Jessica Schnelle, Bild: Nicolas Zonvi

Digi­tale Teil­habe für Menschen mit Armutserfahrung

Menschen mit Armutserfahrung sind stärker von digitalen Angeboten ausgeschlossen – was sie noch stärker aus dem gesellschaftlichen Leben drängt. Jessica Schnelle, Leiterin Soziales bei der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund sagt, was das Migros-Kulturprozent im Thema Armut bewegen will und wie die Ausschreibung «Rein ins Netz!» wirken soll.

Sie sind mit dem Wirkungs­feld «Armut und Teil­habe» vor einem Jahr gestar­tet. Wie sind die ersten Erfahrungen?

Es ist ein andau­ern­der Prozess, in dem wir Reso­nan­zen aus dem Feld einho­len, es aber noch zu früh ist, um sie als Erkennt­nisse zu teilen.  Wir haben uns lange über­legt, welchen Beitrag wir in dem gros­sen Thema leis­ten können. Wir sind gestar­tet, indem wir mit sehr vielen Akteu­ren gespro­chen haben. Stark beein­flusst hat uns auch der Forschungs­be­richt von All Toge­ther for Dignity ATD Vierte Welt, der 2023 als Ergeb­nis eines Akti­ons­for­schungs­pro­jekts publi­ziert worden ist, und den wir mit dem Kultur­pro­zent finan­zi­ell unter­stützt haben. Dieser behan­delt die Frage von Armut in unse­rer Gesell­schaft. Er hat hohe Wellen geworfen.

Auch wir müssen und wollen stär­ker parti­zi­pa­tiv sein und Menschen mit Armut­s­er­fah­rung involvieren.

Jessica Schnelle, Leite­rin Sozia­les bei der Direk­tion Gesell­schaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund

Was ist spezi­ell an dem Bericht?

Der Bericht wurde in einem mehr­jäh­ri­gen Prozess konse­quent parti­zi­pa­tiv gestal­tet: Menschen mit Armut­s­er­fah­run­gen haben gemein­sam mit Perso­nen aus der Berufs­pra­xis und Wissen­schaft zusam­men­ge­ar­bei­tet. Das entspricht ja auch unse­rem sozia­len Enga­ge­ment. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass Menschen, die von den Ange­bo­ten profi­tie­ren sollen, bei der Entwick­lung und Umset­zung mitwir­ken können. Das braucht eine grosse Entwick­lung der Orga­ni­sa­tion, sich anders aufzu­stel­len. Wir merken es auch bei uns selbst. Auch wir müssen und wollen stär­ker parti­zi­pa­tiv sein und Menschen mit Armut­s­er­fah­rung involvieren.

Wie funk­tio­niert Parti­zi­pa­tion von Menschen mit Armutserfahrung?

Das wollen wir gerade heraus­fin­den. Wie können wir sie für unsere Anlie­gen gewin­nen? Wie sind sie verfüg­bar? Können Sie in der Verbind­lich­keit auch verfüg­bar sein? Für ein solches Programm sind wir auf eine gewisse Konti­nui­tät ange­wie­sen. Even­tu­ell gibt es Zusam­men­hänge mit schlech­ter Gesund­heit oder sich verän­dern­den Wohn­sit­zen. Es braucht sehr viel Zeit. Hier haben wir die Heraus­for­de­rung, dass sich unsere Förder­zy­klen aufgrund einer program­ma­ti­schen Förde­rung und dem Anspruch an Flexi­bi­li­tät für neue Schwer­punkte insge­samt etwas verkür­zen in der Zeit. Das kann im Wider­spruch zur Parti­zi­pa­tion stehen, die Vertrauen und Zeit benötigt.

Mit ATD Vierte Welt führen Sie 2025 und 2026 Dialog­ver­an­stal­tun­gen durch. Fehlt in der Öffent­lich­keit das Bewusst­sein für das Thema?

Es geht darum, verständ­lich zu machen, dass es zu verknappt ist zu meinen, dass es bei Armut rein um finan­zi­elle Mittel geht. Im welt­wei­ten Vergleich sind wir in der Schweiz wahr­schein­lich auf einem ande­ren Niveau. Die Frage ist jedoch, was resul­tiert aus knap­pen Mitteln? Wo fehlt zum Beispiel die Entschei­dungs­frei­heit, wo man wohnen möchte, welche Lebens­mit­tel man kaufen möchte, können die Kinder in einem Verein ange­mel­det werden oder können sie ins Lager mitge­hen? Es geht also darum, dass aufgrund der finan­zi­el­len Knapp­heit die Teil­habe an Alltags­ak­ti­vi­tä­ten und Chan­cen­ge­rech­tig­keit verwehrt bleibt. Das ist das eigent­lich Rele­vante. Die Dialog­ver­an­stal­tun­gen klären auf über die Folgen eines Lebens im Armuts­kon­text. Und sie bieten die Möglich­keit, dass Menschen, die sich für das Thema inter­es­sie­ren, in den Dialog kommen mit Menschen, die Armut­s­er­fah­rung haben. Die Menschen disku­tie­ren, wer welche Rolle und wer welches Recht hat.

Ist das Thema auch mit einem Tabu belegt?

Ja, es gibt eine grosse Tabui­sie­rung. Armut wird mit einer persön­li­chen Schwä­che oder mit einem persön­li­chen Versa­gen asso­zi­iert. Das Verständ­nis dafür, wie jemand in eine solche Situa­tion gera­ten kann, welche Stres­so­ren damit verbun­den sind und wieso es schwie­rig ist, aus den Situa­tio­nen auszu­bre­chen, ist wichtig.

Viele Menschen mit Armut­s­er­fah­rung haben wenig oder keinen Zugang zu digi­ta­len Mitteln oder es fehlt ihnen die digi­tale Grundkompetenz.

Jessica Schnelle

Gewinnt das Thema Armut an Bedeutung?

Wenn wir jetzt davon ausge­hen, dass das Thema der Lebens­hal­tungs­kos­ten in den nächs­ten Jahren uns alle noch viel stär­ker bean­spru­chen wird, auch aufgrund der gestie­ge­nen Gesund­heits­kos­ten, der Versi­che­rungs­prä­mien und der Mieten, dann rückt das Thema Armut stär­ker ins Zentrum. Die Entwick­lung führt dazu, dass die gesell­schaft­li­che Mitte eher erodie­ren wird. Armut oder die Armut­s­er­fah­rung kann als Brand­be­schleu­ni­ger wirken, der den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt bedroht.

Sie legen mit der neuen Ausschrei­bung «Rein ins Netz!», die Sie am 23. Juni lanciert haben, einen Fokus auf die Digi­ta­li­sie­rung. Wie passt das in Ihre Förder­tä­tig­keit des Migros-Kulturprozent?

Wir wollen mit unse­rer Förde­rung ein Wirkungs­feld stra­te­gisch bear­bei­ten. Wir behan­deln ein Thema für rund fünf Jahre. Wir defi­nie­ren, was wir in dieser Zeit in der Gesell­schaft verän­dern wollen. Das eine ist, dass wir breite Bevöl­ke­rungs­kreise zum Thema Armut sensi­bi­li­sie­ren wollen. Das machen wir u.a. mit der Koope­ra­tion, die wir mit ATD Vierte Welt führen. Gleich­zei­tig haben wir zwei Schwer­punkte zur sozia­len Teil­habe defi­niert. Im ersten ging es um benach­tei­ligte Jugend­li­che zwischen 13 und 25 Jahren. Hierzu haben wir 2024 die Ausschrei­bung «Rein ins Leben!» lanciert und 33 Projekte mit rund 426’000 Fran­ken unter­stützt. Im zwei­ten wollen wir die digi­tale Teil­habe fördern.

Weshalb ist das Thema in diesem Kontext relevant?

Viele Menschen mit Armut­s­er­fah­rung haben wenig oder keinen Zugang zu digi­ta­len Mitteln oder es fehlt ihnen die digi­tale Grund­kom­pe­tenz. Viele Aufga­ben im Alltag wurden digi­ta­li­siert: die Termin­re­ser­vie­rung beim Arzt, das Zugbil­lett lösen, Bank­ge­schäfte oder Melde­pro­zesse in der Verwal­tung. Die Kommu­ni­ka­tion läuft digi­tal. Ohne den entspre­chen­den Zugang – sei es aufgrund fehlen­der Endge­räte, mangeln­den Inter­net­zu­gangs oder unzu­rei­chen­der digi­ta­ler Kompe­tenz – ist jemand ausge­schlos­sen und wird abgehängt.

Ist es eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Fragestellung?

Ein wesent­li­cher Trei­ber unse­rer gesell­schaft­li­chen Entwick­lung ist die fort­schrei­tende Tech­no­lo­gi­sie­rung. Diese läuft disrup­tiv. Wenn es jetzt quasi schon abseh­bar ist, dass manche Perso­nen nicht daran teil­ha­ben können, dann wird sich die digi­tale Kluft für sie weiter verschär­fen. Darum ist es wich­tig, die digi­tale Teil­habe aktiv zu fördern.  Es gibt auch bereits Kantone, die sich dem Thema ange­nom­men haben. Wirk­lich vorbild­lich macht es der Kanton Genf, bspw. mit einer umfas­sen­den Digi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gie, in der auch die digi­tale Teil­habe u.a. mit einer jähr­li­chen Ausschrei­bung stark berück­sich­tigt wird.  Auch Liech­ten­stein hat bereits eine poli­ti­sche Gesamt­stra­te­gie. In der Schweiz stehen wir dies­be­züg­lich am Anfang. Daran müssen sich alle betei­li­gen, Unter­neh­men, die öffent­li­che Hand aber auch die Philanthropie.

Wie würde das Ange­bot ausse­hen, wenn es stär­ker auch auf Menschen mit Armut­s­er­fah­rung ausge­rich­tet wäre?

Jessica Schnelle

Was fehlt?

Sowohl Forschungs­be­funde als auch Gesprä­che mit Akteu­ren zeigen auf, dass Ange­bote fehlen, die die digi­tale Kompe­tenz – idea­ler­weise in einem Peer-to-Peer-Ansatz – stär­ken. Dass nicht Expert:innen, sondern Menschen mit Armut­s­er­fah­rung selbst das Wissen vermit­teln, wird von den Ziel­grup­pen gewünscht. Mit unse­rer Ausschrei­bung möch­ten wir Projekte stär­ken, diese Perspek­tive zu berück­sich­ti­gen oder zu entwickeln.

Welche Projekte suchen Sie mit der neuen Ausschreibung?

Wir suchen insbe­son­dere bereits bestehende Projekte, die sich mit dem Thema der Digi­ta­li­sie­rung beschäf­ti­gen. Diese wollen wir unter­stüt­zen, das Ange­bot auf Menschen mit Armut­s­er­fah­rung auszu­wei­ten. Über 30 Prozent der Menschen fehlt es an digi­ta­len Grund­kom­pe­ten­zen und Menschen, die Armut­s­er­fah­rung haben, sind über­pro­por­tio­nal häufig – das ist ein Ergeb­nis des Digi­tal­ba­ro­me­ters 2024 der Mobiliar.

Sie suchen keine neuen Projekte?

Es kann beides sein. Aber wir wollen keine «Projek­ti­tis» fördern. Es gibt beispiels­weise heute schon Projekte, in denen Jugend­li­che Senio­ren helfen oder Digi­tal­treffs für ältere Menschen in Gemein­den. Wer bereits solche Projekte anbie­tet, den wollen wir dazu ermu­ti­gen, sich zu fragen: Wie würde das Ange­bot ausse­hen, wenn es stär­ker auch auf Menschen mit Armut­s­er­fah­rung ausge­rich­tet wäre?


Ausschrei­bung

Mit der Ausschrei­bung «Rein ins Netz!» unter­stützt das Migros-Kultur­pro­zent mit 2000 bis 10’000 Fran­ken Projekte, die finan­zi­ell benach­tei­lig­ten Perso­nen jeden Alters digi­tale Kompe­ten­zen vermit­teln – praxis­nah, vor Ort und auf Augen­höhe. Die Ausschrei­bung läuft vom 23. Juni bis 31. Okto­ber 2025: Weitere Infor­ma­tio­nen zur Ausschreibung

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