Die Maschine singt ein Gute-Nacht-Lied

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil künstlerischer Produktion. Sie schreibt Texte, generiert Bilder und komponiert Musik – und stellt damit Fragen nach Urheberschaft oder Förderung von Kunst neu. Der folgende Impulsartikel, ermöglicht durch Alliance Digitale, die Stiftung Mercator Schweiz und Spheriq, zeigt auf, wie Kulturstiftungen ihre Rolle im Spannungsfeld zwischen technologischer Innovation und künstlerischer Autonomie überdenken.

Science-Fiction-Filme verspra­chen eine Zukunft, in der Autos durch die Luft flie­gen und Robo­ter mit uns zusam­men­le­ben. Robo­ter, die das Leben einfa­cher und effi­zi­en­ter machen. Viel­leicht können sie jeman­dem die Zähne putzen oder Butter auf Toast­schei­ben schmie­ren, damit die Menschen Zeit haben für das, was ihnen wich­tig ist – in der Sonne liegen, ein Bild malen, ein Gedicht schreiben.

Doch in dieser Zukunft sind wir nicht ange­kom­men. Tech­nik kümmert sich nicht nur um viele Aspekte des Alltags, der um das dreht, was uns wich­tig ist, sie ist auch vorge­drun­gen in Berei­che, die das Mensch­sein und das Leben verhan­deln: Kunst und Kultur. Eine KI kann ein Gute-Nacht-Lied schrei­ben, und auch bei Aufga­ben, für die man früher eine Illus­tra­to­rin ange­fragt hätte, tippen manche jetzt wohl einen Prompt bei ChatGPT ein. Gene­ra­tive KI-Systeme verän­dern so die Kunst, den Kunst­markt und Arbeits­pro­zesse. Die japa­ni­sche Autorin Rie Qudan, die für ihren Roman «Tōkyō-to Dōjō Tō» den Akutag­awa-Preis gewann, gab an, dass sie etwa fünf Prozent des Buchs mit KI geschrie­ben habe. Ein Bild, das mit KI gene­riert wurde, gewann 2022 den Kunst­preis der Colo­rado State Fair. Im April 2023 lud ein TikTok-User Ghostwriter977 das Lied «Heart On My Sleeve» auf verschie­de­nen Strea­ming­platt­for­men hoch. Ein eingän­gi­ger Beat und Stim­men, die klin­gen wie die von Drake und The Weeknd. Produ­ziert hat er den Song mit Hilfe von KI. Der Song erreichte 600’000 Streams auf Spotify und 15 Millio­nen Aufrufe auf TikTok, bevor er entfernt wurde.

Kunst im Macht­feld der Tech-Konzerne

Die Digi­ta­li­sie­rung verän­dert, wie wir kommu­ni­zie­ren und damit auch, wie wir Kunst schaf­fen, und wie und wo und welche Kunst wir bestau­nen, lesen und hören. Dadurch entste­hen neue Span­nungs­fel­der für diese Bran­chen und Tätig­kei­ten. Wie verän­dert Digi­ta­li­sie­rung die Arbeits­pro­zesse einer Künst­le­rin? Wie verän­dert sich die Kunst? Wie beein­flusst künst­li­che Intel­li­genz den Arbeits­markt, in dem Kunst­schaf­fende tätig sind? Der S. Fischer Verlag nutzt beispiels­weise für die neuen Taschen­buch­aus­ga­ben von Thomas Mann den KI-Bild­ge­ne­ra­tor Midjour­ney. Das Bild muss dann zwar noch nach­be­ar­bei­tet werden, doch das klas­si­sche Entwi­ckeln von Ideen durch eine Illus­tra­to­rin oder einen Illus­tra­tor fällt weg. Künst­le­rin­nen müssen so krea­tive Kontrolle und Selbst­be­stimmt­heit in ihrer Arbeit aufgeben.

Und was geschieht mit Urhe­ber­rech­ten, wenn Tech­no­lo­gie­kon­zerne, gedeckt von Milli­ar­den und Anwäl­ten, ihre Large Language Models mit Bildern und Texten füttern, die ihnen nicht gehö­ren? Diese neuen Räume zu inter­pre­tie­ren, ist eine Herausforderung.

«Es ist klar, dass die Digi­ta­li­sie­rung nicht nur unsere Arbeits­tools verän­dert, sondern auch Ausdrucks­wei­sen und Ausdrucks­for­men», sagt Fabi­enne Schel­len­berg, Head of Inno­va­tion & Society bei der Schwei­zer Kultur­stif­tung Pro Helve­tia. Sie betrach­tet die Stif­tungs­land­schaft der Schweiz und den Kultur­sek­tor als Akteu­rin von innen heraus. «Als natio­nale Kultur­stif­tung wollen wir diesen Wandel mitge­hen können und die Möglich­keit haben, ihn mitzugestalten.»

Künst­li­che Intel­li­genz spielt für eine Stif­tung wie Pro Helve­tia eine wich­tige Rolle. «Wie wollen und sollen wir Kunst fördern im Kontext von KI?», fragt Schel­len­berg. Aber auch: Wie werden in Bezug auf KI und Digi­ta­li­sie­rung Gesu­che bear­bei­tet? Wie werden sie einge­reicht? Welche Projekte sind das? Wie werden diese Projekte über­haupt erschaf­fen? «Im ganzen Förder­pro­zess hat das einen Rieseneinfluss.»

Als Kunst­stif­tung kann Pro Helve­tia die Erfor­schung dieses Wandels auch in Projek­ten ermög­li­chen: «Wir wollen auch Räume schaf­fen, damit Kunst­schaf­fende sich mit dieser Thema­tik auch selbst ausein­an­der­set­zen können.»

Künst­li­che Intel­li­genz ist nicht der einzige Strang der Digi­ta­li­sie­rung, der die Kunst beein­flusst. «Für uns ist es wich­tig, auch über die algo­rith­mi­sche Globa­li­sie­rung nach­zu­den­ken. Was passiert auf all diesen Strea­ming­platt­for­men? Was passiert mit all diesen Daten? Nicht nur KI, sondern auch all die verschie­de­nen digi­ta­len Platt­for­men beein­flus­sen unse­ren Kunst­kon­sum stark.»

Neue Arbeits­be­din­gun­gen

Doch die Digi­ta­li­sie­rung bringt mit ihren Heraus­for­de­run­gen auch Chan­cen. Sie schafft neue Förder­instru­mente. Sie lässt Kunst­dis­zi­pli­nen inein­an­der­grei­fen und ermög­licht so neue Projekte. Stif­tun­gen können dort anset­zen. Wie erlebt eine Stif­tung diesen Wandel? «Wir brau­chen ein Bewusst­sein dafür, dass wir mit dem Wandel mitge­hen und ihn gestal­ten wollen. Wir wollen Möglich­kei­ten eröff­nen und dabei auch Heraus­for­de­run­gen erken­nen und ange­hen», sagt Schellenberg.

Im Vorder­grund steht dabei auch der Arbeits­all­tag der Kunst­schaf­fen­den. Schel­len­berg nennt eine zentrale Frage: «Wie können wir für unsere Kunst­schaf­fen­den Arbeits­be­din­gun­gen schaf­fen, bei denen sie gesund bleiben?»

Die Digi­ta­li­sie­rung wirft neue Fragen auf. Diese können auch durch einen Dialog zwischen Stif­tun­gen beant­wor­tet werden. Was wünscht sich Schel­len­berg von ihrer eige­nen und ande­ren Stif­tun­gen im Umgang mit neuen Tech­no­lo­gien? «Wir soll­ten uns darüber austau­schen, wie wir die Heraus­for­de­run­gen, die die Digi­ta­li­sie­rung bringt, bear­bei­ten wollen. Es macht beispiels­weise keinen Sinn, wenn jede einzelne Stif­tung für sich selbst entschei­det, wie sie KI in der Kunst fördern will. Das soll im Dialog entste­hen», sagt Schel­len­berg. Etwas, was alle etwas angeht, kann so gemein­sam erforscht werden.

Kunst ist ein Blick auf die Welt, eine Ausein­an­der­set­zung mit ihr. Und mit einer sich verän­dern­den Welt entwi­ckelt sich auch die Kunst. Zum Glück. Denn um die Welt zu verste­hen, brau­chen wir Kunst. Die Gedichte, die Sound-Instal­la­tio­nen, die Gemälde, die Thea­ter­stü­cke von morgen sehen viel­leicht anders aus als die des Gestern, klin­gen anders, aber sie blei­ben eine Inter­ak­tion mit dem Jetzt. Diesen Prozess können Stif­tun­gen begleiten.


Digi­ta­ler Wandel als Chance für wirkungs­ori­en­tierte Förde­rung

Gemein­sam mit der Stif­tung Merca­tor Schweiz laden die Alli­ance Digi­tale und Sphe­riq Stif­tun­gen dazu ein, den digi­ta­len Wandel aktiv mitzu­ge­stal­ten – kritisch, konstruk­tiv und unab­hän­gig vom digi­ta­len Reife­grad. Eine beglei­tende Exper­ten­ar­ti­kel-Serie beleuch­tet zentrale Fragen der digi­ta­len Trans­for­ma­tion und zeigt auf, wie digi­tale Themen sinn­voll in bestehende Förder­schwer­punkte inte­griert werden können. 

Ergänzt wird das Ange­bot durch eine inter­ak­tive Webi­nar-Reihe (Februar/März 2026) zu Kunst & Kultur, Bildung, Gesell­schaft & Sozia­les sowie Umwelt & Klima.

Kosten­lo­ses Webi­nar – Digi­ta­ler Wandel Kunst & Kultur
12. März 2026, 12.00 bis 13.00 Uhr
Jetzt anmel­den