Nathalie Séchaud, Leiterin Naturstation, Greifensee-Stiftung

Die Stif­tung der sieben Seegemeinden

Die Naturstation Silberweide in Mönchaltorf feiert ihr 20-Jahre-Jubiläum. Sie spielt eine zentrale Rolle in der Arbeit der Greifensee-Stiftung. Die sieben Seegemeinden bestimmen mit ihren Vertreter:innen im Stiftungsrat. Die Leiterin der Naturstation Nathalie Séchaud spricht im Interview über das Jubiläum und die Bedeutung von überregionaler Zusammenarbeit für eine regionale Stiftung.

Vergan­ge­nes Wochen­ende feierte die Natur­sta­tion Silber­weide in Möncha­l­torf ihr 20-jähri­ges Jubi­läum. Wie war die Resonanz?

Die Reso­nanz war ausge­spro­chen posi­tiv – wir haben viel gutes Feed­back erhal­ten. Viele Besu­che­rin­nen und Besu­cher haben einen ganzen Tag oder sogar beide Wochen­end­tage bei uns verbracht und sich über das viel­fäl­tige Programm gefreut. Beson­ders schön war die entspannte und fried­li­che Stim­mung, die über­all präsent war. Die Gäste haben die beson­dere Atmo­sphäre der Natur­sta­tion sicht­lich genos­sen. Die vielen unter­schied­li­chen Akti­vi­tä­ten wurden von den klei­nen und gros­sen Besu­chen­den glei­cher­mas­sen geschätzt und die vielen fröh­li­chen Gesich­ter beim Entde­cken, Spie­len, und Neuem lernen, spra­chen Bände.

Ein Tier oder eine Pflanze in seiner oder ihrer natür­li­chen Umge­bung wahr­zu­neh­men, hat eine andere Wirkung als eine Abbil­dung zu betrach­ten oder eine theo­re­ti­sche Erklä­rung zu lesen. 

Natha­lie Séchaud, Leite­rin Naturstation

Auch das kuli­na­ri­sche Ange­bot und die Möglich­keit, im Gelände selbst aktiv zu werden, trugen dazu bei, dass das Jubi­lä­ums­fest als rundum gelun­gen empfun­den wurde. Die Natur­sta­tion konnte mit den Jubi­lä­ums­fei­er­lich­kei­ten einmal mehr ihre Stär­ken zeigen: Sie ist ein Ort, der Menschen zusam­men­bringt und der Begeis­te­rung für die Natur weckt.

Sie boten Schne­cken­sa­fari, Biber­tour und Vogel­ex­kur­sio­nen – mit welchen Themen lassen sich die Menschen für Ihre Umge­bung interessieren?

Beson­ders gut errei­chen wir die Menschen, wenn sie etwas ganz Konkre­tes und Greif­ba­res erle­ben können. Ein Tier oder eine Pflanze in seiner oder ihrer natür­li­chen Umge­bung wahr­zu­neh­men, hat eine andere Wirkung als eine Abbil­dung zu betrach­ten oder eine theo­re­ti­sche Erklä­rung zu lesen. Wenn unsere Besu­chen­den einen Biber­damm entde­cken oder einen Eisvo­gel vorbei­flie­gen sehen, entsteht über das direkte Erle­ben eine Verbin­dung zu unse­rer natür­li­chen Umwelt. Darüber hinaus merken wir, dass Fragen, die einen persön­li­chen Bezug zur eige­nen Lebens­weise haben, beson­ders inter­es­sie­ren: Welche Vogel­ar­ten lassen sich direkt vom eige­nen Balkon oder Garten aus beob­ach­ten? Wie kann ich die Biodi­ver­si­tät im eige­nen Garten fördern? Mit solchen Themen können wir eine Brücke schla­gen zwischen globa­len Umwelt­fra­gen und der unmit­tel­ba­ren Lebens­um­ge­bung der Menschen.

Welche Rolle spie­len Kinder bei Ihrer Sensibilisierungsarbeit?

Kinder sind für uns der Schlüs­sel. Was Kinder spie­le­risch entde­cken, bleibt ihnen oft ein Leben lang in Erin­ne­rung. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Kinder mit gros­ser Begeis­te­rung und Neugier auf die Natur zuge­hen. Diese frühen Natur­er­fah­run­gen sind entschei­dend dafür, ob sie später bereit sind, sich für den Schutz ihrer Umwelt einzu­set­zen. Deshalb rich­ten wir einen gros­sen Teil unse­res Ange­bots spezi­ell an Kinder: Jähr­lich kommen über 250 Schul­klas­sen zu uns, um die Natur­sta­tion als «ausser­schu­li­schen Lern­ort» zu nutzen. Mit unse­rem neuen Mini-Ranger-Programm wollen wir schon die Jüngs­ten errei­chen. Einmal im Monat verbrin­gen Kinder­gar­ten­kin­der einen Nach­mit­tag bei uns und lernen, die Natur mit allen Sinnen zu erle­ben. Letz­tes Jahr mit einer Gruppe gestar­tet, sind es nun bereits drei. Wir merken, dass diese Ange­bote sowohl die Kinder als auch ihre Fami­lien nach­hal­tig prägen.

Nach­hal­tig­keits­the­men sind heute weni­ger im Fokus: Spüren Sie das auch im direk­ten Austausch in der Lebensumgebung?

Glück­li­cher­weise ist im schu­li­schen Kontext ein eher gegen­läu­fi­ger Trend zu beob­ach­ten. Wir stel­len fest, dass die Themen Biodi­ver­si­tät und Klima­wan­del gerade in den Schu­len eine immer grös­sere Rolle spie­len. Viele Lehr­per­so­nen möch­ten ihren Schü­le­rin­nen und Schü­lern diese Fragen nicht nur theo­re­tisch, sondern auch prak­tisch näher­brin­gen, genau da setzt die Natur­sta­tion an und bietet einen erleb­nis­ori­en­tier­ten Lern­ort. Gleich­zei­tig beob­ach­ten wir im priva­ten Umfeld der Kinder eine gegen­tei­lige Entwick­lung: Kinder verbrin­gen heute weni­ger Zeit draus­sen, unter ande­rem, weil digi­tale Medien eine immer grös­sere Bedeu­tung in ihrem Alltag spie­len. Dadurch geht der direkte Bezug zur Umwelt verlo­ren. Was früher selbst­ver­ständ­lich war – wie etwa barfuss zu laufen – kann heute schon zu einer echten Heraus­for­de­rung werden. Unsere Aufgabe ist es, wieder Zugänge zu schaf­fen und den Kindern die Natur als posi­ti­ven, siche­ren und span­nen­den Erleb­nis­raum erfahr­bar zu machen.

Das Thema Nach­hal­tig­keit ist in der Mitte der Gesell­schaft und bei Unter­neh­men als eine funda­men­tale Notwen­dig­keit angekommen.

Natha­lie Séchaud


Wenn viel­leicht auch vorüber­ge­hend von drän­gen­de­ren, globa­len Themen aus dem Fokus gedrängt, ist das Thema Nach­hal­tig­keit in der Mitte der Gesell­schaft und bei Unter­neh­men als eine funda­men­tale Notwen­dig­keit ange­kom­men. Dies macht sich bei uns auch anhand der stetig stei­gen­den Anfra­gen von Unter­neh­men nach Work­shops und Corpo­rate Volun­tee­ring-Einsät­zen bemerk­bar – Nach­hal­tig­keit spielt dabei ebenso eine Rolle, wie die gemein­same, guttu­ende «Auszeit» in der Natur.

Die Grei­fen­see-Stif­tung selbst wurde bereits 1997 gegrün­det. Welche Rolle spielt die Natur­sta­tion Silber­weide für die Arbeit der Stiftung?

Die Natur­sta­tion Silber­weide spielt als umwelt­bild­ne­ri­sches Zentrum am Grei­fen­see eine zentrale Rolle in der Arbeit der Greifensee-Stiftung.

Sie ist ein Bildungs­ort, an dem Kinder, Jugend­li­che und Erwach­sene auf anschau­li­che Weise die Natur haut­nah erle­ben können – im Rahmen von Führun­gen, Work­shops, Corpo­rate Volun­tee­ring-Einsät­zen oder Indi­vi­du­al­be­su­chen. Damit erfüllt die Natur­sta­tion einen Kern­auf­trag der Stif­tung: Das Umwelt­be­wusst­sein zu stär­ken und sich dafür einzu­set­zen, dass die Menschen Sorge tragen für das Grei­fen­see-Gebiet. Mittels Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit den umlie­gen­den Schul­ge­mein­den stärkt die Natur­sta­tion die regio­nale Veran­ke­rung der Grei­fen­see-Stif­tung. Zusätz­lich bietet sie mit dem Erleb­nis­pfad, dem abwechs­lungs­rei­chen, natur­na­hen Spiel­platz, der Grill­stelle und dem Bistro ein nieder­schwel­li­ges Ange­bot für Erho­lungs­su­chende, sie ist ein Ort der Begeg­nung sowie eine Platt­form für frei­wil­li­ges Enga­ge­ment und Partizipation.

Auch dies ist ein Kern­auf­trag der Stif­tung: Darauf hinzu­wir­ken, dass das Grei­fen­see-Gebiet ein leben­di­ger Ort der Viel­falt ist – heute und zukünftig.

Natha­lie Séchaud

Die Natur­sta­tion liegt in einem ökolo­gisch wert­vol­len Gebiet am oberen Ende des Grei­fen­sees. Sie enga­giert sich aktiv für den Erhalt und die Förde­rung der Biodi­ver­si­tät, indem Ried­flä­chen, Hecken und Weiher gepflegt und damit einer Fülle von Arten geschützte Lebens­räume erhal­ten und aufge­wer­tet werden. Auch dies ist ein Kern­auf­trag der Stif­tung: Darauf hinzu­wir­ken, dass das Grei­fen­see-Gebiet ein leben­di­ger Ort der Viel­falt ist – heute und zukünftig.

Die Stif­tung setzt sich für den Erhalt und die Aufwer­tung der Region ein. Ist Ihre Wirkung regio­nal begrenzt oder arbei­ten Sie auch über­re­gio­nal, mit ande­ren ähnli­chen Stif­tun­gen zusammen?

Gemäss Stif­tungs­zweck setzt sich die Grei­fen­see-Stif­tung für «das Natur­ob­jekt Grei­fen­see in allen seinen Belan­gen» ein. Der Zweck lässt sich geogra­phisch an keinem bestimm­ten Peri­me­ter fest­ma­chen, beispiels­weise ist das Grei­fen­see-Gebiet auch Wasser- und Zugvo­gel­re­ser­vat von natio­na­ler Bedeu­tung und die Zugvö­gel führen uns jeden Früh­ling und jeden Herbst ganz prak­tisch vor Augen, dass unsere regio­nale Arbeit mit der Welt ausser­halb des Gebiets verbun­den ist.

Aktive Vernet­zung und Zusam­men­ar­beit – auch über­re­gio­nal – ist für das Team der Grei­fen­see-Stif­tung Teil unse­rer tägli­chen Arbeit. Beispiels­weise tauschen wir uns regel­mäs­sig mit den Träger­schaf­ten der ande­ren Natur­bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen des Kantons Zürich aus, orga­ni­sie­ren zusam­men jedes Jahr gegen­sei­tige Besu­che unse­rer Prak­ti­kan­tin­nen und Prak­ti­kan­ten bei allen Orga­ni­sa­tio­nen und wirken aktu­ell gemein­schaft­lich darauf hin, dass die Finan­zie­rung von Betriebs­bei­trä­gen für die Natur­bil­dung, die bis 2029 aus dem Gemein­nüt­zi­gen Fonds des Kantons Zürich gezahlt werden, auch darüber hinaus gesi­chert bleibt. Auch für das von der Grei­fen­see-Stif­tung geführte Ranger­team im Grei­fen­see-Gebiet ist der Austausch mit ande­ren Gebie­ten und Orga­ni­sa­tio­nen wie dem Verband Swiss Rangers und der Euro­pean Ranger Fede­ra­tion essenziell.

Gemein­sam mit der Stif­tung Pusch und den Natur­net­zen Pfan­nen­stil und Zimmer­berg haben wir im Juni im Rahmen des Modell­vor­ha­bens 2025–2030 ein Projekt mit dem Arbeits­ti­tel «Licht aus, Natur an – Natur­netze im Kanton Zürich schüt­zen die Nacht!» einge­ge­ben. Das Projekt wird wirkungs­volle Mass­nah­men gegen Licht­emis­sio­nen und zum Schutz licht­emp­find­li­cher Tiere und Pflan­zen erar­bei­ten und umset­zen. Im Zentrum stehen schüt­zende, licht­arme Korri­dore in der Land­schaft, Beleuch­tungs­kon­zepte und Sensi­bi­li­sie­rung der Bevöl­ke­rung. Ziel ist ein neuer Umgang mit weni­ger Licht – zuguns­ten von Natur und Mensch.

Dank­bar sind wir zudem für die Initia­tive der Randen­ver­ei­ni­gung Schaff­hau­sen und dem Land­schafts­schutz­ver­band Vier­wald­stät­ter­see, die, unter­stützt von der Stif­tung Land­schafts­schutz Schweiz, am 22. Novem­ber 2025 in Langen­thal das erste schweiz­weite Tref­fen der Orga­ni­sa­tio­nen mit Bezug zum Land­schafts­schutz orga­ni­sie­ren. Trotz mehr­heit­lich regio­na­lem Fokus setzen sich alle Orga­ni­sa­tio­nen mit ganz ähnli­chen Frage­stel­lun­gen und Heraus­for­de­run­gen ausein­an­der – ein Erfah­rungs­aus­tausch macht also Sinn!

Die Stif­tung leis­tet Grund­la­gen­ar­beit, agiert als Impuls­ge­be­rin, bündelt Ressour­cen, iden­ti­fi­ziert gemein­de­über­grei­fende Hand­lungs­fel­der und kommu­ni­ziert diese. 

Natha­lie Séchaud

Und letzt­lich ist die Grei­fen­see-Stif­tung eine opera­tive Stif­tung, die über ihr Stif­tungs­ka­pi­tal hinaus über kein eige­nes Vermö­gen verfügt und für ihre Arbeit und die Reali­sie­rung von Projek­ten auf finan­zi­elle Zuwen­dun­gen Drit­ter ange­wie­sen ist. Entspre­chend ist uns die enge Zusam­men­ar­beit mit Förder­stif­tun­gen, die sich für Umwelt­bil­dung und Biotop­auf­wer­tung einset­zen, ein gros­ses Anliegen.

Ihr Stif­tungs­rat setzt sich aus Vertreter:innen der poli­ti­schen Exeku­tive der Grei­fen­see-Gemein­den zusam­men. Was sind die Vorteile dieser Vernetzung?

Das Enga­ge­ment der Grei­fen­see-Gemein­den als Grün­de­rin­nen und Träger­schaft der Stif­tung war die konse­quente Folge ihres vorgän­gi­gen Einsat­zes bei der Erar­bei­tung der neuen Schutz­ver­ord­nung für das grösste Schutz­ge­biet im Kanton Zürich. Die Schutz­ver­ord­nung trat 1994 in Kraft. Die Grei­fen­see-Stif­tung ist die Stif­tung der sieben Seege­mein­den, die sich mit der Stif­tungs­grün­dung 1997 gemein­sam dazu bekannt haben, das Grei­fen­see-Gebiet für die Bevöl­ke­rung der Region als wich­ti­ges Erho­lungs­ge­biet zu bewah­ren und gleich­zei­tig die Natur­res­sour­cen zu erhal­ten und auszubauen.

Jede Gemeinde und jedes Stif­tungs­rats­mit­glied bringt unter­schied­li­che Erfah­run­gen, Perspek­ti­ven und Fach­wis­sen ein, so verfügt das Gremium über ein brei­tes Know-how sowie ein viel­fäl­ti­ges Netz­werk in der ganzen Region. Die Stif­tung leis­tet Grund­la­gen­ar­beit, agiert als Impuls­ge­be­rin, bündelt Ressour­cen, iden­ti­fi­ziert gemein­de­über­grei­fende Hand­lungs­fel­der und kommu­ni­ziert diese. Der Stif­tungs­rat fördert den Austausch und die Koor­di­na­tion zwischen den Gemein­den und so – auch wenn das manch­mal etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt – kann die Stif­tung ein wirkungs­vol­les Instru­ment zur Umset­zung gemein­sa­mer Inter­es­sen, Ziele und gemein­de­über­grei­fen­der Projekte sein.

Aufgrund der Tatsa­che, dass unsere Stif­tungs­rats­mit­glie­der gewählte Amts­tra­gende sind, flies­sen bei Neuwah­len immer mal wieder frisches Blut, neue Ideen und zusätz­li­che Netz­werke in den Stif­tungs­rat, während gleich­zei­tig die Konti­nui­tät gesi­chert bleibt.