Das Leben in einer immer komplexeren Welt fordert auch Schul- und Bildungsinstitutionen: Bis 2029 etwa sollen die Gymnasien der Schweiz einen neuen Lehrplan implementieren, zum Beispiel um Raum zu schaffen für Bildung über eine nachhaltige Entwicklung. Zugleich steigen die Herausforderungen auch an anderen Stellen, der Migrationsanteil der Gesellschaft steigt, es gibt eine neue Aufmerksamkeit auch für Bedürfnisse von Menschen mit neurologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus oder ADHS. «Klassenzusammensetzungen werden immer heterogener», sagt Christa Schmid-Meier, Expertin für KI und digitale Medien im Unterricht an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. «Auf digitale Medien zu verzichten, um diesen Herausforderungen zu begegnen – das käme unterlassener Hilfestellung gleich.»
Durch die Digitalisierung bieten sich nie dagewesene Möglichkeiten für die Bildung, besonders im Bereich der individuellen Förderung; also, um einzelne Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Die meisten Schulen der Schweiz sind mit Tablets oder vergleichbaren Geräten ausgestattet, die eine Vielzahl verschiedener Anwendungen ermöglichen: Ein Schüler, etwa mit Lese-Rechtschreib-Schwäche kann die Kamera seines Geräts über einen Text halten, um diesen in einfache Sprache übersetzen zu lassen. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte, die noch nicht geübt im Deutschen sind, können sich den Text in ihre Heimatsprache übersetzen lassen. Und Kinder mit Sehproblemen oder Legasthenie können die Vorlese-Funktion nutzen. «Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie Schulen oder Universitäten bereits digitale Geräte nutzen, um Barrieren abzubauen», sagt Schmid-Meier, «der digitale Raum kann aber noch viel mehr. Durch digitale Hilfsmittel lässt sich eine ganz neue Dimension des Lernens gestalten.»
Durchs alte Rom spazieren oder Smalltalk lernen
Hier ergeben sich gleich mehrere Möglichkeiten für Stiftungen, um ein attraktives Unterrichts- und Lernumfeld neu zu denken und mitzugestalten, egal ob an der Universität oder für das Klassenzimmer. Denkbar wären unter anderen:
QR-Codes: Tablets oder Smartphone können zum Portal werden, um eine digitale Vergangenheit zu erleben, statt nur über sie zu reden. «Schulen vermitteln nur noch das Restprogramm eines geschichtlichen Basiswissens», kritisiert etwa die NZZ. Mithilfe digitaler Anwendungen wäre ein virtueller Spaziergang durch das alte Rom möglich, oder eine Unterhaltung mit dem griechischen Philosophen Aristoteles über Philosophie.
Digitale Lernräume: Studien, etwa des Bildungsforschers John Hattie, zeigen, dass die individuelle Förderung einen erheblichen Anteil daran hat, was und wie viel ein Mensch lernt. «Sogar innerhalb des Schulzimmers lässt sich der Raum digital erweitern», sagt Schmid-Meier. «So kann eine Klasse mit jeweils sehr unterschiedlichen Kompetenzniveaus im selben Zimmer sitzen, sich digital aber in unterschiedlichen Räumen aufhalten.» Die Schüler:innen arbeiten am gleichen Thema, aber auf unterschiedlichen Lernniveaus oder mit verschiedenen Aufgabenformaten – immer passend für ihren jeweiligen Lernstand. Eine andere Möglichkeit wäre, das Klassenzimmer in verschiedene digitale Übungsräume für unterschiedliche Fächer aufzuteilen: Die einen üben gemeinsam Mathematik, während die anderen ihre Deutschkenntnisse vertiefen. In beiden Anwendungsbeispielen kann die Lehrperson den Lernfortschritt vom Laptop aus verfolgen und gezielt eingreifen, wenn eine Lerngruppe seine Hilfe braucht.
Inklusion: Schon heute gibt es Programme, die besonders auf Menschen im Spektrum der Neurodivergenz ausgerichtet sind. Autisten und Autistinnen etwa können mithilfe einer App üben, Smalltalk auszuhalten. Eine andere App, entwickelt vom Lehrer einer Schule in Winterthur, hilft einem Kind mit ADHS seine Impulse besser zu verstehen und Worte für das zu finden, was in ihm vorgeht.
Viele Anwendungen sind nur scheinbar inklusiv
Gerade im Bereich der Inklusion bieten digitale Instrumente besonderes Potenzial. Allerdings gibt es gerade dort auch noch grosse Probleme im Ansatz: Geholfen wird weniger den Menschen, die mit gesellschaftlichen Hindernissen ringen – stattdessen sollen ausgerechnet diese sich mithilfe der bisher entwickelten Apps häufig noch mehr anpassen.
«Viele dieser digitalen Programme zielen bisher noch darauf ab, dass Individuen trainieren sollen, gesellschaftlich normgerechter zu handeln», sagt Schmid-Meier. «Ich finde, wir sollten stattdessen Unterschiede akzeptieren und verschiedene Stärken individuell fördern – da erlebe ich noch viel Potenzial, bei dem gerade Stiftungen helfen könnten, einen Wandel mitzugestalten.»
Digitale Technologien, so Schmid-Meier, sollten nicht versuchen, alle gleich zu machen und Menschen zu normieren, sondern Individuen dabei unterstützen, selbstbestimmt ihren persönlichen Weg im Leben zu finden. «Ich bin überzeugt, dass digitale Medien dabei helfen können, Bildungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft voranzubringen – im Sinne einer guten Lernumgebung für alle.»
Digitaler Wandel als Chance für wirkungsorientierte Förderung
Gemeinsam mit der Stiftung Mercator Schweiz laden die Alliance Digitale und Spheriq Stiftungen dazu ein, den digitalen Wandel aktiv mitzugestalten – kritisch, konstruktiv und unabhängig vom digitalen Reifegrad. Eine begleitende Expertenartikel-Serie beleuchtet zentrale Fragen der digitalen Transformation und zeigt auf, wie digitale Themen sinnvoll in bestehende Förderschwerpunkte integriert werden können.
Ergänzt wird das Angebot durch eine interaktive Webinar-Reihe (Februar/März 2026) zu Kunst & Kultur, Bildung, Gesellschaft & Soziales sowie Umwelt & Klima.
Kostenloses Webinar für Förderorganisationen – Digitaler Wandel Bildung:
Mit Christa-Schmid-Meier und weiteren Fachexpert:innen
17. Februar 2026, 12.00 bis 13.00 Uhr
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