Digi­tale Revo­lu­tion: Gefahr oder doch Chance auf eine nach­hal­tige Zukunft?

In einer durchtechnologisierten Gesellschaft sind Nachhaltigkeit und Umweltschutz nur noch dann ernsthaft diskutierbar, wenn man technologische Aspekte berücksichtigt. Für Stiftungen liegt hier ein grosses Potenzial, einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten. Studien oder Experimente helfen, ins Handeln zu kommen. Der folgende Impulsartikel, von Alliance Digitale, der Stiftung Mercator Schweiz und Spheriq ermöglicht, zeigt auf, wo Stiftungen gefragt sind.

Rechen­zen­tren brau­chen mehr Strom als Städte wie Zürich oder Berlin. Tendenz? Stei­gend. Kaum ein Gebiet treibt den Strom­ver­brauch derart schnell in immer neue Höhen wie Tech­no­lo­gien mit Künst­li­cher Intel­li­genz – auch wenn genaue Zahlen kaum jemand kennt: Grosse Tech­kon­zerne wie Google oder Open-AI geben ihren Strom­ver­brauch für KI-Entwick­lun­gen nicht geson­dert an.

Unbe­streit­bar ist: Die Digi­ta­li­sie­rung wächst zum viel­leicht gröss­ten gesell­schaft­li­chen Faktor, wenn es darum geht, das Klima und die Umwelt zu schüt­zen. Alleine in der Schweiz entfal­len etwa 12 Prozent des natio­na­len Stroms auf den digi­ta­len Sektor – etwa so viel wie 1,4 Millio­nen Haushalte.

Heraus­for­de­rung – und Chance

Die Digi­ta­li­sie­rung aller­dings auf den unstill­ba­ren Hunger auf Strom zu redu­zie­ren oder ausschliess­lich als weite­ren Trei­ber von CO2-Ausstös­sen zu verun­glimp­fen, wäre der Sach­lage nach unge­recht.

Digi­ta­li­sie­rung ist ein sozia­ler Verän­de­rungs­pro­zess. Die Art und Weise, wie wir zusam­men­le­ben, ändert sich grund­le­gend. Das hat auch Folgen für die Bezie­hung zwischen Mensch und Umwelt. Etwa forscht ein Team der Univer­si­tät Marburg daran, wie KI-Werk­zeuge dabei helfen können, bedrohte Arten schnel­ler der roten Liste zuzu­ord­nen – um beispiels­weise Tonauf­nah­men von Vögeln händisch auszu­wer­ten, zu über­prü­fen und mit verwand­ten Gesän­gen abzu­glei­chen, um die korrekte Art zu bestim­men, haben Forschende bisher mehrere Jahre aufge­wandt. Durch die Hilfe von KI-Anwen­dun­gen reichen dafür nun wenige Tage.

Digi­ta­li­sie­rung: massi­ver Einfluss auf unsere Umwelt

«Die Digi­ta­li­sie­rung hat einen immensen Impact auf unsere Umwelt», sagt auch Jan Bieser, Profes­sor für Digi­ta­li­sie­rung und Nach­hal­tig­keit an der Berner Fach­hoch­schule. «Nicht nur als Resul­tat tech­ni­scher Inno­va­tion, sondern als Trei­ber sozia­ler Verän­de­rung.»

Digi­tale Werk­zeuge haben beispiels­weise Home­of­fice möglich gemacht. Viele Arbeits­plätze liegen in städ­ti­schen Ballungs­räu­men, Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer pendeln also täglich, oft mit einem eige­nen PKW. Zwei Tage in der Woche die Arbeit von Zuhause aus zu erle­di­gen spart Benzin, redu­ziert den CO2-Ausstoss laut einer Studie des Insti­tuts für Zukunfts­stu­dien und Tech­no­lo­gie­be­wer­tung um bis zu 15 Millio­nen Tonnen und verrin­gert Umwelt­ver­schmut­zung durch Mikro­plas­tik von Auto­rei­fen-Abrieb.

«Ich unter­scheide zwischen dem Fuss­ab­druck und dem Hand­ab­druck der Digi­ta­li­sie­rung», sagt Jan Bieser, «Fuss­ab­druck, das sind Ener­gie­auf­wände, Ressour­cen­ver­bräu­che und CO2-Emmis­sio­nen durch die Tech­nik, wie etwa durch Rechen­zen­tren. Das belas­tet die Umwelt. Daher sollte der Fuss­ab­druck so nied­rig wie möglich gehal­ten werden. Sehr span­nend ist aber der Hand­ab­druck. Der kann auch sehr posi­tive Effekte erzie­len.»
Der Hand­ab­druck, das sind durch Tech­nik ausge­löste Verän­de­run­gen. Hier liegt eine Chance.

Hand­lungs­an­sätze für Stif­tun­gen im Bereich der Klima und Umwelt

Verän­de­run­gen sind selten defi­ni­tiv gut oder schlecht, sie sind Bewe­gung. Sobald man ihre Dyna­mi­ken versteht, öffnen sich Möglich­kei­ten, ihre Auswir­kun­gen zum Guten zu beein­flus­sen. Gerade hier sind Stif­tun­gen gefragt: Sie können Studien, Expe­ri­mente oder Pionier­pro­jekte ermög­li­chen, welche heraus­zu­fin­den helfen: Wo verläuft eine Entwick­lung im Sinne der Gesell­schaft, und wo geht es womög­lich in eine eher falsche Rich­tung, in der Strom­ver­brauch und Klima­scha­den schwe­rer wiegen als der viel­be­schwo­rene Vorteil einer gestei­ger­ten Effi­zi­enz?

Sind Ergeb­nisse erar­bei­tet, müssen diese auch einen Weg in die Gesell­schaft finden. Klas­si­sche Medien reichen als Sprach­rohr oft nicht aus. Podi­ums­dis­kus­sio­nen, inter­ak­tive Ausstel­lun­gen, Kultur­pro­jekte oder vor allem auch digi­tale Verbrei­tungs­ka­näle zum Mass­nah­men einer nach­hal­ti­gen Digi­ta­li­sie­rung  könn­ten von der Unter­stüt­zung durch Stif­tun­gen profi­tie­ren – oder sind durch eine solche Unter­stüt­zung gar erst möglich. 

Gerade bei Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen der Digi­ta­li­sie­rung ist es so wich­tig wie kaum in einem ande­ren Bereich, Risiko und Nutzen einer Idee abzu­wä­gen und diffe­ren­ziert einzu­ord­nen.

Ein Beispiel gewünscht? Selbst­fah­rende Autos etwa könn­ten durch Neugier auf die Tech­no­lo­gie oder auch durch das Verspre­chen nach Komfort das Auto­fah­ren attrak­ti­ver machen; das würde Umwelt­be­las­tun­gen erhö­hen. Mit selbst­fah­ren­den Syste­men könnte aber auch ein auto­ma­ti­sier­tes Rufbus­sys­tem auf dem Land einge­rich­tet werden. Gerade im struk­tur­schwa­chen länd­li­chen Raum könnte das den öffent­li­chen Nahver­kehr attrak­ti­ver machen – eine posi­tive Konse­quenz für den Klima- und Umwelt­schutz.

Und ein Wandel der Mach­bar­kei­ten: Bisher spre­chen selbst opti­mis­ti­sche Mach­bar­keits­stu­dien von mehr als 100 Milli­ar­den an notwen­di­gen Inves­ti­tio­nen für den Ausbau des öffent­li­chen Nahver­kehrs im struk­tur­schwa­chen länd­li­chen Raum – und Kriti­ker rech­nen auch dann nur mit einer stünd­li­chen Anbin­dung. In Deutsch­land kommt sogar eine von den Grünen im Bundes­tag in Auftrag gege­bene Unter­su­chung zum Schluss: Bei den mögli­chen Ergeb­nis­sen sei zu erwar­ten, dass die Menschen weiter­hin auf ihr eige­nes Auto setzen.

Alle Modelle gehen bisher von einem Szena­rio mit Lini­en­bus­sen aus, oder zumin­dest von Menschen gesteu­er­ten Rufbus­sen. Perso­nal­kos­ten, gerade wenn man viele Fahrer auch ohne Einsatz in stän­di­ger Bereit­schaft halten muss, spren­gen so schnell jedes Budget.

Digi­tale Entwick­lun­gen weiter zu erfor­schen und dann jenen Wandel zu unter­stüt­zen, der eine nach­hal­tige Entwick­lung verspricht – wenn eine Stif­tung in der Förde­rung auch diesen Weg wählt, widmet sie sich einem der wirk­mäch­tigs­ten Felder unse­rer Zeit, um unsere Zukunft als Gesell­schaft konstruk­tiv zu beeinflussen.

Land­wirt­schaft, Liefer­ket­ten, Büro­all­tag: Tech­no­lo­gien wirken überall

Wann ist eine Entwick­lung nach­hal­tig – und wann nicht? «Das kann man pauschal nicht vorher­sa­gen, meist hängt es von den konkre­ten Anwen­dun­gen ab», sagt Jan Bieser. «Grund­sätz­lich geht es darum, mithilfe von Digi­ta­li­sie­rung notwen­dige Verän­de­run­gen im Sinne der Nach­hal­tig­keit zu reali­sie­ren. Beispiels­weise von rein priva­ter zu geteil­ter Mobi­li­tät.»

Doch während uns Digi­ta­li­sie­rung soziale Möglich­kei­ten bietet, nach­hal­ti­ger zu werden, steigt der CO2-Ausstoss der Tech­no­lo­gien; in Irland etwa bean­spru­chen Rechen­zen­tren etwa 20 Prozent der natio­na­len Strom­ver­sor­gung. Der Ener­gie­be­darf einer komple­xen Anfrage an ein KI-Sprach­mo­dell ist hoch genug, um eine LED-Glüh­birne eine ganze Stunde lang leuch­ten zu lassen.

Ein Zurück in eine analoge Gesell­schaft gibt es aber nicht mehr. «Sicher­lich gibt es viele nach­hal­tige Akti­vi­tä­ten, die ohne Digi­ta­li­sie­rung auskom­men: Das Lesen eines Buchs. Freunde tref­fen. Sport machen. Aber in sehr vielen Berei­chen müssen wir uns auf eine zuneh­mende Digi­ta­li­sie­rung einstel­len», sagt Jan Bieser. «Von Land­wirt­schaft über Liefer­ket­ten bis zur Mobi­li­tät öffnen digi­tale Tech­no­lo­gien so eini­ges an Poten­zial, um unser Zusam­men­le­ben nach­hal­ti­ger zu gestal­ten.»

Obwohl es so viel Poten­zial gibt, sind da bisher vor allem Fragen. Wie viel genau lässt sich einspa­ren? Durch konkret welche Mass­nah­men? Auch hier ist ein konstruk­ti­ver gesell­schaft­li­cher Wandel abhän­gig von der Unter­stüt­zung und dem Zuspruch wohl­mei­nen­der Part­ner wie Stif­tun­gen. Nur, indem eine Viel­zahl von Mühen zusam­men­kommt, werden aus Zukunfts­fra­gen belast­bare und nach­hal­tige Antworten.


Digi­ta­ler Wandel als Chance für wirkungs­ori­en­tierte Förde­rung

Gemein­sam mit der Stif­tung Merca­tor Schweiz laden die Alli­ance Digi­tale und Sphe­riq Stif­tun­gen dazu ein, den digi­ta­len Wandel aktiv mitzu­ge­stal­ten – kritisch, konstruk­tiv und unab­hän­gig vom digi­ta­len Reife­grad. Eine beglei­tende Exper­ten­ar­ti­kel-Serie beleuch­tet zentrale Fragen der digi­ta­len Trans­for­ma­tion und zeigt auf, wie digi­tale Themen sinn­voll in bestehende Förder­schwer­punkte inte­griert werden können. 

Ergänzt wird das Ange­bot durch eine inter­ak­tive Webi­nar-Reihe (Februar/März 2026) zu Kunst & Kultur, Bildung, Gesell­schaft & Sozia­les sowie Umwelt & Klima.

Kosten­lo­ses Webi­nar – Digi­ta­ler Wandel Umwelt & Klima:
Mit Jan Bieser und weite­ren Fachexpert:innen
5. Februar 2026, 12.00 bis 13.00 Uhr

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