Sie sind mit dem Wirkungsfeld «Armut und Teilhabe» vor einem Jahr gestartet. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Es ist ein andauernder Prozess, in dem wir Resonanzen aus dem Feld einholen, es aber noch zu früh ist, um sie als Erkenntnisse zu teilen. Wir haben uns lange überlegt, welchen Beitrag wir in dem grossen Thema leisten können. Wir sind gestartet, indem wir mit sehr vielen Akteuren gesprochen haben. Stark beeinflusst hat uns auch der Forschungsbericht von All Together for Dignity ATD Vierte Welt, der 2023 als Ergebnis eines Aktionsforschungsprojekts publiziert worden ist, und den wir mit dem Kulturprozent finanziell unterstützt haben. Dieser behandelt die Frage von Armut in unserer Gesellschaft. Er hat hohe Wellen geworfen.
Auch wir müssen und wollen stärker partizipativ sein und Menschen mit Armutserfahrung involvieren.
Jessica Schnelle, Leiterin Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund
Was ist speziell an dem Bericht?
Der Bericht wurde in einem mehrjährigen Prozess konsequent partizipativ gestaltet: Menschen mit Armutserfahrungen haben gemeinsam mit Personen aus der Berufspraxis und Wissenschaft zusammengearbeitet. Das entspricht ja auch unserem sozialen Engagement. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass Menschen, die von den Angeboten profitieren sollen, bei der Entwicklung und Umsetzung mitwirken können. Das braucht eine grosse Entwicklung der Organisation, sich anders aufzustellen. Wir merken es auch bei uns selbst. Auch wir müssen und wollen stärker partizipativ sein und Menschen mit Armutserfahrung involvieren.
Wie funktioniert Partizipation von Menschen mit Armutserfahrung?
Das wollen wir gerade herausfinden. Wie können wir sie für unsere Anliegen gewinnen? Wie sind sie verfügbar? Können Sie in der Verbindlichkeit auch verfügbar sein? Für ein solches Programm sind wir auf eine gewisse Kontinuität angewiesen. Eventuell gibt es Zusammenhänge mit schlechter Gesundheit oder sich verändernden Wohnsitzen. Es braucht sehr viel Zeit. Hier haben wir die Herausforderung, dass sich unsere Förderzyklen aufgrund einer programmatischen Förderung und dem Anspruch an Flexibilität für neue Schwerpunkte insgesamt etwas verkürzen in der Zeit. Das kann im Widerspruch zur Partizipation stehen, die Vertrauen und Zeit benötigt.
Mit ATD Vierte Welt führen Sie 2025 und 2026 Dialogveranstaltungen durch. Fehlt in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für das Thema?
Es geht darum, verständlich zu machen, dass es zu verknappt ist zu meinen, dass es bei Armut rein um finanzielle Mittel geht. Im weltweiten Vergleich sind wir in der Schweiz wahrscheinlich auf einem anderen Niveau. Die Frage ist jedoch, was resultiert aus knappen Mitteln? Wo fehlt zum Beispiel die Entscheidungsfreiheit, wo man wohnen möchte, welche Lebensmittel man kaufen möchte, können die Kinder in einem Verein angemeldet werden oder können sie ins Lager mitgehen? Es geht also darum, dass aufgrund der finanziellen Knappheit die Teilhabe an Alltagsaktivitäten und Chancengerechtigkeit verwehrt bleibt. Das ist das eigentlich Relevante. Die Dialogveranstaltungen klären auf über die Folgen eines Lebens im Armutskontext. Und sie bieten die Möglichkeit, dass Menschen, die sich für das Thema interessieren, in den Dialog kommen mit Menschen, die Armutserfahrung haben. Die Menschen diskutieren, wer welche Rolle und wer welches Recht hat.
Ist das Thema auch mit einem Tabu belegt?
Ja, es gibt eine grosse Tabuisierung. Armut wird mit einer persönlichen Schwäche oder mit einem persönlichen Versagen assoziiert. Das Verständnis dafür, wie jemand in eine solche Situation geraten kann, welche Stressoren damit verbunden sind und wieso es schwierig ist, aus den Situationen auszubrechen, ist wichtig.
Viele Menschen mit Armutserfahrung haben wenig oder keinen Zugang zu digitalen Mitteln oder es fehlt ihnen die digitale Grundkompetenz.
Jessica Schnelle
Gewinnt das Thema Armut an Bedeutung?
Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass das Thema der Lebenshaltungskosten in den nächsten Jahren uns alle noch viel stärker beanspruchen wird, auch aufgrund der gestiegenen Gesundheitskosten, der Versicherungsprämien und der Mieten, dann rückt das Thema Armut stärker ins Zentrum. Die Entwicklung führt dazu, dass die gesellschaftliche Mitte eher erodieren wird. Armut oder die Armutserfahrung kann als Brandbeschleuniger wirken, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht.
Sie legen mit der neuen Ausschreibung «Rein ins Netz!», die Sie am 23. Juni lanciert haben, einen Fokus auf die Digitalisierung. Wie passt das in Ihre Fördertätigkeit des Migros-Kulturprozent?
Wir wollen mit unserer Förderung ein Wirkungsfeld strategisch bearbeiten. Wir behandeln ein Thema für rund fünf Jahre. Wir definieren, was wir in dieser Zeit in der Gesellschaft verändern wollen. Das eine ist, dass wir breite Bevölkerungskreise zum Thema Armut sensibilisieren wollen. Das machen wir u.a. mit der Kooperation, die wir mit ATD Vierte Welt führen. Gleichzeitig haben wir zwei Schwerpunkte zur sozialen Teilhabe definiert. Im ersten ging es um benachteiligte Jugendliche zwischen 13 und 25 Jahren. Hierzu haben wir 2024 die Ausschreibung «Rein ins Leben!» lanciert und 33 Projekte mit rund 426’000 Franken unterstützt. Im zweiten wollen wir die digitale Teilhabe fördern.
Weshalb ist das Thema in diesem Kontext relevant?
Viele Menschen mit Armutserfahrung haben wenig oder keinen Zugang zu digitalen Mitteln oder es fehlt ihnen die digitale Grundkompetenz. Viele Aufgaben im Alltag wurden digitalisiert: die Terminreservierung beim Arzt, das Zugbillett lösen, Bankgeschäfte oder Meldeprozesse in der Verwaltung. Die Kommunikation läuft digital. Ohne den entsprechenden Zugang – sei es aufgrund fehlender Endgeräte, mangelnden Internetzugangs oder unzureichender digitaler Kompetenz – ist jemand ausgeschlossen und wird abgehängt.
Ist es eine gesamtgesellschaftliche Fragestellung?
Ein wesentlicher Treiber unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist die fortschreitende Technologisierung. Diese läuft disruptiv. Wenn es jetzt quasi schon absehbar ist, dass manche Personen nicht daran teilhaben können, dann wird sich die digitale Kluft für sie weiter verschärfen. Darum ist es wichtig, die digitale Teilhabe aktiv zu fördern. Es gibt auch bereits Kantone, die sich dem Thema angenommen haben. Wirklich vorbildlich macht es der Kanton Genf, bspw. mit einer umfassenden Digitalisierungsstrategie, in der auch die digitale Teilhabe u.a. mit einer jährlichen Ausschreibung stark berücksichtigt wird. Auch Liechtenstein hat bereits eine politische Gesamtstrategie. In der Schweiz stehen wir diesbezüglich am Anfang. Daran müssen sich alle beteiligen, Unternehmen, die öffentliche Hand aber auch die Philanthropie.
Wie würde das Angebot aussehen, wenn es stärker auch auf Menschen mit Armutserfahrung ausgerichtet wäre?
Jessica Schnelle
Was fehlt?
Sowohl Forschungsbefunde als auch Gespräche mit Akteuren zeigen auf, dass Angebote fehlen, die die digitale Kompetenz – idealerweise in einem Peer-to-Peer-Ansatz – stärken. Dass nicht Expert:innen, sondern Menschen mit Armutserfahrung selbst das Wissen vermitteln, wird von den Zielgruppen gewünscht. Mit unserer Ausschreibung möchten wir Projekte stärken, diese Perspektive zu berücksichtigen oder zu entwickeln.
Welche Projekte suchen Sie mit der neuen Ausschreibung?
Wir suchen insbesondere bereits bestehende Projekte, die sich mit dem Thema der Digitalisierung beschäftigen. Diese wollen wir unterstützen, das Angebot auf Menschen mit Armutserfahrung auszuweiten. Über 30 Prozent der Menschen fehlt es an digitalen Grundkompetenzen und Menschen, die Armutserfahrung haben, sind überproportional häufig – das ist ein Ergebnis des Digitalbarometers 2024 der Mobiliar.
Sie suchen keine neuen Projekte?
Es kann beides sein. Aber wir wollen keine «Projektitis» fördern. Es gibt beispielsweise heute schon Projekte, in denen Jugendliche Senioren helfen oder Digitaltreffs für ältere Menschen in Gemeinden. Wer bereits solche Projekte anbietet, den wollen wir dazu ermutigen, sich zu fragen: Wie würde das Angebot aussehen, wenn es stärker auch auf Menschen mit Armutserfahrung ausgerichtet wäre?

Ausschreibung
Mit der Ausschreibung «Rein ins Netz!» unterstützt das Migros-Kulturprozent mit 2000 bis 10’000 Franken Projekte, die finanziell benachteiligten Personen jeden Alters digitale Kompetenzen vermitteln – praxisnah, vor Ort und auf Augenhöhe. Die Ausschreibung läuft vom 23. Juni bis 31. Oktober 2025: Weitere Informationen zur Ausschreibung


