Angesichts der Dominanz von Techkonzernen wie Microsoft und Alphabet stellt sich die Frage: Was bedeutet digitale Souveränität?
Min Li Marti: Interessant ist, dass alle unter Souveränität etwas anderes verstehen. Jeder und jede passt die Definition seinen Ansichten an. Für die einen braucht es besonders gute Standortbedingungen für Unternehmer:innen, für andere Open-Source-Programme oder eine Industriepolitik. Die Frage der Abhängigkeit beschäftigt uns in der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit schon länger. Die aktuelle geopolitische Lage hat diese Frage allerdings sehr viel aktueller werden lassen.
Franz Grüter: Eigentlich versteht man unter dem Begriff der Souveränität einen Idealzustand, dass wir völlig autark, völlig unabhängig wären.
Dass wir national alles unter Kontrolle haben. So könnte niemand Druck ausüben oder die digitalen Instrumente abstellen. Die Abhängigkeitsfrage geht jedoch über diese internationalen Grosskonzerne hinaus. Etwa bei der Chip-Technologie bestehen grosse Abhängigkeiten. Da ist zurzeit die ganze Welt von Taiwan abhängig, auch wenn nun Fabriken in Japan, in den USA und Europa gebaut werden. Diese werden die Abhängigkeit abbauen können. Es wird aber fünf bis acht Jahre dauern. Abhängigkeiten haben wir auch bei der Software, etwa bei Cloudlösungen. Und es gibt die physische Infrastruktur, die Rechenzentren. In diesem Bereich bin ich selber beruflich tätig. Hier nimmt die Schweiz eine sehr dominante Rolle ein.
Das heisst, hier ist die Schweiz unabhängig?
FG: Es gibt sehr viel Infrastruktur in der Schweiz. Aber bei der eingesetzten Hardware selbst sind wir komplett abhängig. Von den Komponenten, die wir benötigen, wird nichts in der Schweiz oder in Europa hergestellt. Kurz: Wir haben sehr weite Bereiche, in denen Souveränität wünschenswert ist. Es ist aber schlicht unrealistisch, diese in den nächsten Jahrenzehnten, oder gar Jahren, zu erreichen.
MLM: Ich sehe dies gleich. Wir können das bedauern. Fakt ist: Wir haben eine Art globalisierte Arbeitsteilung. Das betrifft ja nicht nur technologische Dinge. Es betrifft relativ viele Waren des täglichen Gebrauchs, bei denen wir überhaupt nicht autark sind – und zwar schon lange. Und vielleicht ist die komplette Autarkie ja gar nicht unbedingt wünschenswert. Sie war möglicherweise schon immer eine Illusion.
Und das ist gut?
MLM: Was wir uns überlegen müssen: Es gibt Dinge, für die wir aus Gründen der nationalen Sicherheit, oder weil sie besonders schützenswert sind, eine gewisse Unabhängigkeit haben sollten. Dazu gehört eine eigene Cloud-Infrastruktur, die nun mit der Swiss Government Cloud gebaut werden soll. Zum Teil reicht es auch schon, nicht nur von einem Anbieter abhängig zu sein. Dieses Problem betrifft nicht nur die Bundesverwaltung. Das trifft auch für einen grossen Teil der Wirtschaft zu. Die hohe Durchdringung von Microsoft-Lösungen ist ein Beispiel. Ich sehe das durchaus kritisch.
Ich frage mich, ob das gesund ist und Innovation fördert.
Ist eine totale Souveränität überhaupt erreichbar?
FG: Wenn wir das erreichen möchten, ginge es wahrscheinlich Jahrzehnte. Wenn wir unabhängiger und souveräner werden wollen, dann müsste es auch in Europa Techfirmen geben, die auf dem Level der USA und China konkurrenzfähig mithalten können und innovativ sind. Das sehe ich in absehbarer Zeit nicht. Deswegen müssen wir einen Mittelweg finden.
Wie sieht dieser aus?
FG: Der Bund hat entschieden, dass er seine gesamten Daten triagiert. Dabei bewertet er, was absolut sensitiv ist. Diese Daten verlagert er nicht in eine öffentliche Cloud. Stattdessen betreibt er ein eigenes Rechenzentrum und eigene physische Server. Natürlich sind diese im Ausland eingekauft. Dennoch ist dies eine Annäherung an eine gewisse Unabhängigkeit in der Infrastruktur. Das ist ein Kompromiss, den wir wahrscheinlich erreichen können.
Aber wäre die absolute Souveränität überhaupt wünschenswert?
FG: Nach einem weitreichenden Hackerangriff hat Estland ausserhalb des Landes eine zweite nationale digitale Infrastruktur redundant aufgebaut. Das macht sie etwas weniger angreifbar. Wahrscheinlich braucht es solche Redundanzen an verschiedenen Standorten und bei mehreren Lieferanten.
MLM: Eine komplette Souveränität ist weder irgendwie realistisch noch wünschenswert. Eine Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg ist in vielem angezeigt. Wahrscheinlich ist der Versuch, das Risiko zu verlagern sinnvoll. Wir sollten nicht nur auf einen Anbieter oder eine Strategie setzen. Insofern hat die aktuelle Situation durchaus Positives. Für Europa ist sie ein Weckruf, um jetzt tätig zu werden. Denn oft wird in all diesen Diskussionen unterschätzt, dass die Staaten meistens eine aktive Rolle in der Innovation der Technologie haben. Sowohl die USA als auch China betreiben eine sehr aktive Industriepolitik. Die technologische Dominanz dieser Länder hat mit einer politischen Weichenstellung zu tun und nicht mit einer reinen Deregulierung. Da wurde sehr viel Geld investiert. Europa hat das nicht getan. Wie die Schweiz macht auch Europa aus Prinzip keine Industriepolitik. Ich sage nicht, dass wir das machen müssen. Dennoch: Betrachten wir die Abhängigkeit der Raumfahrt von privaten Firmen, ist diese grundsätzlich problematisch. Es kann uns nicht egal sein, wenn Elon Musk Starlink abstellen oder verlagern will. Hier hat eine Einzelfirma eine wahnsinnige Machtfülle. Das hat man einfach zugelassen, weil man ein wenig Geld sparen wollte. Oder man fand es nicht prioritär. Und hier rächen sich teilweise politische Fehlentscheidungen, die man in Europa und in der Schweiz gemacht hat.
FG: Ein gutes Beispiel, wie man unabhängiger werden kann, ist Airbus. Europa wollte nicht von Boeing abhängig sein. Damals beschloss man in Europa: Wir bauen einen eigenen Flugzeughersteller. Heute ist Airbus international konkurrenzfähig. Natürlich wäre es auch in der Raumfahrt wünschenswert, es gäbe neben Starlink einen zweiten oder gar dritten Anbieter. Wieso gelingt Innovation in Europa nicht auf diesem Level und mit dieser Geschwindigkeit? Das Risikokapital fehlt. Das sind ja meistens Milliarden Investitionen, die notwendig sind. In den USA herrscht einfach ein anderes Klima.
Kurz: Wir haben sehr weite
Franz Grüter
Bereiche, in denen Souveränität wünschenswert ist.
MLM: Etwas aufbauen braucht viel Zeit und Geld. Dabei steht manchmal Komfort gegen Sicherheit und mehr Unabhängigkeit. Besteht die Wahl zwischen einer Open-Source-Lösung und Microsoft 365, fällt die Wahl schnell auf das Microsoft-Produkt, weil das alle kennen.
FG: Wenn ich heute in der Verwaltung oder bei IT-Verantwortlichen in grossen Unternehmen frage, dann sagen sie: Die Tech-Konzerne bieten ein Pro-duktportfolio mit einem hohen Innovationslevel und einer Cybersicherheit, in die sie Milliarden investieren. Da kann eine Open-Source-Lösung kaum auf Augenhöhe mithalten. Deshalb ist es für mich heute unrealistisch, dass eine Bundesverwaltung all diese Tech-Konzerne ausschliesst.
MLM: Aber hat man nicht den Zeitpunkt verpasst, um Open Source entsprechend weiterzuentwickeln? Nehmen wir das Beispiel von Airbus. Diese waren auch nicht von Anfang an auf Augenhöhe mit Boeing. Man hat erst viel investiert. Bei Open Source hat man diesen Schritt nie gemacht.
FG: In der Flugzeugindustrie geht es um eine Maschine, um physische Hardware. Es ist ein grosser Unterschied zum Softwarebereich. Das zeigt GAIA‑X, das europäisches Cloud-Projekt. Obwohl die Entwicklung schon Jahre dauert, ist es nicht ansatzweise auf einem Level, das mit amerikanischen Tech-Anbietern vergleichbar wäre. Der Staat ist nicht in der Lage, Unternehmer zu sein und selbst Innovationen hervorzubringen.
MLM: Die Geschichte der Technologie ist begleitet von gescheiterten Erfindungen. Selbst Facebook hat mit Metaverse einen totalen Flop produziert. Nur der Staat darf nicht so einfach scheitern. Man würde dem Staat das Scheitern nicht zugestehen und ihn nochmals probieren lassen. Das ist ein Teil des Problems.
FG: Das stimmt. Ich glaube, das hängt wahrscheinlich auch ein bisschen mit unserer Kultur zusammen. Ich bin seit 30 Jahren in der IT- Industrie. Ich habe viele Projekte erlebt, in denen Geld versenkt worden ist. Aber immer wieder gab es einzelne Erfolgsstorys. Ich würde nicht sagen, dass es bei uns unmöglich ist, wieder anzufangen. Aber du bist relativ schnell gebrandmarkt.
MLM: Auch die Grösse spielt eine Rolle. Ich war im Film tätig. Dort gibt es die Formel, dass in Hollywood von 100 Drehbüchern 99 unbrauchbar sind, aber eines wird vielleicht ein Hit. In der Schweiz hast du gar keine 100 Autoren und Autorinnen, die ein Drehbuch schreiben.
FG: Das ist ein guter Vergleich. In der IT-Industrie gibt es bei den Amerikanern die Regel: Ich investiere in zehn Projekte. Drei schreiben einen Totalverlust, vier sind «naja» und zwei oder drei explodieren. Mit diesen finanziert man den Verlust. Und unter dem Strich hat man Mehrwert geschaffen.
MLM: Das meine ich. Wir sind zu klein. Für die Autarkie ist das entscheidend. Allein wegen unserer Grösse haben wir gewisse Abhängigkeiten.
Aber wären Stiftungen prädestiniert, um mit mehr Risiko zumindest kleinere Projekte zu ermöglichen?
MLM: Ich habe auch schon versucht, Stiftungsgelder für diverse Projekte zu bekommen. Viele Stiftungen haben einen sehr engen Zweck und dann fördern sie höchstens ein Projekt, das klar definiert ist. Theoretisch wäre diese Risikobereitschaft vielleicht da und sicher gibt es Beispiele. Aber eine grosse Risikobereitschaft bei Stiftungen, in Innovationen zu investieren, habe ich nicht wahrgenommen.
Hat die Schweiz auch schon etwas erreicht?
FG: Die Schweiz hat sich in den vergangenen zehn Jahren einen hervorragenden Status in der Beherbergung der Daten erarbeitet. 2010 hat diese Entwicklung angefangen. Mit den Enthüllungen von Edward Snowden in den USA 2013 hat das Thema nochmals einen riesigen Schub erhalten. Bei Unternehmen und Staaten ist das Bedürfnis gewachsen, die physische Beherbergung der Daten an einen sicheren und stabilen Ort zu verlagern. Heute ist die Schweiz einer der bedeutendsten Standorte innerhalb von Europa für die Datenspeicherung. Wir haben pro Kopf die grösste Rechenzenterdichte in Europa. Umso mehr schmerzt es mich, dass das Internationale Komitee des Roten Kreuzes IKRK die Schweiz IT-mässig verlassen hat. Das IKRK arbeitet mit hochsensitiven Daten, an welchen andere Staaten ein hohes Interesse haben. Das IKRK hat die Speicherung dieser Daten nach Luxemburg transferiert. Luxemburg hat mit der E‑Embassy einen Rechtsrahmen geschaffen, eine internationale Hoheitszone. Auf dort gelagerte Daten hat formell kein Staat Zugriff.
Lässt sich die Souveränität mit Regulierung stärken?
FG: Aus meiner Sicht hat die Schweiz bis jetzt einen recht pragmatischen Weg gewählt. Wir ermitteln ganz sensitive Daten. Diese speichern wir gezielt in Rechenzentren im nationalen Besitz. Was ich völlig ablehnen würde, sind irgendwelche Verbote von einzelnen Herstellern.
MLM: Ich denke, wir müssen offener sein zu Alternativen, als dies heute der Fall ist. Wir sollten versuchen, die Abhängigkeit von diesen grossen Tech-Konzernen zu reduzieren. Wir sollten sie nicht grundsätzlich verteufeln. Aber gewisse Anstrengungen wären sinnvoll. Hier haben wir vielleicht zu wenig gemacht. Auch Ausschreibungen sollten wir offener gestalten. Kategorisch zu sagen, wir brauchen nie mehr Microsoft-Produkte, ist wahrscheinlich nicht realistisch. Aber etwas mehr Offenheit gegenüber Alternativen finde ich sinnvoll. Zudem warten wir ja noch auf den Bericht des Bundesrates zum Postulat von Heidi Z’graggen zur digitalen Souveränität.
FG: Es braucht Regulation, aber insbesondere Innovation. Diese Problematik ist vergleichbar mit dem Thema Freiheit und Sicherheit. Gerade hier haben Demokratien grosse Herausforderungen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Digitalisierung – und da gehört auch die Souveränitätsfrage
dazu – die Freiheit der einzelnen Bürger nicht zunehmend einschränkt. Die Themen überschneiden sich bei der wichtigen Frage: Wer hat eigentlich Zugriff auf die Daten?
MLM: Die Frage der Privatsphäre ist tatsächlich wichtig. Wenn wir die sozialen Medien beispielsweise wegen des Jugendschutzes regulieren, kann dies die Meinungsfreiheit beschränken, aber die Einschränkung ist aus Gründen des Jugendschutzes vielleicht sinnvoll. Das heisst, man muss auch eine Güterabwägung vornehmen. Ich glaube aber nicht, dass eine Regulierung per se Innovation verunmöglicht. Gerade Standardisierungen können sogar hilfreich sein.
FG: Ich plädiere auch nicht für keine Regulierung. Aber die KI-Verordnung (Künstliche Intelligenz) der EU bspw. kann dazu führen, dass Anbieter von KI-Programmen nicht mehr nach Europa kommen, weil ihnen der Umgang mit der Regulierung zu aufwändig ist. Ich möchte verhindern, dass wir mit übertriebener Regulierung die Innovation abwürgen.
Die Verantwortung auf die
Min Li Marti
Zivilgesellschaft abzuschieben ist zu einfach.
Und welche Rolle soll die Zivilgesellschaft spielen?
MLM: Es ist eine Frage, was tatsächlich die Aufgabe der Politik und des Staates ist. Wie muss er für Rahmenbedingungen sorgen, die Alternativen ermöglichen. Die Verantwortung auf die Zivilgesellschaft abzuschieben ist zu einfach. Es sind Diskussionen, die erst in gewissen Kreisen sehr intensiv geführt werden. In der Bevölkerung gibt es aber dennoch sehr viel Unbehagen, etwa beim Schutz der Privatsphäre. Damit die Gesellschaft diese Diskussionen in der Breite führen kann, spielen zivilgesellschaftliche Gruppen eine wichtige Rolle. Viele Menschen haben das Gefühl, sie verstehen eigentlich zu wenig. Sie fühlen sich ein bisschen abgehängt. In dieser Übersetzungs- und Sensibilisierungsarbeit, aber vielleicht auch in der Lobbyarbeit bei uns Parlamentarier:innen, hat die Zivilgesellschaft eine sehr wichtige Rolle.


