Während der Industrialisierung wurden Hände von Maschinen abgelöst. Das war ein Fortschritt. Doch nicht nur. Millionen Videos werden täglich auf verschiedenen Social-Media-Plattformen hochgeladen. Auf TikTok sind es 16’000 Videos pro Minute. Diese Videos landen in einer scheinbar unendlichen Abfolge unter unseren Daumen, wie hypnotisiert wischen wir zum nächsten. Diese Inhalte bestimmen mit, worüber wir beim Mittagessen sprechen, worüber wir nachdenken, wie wir uns verhalten, wie wir abstimmen.
Wie Technologie unseren Alltag verändert
Ein Blick zurück zeigt: Neue Technologien beeinflussen unser gesellschaftliches Zusammenleben nicht erst seit der Digitalisierung. Schon mit der Industrialisierung beispielsweise etablierte sich eine neue Art zu arbeiten und zu produzieren. Menschliche Hände wurden von Maschinen abgelöst. Damit veränderte sich nicht nur das öffentliche Leben, sondern auch das Leben zuhause. Vor der industriellen Revolution war das Haus der Mittelpunkt des Alltags und auch der Arbeit. Mit der Industrialisierung wurden die Rollen neu verteilt.
Die Arbeit im Haushalt, die fortan als Frauenarbeit galt, verlor an Wert und Ansehen. Das schuf Ungleichheit und verfestigte sexistische Geschlechterverständnisse. Weil technologische Innovationen bestehende Strukturen verschieben, können Entwicklungen, die als Fortschritt begriffen werden, auch Ungleichheiten schaffen. Gleichzeitig können sie auch Gleichheit herstellen, wenn sie richtig genutzt werden. Diese Ambivalenz zieht sich durch alle technologischen Umbrüche – von der Industrialisierung bis zur Digitalisierung.
Ein neuer Blick auf die Digitalisierung
Ob also Fortschritt immer Fortschritt ist, hängt von der Blickrichtung ab. «Aus einer Technikperspektive ist Digitalisierung immer super. Doch Digitalisierung erzeugt soziale Effekte, die kontraproduktiv sein können für das, was wir gesellschaftlich eigentlich erreichen wollen», sagt Jörg Metelmann, Kultur- und Medienwissenschaftler. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit auch mit solchen Veränderungen. An der Universität St. Gallen unterrichtet er unter anderem mit dem Schwerpunkt Gesellschaftswandel.
Gerade für zivilgesellschaftliche Akteure und Stiftungen stellt sich dabei die Frage nach Verantwortung und Gestaltungsspielraum. Wie auch die Industrialisierung hat die Digitalisierung revolutioniert, wie wir arbeiten, aber auch wie wir zusammenleben. Plötzlich ist es möglich, von überall aus zu arbeiten. Das steigert die Vereinbarkeit von Beruf und Alltag. Gleichzeitig bedeutet das jedoch auch, dass die Arbeitssphäre durch Home-Office und ständige Erreichbarkeit immer mehr in die des Alltags vordringt. Personen, die sonst überwiegend unbezahlte Care-Arbeit verrichtet haben, meist Frauen, können zwar durch diese neuen Möglichkeiten von zuhause aus arbeiten, doch die Arbeit im Haushalt wird dadurch trotzdem nicht neu aufgeteilt oder vergütet.
Diese Dynamik ist historisch kein Einzelfall. Unser Alltag wird geformt von Entwicklungen neuer Technologien. Die Erfindung der Druckerpresse beispielsweise machte Wissen zugänglicher. Bücher konnten in grossen Mengen produziert werden und wurden so billiger. Das steigerte den Zugang zu Büchern und Bildung. Die Erfindung der Glühbirne machte Strassen sicherer und veränderte Tagesabläufe und Arbeitszeiten. Und heute entscheiden die Digitalisierung und ihre Technologien über verschiedene Aspekte unseres Zusammenlebens. Wie können wir mit diesem Einfluss umgehen? Die Geschichte zeigt: Technologie verändert nicht nur Werkzeuge, sondern gesellschaftliche Regeln – darin liegt ihre Herausforderung und hier öffnen sich Perspektiven für Förderorganisationen.
Technologie als Gestaltungsfrage
«Wir müssen Digitalisierung im gesellschaftlichen Bereich anders diskutieren als in einem Business-Kontext», sagt Metelmann. Wir sollten also wegkommen von einer Perspektive auf die Digitalisierung, bei der es ständig um weitere Steigerung geht – das beste iPhone, immer eine neue, unglaubliche Innovation. Wie kommen wir dahin? Und welche Rolle können Stiftungen dabei spielen?
Jörg Metelmann empfiehlt einen Perspektivwechsel, weg von der reinen Innovationslogik hin zu einer gesellschaftlichen Betrachtung digitaler Auswirkungen: «Wir können uns anschauen, was Digitalisierung macht. Wenn wir Politik als Beispiel nehmen, können wir uns fragen: Wie treffen Menschen Wahlentscheidungen? Da ist Digitalisierung präsent.» Statt also darüber nachzudenken, wie wir ein Verwaltungsprogramm optimieren können, können wir darüber nachdenken, welchen Einfluss Technologie auf uns hat. Dieser Blick auf die Digitalisierung ist differenzierter.
Die Digitalisierung prägt unser Arbeitsleben und unseren Alltag und damit auch unsere gesellschaftlichen Prozesse. Fragen von Gleichheit und Ungleichheit werden in diesem Zusammenhang neu verhandelt.
Metelmann beschreibt die Digitalisierung nicht als Thema unter vielen, sondern als eine Querschnittsdimension zu allen anderen Themen. Das bestimmt unseren Umgang mit ihr. «Wenn wir also eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit anstreben, dann müssen wir sehen, wie man Digitalisierung – z.B. als administrative Vereinfachung, als Bereitstellung von Inhalten, als Transparenz-Plattform – positiv nutzen kann und wo eben nicht», sagt Metelmann. Wenn Digitalisierung gesellschaftliche Prozesse prägt, wird die Rolle von Stiftungen als Vermittler zentral. Damit wird ihnen eine wichtige Aufgabe zuteil: Die Suche nach Möglichkeiten, wie mit diesen neuen Schnittstellen umgegangen werden kann. Jörg Metelmann betont dabei die Rolle als mögliche Impulsgeber: «Wir müssen Räume schaffen, in denen wir Digitalisierungskompetenz fördern können. An diesen Stellen können Stiftungen unterstützen.» Damit entscheiden sie mit, wie das gesellschaftliche Zusammenleben in Zukunft aussehen wird.
Digitaler Wandel als Chance für wirkungsorientierte Förderung
Gemeinsam mit der Stiftung Mercator Schweiz laden die Alliance Digitale und Spheriq Stiftungen dazu ein, den digitalen Wandel aktiv mitzugestalten – kritisch, konstruktiv und unabhängig vom digitalen Reifegrad. Eine begleitende Expertenartikel-Serie beleuchtet zentrale Fragen der digitalen Transformation und zeigt auf, wie digitale Themen sinnvoll in bestehende Förderschwerpunkte integriert werden können.
Ergänzt wird das Angebot durch eine interaktive Webinar-Reihe (Februar/März 2026) zu Kunst & Kultur, Bildung, Gesellschaft & Soziales sowie Umwelt & Klima.
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