschen vor Ort. Schon vor den Angriffen der USA und Israel waren Ärzte ohne Grenzen im Libanon und im Iran engagiert. Auch HEKS bietet zusammen mit seiner Partnerorganisation Association Najdeh im Libanon humanitäre Hilfe.
Tempo der Eskalation überfordert die Hilfsmassnahmen
«Die Lage hat sich seit Beginn der Eskalationen verschlechtert», sagt Dima Wehbi. Die HEKS-Landesdirektorin erlebt die Not vor Ort im Libanon. «Die Zahl der Todesopfer ist auf über 400 gestiegen, darunter mindestens 83 Kinder. Über 1000 Menschen sind verletzt, wobei diese Zahlen die Opfer von gestern (Montag) noch nicht enthalten.» Wehbi erzählt von der schwierigen Situation. Die Hilfsmassnahmen könnten mit dem Tempo der Eskalation nicht Schritt halten. Die Ressourcen sind erschöpft. Die Finanzmittel reichen nicht. «Die Zahl der Binnenvertriebenen hat eine halbe Million überschritten und wird auf fast eine Million geschätzt, da sich nicht alle Menschen bei den zuständigen Behörden als Binnengeflüchtete registrieren lassen», sagt Wehbi. Öffentliche Schulen wurden zu Notunterkünften umfunktioniert.

Yvonne Eckert, Mediensprecherin von Ärzte ohne Grenzen, berichtet von der sich täglich ändernden Situation der Mitarbeitenden im Libanon. In Saida, der drittgrössten Stadt Libanons, hat Ärzte ohne Grenzen an einem Tag über 70 Behandlungen durchgeführt, inklusive psychologischer Erster Hilfe. «Auch in Barja (Chouf-Gebiet), wo rund 10’000 Menschen Unterschlupf gesucht haben, haben wir eine mobile Klinik aufgebaut», sagt Eckert. Zusätzlich eröffnete Ärzte ohne Grenzen in Bebnine (Akkar) im Norden des Landes sowie in Beirut und der Bekaa-Region mobile Kliniken.
Die humanitäre Organisation bietet auch über Hotlines psychologische Hilfe an für Menschen, die unterwegs sind. «In Nabatiyeh und Südlibanon mussten wir unsere Aktivitäten aufgrund von Evakuierungsanordnungen und mangelnden Sicherheitsgarantien für unsere Mitarbeitenden aussetzen», sagt Eckert. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen würden jedoch weiterhin nach Möglichkeiten suchen, um in der Region Hilfe zu leisten. «Bestehende Projekte in Bourj Hammoud (Beirut) und Arsal (Provinz Baalbek-Hermel) laufen weiter», sagt sie. Im Iran war Ärzte ohne Grenzen vor dem 28. Februar mit drei Projekten vor Ort. Die Bombardierungen haben jedoch Folgen für die Arbeit. So sei die Klinik in Teheran vorübergehend geschlossen. Die Kliniken in Maschhad und Kerman blieben dagegen offen. Ärzte ohne Grenzen ist seit vielen Jahren im Iran tätig. Mit ihrem Einsatz trägt die Organisation dazu bei, Lücken in der Gesundheitsversorgung zu schliessen.

Fürsorgepflicht der Hilfsorganisationen
Um trotz der Situation vor Ort Patient:innen und Mitarbeitende zu schützen, befolgen humanitäre Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen strenge Sicherheitsprotokolle. Yvonne Eckert sagt: «Detaillierte Notfallpläne und Einsatzprotokolle helfen bei der Bewältigung schwieriger Situationen. Ärzte ohne Grenzen ist sich bewusst, dass Mitarbeitende in Konfliktgebieten über längere Zeit extremem Stress, Gewalt und persönlichem Verlust ausgesetzt sind.» Sie weist zudem auf die lokalen Mitarbeitenden hin, die vom Konflikt persönlich betroffen sind. Sie müssen sich neben der humanitären Arbeit um ihre eigenen Familien kümmern. Eckert weist denn auch auf die Fürsorgepflicht hin. Dazu gehöre, sicherzustellen, «dass alle Mitarbeitenden über Risiken gut informiert sind und dass ihre körperliche und psychische Gesundheit so weit wie möglich geschützt wird.»
Auch Dima Wehbi kennt die schwierige persönliche Situation der lokalen Mitarbeitenden. «Die meisten Mitarbeitenden unserer Partnerorganisation sind palästinensische Geflüchtete, die ohnehin schon unter schwierigen Bedingungen leben und nun entweder vertrieben wurden oder von Vertreibung bedroht sind.» HEKS und die Partnerorganisation Najdeh würden alles tun, um die Mitarbeitenden in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen, sagt sie.

Prekäre Versorgungslage
Aktuell brauchen die Menschen am dringendsten Lebensmittel, Wasser sowie Bettzeug, Matratzen, Kissen und Decken. Dima Wehbi erwähnt auch das noch immer kalte Wetter im Libanon. «Auch Bargeld ist eine Möglichkeit, die HEKS in Betracht zieht, da es den Familien ermöglicht, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Bedürfnisse priorisieren und decken möchten», sagt sie. Und Yvonne Eckert ergänzt die prekäre Lage der medizinischen Versorgung. «Es fehlt vor allem an Medikamenten gegen chronische Erkrankungen und an Notfallmedikamenten.» Die Einrichtungen seien überlastet. Und auch psychisch bräuchten sie Unterstützung. Zudem sei die Lage von Frauen und Mädchen besonders schwierig. Eckert sagt: «Fehlende Privatsphäre erhöht das Risiko sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt für Frauen und Mädchen.»


