Die unter­schätzte Währung: Empfeh­lun­gen in der gemein­nüt­zi­gen Welt

Warum Stiftungen und Nonprofits mehr auf erprobte Einschätzungen setzen sollten – und wie Spheriq diese Ressource nun digital verfügbar macht.

Wir holen sie ein, wenn die Lage komplex ist, wir stüt­zen uns darauf, wenn Zahlen zwar infor­mie­ren, aber nicht alle Fragen beant­wor­ten: Empfeh­lun­gen sind die stille Grund­lage unse­rer Entschei­dun­gen. Weil wir wissen, dass es am Ende um den Menschen geht: Um Teams, die eine gute Idee auch konse­quent umset­zen und Resul­tate liefern (oder eben nicht). 

Die Wissen­schaft hat für die Bedeu­tung von Empfeh­lun­gen eine solide Theo­rie­ba­sis gebaut (siehe Box) – was davon lässt sich auf die Praxis über­tra­gen? Fest steht: In der Phil­an­thro­pie ist diese heim­li­che Währung beson­ders bedeut­sam. Denn nicht selten sind Ergeb­nisse oft spät mess­bar, Zusam­men­hänge komplex und Pläne rasch über­holt. Dann zeigt sich, wie ein Team unter Druck arbei­tet oder mit Rück­schlä­gen umgeht. Und dass davon alles abhängt. 

Wenn Erfah­rung zählt 

Empfeh­lun­gen setzen Anker in unsi­che­rem Gelände. Sie wirken, weil sie drei Dinge trans­por­tie­ren, die Vertrauen stif­ten – und die erst durch die Spie­ge­lung einer aussen­ste­hen­den Person wirk­lich belast­bar werden. Erstens Kompe­tenz: Eine Empfeh­lung bezeugt beob­ach­tete Kompe­tenz – nicht abstrakt, sondern situa­tiv. Zwei­tens das grund­sätz­li­che Wohl­wol­len: Empfeh­lun­gen doku­men­tie­ren durch die Refe­renz auf einen vergan­ge­nen Erfolg, dass das Vertrauen in ein Vorha­ben und das dahin­ter­ste­hende Team gut inves­tiert ist. Und drit­tens die allge­meine Inte­gri­tät: Zusam­men­fas­send steht sie für all jene Quali­tä­ten, auf die es in der Praxis auch noch ankommt, und die weder abschlies­send aufge­zählt noch leicht in Worte gefasst werden können. 

Wert­volle Empfeh­lun­gen sind also Aussa­gen, die vergan­ge­nes Verhal­ten beschrei­ben, statt Adjek­tive zu häufen: Wie hat das Team unter Zeit­druck gelie­fert? Wie wurde in einer Krise kommu­ni­ziert und Verant­wor­tung über­nom­men? Was geschah nach einem Fehl­ver­such – wurde gelernt und nach­jus­tiert? Die Forschung belegt: Zwei bis drei unab­hän­gige Empfeh­lun­gen in dieser Konkret­heit reichen im oft aus, um jenseits der Rheto­rik ein robus­tes Bild zu bekommen. 

Entscheide zwischen Evidenz und Mut 

Genau hier liegt der beson­dere Wert von Empfeh­lun­gen in der Phil­an­thro­pie. Denn Förder­ent­scheide bewe­gen sich meis­tens zwischen zwei Polen: Einer möglichst objek­ti­ven und sach­li­chen Grund­lage, die für eine Zusage uner­läss­lich ist. Und einer stär­ker subjek­ti­ven Note, in der sich die eigene Einschät­zung aus Erfah­rungs­wer­ten – eige­nen und frem­den – aufbaut, bis die Über­zeu­gung entsteht, dass sich ein Wagnis lohnt. Gibt es hinge­gen Beden­ken in der persön­li­chen Einschät­zung, so wiegen diese auch sach­li­che Stär­ken schnell einmal auf. Nicht ohne Grund heisst es: «Der Bauch entschei­det mit». Und das ist auch gut so. 

Dort, wo Hypo­the­sen über­prüf­bar sind – etwa, ob eine Inter­ven­tion ihre Ziel­gruppe erreicht oder ein Kosten-Nutzen-Verhält­nis ange­mes­sen ist – braucht es harte Fakten und klare Mess­grös­sen. Doch ebenso oft bleibt ein Rest von Unge­wiss­heit. Pläne gera­ten ins Wanken, Rahmen­be­din­gun­gen ändern sich, Wirkungs­wege sind komplex. Das wissen wir nur zu gut, und wir wissen auch: In diesen Momen­ten zählt etwas ganz ande­res: Trauen wir dem Team zu, in anspruchs­vol­len Situa­tio­nen das Steuer ruhig in der Hand zu behal­ten? Aufschluss­reich für diese Frage sind dabei auch Erfah­rungs­werte aus der Vergan­gen­heit. Und genau hier kommen Empfeh­lun­gen ins Spiel. 

Empfeh­lun­gen sind also kein Ersatz für Daten, sondern eine notwen­dige Ergän­zung. Sie liefern eine «zweite Evidenz­spur»: Beob­ach­tun­gen, die sich nicht eins zu eins über­tra­gen oder quan­ti­fi­zie­ren lassen, aber die dennoch eine Aussa­ge­kraft über Gelin­gen oder Schei­tern besit­zen. Wer beides zusam­men­führt, trifft nicht nur fundier­tere, sondern auch verant­wor­tungs­vol­lere Entscheidungen. 

Empfeh­lun­gen im digi­ta­len Raum 

Wenn aber Empfeh­lun­gen so wert­voll sind, stellt sich die Frage: Wie können sie syste­ma­tisch zugäng­lich werden – gerade in einem Umfeld, in dem Nonpro­fits im Wett­be­werb um Aufmerk­sam­keit und Mittel stehen? Persön­li­che Einschät­zun­gen wirken oft nur im engen Kreis, blei­ben flüch­tig oder sind genau dann nicht verfüg­bar, wenn eine Entschei­dung ansteht. 

Hier setzt Sphe­riq an. Sie über­set­zen das soziale Prin­zip der Empfeh­lung in ein struk­tu­rier­tes System: Nicht als belie­bige Testi­mo­ni­als, die im werbe­ri­schen Rauschen unter­ge­hen, sondern als gezielt plat­zierte Erfah­rungs­werte – sicht­bar genau dann, wenn jemand eine Einschät­zung benötigt. 

Damit wird die Empfeh­lung zu mehr als einer indi­vi­du­el­len Gefäl­lig­keit – sie wird zu einem Baustein der gemein­sa­men Orien­tie­rung und Bewer­tung im Sektor. Das macht sie stark – und gleich­zei­tig bedingt eine derart mäch­tige Funk­tion auch, dass die Umset­zung in der digi­ta­len Infra­struk­tur äusserst sorg­fäl­tig und klug erfolgt. 

Iden­ti­fi­ka­tion, Trans­pa­renz und gezielte Sicht­bar­keit  

Eine Reihe von Prin­zi­pien sind aus unse­rer Sicht entschei­dend. Das beginnt mit der Veri­fi­ka­tion der Empfehlungsgeber:innen. Erst wenn die Gewiss­heit besteht, dass der Absen­der auch der ist, als den er sich ausgibt, ist eine Empfeh­lung belast­bar. Mit ande­ren Worten: Jede Form der Mani­pu­la­tion muss ausge­schlos­sen werden können. Zwei­tens die Trans­pa­renz über Kontext, auf den sich eine Empfeh­lung bezieht, und den Zeit­punkt, wann sie also ausge­spro­chen wurde. Auf diese Weise können Aussa­gen auch präzise einge­ord­net werden. Die verbrei­tete Praxis allzu gene­ri­scher Testi­mo­ni­als zeigt, dass gerade diese Präzi­sion oft fehlt, obwohl nur so die Aussa­ge­kraft sicher­ge­stellt werden kann. Das bringt uns zum drit­ten Prin­zip, nämlich einer geziel­ten Sicht­bar­keit: Empfeh­lun­gen sollen im Moment der Entschei­dung den geeig­ne­ten Empfänger:innen Orien­tie­rung geben, statt als plaka­tive und omni­prä­sente Werbe­bot­schaf­ten entwer­tet zu werden. 

Werden diese drei Grund­sätze beach­tet, dann entsteht aus der etablier­ten Praxis der Empfeh­lung eine moderne und digi­tal nutz­bare Ressource – eine, die den Wett­be­werb fairer macht, weil sie Quali­tät sicht­bar macht, nicht blosse Lautstärke. 

Was heisst das konkret? Auf Sphe­riq können Empfeh­lun­gen genau unter diesen Bedin­gun­gen einge­bracht werden: Nur veri­fi­zierte Nutzer:innen sind zuge­las­sen, jede Empfeh­lung wird auf ihre Plau­si­bi­li­tät hin geprüft, und sie erscheint nicht als allge­mei­nes Aushän­ge­schild, sondern dort, wo sie für eine Entschei­dung rele­vant ist. Damit wird sicher­ge­stellt, dass Empfeh­lun­gen nicht in der Belie­big­keit unter­ge­hen, sondern als gezielte Orien­tie­rung im rich­ti­gen Moment wirken. 

Drei Schritte zur Empfeh­lung:

1. Veri­fi­zie­ren Sie sich über die Konto­über­prü­fung
2. Suchen Sie das Profil der Orga­ni­sa­tion, die Sie empfeh­len möch­ten
3. Clicken Sie auf «Empfeh­len» und verfas­sen Sie einen kurzen Text 

Fakten – und was es sonst noch braucht 

Damit schliesst sich der Kreis: Empfeh­lun­gen sind kein Ersatz für Daten und harte Fakten, sondern ihre notwen­dige Ergän­zung. Sie machen sicht­bar, wie Teams in echten Situa­tio­nen arbei­ten, wo Zahlen allein noch schwei­gen. Wer auf Empfeh­lun­gen setzt, aner­kennt, dass Entschei­dun­gen in der Phil­an­thro­pie immer eine Balance brau­chen – zwischen Evidenz und Mut, zwischen Hypo­the­sen und Erfah­run­gen, zwischen dem, was sich messen lässt, und dem, was nur im Spie­gel ande­rer sicht­bar wird.  

Diese Haltung einer infor­mier­ten Subjek­ti­vi­tät ist wegwei­send: Sie erfor­dert Mut, Verant­wor­tung zu über­neh­men, nicht blind, sondern gestützt auf das Wissen jener, die schon erlebt haben, was ein Team leis­ten kann. In dieser Verbin­dung liegt die Kraft, mit der Phil­an­thro­pie nicht nur Risi­ken mindert, sondern Chan­cen vergrössert. 

Für die Bedeu­tung von Empfeh­lun­gen gibt es in der Wissen­schaft eine weit entwi­ckelte Forschung – und damit eine gute Grund­lage für die Praxis. Verschie­dene Diszi­pli­nen liefern dabei die Bausteine, die aufzei­gen, woraus ihr eigent­li­cher Wert besteht. 

Sozio­lo­gie – Repu­ta­tion als aner­kann­tes Kapi­tal 

Pierre Bour­dieu unter­schied in den 1960er Jahren ökono­mi­sches, sozia­les und kultu­rel­les Kapi­tal. Symbo­li­sches Kapi­tal entsteht, wenn diese Ressour­cen gesell­schaft­lich aner­kannt und als Repu­ta­tion sicht­bar werden. Empfeh­lun­gen sind genau solche Aner­ken­nungs­akte: Sie verdich­ten und signa­li­sie­ren Repu­ta­tion – und öffnen (oder schlies­sen) damit Türen. 

Psycho­lo­gie – Vertrauen als Grund­lage 

Im Modell der Psycho­lo­gie basiert Vertrauen auf Kompe­tenz, Wohl­wol­len und Inte­gri­tät – und es schliesst ein, sich auf dieser Grund­lage verwund­bar zu machen. Empfeh­lun­gen spie­geln diese drei Dimen­sio­nen, weil sie konkre­tes Verhal­ten in realen Situa­tio­nen beschrei­ben: Was geleis­tet wurde, wie mitein­an­der umge­gan­gen wurde und ob Zusam­men­ar­beit als verläss­lich erlebt wurde. Ein häufig zitier­tes Modell ist das von Roger Mayer, James Davis und David Schoor­man von 1995.  

Ökono­mie – Entschei­dun­gen unter Unsi­cher­heit 

Auch die Ökono­mie bear­bei­tet das Thema: Unter Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie müssen Akteure Chan­cen und Risi­ken abwä­gen. Signale und Repu­ta­ti­ons­me­cha­nis­men helfen dabei, Quali­tät einzu­schät­zen und schwie­rige Entschei­dun­gen zu tref­fen. Der Sozio­loge Mark Grano­vet­ter zeigte 1973 mit dem Konzept der losen Verbin­dun­gen («weak ties»), dass grade solche Signale oft neue, rele­vante Infor­ma­tion liefern. In der Praxis heisst das: Empfeh­lun­gen aus unter­schied­li­chen, auch weni­ger engen Kontak­ten können bessere Entschei­dun­gen ermöglichen. 

  1. Liebe Kolle­gen von Spheric! 

    Kompli­ment, dass Sie in dieser Sphäre Offen­heit und Kommu­ni­ka­tion einbrin­gen, was ein sehr wich­ti­ger Schritt ist.
    Als Autor von 25+ Studien in der UN — https://commons.ch/un-consultations/ — sehe ich als grösste Heraus­for­de­rung die Reverse-Konstruk­tion von Stif­tun­gen und Phil­an­thro­pie: Mit der Fest­le­gung von Einzel­zie­len, etwa einzelne der 17 UN-Ziele oder “most vulnerable” Ziel­grup­pen, können fach­über­grei­fende oder gar globale Inno­va­tio­nen nie Mittel bean­tra­gen oder erhalten.
    Die Förder­pro­gramme sind meist vor Jahren konzi­piert worden und passen sich den Heraus­for­de­run­gen nicht an.
    Der Stif­tungs­zweck ist meist aus persön­li­chen Begeg­nun­gen und emotio­na­ler Betrof­fen­heit heraus formu­liert worden. Meis­tens entspricht er nicht mehr den Anfor­de­run­gen an Effi­zi­enz und Evidenz.
    Ein Beispiel: In vielen Entwick­lungs­län­dern hängen alle UN-Ziele, also etwa Klima­schutz, Armuts­be­kämp­fung, Gesund­heit, Bildung, Umwelt­schutz, Frau­en­gleich­heit, Biodi­ver­si­tät, saubere Ener­gie und Wasser, von einem einzi­gen Ziel, nämlich SDG 16 Frie­den ab.
    Es gibt aber keine Stif­tung, keine Phil­an­thro­pie, die die Antrag­stel­lung für globale Projekte in diesem Bereich ermög­li­chen. Es müsste daher Ange­bote geben, Stif­tun­gen und Phil­an­thro­pie über globale Wech­sel­wir­kun­gen zu informieren.
    In Gaza sind 12.000 Entwick­lungs­pro­jekte, darun­ter ein Flug­ha­fen, eine Univer­si­tät und 35 Kran­ken­häu­ser zerstört worden.
    Welches verbin­dende Sozi­al­ka­pi­tal zwischen Israe­lis und Paläs­ti­nen­sern hätte statt­des­sen geför­dert werden können, um den Krieg zu verhin­dern oder zumin­dest zu beenden?
    Welches verbin­dende Sozi­al­ka­pi­tal zwischen Russen und Ukrai­nern darf erforscht werden?

    Ich würde mich freuen, wenn Phil­an­thro­pie die Lücken der Diplo­ma­tie und der Entwick­lungs­hilfe adres­sie­ren könnte!

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert